Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

Svoboda Michal La BusquedaMichal Svoboda: La Búsqueda
Werke von Agustín Barrios und Miguel Llobet
Aufgenommen im Dezember 2016, erschienen ℗ 2017
Gitarre von Mario Rosazza-Ferraris, Rom 2004
ARCODIVA UP 0191-2 131, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel
… überzeugende Debüt-CD …

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Ein junger Gitarrist, der ein Programm aus- und aufführen möchte, das ausschließlich aus Stücken von Gitarristen/Komponisten besteht, von Musikern also, die selbst gut oder vielleicht sogar einzigartig Gitarre spielen oder gespielt haben, geht einem Risiko aus dem Weg … und stellt sich gleichzeitig einem anderen. Er kann sich – einerseits – darauf verlassen, dass die Stücke, die er da spielen will, in Kenntnis der idiomatischen und spieltechnischen Eigenarten der Gitarre geschrieben, also „spielbar“ sind, muss sich aber – andererseits – darauf gefasst machen, dass er es mit höchst anspruchsvollem Material zu tun haben wird, für das Referenzeinspielungen gleich mitgeliefert werden.

Michal Svoboda, mit dessen CD wir es hier zu tun haben, kommt aus Tschechien. In Znojmo wurde er 1985 geboren, bei Stanislav Juřica hat er studiert, danach in Wien bei Alexander Swete und bei Tomasz Zawierucha in Feldkirch. Für seine jetzt vorliegende Debüt-CD hat er Stücke ausgewählt, die unverkennbar von Gitarristen/Komponisten geschrieben sind. Sie haben dieses Flair von „passend“ oder „instrumentengerecht“ – außerdem sind sie uns, die wir rund hundert Jahre nach ihrem Entstehen debattieren, mehr als bekannt.

The Elfin 2The Elfin Knight: Ballads and Dances
Joel Frederiksen: Ensemble Phoenix Munich
Aufgenommen im November 2006, erschienen 2018
harmonia mundi gold HMB 501983, im Vertrieb von HELIKON
… Sensationell! …

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Sensationell! Joel Frederiksen spielt Laute und ist Leiter des begleitenden Ensembles (Ensemble Phoenix Munich). Und er singt! Er singt einen sensationellen, unvergleichbaren tiefen Bass. Sonor und doch mit einer Leichtigkeit, die man niemals erwartet. Nicht gehaucht und nicht gepresst, kein Belcanto, aber von großer unaufdringlicher Schönheit. „Für das CD-Programm bin ich davon ausgegangen, mit ganz einfachen Mitteln starke Affekte zu erzielen und damit jedem Stück auf seine Weise gerecht zu werden. Wir haben uns hierbei einige Freiheiten genommen. In der Kunst und in der Liebe rechtfertigt die Überzeugungskraft des Ergebnisses fast jedes Mittel. Aber dies sollen die Hörer selbst beurteilen.
Den Sänger – nein, die Sänger, denn der Countertenor Sven Schwannberger, der auch Flöte, Blockflöte, Theorbe und Laute spielt, ist mit von der Partie – begleitet ein Consort aus Renaissance-Zupfinstrumenten, Schlagwerk und Viola da Gamba. Gesungen und gespielt werden volkstümliche ‚Ballads and Dances‘ der Zeit von Königin Elizabeth I. Fast alle sind anonym überliefert, was Texte und Musik angeht … Liebeslieder, Tänze und Balladen, in denen über Land und Leute schwadroniert wird, über Krieg und Frieden, über Aktuelle und Verflossene. Und manchmal wird auch von Menschen berichtet, in denen man sich getäuscht hat, von Greensleeves zum Beispiel: „Das weltbekannte Greensleeves wird ja manchmal ganz süßlich-unschuldig gesungen. Die imaginäre Hauptperson ist jedoch – wenn man genau hinhört – eher eine Frau, die käuflich ist. Der Mann redet mit ihr und sagt: „Wieso liebst Du mich nicht? Ich habe Dir das und das gegeben und Du liebst mich immer noch nicht …“ Deshalb wollte ich das Stück nicht als sentimentales, langsames Liebeslied vortragen, sondern als etwas Rthythmisches mit viel sinnlicher Energie“ … schreibt Joel Frederiksen.

Bach Thomas DunfordBach – Thomas Dunford
BWV 1007, 995, 1004
Aufgenommen im Juli 2017, erschienen ℗ 2018
Laute: Archlute by Giuseppe Tumiati, Cremona 1993
ALPHA CLASSICS 361, im Vertrieb von Note-1
… Sehr schön, sehr vielversprechend! …

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Thomas Dunford wurde 1988 in Paris geboren, studiert hat er bei Charles-Edouard Fantin in Paris, danach bei Hopkinson Smith. Heute ist er auf den Bühnen der Welt zuhause – als Solist und in verschiedenen Ensembles. Was Thomas‘ Diskographie angeht, hat er sich bisher mit John Dowland befasst, mit Kapsberger und jetzt mit Johann Sebastian Bach.
Dunford spielt auf seiner neuen CD nicht das „übliche“ Bach-Lauten-Repertoire. Nicht „Präludium, Fuge und Allegro“, nicht die „Erste Lautensuite“ … statt derer zwei Cello-Suiten und die Chaconne … obwohl … bei genauerer Betrachtung wird es rasch für jedermann offenkundig, dass Bachs „Erste Lautensuite“ auf dessen fünfte Cellosuite zurückgeht. Die Cellosuite trägt im BWV die Nummer 1011, die Lautensuite die 995. Wer die Transkription Cello/Laute angefertigt hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Tilman Hoppstock schreibt in seinem Standardwerk über „Die Lautenwerke Bachs aus der Sicht des Gitarristen“ (Vol. 1, Darmstadt 2009, S. 43): „Die Transkriptionsfassung für Laute ist vermutlich einige Jahre später in Leipzig entstanden. Wahrscheinlich handelt es sich hier um eine Auftragsarbeit für einen Lautenisten namens Schouster, der in der Widmung des Werkes erwähnt wird. […] Denkbar wäre, dass Bach, um die Bitte für ein größeres Werk für Laute erfüllen zu können, aus Zeitnot auf das bereits vorhandene Stück für Cello solo zurückgriff.

Sanz Complete Music for Guitar CDSanz – Complete Music for Guitar
Alberto Mesirca, guitar
Aufgenommen von November bis Dezember 2017, erschienen ℗ 2018
Gitarre: fünfchörige Barockgitarre von Stephen Murphy
2 CD, BRILLIANT CLASSICS 95396
… Man kann Alberto nur danken für seine Sanz-Aufnahme!…

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Als Joaquín Rodrigo 1954 seine „Fantasía para un Gentilhombre“ schrieb, tat er das auf Bestellung. Andrés Segovia soll pikiert gewesen sein, dass nicht er, sondern Regino Sáinz-de la Maza den Sensationserfolg von Rodrigo, das „Concierto de Aranjuez“, am 9. November 1940 uraufführen durfte. Also bestellte er ein weiteres Konzert … und das präsentierte und widmete ihm der Komponist nach seiner Fertigstellung im Jahr 1954. Der Edelmann (gentilhombre), im Titel des Konzerts, für oder auf den das Stück geschrieben ist, soll dabei Segovia höchstselbst gewesen sein, der das Konzert am 5. März 1958 in San Francisco uraufgeführt haben. Das deutlich erfolgreichere „Concierto de Aranjuez“ hat Segovia niemals öffentlich gespielt!
Joaquín Rodrigo hat für seine Fantasia Themen des spanischen Gitarristen und Komponisten Gaspar Sanz (ca. 1640–1710) verwendet, die ausnahmslos in dessen „Instruccion de musica sobre la guitarra española“ vorkommen: Villano y ricercar; Españoleta y fanfarria de la caballería de Nápoles; Danza de las hachas; Canario.
Sanz‘ Lehrbuch war im 17. Jahrhundert höchst populär. In verschiedenen Auflagen ist es erschienen, sein Autor mehr als einmal in anderen Werken erwähnt und gepriesen.
Titelseite SANZDie Kompositionen in der „Instruccion“ wechseln zwischen solchen, die ganz in „punteado“ und anderen, die „rasgueado“ gespielt werden müssen und solchen, die eine Art Mischtechnik voraussetzen. Seltsamerweise sind es gerade die „rasgueado“-Stücke, die lange verhindert haben, dass Kompositionen von Gaspar Sanz sich im modernen Gitarrenrepertoire etablieren konnten. Erstens haben Gitarristen mit den Abecedario-Tabulaturen nichts anfangen können, zweitens waren moderne Gitarren ungeeignet weil zu laut und zu sperrig für diese Art von Musik und drittens: Man wird es kaum glauben, aber es gab keine geeigneten Ausgaben.

Dowland Songs for Soprano and Guitar TEXTDowland: Songs for Soprano and Guitar
Siphiwe McKenzie, soprano; Adriano Sebastiani und Riccardo Bini, guitars
Aufgenommen im Juli 2015, erschienen ℗ 2016
Gitarren: Luciano Maggi (2011) und Masaru Kohno (1986)
BRILLIANT CLASSICS 94480
… Diese CD mit Lautenliedern von Dowland goutiere ich nicht uneingeschränkt …

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Lautenlieder von John Dowland … begleitet auf der Gitarre? Diese „Ersatzbesetzung“ hört man selten, die ursprüngliche mit siebenchöriger Laute in „Renaissance-Stimmung“ hat sich durchgesetzt. Wobei … Lautenlieder von Dowland sind mit Gitarrenbegleitung eigentlich nie wirklich populär gewesen. Als man begann, sich für diese Musik zu interessieren, gab es auch schon die ersten Musiker, die Laute spielten. In England bemühte sich eine Gruppe Musikbegeisterter im Dunstkreis von Arnold Dolmetsch (1858–1940) um „Alte Musik“, gespielt auf alten Instrumenten bzw. auf Nachbauten alter Instrumente, die in der Werkstatt von Dolmetsch in Haslemere Surrey/England angefertigt wurden. Die Tradition des Gesangs mit Lautenbegleitung wurde in England von Alfred Deller (1912–1979) weitergeführt und schließlich von Peter Pears (1910–1986) und Julian Bream (*1933). Und Dowland-Lieder mit Begleitung einer Gitarre? Kamen kaum vor!

Le Rappel des Oiseaux CDLe Rappel des Oiseaux – Michel Grizard, guitare
Werke von Dowland, Sylvius Leopold Weiss, Bach, Rameau
Aufgenommen im Oktober 2016, erschienen ℗ 2017
Gitarre: Daniel Friederich 2007
SKARBO DSK 1171, im Vertrieb von NAXOS
… diese Sphäre von Eleganz, Großzügigkeit und Versailles …

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Michel Grizard ist hier irgendwie weitgehend unbekannt. Warum? Weder ist er ein Jungkünstler, der an seiner Karriere bastelt, noch einer, der es auf internationale Bühnen nicht geschafft hätte. Im Gegenteil!
Michel Grizard hat am Pariser Konservatorium bei Ramón Cueto und Alexandres Lagoya studiert und danach mehrere renommierte Wettbewerbe gewonnen. Das Repertoire der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert liegt ihm besonders am Herzen und das spielt er auf zeitgenössischen Instrumenten – daneben befasst er sich intensiv mit Neuer Musik. Hier, auf der CD aus dem letzten Jahr, spielt er Musik zwischen John Dowland (1563—1626) und Jean-Philipppe Rameau (1683—1764) … dazwischen Weiss und Bach.
Alles Transkriptionen … und das ist so etwas, wie der rote Faden, an dem das gespielte Repertoire aufgereiht ist: Transkriptionen von Werken der sehr späten Renaissance und sehr (spät-) barocker Kompositionen unterschiedlicher Provenienz und unterschiedlicher ursprünglicher Besetzung.

Giancarlo Dipierro La RoseLa Rose – 19th Century Guitar Music
Giancarlo Dipierro, Gitarre
Werke von Giuliani, Sor; Mertz, Coste, Regondi und Schubert
Aufgenommen März 2016 bis Februar 2017, erschienen ℗ 2017
Gitarre: Ian Tulažek, 2015 after Stauffer ca. 1800
Eigenproduktion, GTIN 191061562559
… ausgesprochen eloquent, flüssig und gesanglich …

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Giancarlo Dipierro spielt Gitarrenmusik des 19. Jahrhunderts – nicht nur italienische, sondern eine bunte Sammlung von Stücken verschiedener Provenienz von Komponisten wie Mertz, Regondi, Giuliani,Coste und schließlich Franz Schubert, mit dessen „Lob der Tränen“ in der bekannten Bearbeitung von Caspar Joseph (oder doch Johann Kaspar?) Mertz er sein Programm beschließt.

Das Schubert-Lied am Schluss ist – „natürlich“, möchte ich fast sagen – der musikalische Höhepunkt des Programms. Weil Schubert der bekannteste und, sagen wir, weitestgehend anerkannte Komponist des Programms war und ist? Oder weil er gar als der beste gilt? Und wer aus der großen Schar der Klassik-Hörer kennt schon Giuliani oder Sor?

Impressions of SpainImpressions of Spain
Hamish Strathdee; Gitarre
Werke von Rodrigo, Granados und José
Aufgenommen im März 2017, erschienen ℗ 2018
Gitarre: Greg Smallman & Sons
EAN-13: 0 706502 230319
… fern von wohlbekannten interpretatorischen Floskeln …

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Hamish Strathdee ist Australier. Studiert hat er weltweit bei verschiedenen Gitarristen, unter ihnen schließlich Tilman Hoppstock in Darmstadt. Nun liegt uns Hamish’s Debüt-C vor, auf der er folgendes Repertoire vorführt: „Junto de Generalife“ und „Tres Piezas Españolas“ von Rodrigo; die „Valses Poéticos“ von Granados und schließlich die Sonata von Antonio José, für die er eine neue praktische Ausgabe erarbeitet hat.
Antonio José wurde am 12. Dezember 1902 in Burgos geboren, gestorben ist er schon am 9. Oktober 1936 – gerade einmal 34 Jahre alt. Wie der Dichter Federico García Lorca wurde er – übrigens auch im Jahr 1936 – von Faschisten in Estépar in der Provinz Burgos erschossen.
Die Sonate von José hat zwar in den letzten Jahren etwas an Popularität eingebüßt, vor zehn/zwanzig Jahren gehörte sie aber zum Top-Repertoire, was Musik des 19. Jahrhunderts angeht. Sie wurde oft gespielt und ist auf vielen Schallplatten und CDs herausgekommen. Seit ein paar Jahren ist die Musik gemeinfrei und kann nun in neuen Ausgaben erscheinen. So wurde ermöglicht, dass Hamish Strathdee seine neue Ausgabe der Sonate als Bachelor-Arbeit seiner Universität vorlegen konnte: „His major academic research was concerned with creating a new performing edition of Antonio José’s Sonata para Guitarra using various manuscript sources and modern editions.“ Ob und wo die Ausgabe erscheinen wird, teilt Hamish bisher nicht mit, benutzt wird bis jetzt die Edition von Angelo Gilardino und Juan José Sáenz Gallego, erschienen 1990 bei Bèrben in Ancona.

Perpetual Night CDPerpetual Night: 17th Century Ayres and Songs
Lucille Richardot, Ensermble Correspondances, Sébastien Daucé
Werke von Johnson, Lawes, Coprario, Ramsey, Lanier, Banister u.a.
Aufgenommen im Juli 2017, erschienen ℗ 2018
Im  Vertrieb von Harmonia Mundi HMM 902269
… nimmt einen vom ersten Moment an für sich ein …

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Wunderbar, Lucile Richardot, Mezzosopran, nimmt einen vom ersten Moment an für sich ein und zwar ob ihrer ebenso kraftvollen, makellosen wie ausgewogenen Stimme und der Entschiedenheit, mit der sie die Ayres und Songs vorträgt, um die es heute geht. Diese sind nicht – auch, wenn man das leichthin vermuten mag – in direkter stilistischer Nachfolge der Elizabethanischen Lautenlieder von John Dowland oder Thomas Morley entstanden. Schließlich war „1610 […] a turning point for English music“, wie Peter Holman im Booklet der CD schreibt, oder:„1610 fut une année charnière pour la musique anglaise.“ „Charnière“ … das ist nicht nur ein Scharnier, es ist auch ein Wendepunkt, eine grundsätzliche Neuorientierung.
Die ersten Dezennien des neuen siebzehnten Jahrhunderts brachten allenthalben für die Entwicklung der Musik und des Komponierens tiefgreifende Veränderungen mit sich, die für die nächsten – sagen wir – hundertfünfzig Jahre bestimmend bleiben sollten. Von Italien ging die Mode aus, solistischem Gesang nur Basslinien beizugeben, mithilfe derer auf Theorbe oder anderen langhalsigen Lauteninstrumenten und in beinahe beliebigen anderen Besetzungen Begleitungen improvisiert wurden. Der Generalbass war „erfunden“, mit ihm beispielsweise die Monodie und schließlich die Oper.

Napoleon Coste CD APROFlávio Apro plays Napoleon Coste
Aufgenommen im Juni 2015, erschienen ℗ 2016
Gitarre: Sérgio Abreu
BRILLIANT CLASSICS 95255
… er glänzt auch durchaus musikalisch …

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Flávio Apro ist Brasilianer. Bekannt ist er, so heißt es jedenfalls im Booklet, als Gitarrist, Produzent, Forscher und Lehrer. Bei Brilliant Classics hat er jetzt seine zweite CD herausgebracht – eine Sammlung mit „Romantic Guitar Miniatures“ ist bereits 2014 im gleichen Label unter dem Titel „Nocturne“ erschienen.
Dieses Mal bekommen wir den Zyklus „Vingt cinq Études de Genre“ von Coste zu hören, dazu die „Grande Sérénade“ op. 30 – zwei Werke also, bestehend aus insgesamt dreiunddreißig Einzelsätzen. Was die Etüden angeht, gehören sie zum Standardspielmaterial – als Etüden allerdings und weniger als Vortragsstücke. In der undatierten Edition der Etüden im Münchener Verlag „Der Gitarrefreund“ heißt es: „Die Werke Coste’s sind im Handel vollständig vergriffen. Mit dem Neudruck des vorliegenden Werkes glauben wir den Gitarrespielern einen Dienst zu erweisen, da es für Studienzwecke unumgänglich notwendig ist und ein abgeschlossenes Studium ohne Kenntnis dieses Werkes undenkbar ist, andererseits aber enthält es auch Stücke von so hohem musikalischen Wert, und solcher Schönheit, daß es für jeden ernsten Gitarrespieler zu einer Quelle wertvoller Gitarremusik wird.“

Modrzejewski Fantasias CDRoch Modrzejewski: Fantasias on operas by …
Bellini, Rossini, Donizetti, Verdi in Bearbeitungen von Napoléon Coste, Luigi Legnani, Mauro Giuliani, Jan Nepomuk de Bobrowicz, Johann Kaspar Mertz und Giulio Regondi
Aufgenommen im August 2012, erschienen ℗ 2013
BRILLIANT CLASSICS 94446
… So kann man sich Salon-Atmosphäre vorstellen! …

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Zugegeben, ich habe mir viel Zeit gelassen, diese CD von Roch Modrzejewski hier zu würdigen. Dabei stimmt so gut wie alles: Das Programm besteht aus Fantasien über Themen aus romantischen Opern – dafür muss man sich keineswegs schämen und schon gar nicht, wenn man, wie Roch Modrzejewski, die Gassenhauer des Repertoires nicht aufgenommen hat; der Solist kommt sympathisch daher – wie übrigens auch seine CD und er stammt außerdem aus der wunderbaren Stadt Kraków, die man nicht nur bewundern, sondern einfach lieben muss. Alles gut!

Noch ein paar Worte mehr über Roch Modrzejewski: Er hat zunächst in seiner Heimatstadt Kraków studiert, danach in Basel und schließlich in Weimar – bei wem, da ist er diskret, aber man hat so seine Ahnung! Wettbewerbe hat er natürlich gewonnen … aber nicht die Riesendinger in fernen Ländern, sondern eher kleinere: Erwitte und Moncalieri—ich kannte nicht einmal die Orte. Aber ist vielleicht die Zeit der großen internationalen Wettbewerbe überhaupt vorbei?
Vor ein paar Monaten war ich beim ARD-Wettbewerb in München, der einmal der „schwierigste“ und renommierteste deutsche Wettbewerb seiner Art gewesen war. Die Gitarre ist allerdings in München immer schon eher stiefmütterlich behandelt worden – vor dem Wettbewerb 2017 hatte sie vierundzwanzig Jahre nicht auf dem Programm gestanden.

Reusner Erfreuliche Lautenlust William WatersReusner: Erfreuliche Lauten-Lust
William Waters, Laute
Aufgenommen im Oktober 2016, erschienen ℗ 2017
11-chörige Laute (2015) von César Árias nach Hans Frei
BRILLIANT CLASSICS (2 CDs) 9242

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Esaias Reusner (1636–1679) wurde in Löwenstein in Schlesien (heute Polen) geboren. Zu der Zeit herrschte seit achtzehn Jahren Krieg und der sollte noch zwölf Jahre weitergehen. Als Reusners Mutter 1643 starb, zog Esaias mit seinem Vater nach Wrocłav (Breslau), weil der sich dort sicherer wähnte – ob er damit die Situation richtig eingeschätzt hat, wissen wir nicht. In Wrocłav blieb er jedenfalls bis 1648, als in Münster und Osnabrück der „Westfälische Friede“ unterzeichnet und damit der „Dreißigjährige Krieg“ beendet wurde.
Seine musikalische Ausbildung erhielt Esaias von seinem Vater, der auch Esaias hieß und der als Lautenist bekannt war. 1665 wurde Esaias jr. Lautenist am Hof der Herzöge von Brzeg, Legnica und Wolów. Zwei Jahre später erschien sein erster Tabulaturband „Delitiae Testudinis“. 1672 ging Reusner jr. nach Leipzig; wo er als Lautenlehrer an der Universität angestellt wurde und als Continuo-Lautenist unter anderem an der Thomaskirche spielte. Die nächste Anstellung führte ihn als Kammermusiker an den Hof von Friedrich Wilhelm von Brandenburg nach Berlin. Dort erschien 1676 auch Reusners zweite Sammlung von Lautenstücken: „Neue Lauten-Früchte“. Der Titel vorliegender CD „Erfreuliche Lauten-Lust“ nimmt Bezug auf die zweite Auflage von Reusners erstem Lautenbuch: „Delitiae Testudinis Oder Erfreuliche Lauten-Lust“ von 1668.

Dowlands MidnightWhite Sparrow: Mr. Dowland’s Midnight
The Music and Melancholy of John Dowland and his Contemporaries
Debi Wong, Mezzosopran; Solmund Nystabakk, Lute
Werke von Robert Jones, John Dowland, Thomas Campion, John Danyel, Philip Rossetter, Francis Pilkington
Aufgenommen im Februar 2014; erschienen ℗ 2017
Laute: 10-course renaissance lute after Hans Frei by Bruce Brook, 1998
SIBA RECORDS SRCD 1021, im Vertrieb von NAXOS
… Die CD „Mr. Dowland’s Midnight“ ist etwas Besonderes, und zwar in fast jedweder Hinsicht …

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Englische Lautenlieder gehörten hier vor – sagen wir – vierzig fünfzig Jahren zu den Geheimtipps des Repertoires der „Alten Musik“ bzw. der „Early Music“. Dort, in England, hatte man sich lange vorher dieser Preziosen des englischen Musikschaffens erinnert und zwar auf mehrerlei Art … denn tatsächlich gibt (oder gab) es eine englische Musik, auch, wenn der deutsche Gesellschaftsschriftsteller Oscar A. H. Schmitz etwas ganz anderes behauptete. Der schrieb 1914 bedauernd, England sei „das Land ohne Musik“ (Buch: Das Land ohne Musik – Englische Gesellschaftsprobleme, München, 11914). Da wir nun wissen, dass es englische Musik gibt und zwar andere, als die von Händel (oder Handel), deren Komponist im „GROVE Dictionary of Music and Musicians“ immerhin als „English Composer of German Origin“ ausgewiesen ist, gehören die Lautenlieder des frühen 17. Jahrhunderts zweifellos zum Besten, was in dieser Kategorie im Angebot ist. Und sie sind in England auch tatsächlich in ihrer Originalbesetzung mit Laute gepflegt worden, als „in Europe“ niemand daran dachte, dieses antiquierte Instrument, das zudem auch noch auf eine höchst kryptische Art notiert war, zu spielen. Aber Arnold Dolmetsch (1858–1940) und später Alfred Deller (1912–1979) und besonders Peter Pears (1910–1986) führten die Tradition weiter … und sie ist bis heute sehr lebendig, wie Debi Wong und Solmund Nystabakk beweisen.

Mair Angela Sin palabras CDAngela Mair: Sin palabras
Werke von Giuliani, Pujol, Granados und Mertz
Aufgenommen 2016, erschienen ℗ 2017
Gitarre: Paco Santiago Marin
MA001 (mairecords)
… ungemein sympathisch! …

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Bravo, dies ist eine Debut-CD, in deren Covertext nicht vorgegeben wird, ihr Interpret/ihre Interpretin habe schon sämtliche Kontinente bespielt und ebendort auch schon die wichtigsten Wettbewerbe gewonnen. Angela Mair gibt auch nicht vor, sie habe bei allen Großmeistern der Branche studiert (gemeint sind dabei nämlich meistens nichts als Meisterkurse, bei denen die jeweiligen Debütanten die eine oder andere Unterrichtsstunde erhalten haben). Nein, Angela bringt ihre CD ohne Hochstapeln und ohne große Worte (sin palabras!) heraus … und nicht nur damit macht sie ihr Medien-Debüt so ungemein sympathisch!

ORPHEUS ANGLORUMORPHEUS ANGLORUM: Lute Music by John Johnson and Anthony Holborne
Yavor Genov, Lute
Aufgenommen im Mai 2017, erschienen, ℗ 2018
Laute: Ivo Magherini nach Georg Gerle, Innsbruck ca. 1550
BRILLIANT CLASSICS 95551
… sehr an Sensibilität im Umgang mit dieser Musik hinzugewonnen! …

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Den Lautenisten Yavor Genov kennen wir – hier ist bereits seine frühere CD besprochen worden, sie enthält Werke von Giovanni Girolamo Kapsberger. Eine weitere CD mit Kompositionen von Giovanni Zamboni ist hier bisher nicht gewürdigt worden.
Yavor Genovs Spiel hat mich damals – die Besprechung entstand im Jahr 2013 – nicht begeistert. „Sein Spiel ist“ – so schrieb ich damals – „klanglich fragil. […] Sieht man von technischen Unzulänglichkeiten ab, sind es vor allem Temposchwankungen, die mir an Yavors Spiel auffallen. Große Bögen, die Form und Gefüge abbildeten, kann ich mir nur selbst hinzudenken; Verfahren, die mit Akzentuierung und Phrasierung zusammenhängen, sind eher als kryptisch wahrzunehmen; ein leicht federndes, dynamische Spiel ersetzt er durch ein schwerfälliges, indifferentes … kurz: Ich bin nicht begeistert von Yavor Genovs Spiel. Seine Energie, sich mit dieser Musik und diesen Instrumenten zu befassen, ist allerdings zu unterstützen.“

Xianji Liu Guitar RecitalLaureate Series
Xianji Liu – First Prize 2016 Tárrega International Guitar Competition, Benicàssim
Werke von Scarlatti, Tárrega, Sor, Albéniz, Malats, Piazzolla, Coste, Berkeley
Aufgenommen im Januar und April 2017, erschienen ℗ 2017
Gitarre: Dominique Field
NAXOS 8.573813
… scheinbar locker und leicht …

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Dies ist Xianji Lius Debüt-CD mit dem „typischen Debüt-Repertoire“ zwischen Tárrega und Albéniz, Sor und Malats. Er spielt es nicht so, wie es Debütanten normalerweise spielen – nervös und unsicher, vorsichtig und Risiken vermeidend – nein, er spielt es so, als hätte er es schon zigmal auf den Bühnen der Welt vorgeführt. Routiniert manchmal, gelegentlich sogar gelangweilt … dabei ist er noch so jung! Aber Stücke wie „Sevilla“, die anderen Gitarristen den letzten Nerv rauben, schüttelt er aus dem Ärmel, auch zwei der fünf Stücke von Piazzolla („Romántico“ und „Compadre“).