Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

Periquil CDEl Periquín: Peter Kalb
Classical Impressions
Werke von Barrios, Tárrega, Bach, Rodrigo und vor allem „El Periquín“
Aufgenommen im Herbst 2015, erschienen 2016
8 71989 290424, Eigenvertrieb
… Gewonnen haben sie an Banalität …

Der Gitarrist Peter Kalb spielt unter seinem spanischen Pseudonym „El Periquín“ Flamenco. Alles gut … wären da nicht die freien Bearbeitungen von klassischen Stücken, die ausnahmslos von „El Periquín“ stammen und die er auch auf der aktuellen CD spielt. Wenn er dort „Recuerdos de la Alhambra“ vorträgt, ist das keineswegs das Stück von Francisco Tárrega, das wir alle kennen, auch die „Violin Sonata in E minor BWV 1023“ hat nur wenig mit dem Stück zu tun, das wir von Gitarristen und natürlich von Geigern oft gehört haben. Wieso? Natürlich hat „Periquíns“ Stück „Concierto de Aranjuez“, um ein weiteres Beispiel zu nennen, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem „Concierto de Aranjuez“ von Joaquín Rodrigo und durchaus finden wir auch die anderen Stücke, die mit bekannten Namen in der tracklist stehen, in den Kompositionen auf der CD wieder. Bei „El Periquín“ sind sie allerdings neu arrangiert und gemischt, kontrapunktisch ergänzt … reicher, bunter oder interessanter sind sie dabei allerdings nicht geworden. Aber sie haben gewonnen: an Banalität und künstlerischer Vorhersehbarkeit nämlich.

Etwas über „El Periquíns“ Vita in Erfahrung zu bringen, ist schwierig. In einer kurzen Biographie berichtet die Foundation Paul van Kemenade, er habe seit seinem zwölften Lebensjahr Flamenco gespielt. In den achtziger Jahren ist er dann nach Spanien umgezogen, wo er mit den Flamenco-Gitarristen Manolo Sanlúcar und Rafael Cañizares weitergearbeitet hat.

Smits Raphaella Guitar Recital DCDRaphaella Smits: Guitar Recital
Werke von Ponce, Barrios, Mompou
Aufgenommen im Dezember 2016
Gitarre: John Gilbert 1980
ACCENT SR 1084, im Vertrieb von Note-1
… außerordentlich klangsensible Musikerin …

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Das Programm dieser CD beginnt mit einem Kuriosum des 20. Jahrhundert, der Weiss-Suite, die Manuel Maria Ponce (1882–1948) komponiert hat. Kurios ist an diesem Stück erstens, dass ein Komponist und einer der von ihm favorisierten Interpreten, Andrés Segovia nämlich, eine umfangreiche Komposition als von einem anderen Komponisten stammend ausgegeben haben. Der angebliche Schöpfer des Werkes, so ist kolportiert worden, sei Silvius Leopold Weiss (1687–1750) gewesen, ein Tonschöpfer, der rund zweihundert Jahre vor Ponce gelebt hat. Segovia hat diese Suite von Weiss in Konzerten gespielt und er hat auch eine Plattenaufnahme des Stücks bei der Deutschen Grammophon veröffentlicht. Die erste gedruckte Ausgabe des Werks ist schließlich – herausgegeben von José de Azpiazu – 1954 erschienen und zwar mit diesem Vorwort:

J’ai écrit le manuscrit de la présente édition de la merveilleuse SUITE EN LA MINEUR (pas en la majeur) de S. L. Weiss en 1940 après làvoir écoutée plusieurs fois sur disque His Master’s Voice interprétée par Maestro Andres Segovia. Je me suis servi de ce disque parce qu’il m’était impossible de trouver une ancienne édition de cette oeuvre. Je sais que d’autres guitaristes comme Sainz de la Maza, Alfonso, Garcia de la Mata, Abloniz etc. ont agi de la mème façon; nous tous avons eu le désir de donner au public le possibilité de jouer cette oeuvre géniale de S. L. Weiss.“ [Genève, le 18. Janvier 1958. José de Azpiazu]

Jorge Morel CD NAXOSJorge Morel: Guitar Music
Celil Refik Kaya
Aufgenommen im September 2015, erschienen 2016
Gitarre: Garrett Lee, New Jersey, USA
NAXOS 8.573514
… Sein souveräner Umgang mit seinem Instrument, der Gitarre, hat ihm das ermöglicht. …

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Jorge Morel ist einer der Gitarristen, die immer schon irgendwo zwischen Klassik, Folklore und Barmusik angesiedelt waren … und das – bitteschön! – ist nie und nimmer negativ oder irgendwie abfällig gemeint, keineswegs! Ich habe Jorge vor vielen Jahren in New York kennengelernt und er war mir ein ebenso exzellenter Berater, wie er ein wunderbarer, amüsanter und inspirierender Gesprächspartner.

Jorge Morel wurde am 9. Mai 1931 in Buenos Aires geboren – vor fast 86 Jahren – und damit ist er ein Zeitgenosse und natürlich Landsmann von Eduardo Falú (1923–2013), den ich das Glück hatte, recht gut zu kennen. Falú hat gesungen und konnte damit politisch deutlich aktiver agieren, als sein Zeitgenosse – Jorge Morel hat Argentinien früh verlassen und sich in New York niedergelassen, wo er im Jazz eine neue musikalische Heimat fand. Musiker wie Erroll Garner, Stan Kenton und besonders Chet Atkins waren dort seine Mentoren und musikalischen Partner. Jorge Morel machte eine internationale Karriere im Jazz und auch als klassischer Gitarrist und Komponist … oder sagen wir besser „als klassisch/populärer“ Gitarrist und Komponist? Seine Musik hatte immer eine leichte oder manchmal auch stärkere Neigung in Richtung Jazz oder Argentinischer Folklore und genau das haben Interpreten und Zuhörer sehr an ihr geschätzt. Kompositionen von Jorge Morel sind von vielen Interpreten gespielt und aufgenommen worden, unter ihnen ausgewiesene „Klassiker“ wie Eliot Fisk, David Russell Raphaella Smits oder jetzt Celil Refik Kaya.

Nicola Montella Sonata CDNicola Montella: Sonata
Werke von Paganini, Llobet, Coste, Ginastera, Scarlatti
Aufgenommen im Juni 2015 und Juni 2016
Gitarren: Alessandro Marseglia (2013) und Paco Santiago Marín (2016)
dot.Guitar G 1503
… Und doch gilt dieser Debüt-CD unsere Gratulation! …

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Sonaten werden gespielt – Kantaten werden gesungen! Nach dieser schlichten Formel (abgeleitet von lat. „sonare“ und „cantare“) unterschieden sich die beiden musikalischen Genres – aber so einfach sollte es nicht bleiben. Als sich nämlich das Generalbasszeitalter seinem Ende zuneigte und die Musiker auf das hinarbeiteten, was wir heute mit „Klassik“ bezeichnen, kristallisierte sich eine musikalische Form heraus, die ziemlich lange in der Instrumentalmusik beherrschend bleiben sollte und auch sie wurde „Sonate“ genannt. Die zyklische klassische Sonatenform ist gemeint, die sich in veränderter Form in der Sinfonie wiederfindet und schließlich auch im klassischen Solokonzert.

Nicola Montella hat Sonaten unterschiedlichster Prägung für seine Debüt-CD zusammengestellt und beginnt mit einer von Niccolò Paganini, die Manuel Barrueco 1980, zu einer Zeit also, als es noch keine CDs gab, aufgenommen hat. Sie ist (nicht zeitlich, aber formal) noch weit entfernt von der klassischen Sonate aber Maestro Paganini, der Jahrhundertgeiger, hat es auch hier verstanden, Violine und Gitarre (für diese beiden Instrumente ist die Sonate ursprünglich geschrieben) auf blendende Art in Szene zu setzen. Nicola Montella spielt Barruecos Transkription des Stücks für Gitarre solo.

Carnival CD Rezension BILDCarnival
Nazrin Rashidova, Violine; Stanislav Hvartchilkov, Gitarre
Werke von Johan Halvorsen (1864–1935), Mozart, Bizet, Johann Sebastian Bach, Elgar
Aufgenommen im Juli 2015, erschienen 2016
Gitarre: Kevin Aram
Firsthandrecords FHR 48, im Vertrieb von Challenge Records
… einerseits höchst diszipliniert, andererseits geniale Improvisatoren …

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Ein Vergnügen! Die Geigerin Nazrin Rashidova und der Gitarrist Stanislav Hvartchilkov spielen ein Programm mit dem Titel „Carnival“. Und was wird geboten? Natürlich keine Schlager zwischen Willi Ostermann und Brings, sondern klassische Kompositionen, die eine irgendwie geartete Beziehung zum Karneval haben. In Köln wird in solchen Konzerten, die dann Überschriften wie „Klassik jeck“ tragen, gerne etwas von Jacques Offenbach gespielt, der bekanntlich 1819 hier geboren wurde, oder die Ouvertüre zu Verdis Oper „Maskenball“. Aber das sind nur Beispiele, das verfügbare Repertoire ist groß.

Nicht so für die Besetzung Violine und Gitarre! Das CD-Programm enthält: eine Passacaglia (in g) von Johann Halvorsen (1864–1935), ein Adagio (in E) von Wolfgang Amadeus Mozart, zwei Carmen-Suiten von Bizet, den Choralsatz „Ich ruf zu dir Herr Jesu Christ“ von Johann Sebastian Bach, Variationen über „Carnival de Venice“ und „Salut d’amour“ von Edward Elgar. Zugegeben, das einzige Stück mit einer echten Beziehung zum Karneval sind die Variationen über „Carnival de Venice“, die sich auf die Neapolitanische Canzonetta „O cara Mamma mia“ beziehen, die schon Reinhard Keiser (1674–1739) in seinem Singspiel „Der angenehme Betrug oder der Carneval von Venedig“ verwendet hat – hier bekannter unter dem verballhornten Titel „Mein Hut, der hat drei Ecken“. Zahlreiche Variationssätze für alle möglichen Instrumente sind über dieses Liedchen geschrieben worden, einer darunter von Francsico Tárrega mit dem Titel „Carnaval de Venecia – Introducción y Variaciones sobre un tema de Paganini“.

Kaiser Schmidt Guitar Duo CDKaiser Schmidt Guitar Duo
Jessica Kaiser, Jakob Schmidt, Gitarren
Werke von Granados, Piazzolla, Fauré und Bogdanović
AureaVox 2017–1
… Jessica und Jakob haben jedenfalls eine wunderbare Debüt-CD vorgelegt. Chapeau! …

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Wieder einmal eine Debüt-CD, die mit tonnenschwerem Repertoire aufwartet – ein Widerspruch … aber doch nur scheinbar!
Gut erinnere ich mich an die Zeit, als Piazzolla die „Tango Suite“ für Sergio und Odair Assad schrieb und das Stück anfänglich als kaum zu bewältigen galt. Das war Mitte der achtziger Jahre – 1984/1985, um genau zu sein. Sergio erzählte mir schon 1988 in einem Interview (Gitarre & Laute X/1988, H. 6, S. 12): „Nimm zum Beispiel den Wettbewerb für zwei Gitarren in Montelimar. In diesem Jahr war schon die Tango-Suite von Piazzolla Pflichtstück – im nächsten Jahr ein Stück von Gnattali.“ Das heißt nicht nur, dass Gitarrenduos gierig neues Repertoire aufnahmen, sondern auch, dass sie immer weitergehend in der Lage waren, es zu spielen … und damit meine ich nicht nur das spieltechnische Beherrschen, sondern auch den angemessenen musikalischen Umgang mit der „neuen“ Musik. 1971 und 1974 waren Julian Bream und John Williams als Duo mit zwei Platten namens „Together“ und „Together again“ herausgekommen und hatten mit Repertoire-Standards zwischen Carulli und Granados noch brilliert. Irgendwie signalisierte die „Tango Suite“ mehr als zehn Jahre später aber einen Repertoirewandel … und der hat sich fortgesetzt. Nicht, dass Carulli und Granados nicht mehr gespielt würden, nein, aber andersdimensionierte Werke stehen heute im Mittelpunkt der Arbeit von Gitarrenduos.

Hoeh Volker Das Jahr ist ein GedichtMartin Seidler & Volker Höh
Das Jahr ist ein Gedicht
Eine musikalische Lesung in vier Jahreszeiten
Erschienen 2016
MONS Records MR874596
… Höh trifft immer den richtigen Ton …

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Volker Höh hat diese kurzweilige, amüsante Zusammenstellung von deutscher Lyrik und (meist) klassischen Gitarrenstücken erdacht und musikalisch umgesetzt. Martin Seidler kennt man als Moderator bei der ARD oder, genauer gesagt, beim Südwestrundfunk SWR. Hier in Köln hat er an der Sporthochschule studiert und hier hat er auch beim WDR volontiert. Seit 1991 arbeitet er für den SWR – viele von Ihnen (vor allem die Älteren unter Ihnen) werden ihn als Moderator der täglichen Sendungen „Kaffee oder Tee“ oder der „Landesschau Rheinland-Pfalz“ kennen.

Und verschiedentlich hat Martin Seidler seiner Leidenschaft, der deutschen Lyrik, Platz in seiner Arbeit eingeräumt. Heute führen uns vierundzwanzig Gedichte durch das Jahr, jedes einzelne begleitet von einem Gitarrenstück … und Martin Seidler schätzt es sehr, mit Volker Höh einen sensiblen Begleiter an seiner Seite zu haben: „Ob ein Tango für Ringelnatz oder ein Präludium von Bach für Hermann Hesse. Höh trifft immer den richtigen Ton und ich freue mich, diesen großartigen Dichtern meine Stimme leihen zu dürfen!“
Wobei … ein Begleiter ist Volker Höh eigentlich nicht! Musik und Lyrik sind zwar fein aufeinander abgestimmt, sie wirken aber selbständig nebeneinander und ergänzen sich gleichzeitig fast symbiotisch. Möricke, Rilke, Mascha Kaléko, Hesse und Goethe hie … Sor, Paganini, Scarlatti und Johann Sebastian Bach dort. Lediglich Mascha Kaléko (1907–1975) wird vielleicht den einen oder anderen Zuhörer zu Wikipedia treiben, oder vielleicht auch zum „Großen Conrady“, dem Standardwerk meines akademischen Lehrers Karl Otto Conrady. Dort nämlich finden sich Gedichte der galizischen Poetin, eines darunter, „Emigranten-Monolog“, das ungeahnt aktuell ist:

Ausgabe Hoyer Schott 100EDITION: Antoine de L’Hoyer: Second Trio für 3 Gitarren, Opus 42
Partitur und Stimmen
Herausgegeben von Jens Franke und Marta González Bordonaba
Fingersatz von J
ørgen Skogmo und Oskar Werninge
Mainz u.a., Schott, 2015
GA 802, ISMN 979-0-2201-3623-8, € 25,99

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EDITION: Trio Concertant op. 29, bearbeitet von Baldo Calamusa, Mainz u.a., Schott, 1989, GA 507, ISMN 979-0-001-09757-4, Partitur und Stimmen, € 26,50

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Hoyer Complete Works for Guitar Trio and Quartet CDEDITION: Air varié et dialogue, herausgegeben von Matanya Ophee, Columbus/OHIO, Partitur und Stimmen, Editions Orphee, EICM-40, $ 24,95

CD: Antoine de L’Hoyer: Complete Works for Guitar Trio and Quartet
Trio concertant – Trio Nº 2 –Air varié et dialogue
J
ørgen Skogmo, Jens Franke, Oskar Werninge, Tim Pells, Guitars
Aufgenommen im Juli 2014
Gitarren: Michael Gee
NAXOS 8.573575
… besetzt mit Meistern seines Fachs …

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Als Antoine de L’Hoyer (1768–1851) 1812 nach Paris zurückkam, lagen bewegte Jahre hinter ihm. Als junger Mann hatte er sich entscheiden müssen, welcher Seite der französischen Gesellschaft er seine Gunst und Solidarität schenken wollte, den Umstürzlern oder den Königstreuen. Als Kind aus einer wohlhabenden großbürgerlichen Familie hatte de l’Hoyer aber eine Erziehung genossen, die ihm kaum eine Wahl ließ – er war zum Royalisten geboren oder erzogen worden.

LHoyer Air Varie et dialogueVon Clermont-Ferrand aus, wo er zur Welt gekommen war, ist Antoine als junger Mann nach Paris gegangen, um Musik zu studieren. Mit gerade einmal zwanzig Jahren hat er sich dann aber zu seiner Königstreue bekannt und ist in Versailles den Gardes du Corps du Roi beigetreten.

Nun liegt es allerdings im Wesen einer Revolution, dass vieles spontan und nichts wirklich vorhersehbar ist … und so verließ de L’Hoyer Paris schon bald wieder und ging ins Ausland. Dort schloss er sich unterschiedlichen militärischen Einheiten an, die – von außen sozusagen – Einfluss auf die Geschehnisse in Frankreich nehmen wollten. Von 1800 bis 1802 lebte er dann in Hamburg, wo dem Vernehmen nach viele französische Emigranten untergeschlüpft waren. Antoine de L’Hoyer gab Musikunterricht und komponierte, von den damit erzielten Einkünften bestritt er seinen Lebensunterhalt.

Früh im Jahr 1803 lebte er in St. Petersburg und erteilte erfolgreich Musikunterricht … bis er im September 1812 wieder in Paris gefunden wird. Hier entstehen schließlich die Trios, die auf der CD zu hören sind: Trio concertant op. 29, Trio Nº 2 op. 42 und auch das Quartett „Air varié et dialogue“ von 1813 oder 1815 (WoO). Letzteres ist das erste Quartett für vier Gitarren, das jemals aufgeschrieben wurde und von dem wir wissen.

Giglio Fiorentino CDGiglio Fiorentino
Musiche per orchestra a plettro nella Firenze di fine 800
Ensemble da Camera Gino Neri, Giorgio Fabbri
Werke von Carlo Munier, Luigi Bianchi, Enrico Marucelli, Giuseppe Bellenghi und Carlo Graziani-Walter
Erschienen 2015
TACTUS TC 840001, im Vertrieb von NAXOS

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Das „Gino Neri Zupforchester“ in Ferrara ist 1898 gegründet worden, als Ensembles dieser Art in Italien wieder an Beliebtheit gewannen. Vorher, die Rede ist vom 18. Jahrhundert, war die Mandoline einer der kulturellen Exportschlager Italiens. Luca Marco Nistri, Autor der sleeve notes zu vorliegender CD, meint ebendort sogar vollmundig, große Komponisten wie Vivaldi, Mozart und Beethoven hätten einzigartige, faszinierende Werke für das Instrument hinterlassen … suggerierend, sie, die Mandoline, hätte im Œuvre dieser Musiker eine herausragende Rolle gespielt. Dem war natürlich nicht so – höchstens Vivaldi hat ein paar Werke hinterlassen, die für ihre Mandolinen-Parts in Erinnerung sind.

Aber immerhin: Nicht vergessen dürfen wir, dass die Klangfarbe der Mandoline direkt und unverwechselbar mit Italien in Verbindung gebracht wird. Man denke in diesem Zusammenhang an den Soundtrack zum Film „Der Pate“, für den Nino Rota 1973 für einen Oscar nominiert war.

IMG 2082 KleinAnthology of Classical Guitar Music
Krishnasol Jiménez; Luigi Attademo; Claudio Giuliani; Arius Duo (Sara Ligas & Omar Fassa); Cristiano Porqueddu; Graziano Salvoni; Alon Sariel (Mandoline), Izhar Elias (Gitarre) und Michael Tsalka (Fortepiano); Alberto Mesirca und andere
40 CDs mit Gitarrenmusik verschiedener Komponisten
Aufgenommen zwischen 1998 und 2016, erschienen 2017
Gespielt auf Gitarren unterschiedlicher Bauweisen von Antonio Stradivari (1679), Bernhard Kresse (2001), José L. Romanillos oder Johann Anton Stauffer (1827)
Brilliant Classics, 40CDs, 5 028421 954806
… Denn es ist die durchgehende musikalische wie aufnahmetechnische Qualität, die immer wieder aufs Neue begeistert. …

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Die Vermutung liegt nah‘ dass ein großes Plattenlabel wie Brilliant Classics Anthologien und Sondereditionen mit zahlreichen (im heutigen Fall sind es vierzig) CDs aus eigenen (oder auch fremden, zugekauften) Aufnahmen zusammensetzt, die schon einmal erschienen sind. Was das heutige üppige Konvolut angeht, enthält es Aufnahmen aus Produktionen, die Ihnen bekannt vorkommen werden – allerdings oft in anderen Werkzusammenstellungen.

Zum Beispiel Tárrega von Giulio Tampalini: Als Edition mit vier CDs (5028421943367) sind 2015 alle bekannten Originalkomposition von Tárrega und seine Transkriptionen erschienen. In der neuen 40er Box findet man nur seine eigenen Stücke: Eine Stunde Tárrega von „Capricho arabe“ bis „Variaciones sobre El Carnaval de Venecia de Paganini“. Dass nicht immer Tárrega drin ist, wo Tárrega draufsteht, wissen wir, aber das muss hier nicht erneut diskutiert werden.

Hoyer Antoine de ZauberflöteEDITION: Antoine de L’Hoyer: Die Zauberflöte von W. A. Mozart
Bearbeitet für Violine (Flöte), Viola und Gitarre
Herausgegeben von Andrea Förderreuther
Wien u.a., 2016, DOBLINGER, Partitur, € 28,95; Stimmen € 45,–
Reihe: Diletto Musicale, Doblingers Reihe Alter Musik, DM 1463

CD: Trio Con Brio: Die Zauberflöte
Andrea Förderreuther, Gitarre; Johannes Hustedt, Flöte; Carolin Kriegbaum, Viola
Digitalaufnahme und Mastering bei Bauer in Ludwigsburg, März/April 2006
ACD6095
… mit großer Sorgfalt und ebensolcher Sachkenntnis …


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Hoyer Antoine de Zauberflöte CDAntoine de L’Hoyer (1768–1851) hat seine Bearbeitung der „Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart gegen 1824 angefertigt … das jedenfalls nimmt die Herausgeberin der modernen Ausgabe dieses Stücks Kammermusik an. Und ihre Vermutung liegt nahe: De L’Hoyers Werke ab Opus 28 sind in Paris entstanden und dort auch gedruckt erschienen. Der Komponist ist 1812 wieder nach Paris gezogen, wo er nach 1774 schon einmal gelebt hatte. Danach (1789) wurde De L’Hoyer Soldat in den Gardes Du Corps du Roi, er floh aber bald vor den Wirren der Revolution, war 1792 in Koblenz bei den armées des Princes eingeschrieben, nahm an verschiedenen Auseinandersetzungen teil, wurde auch verwundet … um von 1800 bis 1802 im Hamburg zu leben, wo erste Kompositionen entstanden und herauskamen (Opera 12–18).
1803 reiste De L’Hoyer nach St- Petersburg und blieb dort und in anderen russischen Städten rund zehn Jahre. Es entstanden Werke Nº 19–27. 1812 finden wir den Komponisten in Paris wieder, und zwar als Mitglied der Garde de la Manche du Roi einerseits und als Komponisten andererseits. Inzwischen hat er sich von der fünfsaitigen Gitarre abgewandt, die sein „Stamminstrument“ gewesen war, und nur noch für das neue sechssaitige Instrument geschrieben, gleichzeitig ist Kammermusik immer wichtiger für ihn geworden: Kammermusik mit Gitarre oder für mehrere Gitarren.

Pgden Craig Loves Philosophy CDCraig Ogden: Love’s Philosophy
Music by Brian Knowles
Craig Ogden, Gitarre; Orchestra of Opera North, David Angus; James Gilchrist, Tenor
Aufgenommen im Juli 2015 und November 2016, erschienen 2017
RUBICON Records RCD 1002, im Vertrieb von Helikon Harmonia Mundi

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Brian Knowles (Jg. 1946) ist hier – in der Szene für „klassische Gitarrenmusik“ – keine „bekannte Größe“ … auch nicht sein Sohn Stephen, über den sein Vater in den sleeve-notes zur neuen CD schreibt, er sei „a skilful exponent and teacher of that instrument“ (nämlich der Gitarre). Ihm, Stephen, hat Brian Knowles sein Guitar Concerto auch gewidmet – die Uraufführung hat er ihm offenbar nicht überlassen. Die vorliegende Aufnahme mit Craig Ogden ist im Moment die einzige auf dem Markt, ob es aber die Ersteinspielung ist, wird nicht angegeben.

Das Gitarrenkonzert: Im Klappentext heißt es, es müsse jedem, „wo is a fan of the famous concerto by Rodrigo“ gefallen. Und tatsächlich hat das Konzert „Visiones de Andalucia“, so ist es benannt, viel vom „Concierto de Aranjuez“. Zu viel, um ehrlich zu sein! Schon die Satzfolge mit den Überschriften „Allegro con brio“, „Larghetto“ und „Allegro gentile“ lässt ahnen, dass sich Brian Knowles vertrauensvoll an den Welterfolg von Joaquín Rodrigos Konzert angelehnt hat. Das Kopfthema in Knowles’ erstem Satzes erinnert dann auch frappant an das Wechseltonmotiv bei Rodrigo, der abschließende dritte Satz ist, was Duktus und musikalische Diktion angeht, sehr an seinem Vorbild orientiert … und doch: Es ist Brian Knowles nicht gelungen, mit seinen „Visiones de Andalucia“ ein ähnlich stimmiges Spanienbild aufzuzeichnen wie Rodrigo.

2017 03 30 Marcin Dylla FOTO by Dario Griffin klein„Among the most gifted guitarists on the planet“ – die Washington Post fällt ein klares Urteil über Marcin Dylla. Der 41-jährige Pole kann auf eine außergewöhnliche Karriere zurückblicken. Zum Sommersemester 2017 wird Marcin Dylla eine Professur an der Musikhochschule Münster beginnen.
Neben dem Studium in Katowice, Basel (bei Oscar Ghiglia), Freiburg und Maastricht gewann Dylla schon früh eine ganze Reihe von Gitarrenwettbewerben. Insgesamt neunzehnmal wurde er in den Jahren von 1996 bis 2007 in diversen Wettbewerben mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Eine besondere Auszeichnung war der Kritikerpreis der „goldenen Gitarre“ als meistversprechender Nachwuchsgitarrist, den Marcin Dylla auf dem 7. internationalen Gitarrenkonvent in Alessandria erhielt. Fünf Jahre später gewann er den weltweit vielleicht renommiertesten Gitarrenwettbewerb, die „2007 Guitar Foundation of America international Competition“.
Konzerttourneen führten Dylla auf die Bühnen der bedeutendsten Konzerthäuser in der ganzen Welt. Einige Höhepunkte seiner Konzerttätigkeit waren Auftritte im Concertgebouw in Amsterdam, dem Wiener Musikverein, der Philharmonie in St. Petersburg und der Villa Hügel in Essen. Immer wieder arbeitete er auch mit bedeutenden Orchestern zusammen, etwa mit dem Taipei Symphony Orchestra in Taiwan, den Warschauer Philharmonikern, dem Buffalo Philharmonic Orchestra oder dem Orchestra Filarmonica di Torino.

Julian Bream Concertos for LuteJulian Bream: Concertos for Lute and Orchestra
Werke von Vivaldi, Händel, Kohaut und Rodrigo
Juian Bream, The Monteverdi Orchestra, John Elliot Gardiner
Aufgenommen 1975, digitalisiert und neu herausgegeben 2017
DUTTON EPOCH HISTORIC CDLX 7333, im Vertrieb von Challenge Records
… Fürwahr ein Vergnügen! …


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Ja, damals hat man ganz anders gespielt! Julian Bream hat zwar eine „historische Laute“ benutzt, aber die war, was ihre Besaitung anging, seinem Geschmack und seinen spielerischen Gewohnheiten angepasst. Historische Aufführungspraxis nannte man das Geschehen noch nicht, auch nicht „authentisch“ und ein Label mit der Aufschrift „AUF ORIGINALINSTRUMENTEN“ klebte auch nicht auf dem Cover. Bream spielte so Laute, wie er Gitarre gespielt hat – mit Fingernägeln, Apoyando und der Spieltechnik, die er kannte und beherrschte … und die Aufführungshistoriker haben sich nicht aufgeregt, und sie tun es heute noch nicht. Warum? Weil Julian Bream ein derartig großer Musiker ist, dass man ihm auch das „moderne“ Spiel auf einem „historischen“ Instrument glaubte und abkaufte. Julian Bream, und das habe ich häufig live verfolgen können, spielte eine Konzerthälfte auf der Laute – meistens war das Musik zwischen John Dowland und, sagen wir, Simone Molinaro; die zweite Hälfte spielte er auf der Gitarre und zwar Giuliani bis Henze oder Benjamin Britten. Das war alles hervorragend und unverkennbar Julian Bream! Als er nach 1964 (Uraufführung war am 12. Juni 1964) das Nocturnal spielte, wollte buchstäblich jeder Gitarrist, der über eine entsprechende Technik verfügte, dieses Stück spielen, weil es niemanden, der es einmal gehört hatte, losließ. Bream nahm seine legendäre Platte „20th Century Guitar Music“ 1966 für RCA auf und danach spielte nicht nur jeder avancierte Gitarrist das Nocturnal von Britten — nein, jeder spielte es wie Bream! Aber so war sein Einfluss: Er lieferte das Repertoire, machte es bekannt und lieferte die Interpretation!

Schubert Songs for Voice and Guitar Huntley und FrankeSchubert, Franz: Songs for Voice & Guitar
Anna Huntley, Mezzosopran; Jens Franke, Gitarre
Aufgenommen im August 2013, erschienen 2016
Gitarre: Michael Gee, 2009
Quartz QTZ 2215, im Vertrieb von NEW ARTS INTERNATIONAL
… ein nicht uneingeschränktes Vergnügen …

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Dass Franz Schubert (1797–1828) die Gitarre als Begleitinstrument für Lieder gemocht und dass er selbst eine Stauffer-Gitarre besessen hat, wissen wir. Auch haben wir Interpreten erleben dürfen, die sich mit großem Erfolg an Schubert-Liedern mit Gitarrenbegleitung versucht haben – darunter auch große Liederzyklen wie „Schöne Müllerin“ und „Winterreise“. Und schließlich liegen uns gedruckte Ausgaben von Schubert-Liedern mit Gitarrenbegleitung vor, die im 19. Jahrhundert erschienen sind und uns als Belege für die Popularität der Lieder in dieser Besetzung sind.

Gleichwohl schreibt Ateş Orga im Booklet zur CD (nur in Englisch): „The role oft he guitar in Schubert’s life is less clear, hindered as much by the fantasy of unscrupulous biographers as the acerbic‚ »Schubert without guitar« stance of his almanagist and cataloguer Otto Erich Deutsch – who ‚discredited virtually all of Schubert’s envolvement with the guitar offhand without well-documented evidence to support his confident criticism and assertions“. Welches Interesse der Schubert-Forscher Otto Erich Deutsch gehabt haben könnte, die Bedeutung der Gitarre in Schuberts Schaffen „mit skrupellosen Methoden“ herunterzuspielen, lässt sich nicht sagen, Orga hält aber ein feuriges Plädoyer für das Instrument und dafür, dass es zur Zeit Schuberts und bei Schubert selbst eine wesentliche Rolle gespielt hat.

SEGRE 4842512 origJohann Sebastian Bach: BWV 995, 997 & 998
Emanuele Segre, Gitarre
Aufgenommen 2016, erschienen 2016
CD & DVD LIMEN CDVD082C082 (Nummerierte Edition)
… eine eher unitalienische Interpretation …

Emanuele Segre spielt auf seiner neuesten CD drei zyklische Lautenwerke von Johann Sebastian Bach (BWV 995, 997 und 998), dabei stellt Luca Ciammarughi gleich im zweiten Satz seines klugen und von großem Wissen geprägten Booklet-Textes zur CD fest, die Annahme, Bach habe Werke spezifisch für Laute solo konzipiert, sei „storicamente falsa“ … nicht „umstritten“ oder „zweifelhaft“, sondern „historisch falsch“! Im weiteren Text erläutert Ciammarughi die Argumente, die das Lautenwer(c)k (auch Lautenklavier oder Lautenclavicymbel genannt) als das Instrument favorisieren, für das die „Lautensuiten“ ursprünglich geschrieben worden sind – ein Tasteninstrument, das wie die Laute mit Darm besaitet war und ihr daher klanglich ziemlich nahekam. Wir wissen, dass Bach im Besitz zweier solcher Musikinstrumente gewesen ist und dass er sie geschätzt hat.

Segre Emanuele Bach CDDie uns überlieferten Lautenversionen der betreffenden Werke sind also Transkriptionen. Weiter heißt es (in der englischen Übersetzung des italienischen Originaltextes S. 17): „As for the debate about the correctness of performing Bach’s keyboard music on a modern piano, also the adaptability of the so-called „lute music“ to the modern guitar is a false issue. Since it is unlikely that these suites were performed by Bach on the lute, the guitar version isn’t less philologically correct than the one for lute.“ Dieses Argument überzeugt … allerdings nur, so lange man Lautenwerk und modernes Klavier auf der einen und dreizehnchörige Barocklaute und moderne sechssaitige Gitarre auf der anderen Seite als Geschwister oder mindestens enge Verwandte betrachtet. Aber wir sollten solche sophistischen Betrachtungen vermeiden … zugunsten der Erkenntnis, dass die Werke von Johann Sebastian Bach ohnehin in ihrer Einzigartigkeit transferabel von einem Medium zum anderen sind.