Giuliani pop

FLORILEGIUM … enthält Beiträge zu Themen, die Peter Päffgen, dem Chefredakteur, am Herzen liegen und die er für interessant und wichtig genug hält, sich mit ihnen näher zu befassen … eine Blütenlese mit Anmerkungen zu Kunst und Kultur, zu Gelesenem und Gehörtem. Alle Beiträge sind von Peter Päffgen und entsprechen seiner persönlichen Meinung.

Buchtitel Grete SultanMoritz von Bredow, Rebellische Pianistin: Das Leben der Grete Sultan zwischen Berlin und New York
Mainz 2013, Schott Music BSS 54831, ISBN 978-3-7957-0800-9, € 29,99

Grete Sultan: piano seasons
Werke von Bach, Beethoven, Schubert, Schumann, Schönberg, Copland, Ben Weber, Wolpe, Hovhaness, Cage, Toshi Ichiyanagi
Aufgenommen 1959—2000, erschienen 2013
4 CDs, WERGO 4043 und 4045.2

Das Wort von der „rebellischen Pianistin“ ist von Theodor W. Adorno, der 1930 über die Musikerin Grete Sultan gesagt hat, sie sei hochbegabt, merkwürdig expressiv und rebellisch. Dass ausgerechnet sie als rebellisch eingeschätzt wurde, wundert dabei aus mehreren Gründen. Erstens stand sie, 1930 gerade einmal 24 Jahre alt, erst am Anfang ihrer Karriere, da also, wo junge Musiker sonst noch auf der Suche nach ihren künstlerischen Zielen sind. Zweitens war sie Jüdin und der Antisemitismus in Deutschland manifestierte sich immer deutlicher. Zeit für rebellische Geister?

Als Pianistin war Grete Sultan mutig und konsequent … allerdings waren ihre Kindheit und die Jahre ihrer musikalischen Ausbildung in so völliger Harmonie und Ordnung verlaufen, dass man sich ein rebellisches Aufbäumen ihrerseits kaum vorstellen kann. Die Ehe ihrer Eltern, Adolf und Ida Rosa (genannt Coba) Sultan, war „vor allem auf Liebe gegründet, und die kinderreiche Familie erlebt eine überaus glückliche Zeit – so [blieb] es Grete Sultan stets in lebendiger Erinnerung“ [S. 35]; materielle Sorgen hat es in der Familie nicht gegeben und: „Alle sieben Kinder im Hause Sultan [wurden] von Anfang an mit Musik vertraut gemacht, ohne die das Familienleben kaum denkbar“schien. [S. 43] „Als jüngstes der Sultan-Kinder [wurde Grete] von allen besonders geliebt und verwöhnt, behütet [wuchs] sie in einer Welt voller Musik heran.“ [S. 45]

Berlin war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine „»Musikstadt par excellence«“, in der „»wie in keiner anderen Stadt der Welt […] hervorragende Pianisten und Pädagogen aller großen und kleinen europäischen und überseeischen Nationen friedlich nebeneinander«“ lebten und wirkten [S. 52]. Trotzdem war das Kulturleben bestimmt von „spießigem Geschmack und konservativen Kunstauffassungen, die im deutschen Kaiserreich so fest verankert“ waren [S. 54]. Moderne Musik erhielt nur wenig Zuspruch „seitens des mehrheitlich konservativen Publikums“ [S. 52]. Umso fortschrittlicher war, dass sich Grete Sultan bereits 1916, sie war nicht einmal zehn Jahre alt, mit Musik von Arnold Schönberg befasst hat. „Dessen Klavierstücke op. 11[erschlossen] dem […] Mädchen eine neue Welt: Zeitgenössische Musik [wurde] in Deutschland skeptisch betrachtet, und schon gar nicht [wurde] ein Kind darin unterrichtet.“ [S. 65] Durch ihren Lehrer Richard Buhlig lernte Grete weitere zeitgenössische Klavierwerke kennen: „Grete [konnte] nie genug bekommen vom Klavierspiel, von der Herausforderung durch zunehmende technische und musikalische Schwierigkeiten. [S. 63—64]

Gustav LeonhardtDer Cembalist, Organist, Dirigent, Musikologe, Lehrer und Herausgeber Gustav Leonhardt (30. 5. 1928—16.1.2912) war einer der bedeutendsten Exponenten der „Alte Musik-Bewegung“. Zwischen 1947 und 1950 hat er Cembalo an der Schola Cantorum Basiliensis studiert, danach Musikwissenschaft in Wien. Dort wirkte er später auch als Professor bis er 1954 wieder in sein Heimatland, die Niederlande, zog. Dort lehrte er fortan am Amsterdamer Konservatorium. Gustav Leonhardt hat die Szene der „Alten Musik“ entscheidend mitgeprägt. Mit seinem „Leonhardt Consort“ und in Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt, den er in Basel kennengelernt hatte, spielte er zwischen 1971 und 1990 erstmalig sämtlich Bach-Kantaten auf LP bzw. CD ein, daneben entstanden andere epochale Aufnahmen von Cembalo- und barocker Ensemblemusik. Das folgende Interview erschien 1984 in Heft 2 meiner Zeitschrift „CONCERTO—Das Magazin für Alte Musik“. Gerd Berg, damals Plattenproduzent bei der Kölner EMI und Initiator der legendären Plattenreihe „Reflexe“, stellte die Fragen. Das Interview entstand im „Bürgerhaus Bergischer Löwe“ in Bergisch Gladbach, wo noch am gleichen Abend ein Konzert von Gustav Leonhardt mit dem Cellisten Anner Bylsma stattfinden sollte. Anner Bylsma stieß später zu den Gesprächspartnern und wurde in das Interview einbezogen. 

Dirigieren ist der einfachste Beruf Gerd Berg im Gespräch mit Gustav Leonhardt

CONCERTO: Wenn man Sie im Konzert mit Ihren alten Weggefährten hört, wenn man Sie an Cembaloabenden Ihren so ganz schnörkellosen Bach spielen hört, dann kann man sich kaum noch vorstellen, welche Aufregung das damals verursacht hat, als Sie zum ersten mal aufgetreten sind. Ich weiß noch aus eigener Erfahrung, wie eigenartig diese Mischung von Leuten war: die einen, die sofort überzeugt waren und die anderen, die das ungeheuer befremdet hat.

LEONHARDT: Die gibt es noch heute, aber die kommen nicht mehr, das hat sich getrennt.

CONCERTO: Sie sind eine der Gestalten, die am konsequentesten und unberührtesten ihren Weg gegangen sind, ohne ganz spektakuläre Wege gegangen zu sein, um die große Masse des Publikums auf einen Schlag gewinnen zu wollen. Wie hat sich das entwickelt? Welcher Gedanke hat Sie bestimmt, als Sie anfingen?

LEONHARDT: In erster Linie war es die wie auch immer geartete Liebe zur Musik des 18. Jahrhunderts, dann ist das 17. dazugekommen. Aber das war das erste; auch im elterlichen Hause habe ich sehr viel Musik gehört, ich wurde mitgenommen in Konzerte, und das hat es mir angetan. Das Weitere kann ich nicht erklären, es wurde immer professioneller, man entdeckte mehr Sachen, aber einer Entwicklung war ich mir nie bewusst. Das Einzige, was mich immer nur interessiert hat, war die Musik selbst. Karriere war und ist mir ganz gleichgültig. Ich kann mich freuen, dass es sehr gut gegangen ist. Am Anfang war es sehr schwer, aber das hat mich auch nicht bekümmert. Ich tue nichts wegen meines Publikums, ich tue es für ein Publikum, aber nicht wegen … CONCERTO: Sie sind dann an der Schola Cantorum in Basel gewesen, bei Müller. War für Sie klar, dass Basel der Ort war, wo Sie hingehen wollten?

LEONHADRT: Ja.

DegenhardtFranz Josef Degenhardt, geboren am 3. Dezember 1931 in Schwelm, lebt nicht mehr. Am 14. November 2011 starb er in Quickborn. Franz Josef Degenhardt war als Rechtsanwalt Partner in einer Hamburger Sozietät, als Dichter und Schriftsteller bleibt er mit vierzehn Romanen und anderen Büchern in Erinnerung … Franz Josef Degenhardt war eine Stimme der 68er-Bewegung … so steht’s in Wikipedia. Für mich war er nicht eine, sondern die Stimme der 68er-Bewegung. Und er war der Poet der 68er-Bewegung. Einer, der keine Parolen krakeelt hat, sondern seine Hörer in sein Denken einbezog und ihnen etwas abforderte. Wenn ich heute die Geschichte von Horsti Schmandhoff höre oder Degenhardts Schilderung des deutschen Sonntags. Oder „Vatis Argumente“ und die vom „Notar Bolamus“, dann bin ich konfrontiert mit scharfer Kritik, verhöhnender Ironie und sogar bitterer Häme … aber ich höre etwas anderes. Ich höre, zum Beispiel, in grazilen Trippelschritten vorgetragen:

Hütchen, Schühchen, Täschchen passend,
ihre Männer unterfassend,
die sie heimlich vorwärts schieben,
weil die gern zu Hause blieben

und habe die Szene vor mir. Die Bilder liefert das Lied … diskret aber in Farbe!
Und auf eines können wir uns verlassen:

hier darf jeder machen was er will! Im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung versteht sich."

Außerdem war Franz Josef Degenhardt das linke Gewissen derer, die sich nicht getraut haben. Das Feigenblättchen für die, die sich 1968 und später über alles Mögliche aufgeregt, die aber immer brav den Mund gehalten haben, weil sie ja sonst vielleicht aufgefallen wären. Nein, mit den Schmuddelkindern haben sie nicht gespielt, aber heute wollen sie als Achtundsechziger oder Linksintellektuelle gelten … es sei denn, die Stimmung spricht dagegen, weil christliche Politiker wieder Jagd auf linke Politchaoten machen, die ihnen Wählerstimmen stehlen. Dann halten sie wieder den Mund. Franz Josef Degenhardt hat nie einen Hehl aus seiner politischen Gesinnung gemacht. 1961 trat er der SPD bei, wurde aber zehn Jahre später ausgeschlossen, weil er aufrief, die DKP zu wählen … der er 1978 dann auch beitrat. Als (übrigens: promovierter) Anwalt war er Partner in einer Hamburger Kanzlei, die mehrere Mitglieder der RAF vertreten hat … aber mit so was haben Politiker der Mitte auch schon Hans-Christian Ströbele diskreditieren wollen, weil sie Rechtstaatlichkeit mit Rechtsstaatlichkeit verwechselt haben. Auf die Burg Waldeck, dahin, wo sein Geist immer sehr lebendig war, wollte Väterchen Franz nicht mehr kommen. Es würde dort nur noch Folklore ohne Tiefgang vorgeführt. Gut, auf der Waldeck haben Reinhard Mey, Hannes Wader oder Schobert und Black mit ihm zusammen viele Jahre ihre Lieder gesungen und ausprobiert. Allerdings hat Franz Josef Degenhardt das Politische seines Denkens und das Politische seiner Lieder nie aufgegeben. Auch nicht, als er auf die Achtzig zuging. Jetzt ist er tot … aber wie gern hätte ich gehört, was er über die Bankenkrise, die Schuldenkrise und alles, was da noch kommen wird, gesungen hätte! Väterchen Franz war immer ein guter Kommentator und Berater. Aber jetzt ist er tot!

Foto: © Reinhard Kaufhold

Heute haben wir sie zu Grabe getragen, die Pianistin und Musikologin, die Querdenkerin, Kölnerin und Weltenbürgerin Grete Wehmeyer. Mit Büchern über Eric Satie und Edgar Varèse hat sie sich in den siebziger Jahren einen Namen gemacht, danach hat sie die „Entschleunigung von klassischer Musik“ betrieben bzw., um genau zu sein, hat sie sich zunehmend mit der wissenschaftlichen Erforschung von Tempo und Geschwindigkeit in der Aufführung klassischer Musik befasst. „Bach zügig, Mozart äußerst frisch, Beethoven geduckt dahinsausend, Chopin und Liszt rasant – so muss klassische Musik sein, so entspricht sie unserem Lebensgefühl, so klingt sie von Schallplatten, aus dem Radio, im Konzertsaal und im Opernhaus. Schnell muss Musik gespielt werden, wie Autos und Züge schnell fahren müssen, damit wir nicht nervös werden.“ [Grete Wehmeyer, prestißißimo: Die Wiederentdeckung der Langsamkeit in der Musik, Hamburg 1989 und Reinbek 1993]

Das Thema „Tempo und Geschwindigkeit“ hatte sie aus Japan mitgebracht, wo sie zwischen 1982 und 1984 eine Gastprofessur für Klavier an der Musashino-Akademie ausgefüllt hatte. Aber auch vorher waren ihr Themen aus diesem Bereich nicht fremd. In „ARS MUSICA—MUSICA SCIENTIA“ [Festschrift Heinrich Hüschen zum fünfundsechzigsten Geburtstag, Köln 1980], schrieb sie zum Thema: „Die Kunst der Fingerfertigkeit und die kapitalistische Arbeitsideologie“: „Die heutigen Höchstleistungen auf allen Musikinstrumenten und im Gesang sind ebenso das Produkt kapitalistischen Geistes wie der gegenwärtige Höchststand von Industrialisierung und Technisierung. Die Basis ist hier wie dort die Ideologie der Arbeit, die als Preis Askese fordert. Der »Prozess der Zivilisation« hat hier wie dort zu erheblichen Restriktionen der ungezwungenen menschlichen Äußerungen im Täglichen wie auch in der Kunst geführt.“

Noch vor Japan hat sie sehr pointiert ihr Buch „Carl Czerny und die Einzelhaft am Klavier oder die Kunst der Fingerfertigkeit und die industrielle Arbeitsideologie“ [Kassel u.a. 1983] geschrieben, als aber 1988 die Arbeit „Wiedergeburt der Klassiker: Anleitung zur Entmechanisierung der Musik“ von Willem Retze Talsma erschien, wuchs die „Initiative Wehmeyer“ rasch. Ich erinnere mich an einen Abend in der Geibelstraße, als die Forderung, klassische Musik nur noch im halben Tempo zu spielen, von einem prominenten Kölner Vertreter der Schallplattenindustrie beklatscht wurde … schließlich könne man, so meinte er, auf diese Weise doppelt so viele LPs verkaufen. 1990 erschien Grete Wehmeyers Buch „Zu Hilfe! Zu Hilfe! Sonst bin ich verloren: Mozart und die Geschwindigkeit“.

Scott B. Montgomery, St. Ursula and the Eleven Thousand Virgins of Cologne: Relics, Reliquaries and the Visual Culture of Group Sanctity in Late Medieval Europe. Frankfurt am Main u.a., 2010, Peter Lang Vlg., ISBN 978-3-03911-852-6, € 41,60

Buchtitel UrsulaIm vierten Jahrhundert soll es sich zugetragen haben, dass in Britannien die Tochter des Königs ihr Leben Christus geweiht hatte, dass aber der heidnische König von Anglia sie seinem Sohn Ætherus zur Frau geben wollte. Sie ging zum Schein auf das Werben ein, stellte aber die Bedingung, dass sich ihr Bräutigam taufen ließ und dass ihr drei Jahre Zeit bis zur Hochzeit blieben. Sie begab sich mit elf Freundinnen auf eine Schiffsreise, die sie nach Rom bringen sollte. Den Rhein entlang, vorbei an Köln, fuhren sie bis nach Basel, um dann den Weg zu Fuß weiter zu gehen. Auf dem Rückweg kamen sie wieder an Köln vorbei, wo die Hunnen unter ihrem Anführer Attila das Regime führten. Die Hunnen ermordeten alle meuchlings bis auf die Königstochter. Als die sich aber Attila verwehrte, ermordete er auch sie. So lautet die älteste Version der Ursula-Legende, die später auf vielfältige Weise ausgeschmückt werden sollte.

Der Edelmann Clematius baute im vierten oder fünften Jahrhundert auf eigenem Grund in Köln eine Kirche und hinterließ eine Steinplatte mit lateinischer Inschrift. Dort heißt es, er, Clematius, habe an der Stelle des Meuchelmords an den Jungfrauen, die ihr Blut für Christus geopfert hätten, die Basilika errichtet. Vier- bis fünfhundert Jahre später finden wir Zeugnisse des Jungfrauenkults im Rheinland, gleichzeitig wird auch der Name Ursula erstmalig erwähnt.

Die Anzahl der angenommenen Begleiterinnen wurde nicht viel später von elf auf elftausend erhöht … und damit begann eine wundersame Ausweitung des Ursulakults. Aus der lateinischen Inschrift „XIM“, für „undecim martyrum“ („elf Märtyrer“) war „undecim millium“ („elftausend“) gelesen worden, indem das „M“ als das lateinische Zeichen für „tausend“ interpretiert wurde. Als dann im Jahr 1106 bei Arbeiten an der Kölner Stadtmauer ein riesiges Gräberfeld gefunden wurde und die Zahl der Gebeine mit den elftausend Jungfrauen nach Augenmaß übereinstimmte, wurde die Ursula-Verehrung immer weiterreichend. Dass die Römer an der nach Norden führenden Ausfallstraße ihrer Stadt COLONIA CLAUDIA ARA AGRIPPINENSIUM, ihre Toten begraben hatten, und dass diese Straße, der heutige Eigelstein, in unmittelbarer Nachbarschaft der Basilika des Clematius lag, wurde dabei nicht näher untersucht. Zur gleichen Zeit wurde begonnen, an gleicher Stelle eine neue Basilika zu errichten, die heutige Ursula-Kirche, die im Verlauf ihrer Geschichte mehrere bauliche Umgestaltungen erlebte, die aber als eine der romanischen Kirchen Kölns zu den Wahrzeichen der Stadt gehört.

Georges Bizet Foto[CD] Georges Bizet, Le Docteur Miracle, Opera in one Act, Libretto: Léon Battu and Ludovic Halévy, Christiane Eda-Pierre, Robert Massard, Rémy Corazza; Orchestra of Radio France, Ltg. Bruno Amaducci Aufgenommen als Rundfunk-Aufführung am 1. März 1976; Neuausgabe Allegro Corporation [Allegro Corporation] 2010, OPD 7077 in der Reihe Gran Tier; Vertrieb bei Sunny Moon, Köln [Sunny Moon]

[Buch] Christoph Schwandt, Georges Bizet: Eine Biografie, Mainz u.a. 2011, SCHOTT MUSIC, ISBN 978-3-254-08418-7, € 12,99

[DVD] Johannes Brahms, Symphonie Nº 2, Georges Bizet, Symphonie Nº 1, The State Radio and Television Symphony Orchestra, Moscow, Pavel Sorokin und Amar Lapinsch. Aufgenommen im Juni 2001 im großen Saal des Moskauer Konservatoriums, 5-Tone Platinum Edition 97002, im Vertrieb von Cascade [Cascade]

[CD] Fast immer, wenn man den Namen Georges Bizet (1838—1875) hört, geschieht das im Zusammenhang mit seiner Oper „Carmen“. Sie war sein großer Erfolg und ist heute noch eine der am häufigsten aufgeführten Opern überhaupt, zusammen mit Werken von Mozart und Verdi … aber leider ist Bizet nie in den Genuss seines Welterfolgs gekommen. „Carmen“ ist am 3. März 1875, gerade einmal drei Monate vor seinem Tod, in Paris uraufgeführt worden. Georges Bizet war nicht einmal 37 Jahre alt.

Noch im gleichen Jahr, genau am 2. Oktober 1875, wurde „Carmen“ auch an der Wiener Hofoper gegeben, 1876 in Brüssel und Budapest und 1878 in St. Petersburg, Stockholm, London, New York und Philadelphia. Ähnlich turbulent sollte es mit der Karriere der Oper weitergehen. Georges Bizet konnte nicht einmal mehr die notwendigen Änderungen an seiner Oper vornehmen oder überwachen. Schon für die erste Wiener Aufführung mussten die in Paris noch gesprochenen Dialoge durch Rezitative ersetzt werden, die schließlich Bizets Studienkollege und Freund Ernest Guiraud (1837—1892) komponierte.

Gramophone Guide 2011 400x647The Gramophone Classical Music Guide 2011
3000+ Reviews by the World’s Leading Critics
Teddington 2010, im Vertrieb von Music Sales, Preis: GB-£ 35,00

1434 Seiten mit über dreitausend Besprechungen von CDs mit klassischer Musik: „The Most Authoritative Guide to the Best Classical Recordings“ steht bescheiden auf dem Titel. Es handelt sich um das Jahrbuch der Zeitschrift „Gramophone”, die immerhin schon 1923 gegründet worden ist … und zu dieser Zeit gehörten Schallplatten noch nicht zu den Allerweltserzeugnissen, die jedermann nutzte.

James Jolly, der Chefredakteur der heute erscheinenden „Gramophone“, deren Redakteure immerhin für die „Gramophone-Awards“ zuständig sind, die weltweit beachtet werden, schildert, in seinem Vorwort sein Vorgehen. Er sucht Besprechungen nicht danach aus, dass von jedem erscheinenden Werk jede Rezension auch abgedruckt wird. Im Gegenteil hat er sich von seinen Kritikern beraten lassen, welche Neueinspielung denn die beste gewesen ist – im Notfall greift er auch auf historische Einspielungen zurück.

Also: Dieses Jahrbuch ist keine Sammelausgabe aller Besprechungen, die im vergangenen Jahr in der Zeitschrift „Gramophone“ erschienen sind. Und es sind auch nicht alle Aspekte des Musiklebens gleichberechtigt nebeneinander wiedergegeben. Aber, und das ist eine sensationelle Serviceleistung von Gramophone, die Besprechungen aller bisheriger Ausgaben der Zeitschriften sind im Online-Archiv einzusehen http://www.gramophone.co.uk – alle Rezensionen, die jemals (also nach 1923) in dieser Zeitschrift erschienen sind, können dort gelesen werden … und zwar kostenlos!

Martin Elste (Hrsg.), Die Dame mit dem Cembalo: Wanda Landowska und die Alte Musik. Bilder und Texte zusammengestellt und herausgegeben von Martin Elste, Mainz u.a. 2010, ISBN 978-3-7957-0710-1, € 39,95
… Es ist ein Vergnügen, in dem Buch über die „Dame mit dem Cembalo“ zu stöbern und zu schmökern! …

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In welche musikalische Welt wurde Wanda Landowska [WL] am 5. Juli 1879 in Warschau geboren? Sie selbst schrieb im Jahr 1900 in einer autobiographischen Notiz über ihren Umzug nach Paris: „Mein Repertoire? Es bestand hauptsächlich aus Kompositionen der Romantiker. Meine beiden Lehrer […] spielten Chopin voller Inbrunst und Leidenschaft.“ [S. 16] Dass ihre Lehrer Chopin spielten, kann nicht weiter verwundern, schließlich waren sie Polen und Chopin (1810—1849) galt und gilt als die Quintessenz polnischer Musik überhaupt. Und dass sie seine Musik „voller Inbrunst und Leidenschaft“ spielten, wie die Landowska mit leicht ironischem Unterton meinte, passt zu den Vorstellungen, die wir von den interpretatorischen Standards der Zeit haben und die wir leicht mit Pathos und Emphase in Verbindung bringen.

Das europäische Konzertleben befand sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts in einem grundsätzlichen Wandel. Höfe und Adel hatten nach 1789 und den folgenden Napoleonischen Kriegen an Einfluss verloren. Gleichzeitig entstand – unter anderem als Folge der industriellen Revolution – eine neue wohlhabende Mittelschicht, die später das Kulturleben bestimmen sollte. Die Popularisierung des Musiklebens brachte nicht nur öffentliche Konzerte für vergleichsweise immense Zuhörerzahlen mit sich, sondern auch ein Umorientieren in Sachen Darbietungsweise und Repertoire.

Martin Elste (Hrsg.), Die Dame mit dem Cembalo: Wanda Landowska und die Alte Musik. Bilder und Texte zusammengestellt und herausgegeben von Martin Elste, Mainz u.a. 2010, ISBN 978-3-7957-0710-1, € 39,95
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Das europäische Konzertleben befand sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts in einem grundsätzlichen Wandel. Höfe und Adel hatten nach 1789 und den folgenden Napoleonischen Kriegen an Einfluss verloren. Gleichzeitig entstand – unter anderem als Folge der industriellen Revolution – eine neue wohlhabende Mittelschicht, die später das Kulturleben bestimmen sollte. Die Popularisierung des Musiklebens brachte nicht nur öffentliche Konzerte für vergleichsweise immense Zuhörerzahlen mit sich, sondern auch ein Umorientieren in Sachen Darbietungsweise und Repertoire.

Erichson ConBrio Titel 754x1024 110x150Thomas Otto und Stefan Piendl, Erst mal schön ins Horn tuten: Erinnerungen eines Schallplattenproduzenten, Gespräche mit Wolf Erichson und Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt, Stephan Schellmann, Yaara Tal & Andreas Groethuysen, Bruno Weil. Regensburg 2007, ConBrio Verlagsgesellschaft, CB 1184, € 24,—
… eine Fundgrube, wenn es darum geht, die Geschichte der „Alten Musik“ live an einem vorbeidefilieren zu lassen

Was tut(et) ein Schallplattenproduzent eigentlich? Dumme Frage, werden viele denken, er produziert Schallplatten. So, wie ein Filmproduzent Filme produziert. Stimmt! Aber was tut denn dann ein Tonmeister oder ein Toningenieur? Produzieren die nicht auch Schallplatten? Und was tun die zahlreichen anderen, die am Zustandekommen einer CD beteiligt sind?Ein Schallplattenproduzent produziert Schallplatten, aber da, wo es um das eigentliche „Produzieren“ und den Vertrieb der eigentlichen Platten geht, ist er schon nicht mehr dabei. Schon beim Schnitt ist seine Expertise nicht mehr unbedingt gefragt.

Wolf Erichson, um ihn dreht es sich in dem vorliegenden Buch, ist Schallplattenproduzent … und mehr: Er hat wie beispielsweise sein Kollege Gerd Berg eine interpretatorische Schule begleitet und mitbestimmt, die nämlich, die sich der historischen Aufführungspraxis und ihrer Umsetzung in praktische Musik verschrieben hatte. Die Musiker, die uns in diesem Zusammenhang einfallen, sind Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt, Frans Brüggen und etliche andere, und genau diese Musiker waren es, die den Weg von Wolf Erichson gekreuzt haben … oder hat er ihre gekreuzt? Hat er vielleicht Musiker erst dazu gebracht, historische Aufführungsgewohnheiten zu erforschen und wieder zu beleben, um dem Wesen älterer Musiken näherzukommen?

Foto: Peter Päffgen, Johannes Jansen, Bernd Heyder, Manfred Johannes Böhlen am 14. September 2008 anlässlich einer Buchpräsentation und des Geburtstages von CONCERTO im Kölner Deutschlandfunk (Foto © Heinz-Dieter Falkenstein)

fam con1 1024x689 600x403Sich mit alter Musik so zu befassen, dass man sie „Alte Musik“ nannte, war in den 1970er und den frühen 1980er Jahren immer noch etwas Besonderes. Auf den Plattenhüllen derer, die das machten, wurde unübersehbar darauf hingewiesen – wenn nicht gleich ganze Labels ausschließlich der Pflege der „historischen Aufführungspraxis“ vorbehalten blieben oder just dafür entstanden waren. Die Archiv Produktion der Deutschen Grammophon zum Beispiel war 1949 gegründet worden, unter anderem um dem endgültigen Verlust historischer Orgeln und anderer Musikinstrumente mindestens durch Klangdokumentationen entgegenzuwirken, die nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen hergestellt und auf Schallplatten veröffentlicht werden sollten und wurden. Das Programm der Archiv Produktion war in „Forschungsbereiche“ unterteilt, I: Gregorianik bis XII: Mannheim und Wien (1760—1800). Bei der Gestaltung der Schallplatten wurde auf jegliche Bebilderung verzichtet, bei der künstlerischen wie technischen Ausstattung an nichts gespart.
Zur gleichen Zeit, Ende der vierziger Jahre, trafen sich an der Wiener Hochschule für Musik und Darstellende Kunst der niederländische Cembalist Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt, damals im Brotberuf Cellist bei den Wiener Symphonikern unter Herbert von Karajan. Der eine gründete wenig später das Leonhardt-Consort, sein Kommilitone den Concentus Musicus. Zusammen planten und realisierten sie Aufnahmen von Bach-Kantaten … und sie interessierten Schallplatten-Produzenten für ihre Projekte. „Schon vor Jahren, als ich mit Harnoncourt zusammentraf, sagten wir uns: Das alles darf nicht stehenbleiben bei den Dingen am Rande, wir müssen die Matthäuspassion und die Johannespassion einbeziehen und auf diesem Wege Veränderungen bewirken, wir müssen sogar zur Klassik vorstoßen“ meinte Gustav Leonhardt 1984. Wenn Musik als „Alte Musik“ bezeichnet wird, war und ist das nur am Rand eine Altersangabe – es ist mehr eine Aussage über die Herangehensweise an die Interpretation dieser Musik. Grundsätzlich muss ein Interpret entscheiden: Übertrage ich die Musik vergangener Zeiten in meine Zeit, spiele ich sie also so, wie heute musiziert wird, oder versuche ich, Musik so aufzuführen, wie sie vermutlich zu ihrer Entstehungszeit aufgeführt worden ist? Nikolaus Harnoncourt meint dazu [Musik als Klangrede 1982]: „Diese Einstellung zur historischen Musik – sie nicht in die Gegenwart hereinzuholen, sondern sich selbst in die Vergangenheit zurückzuversetzen – ist Symptom des Verlustes einer wirklich lebendigen Gegenwartsmusik […] Die Musik Bruckners, Brahms’, Tschaikowskys, Richard Strauss’ und anderer war noch lebendigster Ausdruck ihrer Zeit. Dort aber ist das ganze Musikleben stehengeblieben: diese Musik ist noch heute die am meisten und liebsten gehörte, und [jetzt kommt die Folgerung] die Ausbildung der Musiker an den Akademien folgt noch immer den Prinzipien dieser Zeit. Es scheint fast, als wolle man nicht wahrhaben, dass seither viele Jahrzehnte vergangen sind.“ Entscheidet sich ein Interpret also dafür, ältere Musik in seine Zeit zu übertragen und sie mit den zu seiner Zeit zur Verfügung stehenden Stilmitteln zu realisieren, wählt er nicht wirklich die „moderne“ Variante, sondern auch eine historische, aber eine falsche … es sei denn, er befasst sich mit spätromantischer Musik.