Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

Classic sephardic yiddish Duo SanguitarClassic – Sephardic – Yiddish
Duo Sanguitar: Franziska Dillner-Koch, Mezzosopran; Jörg Krause, Gitarre
Erschienen 2016
Gitarre: Antonio Marin Montero
GUMA Music [4 041257 001583]… sensibel abgestimmt auf das jeweilige Lied …

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Das Duo Sanguitar – oder sagen wir besser: die musikalische Zusammenarbeit von Franziska Dillner-Koch und Jörg Krause – gibt es schon lange. Seit 1995, um genau zu sein. Und die gemeinsame Liebe für jiddische und sephardische Volkslieder bewegt die beiden Musiker auch schon lange … wenn sie sie nicht überhaupt erst zusammengebracht hat. Auf einem Seminar mit Giora Feidman war es und man hat die Musik, die dort gespielt und gesungen worden ist, förmlich im Ohr ohne dabei gewesen zu sein!

André Asriel und Jörg Krause haben die Arrangements für das CD-Programm geschrieben – keine Klarinette, dafür sehr feine, der Vielfalt der Lieder folgende und sie unterstützende Gitarrensätze. Sie sind es auch, die den Zuhörern die Unterschiede zwischen sephardischen und jiddischen Lieder offenbaren – neben der jeweils gesungenen Sprache natürlich.

Die Sepharden haben bis Ende des 15. Jahrhunderts auf der iberischen Halbinsel gelebt, bis sie dort – auch als Folge von Reconquista und Inquisition – vertrieben wurden. Sie sind darauf gen Osten gezogen und haben sich im Osmanischen Reich niedergelassen, auch im Maghreb. Die Sprache, die sie mitnahmen, war geprägt von spanischen Dialekten, die sie schließlich einige Hundert Jahre gesprochen hatten.

Satie Werke für Gitarre LlinaresÉrik Satie: Gnossiennes – Gymnodédies – Parade & other pieces
Sébastien Llinares, Gitarre
Aufgenommen im Oktober 2016, erschienen 2017
PARATY 106415, im Vertrieb von harmonia mundi

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Erik Satie (1866–1925) kennen wir nicht als Gitarristen und es sind auch keine Stücke bekannt, die er für dieses Instrument komponiert hätte. Und doch: Sébastien Llinares ist keineswegs der Erste, der Kompositionen von Satie auf der Gitarre spielt, im Gegenteil! Vor, sagen wir, zwanzig Jahren war die Musik von Erik Satie bei Gitarristen höchst populär: Anders Miolin hat sie gespielt, Roland Dyens, David Tanenbaum und auch John Williams … und dies sind nur Beispiele! Einzelne Stücke hörte man in internationalen Gitarrenwettbewerben überall auf der Welt, besonders die „Gymnopédies“ erfreuten sich großer Beliebtheit, dann kamen die „Gnossiennes“.

Aber Satie hatte es nicht leicht gehabt, sich mit seiner Musik durchzusetzen. Die Satie-Forscherin Grete Wehmeyer meinte dazu: „Schon die Musik, des jungen Satie wirkte auf seine Zeitgenossen befremdend. Das lag nicht daran, dass sie revolutionär gewesen wäre. Der Grund dafür ist vielmehr, dass Satie an der um 1890 noch modischen französischen Strömung, die deutsche Romantik und vor allem Wagner nachzuahmen, nicht teilnahm. Satie bezog sich nicht auf einen Komponisten des 19. Jahrhunderts. Er sprang aus seiner Zeit heraus. Er griff auf das Mittelalter zurück.“ [Erik Satie, Regensburg 1974, S. 18] Aber nicht einmal Musiken des Mittelalters hat Satie zitiert und überhaupt: „Er schloss sich keinem der breiten Trends innerhalb der Musik an, nicht dem Wagnérism, nicht dem Impressionismus, nicht dem Neoklassizismus, nicht dem Bruitismus, nicht dem Expressionismus, er benutzte weder die Zwölftontechnik noch irgendeine Kompositionsweise auf der Basis der Folklore. Er hatte in seiner Zeit keine musikalischen Verwandten, er war niemandes Erbe.“ [ebda.]

Dieci Andrea Sor Complerte Sonatas for Guitar CDAndrea Dieci, Guitar
Sor: Complete Sonatas for Guitar
Aufgenommen im April und Juni/2016, erschienen 2017
Gitarre: José Romanillos
BRILLIANT CLASSICS 95395
… das Beste vom Besten, was uns an Gitarrenmusik aus der „klassischen Zeit“ zur Verfügung steht …

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Andrea Dieci spielt Opera 14, 15b, 22 und 25 von Fernando Sor – große Musik, das Beste vom Besten, was uns an Gitarrenmusik aus der „klassischen Zeit“ zur Verfügung steht. Und alle dargebotenen Werke sind Sonaten, sie verkörpern also das klassische musikalische Formprinzip schlechthin. Was wollen wir mehr?

Als Fernando Sor (1778–1839) seine Sonaten schrieb, neigte sich die Hochblüte der Gitarre schon ihrem Ende zu, außerdem war das Instrument, obwohl es sich einer großen Anhängerschaft erfreute, immer noch nicht überall anerkannt. Im Gegenteil: Das Interesse an dem unscheinbaren Zupfinstrument verblasste zunehmend.

In einer Ausgabe der Zeitschrift Revue Musicale (III, 1828, S. 40), herausgegeben von François-Joseph Fétis (1784–1871), nannte ein Kritiker das Problem beim Namen: „Ce dernier morceau, presque toujours écrit à quatre parties, offre une harmonie pure, élégante, et nous a paru être d’une exécution fort difficile. Mais nous avons regretté que le son de l’instrument ne fût pas plus nourri. M. Sor nous semble avoir trop négligé cette partie essentielle d’un instrument trop peu sonore par lui-même.“ Die Argumentation ist nicht neu. Gesagt wird, Monsieur Sor habe sauber und elegant gespielt, leider aber ein zu leises Instrument für seine Darbietungen ausgewählt. Das ist zweihundert Jahre her, stammt also aus einer Zeit, als von Lärmüberflutung noch keine Rede war!

Beethoven fuer zwei GitarrenBeethoven for Two Guitars
Musik von Ludwig van Beethoven
John Schneiderman und Hideki Yamaya Guitars
Vorbereitung des Notenmaterials und Kommentare von Alexander Dunn
Erschienen 2017
HÄNSSLER Classic PH17029, im Vertrieb von NAXOS
… unverkrampft mit Lust und Liebe gespielt …

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Beethoven für Gitarre? Klar, er selbst hat niemals für das Instrument komponiert, aber schon zu Lebzeiten des Bonners haben Gitarrenbegeisterte seine Stücke adaptiert. Carulli gehörte dazu, auch Ivan Klinger, Vincenz Schuster und andere. Und natürlich haben sich die Gitarristen Werken angenommen, die irgendwie auf ihrem Instrument darstellbar waren … oder auf zweien davon. Und sie haben Kompositionen ausgewählt, die bekannt waren, für die also Nachfrage bestand.
Das Rondo für zwei Gitarren von Ivan Klinger [auf der CD: Nº 2] geht auf ein Stück Beethovens für Violine und Klavier [WoO 41] zurück, in mehreren anderen Stücken nehmen die Bearbeiter aber erwartungsgemäß auf Klavierstücke Bezug … erwartungsgemäß, weil das Klavier als Hausmusikinstrument sehr verbreitet war und damit auch Beethovens Klaviermusik bzw. Klaviermusik überhaupt.
„Variations and Rondo, op. 155“ von Ferdinando Carulli [auf der CD: Nº 4] ist in der Erstausgabe von 1822 so überschrieben:

Andante Varié et RONDEAU | Musique de Beethoven | ARRANGÉS | Pour deux Guitares | Par | Ferdinando Carulli

Telemandolin Alon Sariel CDTelemandolin
Alon Sariel, Mandoline; Concerto Foscari
Werke von Telemann, Carl Philipp Emanuel Bach, Carl Friedrich Abel, Johann Friedrich Fasch
Aufgenommen im November 2016, erschienen 2017
Mandoline: Arik Kerman, Tel Aviv; Erzlaute: Marcus Wesche, Trier; Barockgitarre: Dieter Hense nach Antonio Stradivari
Berlin-Classics 0300934BC, im Vertrieb von Edel Classics
… ein zartes, höchst sensibles musikalisches Werkzeug …

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Alon Sariel ist Gründer und heute Leiter des Ensembles Concerto Foscari, das sich speziell um Musik des 17. und 18. Jahrhunderts bemüht … bzw. um Menschen, die als Zuhörer keine oder wenig Erfahrung mit Barockmusik haben: Kinder und Jugendliche zum Beispiel, die Zuhörerschaft von morgen! Das ist ebenso vorsorglich, wie es vergnüglich ist, denn jeder Musiker und jede Musikerin weiß, wie unvoreingenommen positiv junge Menschen an Musik herangehen, die für sie neu ist.

Das Ensemble Concerto Foscari ist für die neue Aufnahme besetzt mit Streichquartett, Taille (französischer Name der Barockoboe), Violone und Cembalo – dazu natürlich Alon Sariel als Solist (Mandoline, Erzlaute, Barockgitarre) und künstlerischer Leiter.

Bergstroem Mats und Georg Riedel CDMats Bergström/Georg Riedel und andere
Água e Vinho: Stücke von Baden Powell, Villa-Lobos, Gismonti, Vinícius de Moraes, Jobim, Chico Buarquem Luiz Bonfa u.a.
Aufgenommen zwischen Januar 2012 und August 2014, erschienen 2016
MBCD 04, Mats Bergström Musik AB

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Alles brasilianische Musik … gespielt von schwedischen Musikern! Die Stücke der Werkzusammenstellung dieser CD gehen auf Chôros zurück, die meisten davon hat Mats Bergström anhand von Plattenaufnahmen arrangiert, die von den Komponisten selbst stammen. Mit dabei sind Georg Riedel, Kontrabass; Jonas Holgersson, Schlagzeug und Perkussionsinstrumente; Sebastian Notini, Perkussion; Magnus Lindgren, Flöte; Fredrik Jonsson, E-Bass; Andreas Hellkvist, Orgel.

Einige der Stücke des CD-Programms kennen wir, die Chôros aus der „Suite Populaire Brésilienne“ von Villa.-Lobos zum Beispiel oder „Água e Vinho“ von Egberto Gismonti … andere weniger: „Águas de Março“ von António Carlos Jobim etwa. Aber alle Stücke der CD kommen einem irgendwie bekannt vor – selbst die, die wir sicher niemals gehört haben. Das liegt keineswegs daran, dass ihre Komponisten nichts als Plattitüden vermarktet hätten, die jeder mitpfeifen kann; auch nicht daran, dass sie vielleicht Material benutzt haben, das von Komponisten vor ihnen schon erdacht und notiert worden ist, keineswegs! Der Chôro an sich ist nur so eingängig und selbst hier in Europa so populär, dass die meisten Zuhörer ihn schon beim Wiedererkennen des Grundrhythmus und der instrumentalen Auslegung zu kennen glauben. Dabei erkennen sie nur das „Muster Chôro“, wie auch das „Muster Flamenco“ und keineswegs die einzelnen Tänze und schon gar nicht deren Schöpfer oder Komponisten. Chôros hört man in jedem Film über Brasilien, Chôros und Sambas begleiten die Berichte über den Karneval in Rio und auch über internationale Fußballbegegnungen. Der Chôro ist Brasilien oder – wie Heitor Villa-Lobos gesagt hat – „Chôro is the true incarnation of Brazilian musical soul“.

Stingl Anton Ausgewählte Werke für GitarreAnton Stingl: Ausgewählte Werke für Gitarre solo
Andreas Stevens, Gitarre
Aufgenommen im Dezember 2012, erschienen 2014
Gitarre: Urs Langenbacher, Sondermodell für Andreas Stevens 2008
AUREA VOX 2014-4
… keine blassen Spielereien, nichts aufgesetzt Virtuoses …

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Anton Stingl (1908–2000) war – auch, wenn ich mit dieser Bemerkung Eulen nach Athen trage – Gitarrist, Hochschullehrer und Komponist. Als Lehrbeauftragter und dann Professor an der Musikhochschule Freiburg hat er nach 1971 zahlreiche Musiker ausgebildet, die später glänzende Karrieren machen sollten; für die wunderbare Sängerin Oksana Sowiak hat er mehrere Zyklen Volkslieder aus aller Herren Länder arrangiert, mit sensiblen Gitarrenbegleitungen versehen und dann auch aufgeführt und eingespielt und schließlich: Anton Stingl hat immer wieder an Ur- und Erstaufführungen von (aus einer Sicht) zeitgenössischen Werken teilgenommen. Und all dies sind nur Beispiele für das, was Anton Stingl interessiert, bewegt und beschäftigt hat. Nebenbei und ohne professionelle Absichten war er noch Bryologe, befasste sich also mit Moosen.

Die CD, um die es heute geht, enthält Stücke von Stingl, die bisher weder veröffentlicht noch eingespielt worden sind. Es hat zwar 1997 zwischen Stingl und dem Rezensenten bzw. seiner Firma, der Gitarre & Laute Verlags GmbH, einen Verlagsvertrag gegeben, die geplante Ausgabe ist aber leider aus verschiedenen Gründen nicht mehr erschienen. Vorher hatte Stingl bei Schott in Mainz verschiedene Ausgaben herausgegeben und sie alle spiegelten wider, welcher Art von Musik und Gitarrenkunst er sich verpflichtet fühlte. Heute noch stehen von ihm bearbeitete „Lieder ohne Worte“ von Mendelssohn im Katalog, Sonaten von Diabelli und Inventionen von Johann Sebastian Bach … keine blassen Spielereien, nichts aufgesetzt Virtuoses, dafür Melodien und überschaubare, dafür aber immer stimmige musikalische Strukturen.

Vivaldi und Bach for Mandolin CDBach & Vivaldi for Mandolin
Virtuoso Concertos transcribed for Mandolin Orchestra
Dorina Frati; Orchestra a Plettro Mauro e Claudio Terroni
Werke von Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi
Aufgenommen Mai –Juni 2015, erschienen 2017
DYNAMIC CDS7787, im Vertrieb von NAXOS
… die bitterste Pille für Musikfreunde …

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Diese Stücke sind oft aufgeführt worden, gerne dabei zu Anlässen wie Abitur- oder Examensfeiern. Ich selbst habe die Solostimme des D-Dur-Konzerts (RV 93) anlässlich der Feier meines Abiturs gespielt … Solo- und Orchesterstimmen sind spieltechnisch auch in der Aufregung eines solchen Tages zu bewältigen und ein „Orchester“ lässt sich rasch und preiswert auf die Beine stellen. Neben der Solostimme braucht man nur noch zwei Geigen und b.c. … und außerdem: Diese Musik kennt buchstäblich jeder! Nicht, weil sie zum Weltkulturerbe zählte (vielleicht tut sie das sogar!) oder immer und überall aufgeführt würde (das stimmt sicher!), nein, aber Vivaldis Konzerte mit Laute oder Mandoline dienten als Soundtrack zu „Kramer vs. Kramer“, dem Filmdrama mit Dustin Hoffman und Merryl Streep. Es hat fünf Oskars bekommen, ist für vier weitere nominiert worden und die Musik, die den Film begleitet hat, ist jedem präsent.

Petrucci Intavolature di Liuto CDMarco Dall’Aquila: La Battaglia
Sandro Volta, Renaissance-Laute
Zweiter Lautenist bei zwei Stücken „a due liuti“: Fabio Refrigeri
Aufgenommen 2015, erschienen 2016
6-chörige Laute: Ivo Margherini
BRILLIANT CLASSICS 95261

Marco Dall’Aquila: Music for Lute
Sandro Volta
Aufgenommen im April 2013, erschienen 2014
Laute: Ivo Margherini
BRILLIANT CLASSICS 94805

Petrucci: Intavolature di Liuto
Spinacino, Dalza, Bossinensis
Sandro Volta, Renaissance-Laute
Aufgenommen im Januar 2017
BRILLIANT CLASSICS 95262
… Er spielt „geradeaus“, ohne große Extravaganzen …

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Dall Aquila 2 VOLTADall Aquila 1 VOLTAOttaviano Petrucci war Drucker und Verleger in Venedig. Er war der Erste überhaupt, von dem uns Lautentabulaturen und Werke in Mensuralnotation – mit beweglichen Lettern gedruckt – überliefert sind. Speziell für Lautentabulaturen hatte er ein „privilegio“, eine Art Patent, das er 1498 bei der „Serenissima Signoria“, der höchsten juristischen Instanz Venedigs, beantragt und noch im gleichen Jahr erhalten hatte: „Cum privilegio invictissimi Dominii Venetiarum quod nullus possit imprimere intabulaturam lauti. ut in suo privilegio continent“. Außer ihm durfte also (mindestens in der Republik Venedig) niemand Lautentabulaturen drucken.

Schon vorher hatte Petrucci ein Privileg für den Druck von Ausgaben in Mensuralnotation (cantus figuratus) erhalten, danach hat er mehrere Auflagen der wichtigen Quelle „Harmonice Musices ODHECATON“ herausgebracht. Was Petruccis Lautentabulaturen angeht, sind drei Lautenisten als Komponisten und Herausgeber zu nennen: Francisco Spinacino (zwei Bücher, beide 1507), Joan Ambrosio Dalza (ein Buch, 1508) und Franciscus Bossinensis (zwei Bücher, 1509 und 1511). Die Bücher von Bossinensis enthalten nur zum Teil solistische Lautenstücke (in beiden Bänden Ricercari), und überwiegend Gesänge mit Lautenbegleitung (Mensuralnotation und Tabulatur). 1508 soll außerdem das Lautenbuch eines gewissen „Giovan Maria“ erschienen sein, von dem allerdings kein einziges Exemplar überliefert ist. Das einzige im Besitz der Biblioteca Colombina  in Sevilla gilt als verschollen.

Paris Buenos Aiores BeleninovEvgeny Beleninov: Paris Buenos Aires
Werke von Astor Piazzolla und Heitor Villa-Lobos
Aufgenommen im August 2016, erschienen 2017
Gitarre: Curt Claus Voigt
BarteltMusic 4 250953 200057, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… mit Expressivem aus Buenos Aires und mit ebenso virtuosen wie klangbewussten Stücken aus Paris …

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Warum Paris und warum Buenos Aires? Die Werkzyklen dieser CD sind erstens „Las Cuatro Estaciones Porteñas“ von Astor Piazzolla und zweitens „Douze Études de Concert“ von Heitor Villa-Lobos. Porteños werden in der spanischen Sprache Leute genannt, die in einem puerto geboren sind – in einer Hafenstadt … in Argentinien speziell in Buenos Aires und in Uruguay in Montevideo. Mit dem Adjektiv porteño oder porteña wird alles bezeichnet, was mit der jeweiligen Hafenstadt in Verbindung steht … der Titel des Werks von Piazzolla heißt also übersetzt „Die Vier Jahreszeiten von Buenos Aires“.

Die „Douze Etudes“ für Gitarre (übrigens nicht „Douzes Etudes“!) hat Villa-Lobos in Paris geschrieben, wo er in den Jahren zwischen den Weltkriegen lebte. Damit hat sich der Bogen Paris – Buenos Aires geschlossen, hätte Paris nicht im Leben beider Komponisten eine gewisse Rolle gespielt. Auch Piazzolla hat in der Stadt gelebt, die als „Hauptstadt Europas 1789–1914“ bezeichnet worden ist (Johannes Willms, München. 1988). Er hat dort bei Nadia Boulanger (1887–1979), der großen Kompositionslehrerin, studiert, bei der neben ihm auch Aaron Copland, Philipp Glass und viele andere Kollegen erstes Ranges ihr Handwerk erlernt haben.

Periquil CDEl Periquín: Peter Kalb
Classical Impressions
Werke von Barrios, Tárrega, Bach, Rodrigo und vor allem „El Periquín“
Aufgenommen im Herbst 2015, erschienen 2016
8 71989 290424, Eigenvertrieb
… Gewonnen haben sie an Banalität …

Der Gitarrist Peter Kalb spielt unter seinem spanischen Pseudonym „El Periquín“ Flamenco. Alles gut … wären da nicht die freien Bearbeitungen von klassischen Stücken, die ausnahmslos von „El Periquín“ stammen und die er auch auf der aktuellen CD spielt. Wenn er dort „Recuerdos de la Alhambra“ vorträgt, ist das keineswegs das Stück von Francisco Tárrega, das wir alle kennen, auch die „Violin Sonata in E minor BWV 1023“ hat nur wenig mit dem Stück zu tun, das wir von Gitarristen und natürlich von Geigern oft gehört haben. Wieso? Natürlich hat „Periquíns“ Stück „Concierto de Aranjuez“, um ein weiteres Beispiel zu nennen, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem „Concierto de Aranjuez“ von Joaquín Rodrigo und durchaus finden wir auch die anderen Stücke, die mit bekannten Namen in der tracklist stehen, in den Kompositionen auf der CD wieder. Bei „El Periquín“ sind sie allerdings neu arrangiert und gemischt, kontrapunktisch ergänzt … reicher, bunter oder interessanter sind sie dabei allerdings nicht geworden. Aber sie haben gewonnen: an Banalität und künstlerischer Vorhersehbarkeit nämlich.

Etwas über „El Periquíns“ Vita in Erfahrung zu bringen, ist schwierig. In einer kurzen Biographie berichtet die Foundation Paul van Kemenade, er habe seit seinem zwölften Lebensjahr Flamenco gespielt. In den achtziger Jahren ist er dann nach Spanien umgezogen, wo er mit den Flamenco-Gitarristen Manolo Sanlúcar und Rafael Cañizares weitergearbeitet hat.

Smits Raphaella Guitar Recital DCDRaphaella Smits: Guitar Recital
Werke von Ponce, Barrios, Mompou
Aufgenommen im Dezember 2016
Gitarre: John Gilbert 1980
ACCENT SR 1084, im Vertrieb von Note-1
… außerordentlich klangsensible Musikerin …

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Das Programm dieser CD beginnt mit einem Kuriosum des 20. Jahrhundert, der Weiss-Suite, die Manuel Maria Ponce (1882–1948) komponiert hat. Kurios ist an diesem Stück erstens, dass ein Komponist und einer der von ihm favorisierten Interpreten, Andrés Segovia nämlich, eine umfangreiche Komposition als von einem anderen Komponisten stammend ausgegeben haben. Der angebliche Schöpfer des Werkes, so ist kolportiert worden, sei Silvius Leopold Weiss (1687–1750) gewesen, ein Tonschöpfer, der rund zweihundert Jahre vor Ponce gelebt hat. Segovia hat diese Suite von Weiss in Konzerten gespielt und er hat auch eine Plattenaufnahme des Stücks bei der Deutschen Grammophon veröffentlicht. Die erste gedruckte Ausgabe des Werks ist schließlich – herausgegeben von José de Azpiazu – 1954 erschienen und zwar mit diesem Vorwort:

J’ai écrit le manuscrit de la présente édition de la merveilleuse SUITE EN LA MINEUR (pas en la majeur) de S. L. Weiss en 1940 après làvoir écoutée plusieurs fois sur disque His Master’s Voice interprétée par Maestro Andres Segovia. Je me suis servi de ce disque parce qu’il m’était impossible de trouver une ancienne édition de cette oeuvre. Je sais que d’autres guitaristes comme Sainz de la Maza, Alfonso, Garcia de la Mata, Abloniz etc. ont agi de la mème façon; nous tous avons eu le désir de donner au public le possibilité de jouer cette oeuvre géniale de S. L. Weiss.“ [Genève, le 18. Janvier 1958. José de Azpiazu]

Jorge Morel CD NAXOSJorge Morel: Guitar Music
Celil Refik Kaya
Aufgenommen im September 2015, erschienen 2016
Gitarre: Garrett Lee, New Jersey, USA
NAXOS 8.573514
… Sein souveräner Umgang mit seinem Instrument, der Gitarre, hat ihm das ermöglicht. …

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Jorge Morel ist einer der Gitarristen, die immer schon irgendwo zwischen Klassik, Folklore und Barmusik angesiedelt waren … und das – bitteschön! – ist nie und nimmer negativ oder irgendwie abfällig gemeint, keineswegs! Ich habe Jorge vor vielen Jahren in New York kennengelernt und er war mir ein ebenso exzellenter Berater, wie er ein wunderbarer, amüsanter und inspirierender Gesprächspartner.

Jorge Morel wurde am 9. Mai 1931 in Buenos Aires geboren – vor fast 86 Jahren – und damit ist er ein Zeitgenosse und natürlich Landsmann von Eduardo Falú (1923–2013), den ich das Glück hatte, recht gut zu kennen. Falú hat gesungen und konnte damit politisch deutlich aktiver agieren, als sein Zeitgenosse – Jorge Morel hat Argentinien früh verlassen und sich in New York niedergelassen, wo er im Jazz eine neue musikalische Heimat fand. Musiker wie Erroll Garner, Stan Kenton und besonders Chet Atkins waren dort seine Mentoren und musikalischen Partner. Jorge Morel machte eine internationale Karriere im Jazz und auch als klassischer Gitarrist und Komponist … oder sagen wir besser „als klassisch/populärer“ Gitarrist und Komponist? Seine Musik hatte immer eine leichte oder manchmal auch stärkere Neigung in Richtung Jazz oder Argentinischer Folklore und genau das haben Interpreten und Zuhörer sehr an ihr geschätzt. Kompositionen von Jorge Morel sind von vielen Interpreten gespielt und aufgenommen worden, unter ihnen ausgewiesene „Klassiker“ wie Eliot Fisk, David Russell Raphaella Smits oder jetzt Celil Refik Kaya.

Nicola Montella Sonata CDNicola Montella: Sonata
Werke von Paganini, Llobet, Coste, Ginastera, Scarlatti
Aufgenommen im Juni 2015 und Juni 2016
Gitarren: Alessandro Marseglia (2013) und Paco Santiago Marín (2016)
dot.Guitar G 1503
… Und doch gilt dieser Debüt-CD unsere Gratulation! …

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Sonaten werden gespielt – Kantaten werden gesungen! Nach dieser schlichten Formel (abgeleitet von lat. „sonare“ und „cantare“) unterschieden sich die beiden musikalischen Genres – aber so einfach sollte es nicht bleiben. Als sich nämlich das Generalbasszeitalter seinem Ende zuneigte und die Musiker auf das hinarbeiteten, was wir heute mit „Klassik“ bezeichnen, kristallisierte sich eine musikalische Form heraus, die ziemlich lange in der Instrumentalmusik beherrschend bleiben sollte und auch sie wurde „Sonate“ genannt. Die zyklische klassische Sonatenform ist gemeint, die sich in veränderter Form in der Sinfonie wiederfindet und schließlich auch im klassischen Solokonzert.

Nicola Montella hat Sonaten unterschiedlichster Prägung für seine Debüt-CD zusammengestellt und beginnt mit einer von Niccolò Paganini, die Manuel Barrueco 1980, zu einer Zeit also, als es noch keine CDs gab, aufgenommen hat. Sie ist (nicht zeitlich, aber formal) noch weit entfernt von der klassischen Sonate aber Maestro Paganini, der Jahrhundertgeiger, hat es auch hier verstanden, Violine und Gitarre (für diese beiden Instrumente ist die Sonate ursprünglich geschrieben) auf blendende Art in Szene zu setzen. Nicola Montella spielt Barruecos Transkription des Stücks für Gitarre solo.

Carnival CD Rezension BILDCarnival
Nazrin Rashidova, Violine; Stanislav Hvartchilkov, Gitarre
Werke von Johan Halvorsen (1864–1935), Mozart, Bizet, Johann Sebastian Bach, Elgar
Aufgenommen im Juli 2015, erschienen 2016
Gitarre: Kevin Aram
Firsthandrecords FHR 48, im Vertrieb von Challenge Records
… einerseits höchst diszipliniert, andererseits geniale Improvisatoren …

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Ein Vergnügen! Die Geigerin Nazrin Rashidova und der Gitarrist Stanislav Hvartchilkov spielen ein Programm mit dem Titel „Carnival“. Und was wird geboten? Natürlich keine Schlager zwischen Willi Ostermann und Brings, sondern klassische Kompositionen, die eine irgendwie geartete Beziehung zum Karneval haben. In Köln wird in solchen Konzerten, die dann Überschriften wie „Klassik jeck“ tragen, gerne etwas von Jacques Offenbach gespielt, der bekanntlich 1819 hier geboren wurde, oder die Ouvertüre zu Verdis Oper „Maskenball“. Aber das sind nur Beispiele, das verfügbare Repertoire ist groß.

Nicht so für die Besetzung Violine und Gitarre! Das CD-Programm enthält: eine Passacaglia (in g) von Johann Halvorsen (1864–1935), ein Adagio (in E) von Wolfgang Amadeus Mozart, zwei Carmen-Suiten von Bizet, den Choralsatz „Ich ruf zu dir Herr Jesu Christ“ von Johann Sebastian Bach, Variationen über „Carnival de Venice“ und „Salut d’amour“ von Edward Elgar. Zugegeben, das einzige Stück mit einer echten Beziehung zum Karneval sind die Variationen über „Carnival de Venice“, die sich auf die Neapolitanische Canzonetta „O cara Mamma mia“ beziehen, die schon Reinhard Keiser (1674–1739) in seinem Singspiel „Der angenehme Betrug oder der Carneval von Venedig“ verwendet hat – hier bekannter unter dem verballhornten Titel „Mein Hut, der hat drei Ecken“. Zahlreiche Variationssätze für alle möglichen Instrumente sind über dieses Liedchen geschrieben worden, einer darunter von Francsico Tárrega mit dem Titel „Carnaval de Venecia – Introducción y Variaciones sobre un tema de Paganini“.

Kaiser Schmidt Guitar Duo CDKaiser Schmidt Guitar Duo
Jessica Kaiser, Jakob Schmidt, Gitarren
Werke von Granados, Piazzolla, Fauré und Bogdanović
AureaVox 2017–1
… Jessica und Jakob haben jedenfalls eine wunderbare Debüt-CD vorgelegt. Chapeau! …

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Wieder einmal eine Debüt-CD, die mit tonnenschwerem Repertoire aufwartet – ein Widerspruch … aber doch nur scheinbar!
Gut erinnere ich mich an die Zeit, als Piazzolla die „Tango Suite“ für Sergio und Odair Assad schrieb und das Stück anfänglich als kaum zu bewältigen galt. Das war Mitte der achtziger Jahre – 1984/1985, um genau zu sein. Sergio erzählte mir schon 1988 in einem Interview (Gitarre & Laute X/1988, H. 6, S. 12): „Nimm zum Beispiel den Wettbewerb für zwei Gitarren in Montelimar. In diesem Jahr war schon die Tango-Suite von Piazzolla Pflichtstück – im nächsten Jahr ein Stück von Gnattali.“ Das heißt nicht nur, dass Gitarrenduos gierig neues Repertoire aufnahmen, sondern auch, dass sie immer weitergehend in der Lage waren, es zu spielen … und damit meine ich nicht nur das spieltechnische Beherrschen, sondern auch den angemessenen musikalischen Umgang mit der „neuen“ Musik. 1971 und 1974 waren Julian Bream und John Williams als Duo mit zwei Platten namens „Together“ und „Together again“ herausgekommen und hatten mit Repertoire-Standards zwischen Carulli und Granados noch brilliert. Irgendwie signalisierte die „Tango Suite“ mehr als zehn Jahre später aber einen Repertoirewandel … und der hat sich fortgesetzt. Nicht, dass Carulli und Granados nicht mehr gespielt würden, nein, aber andersdimensionierte Werke stehen heute im Mittelpunkt der Arbeit von Gitarrenduos.