Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

blog sor 300x2171[Der folgende Beitrag ist in Gitarre & Laute ONLINE XXX/2008/Nº 2, S. 4-6 zu finden. Die dort veröffentlichte Version des Textes ist die verbindliche und zitierbare und unterscheidet sich unter Umständen in Details von dieser Version.]

Schade, dass Beethoven oder Mozart nicht für Gitarre komponiert haben, hört man immer wieder, dann wäre das Instrument heute überall anerkannt. Danach werden dann die großen Komponisten aufgezählt und zitiert, die für Gitarre geschrieben oder sich mindestens löblich über das Instrument ausgelassen haben. Legenden werden aufgezählt, die von Gitarrenliebhabern in die Welt gesetzt worden sind und seitdem unausrottbar durch die Literatur geistern, etliche davon sind von Andrés Segovia und stehen in allen Büchern vom Maestro und über ihn. Aber zum Glück gibt es ja „Gitarren-Publizisten" und „Gitarrologen", die mit den Halbwahrheiten aufräumen. „Gitarrologen"? Termini wie dieser sind immer gern von denen in die Welt gesetzt worden, die sich „ernsthaft" und „wissenschaftlich" mit der Gitarre und ihrer Musik befasst haben. Das Fach hieß dann „Gitarristik" und man verbrämte Halbwissen mit wissenschaftlichem Gehabe und aufgesetzter Diktion. Oder man setzte wüste Andeutungen in die Welt, spielte die Rolle des allwissenden Weltverbesserers ... ohne Argumente aber mit viel ausladender Geste. Kurz: Die Gitarre wird von der etablierten Musikwissenschaft (immer schon) stiefmütterlich behandelt ... mit dem Erfolg, dass sich Dilettanten (von lat. delectare: erfreuen, ergötzen) zu Fachleuten erklären und ungestraft Dinge behaupten oder in Frage stellen.

alex ramirez web gross 300x160Achtzig Jahre ist er geworden, der Künstler Antonio Máro und weder ihm noch seinen Bildern, Skulpturen und Zeichnungen sieht man das an. Chapeau! Nun werden anlässlich des Geburtstages hie und dort Máro-Ausstellungen veranstaltet. Im belgischen Eupen zum Beispiel, der Wahlheimat des Peruaners, und in Köln. Dort hält die Galerie Reitz in der kunstnahen St. Apern-Straße (www.galerie-reitz.com) noch bis Mitte Januar 2009 eine Auswahl an Werken des vielfach ausgezeichneten lateinamerikanischen Malers bereit, expressive, mittelformatige Sinfonien in Farben. Sehr flächig und ostentativ, fremd und doch in ihrer Einfachheit und Direktheit vertraut. Besuche an beiden Orten, in Eupen, ein paar Kilometer von Aachen entfernt, und in Köln, sind auf jeden Fall zu empfehlen … obwohl "multimediale Vergnügungen", welche die Künstler der Familie Antonio Máros auch bieten, für die nächste Zukunft erst einmal nicht auf dem Programm stehen.

Antonio Máro hat zwei Söhne, der eine heißt Rafael Ramírez, der andere Alexander Sergei Ramírez … und hier ist die Erklärung dafür, dass dieser Bericht in einem Blog namens "GL-Blog" erscheint. Rafael ist bildender Künstler wie sein Vater und arbeitet auch mit ihm zusammen und Alexander ist Gitarrist – zusammen mit Joaquín Clerch Professor an der Düsseldorfer Hochschule und somit Nachfolger von Maritta Kersting. Am 4. Dezember spielte Alexander ein Soloprogramm in den Räumlichkeiten der Galerie Reitz, inmitten der Bilder seines Vaters und auch ihm zu Ehren.Alexander Ramírez spielte vor einem Publikum, das anders besetzt war, als das sonst bei Gitarren-Recitals üblich ist. Hier saßen keine Kollegen vor dem Musiker, hier waren es Kunstfreunde. Alle handverlesen und eingeladen durch die Galeristen. Das heißt, hier konnten auch Schlachtrösser wie Carlo Domeniconis "Koyunbaba" präsentiert werden, ohne damit erfahrenen Gitarren-Hörern auf die Nerven zu gehen. Ramírez erreichte im Gegenteil mit "Koyunbaba" das Gewollte: Begeisterung und bewundernde Blicke ob seiner Virtuosität.

leo nachruf 150x300 75x150Wenn man über Jahre in der Gitarrenwelt zuhause ist, lernt man viele Menschen kennen: Musiker und solche, die es werden wollen; Komponisten; Redakteure; gescheite und weniger kluge Menschen; kultivierte und tumbe Weltenbürger; Leute, zu denen es einen hinzieht und solche, um die man einen großen Bogen macht. Und wenn man professionell die Gitarrenwelt bereist, hat man nicht einmal die Wahl, den einen oder anderen zu mögen oder nicht zu mögen ... schließlich sitzt man im selben Boot!

Aber man hat Meinungen und Präferenzen, auch wenn man die nicht gleich jedem zu erkennen gibt. Es gibt Musiker, die man immer schon bewundert hat und noch immer bewundert, weil sie einen mit dem einen oder anderen Konzert berührt haben, oder mit einer Platte, die man irgendwann gehört und die einen fasziniert hat. Es gibt Menschen, die einem aufgrund ihres abgeklärten Urteils imponieren und die man deshalb immer wieder gern sieht. Hier ist es eine eher sachliche, intellektuelle Ebene, auf der man sich trifft. Es gibt Kollegen, die mit einem universalen Wissen aufwarten, das fächerübergreifend wirkt und Phänomene miteinander in Verbindung bringt, die man vielleicht nie im Zusammenhang gesehen hätte ... und freilich gibt es Menschen, deren Gesellschaft man sucht, weil sie amüsant erzählen können; die viel erlebt haben und ihre Erfahrungen gern weitergeben ohne damit Indiskretionen zu begehen.

Vor zwei Tagen erreichte mich die Anzeige, dass ein Freund viel zu früh verstorben ist, dem ich mehr als gern auf meinen Gitarren- und auch sonstigen Reisen begegnet bin: O. Univ.-Prof. Dr. Leo Witzoszynskyj starb am 1. Oktober 2008 in Graz.

Helmut C. Jacobs, Der Schlaf der Vernunft. Goyas Capricho 43 in Bildkunst, Literatur und Musik, Basel 2006, Schwabe Verlag, € 84,--, ISBN 3-7965-2261-0

Dass Bücher von Helmut C. Jacobs hier in zwei aufeinander folgenden Ausgaben von Gitarre & Laute-ONLINE besprochen werden, geschieht aus unterschiedlichen Gründen. Das Erste, in Ausgabe XXX/2008/Nº 3-4, war entstanden wegen des Autors heimlicher Leidenschaft für das Akkordeon. Giulio Regondi, von ihm handelt das Buch, (1822/1823-1872) hatte, als es mit der Gitarre immer schlechter bestellt war, mit fliegenden Fahnen das Lager zur Concertina gewechselt. Auch da war er sehr erfolgreich, auch da feierte er Triumphe! So, über Regondis Wechsel zur Concertina, war Helmut C. Jacobs' Buch für eine Zeitschrift namens Gitarre & Laute-ONLINE interessant geworden. Jacobs, das nebenbei bemerkt, lehrt hauptberuflich als Professor für Romanische Philologie an der Universität Duisburg/Essen. Das heute behandelte und zu würdigende Buch hat zur Musik und da speziell zur Musik für Gitarre oder für Laute eine weniger direkte Beziehung als das über Regondi. Obwohl ... hier in Gitarre & Laute ist schon eine mehrteilige Artikelfolge über Mario Castelnuovo-Tedescos Komposition über die Caprichos de Goya erschienen. Das war zwischen 1991 und 1994 und die Beiträge stammten von Lily Afshar. Den über das Blatt „43" finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Gitarre & Laute-ONLINE zu Ihrer Erinnerung, ebenso bisher unveröffentlichte Anmerkungen zu den verfügbaren CD-Einspielungen der „Caprichos". Im vorliegenden Buch befasst sich Helmut C. Jacobs mit den Caprichos von Francisco José Goya y

Ein Volksmusikinstrument für Jedermann, nach 40 Jahren Vergessenheit ans Licht geholt

Vor ungefähr dreieinhalb Monaten ging es mir wahrscheinlich genau wie Ihnen: Stössel? Nie gehört.

Die beruflich Neugier war geweckt. (Bezüglich des Instruments meines Bekannten fand ich heraus, dass Stössel nicht der Erbauer war, aber das ist eine andere Geschichte). Was war das für ein Mann, dieser Stössel, von dem niemand etwas wusste, der aber doch einmal einen großen Bekanntheitsgrad gehabt haben musste, wenn alle Kölner Volksschüler auf seinen Instrumenten spielten? Was war das Besondere an seinen „Lauten“? Gab es vielleicht noch Zeitzeugen die etwas über Stössel wussten? Warum sprach heute kein keiner mehr davon, und warum war er damals aktuell? Auf der Suche nach Stössel ging ich diversen Fährten nach, führte Interviews, telefonierte durch die ganze Republik, und hatte eine gehörige Portion Glück dabei, denn die Spuren Stössels sind heute tatsächlich fast völlig verwischt.

Stoessel Fronlei DUPLEXFoto: Eine Mädchengruppe mit Stössel-Lauten bei einer Fronleichnamsprozession in Köln. Was haben der Oberstudienrat Max Erben aus Köln-Rodenkirchen, Margarete Will aus Köln-Kalk, der ehemalige Musiklehrer Hermann Engeländer in Bergisch-Gladbach, der Instrumentenbauer Wilhelm Monke und Susanne Klas aus Brühl gemeinsam? – Neben ihrem meist fortgeschrittenen Alter die Kenntnis eines Teils der Kölner Musikgeschichte, der heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Die Geschichte der Stössel-Laute und ihres Erbauers Georg Stössel.