Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

CD Egueez ua 300x268Un Concert pour Madame de Sévigné
Werke von Jean-Baptiste Lully, Marin Marais, Robert de Visée, Jacques Hotteterre
Marc Hantaï, Flöte; Georges Barthel, Flöte; Eduardo Egüez, Theorbe; Philippe Pierlot, Bass-Gambe
Aufgenommen im September 2009, erschienen 2011
FLORA 2110, im Vertrieb von CODAEX
… nicht sehr französisch …

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Die Komponisten dieser CD haben gemein, dass sie in Diensten des Sonnenkönigs Ludwig XIV. gestanden haben. Robert de Visée (ca. 1660—1732) war hoch angesehener Gitarrist und Theorbenspieler, Marin Marais (1656—1728) Gambist, Jacques Hotteterre (1674—1763) Flötist und Oboist und Jean-Baptiste Lully (1632—1687) Opernkomponist mit Migrationshintergrund. Er stammte aus Italien stammte und hatte dort Giovanni Battista Lulli geheißen hatte. So viel zu den Komponisten … aber wer war Madame de Sevigné, für die hier musiziert wird?

Françoise-Marguerite de Sévigné (1646—1705) war eine schöne, kunstbeflissene Aristokratin im Dunstkreis des Pariser Hofes Ludwigs XIV. Ihr Name ist uns heute hauptsächlich wegen der Briefe noch bekannt, die ihre Mutter Marie de Sévigné (1626—1696) ihr im Verlauf von 25 Jahren geschrieben hat, und die Privates und völlig Privates aus dem Umfeld des Königs preisgeben und kommentieren.

CD Nyhlin 300x295Karl Nyhlin
The Jacobean Lutenists
Werke von John Dowland, Daniel Bachelor, Philip Rossetter, John Sturt, Robert Johnson
Aufgenommen im Juli 2011
DB PRODUCTIONS dbCD147, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel
… er geht mit den musikalischen Vorgaben konservativer um, als man vielleicht erwartet …

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Unverkennbar schottisch beginnt Karl Nyhlin seine CD. Und unverkennbar englisch sind die Lautenstücke, die folgen. Immer wieder stößt man dabei auf Pretiosen von John Dowland, dem Großmeister der englischen Lautenmusik, Nyhlin hat sich aber bemüht, Werke weniger bekannter Zeitgenossen Dowlands in sein Programm einzubinden und besonders solche, die anonym überliefert sind.

Peter Paeffgen Nikita KoshkinElena Papandreou plays Nikita Koshkin
Megaron Concerto, Guitar Quintet
Singapore Symphony Orchestra, Lan Shui
Hew Hellenic Quartet
Aufgenommen 8/2009, erschienen 2012
BIS Records CD-1846, Vertrieb in Deutschland: Klassik Center Kassel
… ein wirklich goßer Wurf! …

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Elena Papandreou arbeitet schon lange mit Nikita Koshkin zusammen. Schon 2001 hat sie eine CD mit Solowerken des russischen Komponisten aufgenommen (BIS–CD 1236), jetzt eine mit Konzerten für Gitarre und Orchester und mit Kammermusik.

CD Papandreou KoshkinKoshkin schreibt fast ausschließlich Stücke mit Beteiligung seines Instruments, der Gitarre, und ist ursprünglich durch zwei große solistische Werke bekannt geworden: „The Prince’s Toys“ und „Porcelain Tower“.

Aber er ist kein guitarist-composer, keiner zumindest, der aus ihm bekanntem Material neue Stücke zusammenschraubt und auch keiner, der improvisiert, aufschreibt und dann das Geschriebene als Komposition verkauft. Nein, Nikita Koshkin darf sich Komponist nennen … auch, wenn seine frühen Solostücke für Gitarre gespickt waren mit „neuen Spieltechniken“ und Klangeffekten, die nichts anderem dienten, als die den Stücken unterlegten Programme lautmalerisch zu stützen. „The Prince’s Toys“ war Programmmusik im engsten und ursprünglichsten Sinne des Wortes und die Programme wurden zur Sicherheit gleich mitgeliefert … in Form von Satzüberschriften. Aber gut, das ist mehr als dreißig Jahre her! „The Prince’s Toys“ hat Nikita 1980 geschrieben, 1984 den „Usher Waltz“ – er wurde sein vermutlich populärstes Gitarrenstück überhaupt. Der Titel des Walzers nimmt Bezug auf Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „The Fall of the House of Usher“ und schon dieses Stück hat eine weniger direkte Beziehung zu seiner außermusikalischen Vorlage, als etwa „The Prince’s Toys“. Dafür ist der Hinweis auf Poes Vorlage zu diffus und die Geschichte um Roderick Usher weder konkret umrissen noch bekannt genug.

Soundboard XXXVIII 2012 2(Ausgabe hier eingegangen am 27. Juli 2012): Zu den ungeliebten Pflichten jedes Chronisten gehören Nachrufe. Soundboard betrauert den amerikanischen Gitarrenbauer John Gilbert, der am 23. Februar 2012 in Woodside/California gestorben ist.

Die Hall of Fame der Guitar Foundation of America ist dann Thema. Seit 2007 gibt es diese Auszeichnung und jedes Jahr werden neue Mitglieder vorgeschlagen und dann vom Vorstand der Gesellschaft aufgenommen. 2012 sind dies Andrés Seovia (1893—1987), Christopher Parkening (*1947), Brian Jeffery (*1938), Carol Sanders, die langjährige geschäftliche Leiterin der GFA und schließlich der Gitarrenbauer Daniel Friederich (*16. Januar 1932). Die Benennungen der neuen Mitglieder der Hall of Fame der GFA werden begleitet von ausführlichen Biographien.

Es folgt der Hauptartikel der Ausgabe: Some Newly Discovered Letters of Mauro Giuliani: Welcome News from the Bavarian State Library and the Digital Guitar Archives (S. 13—29) von Thomas Heck, Marco Riboni und Andreas Stevens. Die für uns zentrale Informationen des Artikels stammen von Andreas Stevens, der berichtet, dass und wie die Bibliotheksbestände der Sammlung Fritz Walter und Gabriele Wiedemann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind.

Seit langem wird vermutet, dass die ehemalige Gitarristische Vereinigung (GV) in München einen beträchtlichen Besitz an Gitarrenliteratur und anderen Sammelstücken angehäuft hat. 1969 hat Thomas Heck bei den Vorarbeiten zu seiner legendären Dissertation über Mauro Giuliani und seine Musik versucht Zugang zu dieser Bibliothek zu erlangen – ohne Erfolg! Es hatte vorher Versuche gegeben, die Bestände der GV zu katalogisieren – alle waren entweder unvollständig, wie sich später herausstellen sollte, außerdem konnten keine Fundorte nachgewiesen werden. Der Guitarrefreund III/1954/Nº 4 berichtete: „Die äusserst grosse Bibliothek der Git. Vg. wurde schon vor ihrer Auflösung im Jahr 1936 zertrümmert, sodass nur ein verschwindend kleiner Teil an die städt. Musik-Bibliothek der Stadt München übergeben werden konnte, in deren Besitz sich diese Noten auch jetzt noch befinden.“ Der Hauptbestand der Sammlung galt als verschollen, gleichwohl befanden sich tatsächlich Partituren in der Stadtbibliothek in München, die alle den Besitzerstempel „I.G.V.“ trugen: Internationaler Gitarristen Verband.

de Falla ChandosManuel de Falla
Nights in the Gardens of Spain, The three-cornered Hat, Homenajes
Jean-Efflam Bavouzet, piano; Raquel Lojendio, soprano; BBC Philharmonic, Juanjo Mena
CHANDOS CHAN 10694, in Deutschland bei CODAEX

Über eine Einspielung der Klavierversion der "Homenaje" von Manuel de Falla ist hier schon berichtet worden. Jetzt liegt eine neue Aufnahme der Orchesterversion vor, die von dem Komponisten selbst für ein Konzert im Jahr 1939 angefertigt worden ist. De Falla war nach Argentinien ausgewandert und sollte am Teatro Colón in Buenos Aires eine Reihe von Konzerten dirigieren. Dafür stellte er seine Suite "Homenajes" zusammen, für die er auf zwei schon vorhandene Stücke zurückgriff. Eines davon war "Homenaje–Pour Le Tombeau de Debussy". Die Überschriften aller fünf Sätze der Suite:

1. à E. F. Arbós (Fanfare)
2. à Claude Debussy (Elegia de la guitarra)
3. Rappel de la Fanfare
4. à Paul Dukas
5. Pedrelliana

Es ist mehr als aufschlussreich zu hören, wie der Dirigent Juanjo Mena mit dem Stück umgeht. Natürlich finden sich in seiner Interpretation keine Eigenheiten, die bei Gitarristen durch die Idiomatik des eigenen Instruments eingeschleust worden sind. Natürlich finden sich bei ihm die Gitarren- oder Gitarristen-typischen Temposchwankungen nicht, die auf nichts anderes als spieltechnische Eigenheiten zurückzuführen sind. Und natürlich kann ein Dirigent mit einem anderen Portefeuille an Klangfarben operieren, als ein Gitarrist. Die CD ist sehr empfehlenswert … auch, weil ansonsten Stücke vorkommen, die von Gitarristen längst als Eigentum betrachtet werden, eigentlich aber für völlig andere Instrumentierungen konzipiert waren.

Sor Carrer CDFernando Sor: Sonates op. 14 & op. 22, Fantaisies op. 7 & op. 20
Giuseppe Carrer, guitarra Lacôte 1840
Aufgenommen im April und Mai 2009
Tritó TD0085
… so viel hinreißend Schönes …

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Die Sor-CD von Giuseppe Carrer ist zustande gekommen dank einer Förderung durch die „Sociedad Sor de Barcelona“, der Fernando-Sor-Gesellschaft von Barcelona, wo Fernando Sor am 13. Februar 1778 geboren wurde. Besonders dort, in seiner katalanischen Heimat, wird der Gitarrist und Komponist als einer der ganz Großen seines Metiers verehrt und seit einiger Zeit auch von Gitarristen, die der historischen Aufführungspraxis verbunden sind, gewürdigt. Giuseppe Carrer gehört in diese Riege historisch orientierter Musiker, und das belegt nicht nur der Hinweis auf dem Cover, gespielt würde auf einer Gitarre von René Lacôte von 1840.

Katalanisch an dieser Aufnahme sind freilich nur Komponist und Plattenlabel … Giuseppe Carrer ist Italiener und hat bei Ruggero Chiesa in Mailand studiert. Forschungen zur Aufführungspraxis gehören zu seiner musikalischen Arbeit und das zeigt auch der Text, den er seiner Sor-CD beigegeben hat. Dort geht es um „changements“, um die Freiheiten, die Komponisten der Zeit Sors ihren Interpreten gegeben haben. Dionisio Aguado schrieb dazu in seiner Gitarrenschule von 1843: „El ligado, la apoyatura, el mordente, etc. dan un nuevo realce a la exprésión, si se usan oportunamente y no se multiplican demasiado“. Diese gezielt unpräzise Anweisung, man solle Verzierungen bei Gelegenheit aber nicht im Übermaß verwenden, gab den ausübenden Musikern alle Freiheiten und forderte ihren Geschmack … der natürlich heute, rund zweihundert Jahre später, eine in keiner Weise verlässliche Entscheidungsinstanz mehr sein kann. Zu vielen musikalischen Wandlungen hat er sich in der Zwischenzeit beugen müssen. Den Interpreten von heute bleibt nur, alles an Informationen in sich aufzunehmen, was über den musikalischen Geschmack der damaligen Zeit Aufschluss verspricht, und alle Zwänge zu berücksichtigen, die bestimmte interpretatorische Manieren diktieren oder verbieten. Zwänge legt zum Beispiel die Andersartigkeit der damals verwendeten Instrumente auf. Auf einer Lacôte von 1840 kann nicht so beherrschend laut gespielt werden wie beispielsweise auf einer Humphrey heutiger Zeit. Dafür sind Arpeggien auf einer kleineren, alten Gitarre mit größerer Eleganz und Leichtigkeit zu spielen als auf einer unserer Zeit. Die empfindlichen Darmsaiten, dies ist ein weiteres Beispiel, die vor zweihundert Jahren verwendet wurden, konnte man mit Nagel-bewehrten Fingern nicht so aggressiv attackieren, wie wir das mit modernen Nylon- oder Carbon-Saiten gewohnt sind.

Ernesto Cordero Caracas 1998 300x200Ernesto Cordero: Carribean Concertos for Guitar and for Violin
Pepe Romero, Guitar; Guillermo Figueroa, Violin; I Solisti di Zagreb
Aufgenommen zwischen Februar 2009 und Mai 2010, erschienen 2011
NAXOS 8.572707
… Das „Concierto Festivo for guitar and string orchestra“ hat mich nicht überzeugen können …

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Das „Concierto Festivo for guitar and string orchestra“ von Ernesto Cordero war eine Auftragskomposition der Universität von Puerto Rico anlässlich des hundertsten Jubiläums ihrer Gründung. Pepe Romero, dem Solisten auf dieser Aufnahme und auch dem der Uraufführung im Jahr 2003, ist es gewidmet.

Carribian Concertos CD 150x150Ernesto Corderos musikalische Sprache ist neo-neomantisch, sein Formenrepertoire traditionell … jedenfalls, was das einleitende Gitarrenkonzert angeht. Im Kopfthema kämpft ausgerechnet der Solist mit Ereignislosigkeit … und zwar einen Kampf, den er mit wüsten Arpeggien und Rasgueados zu gewinnen versucht. Ohne Erfolg! Was aber nicht heißt, dass die Gitarre in diesem Konzert, das immerhin von einem Gitarristen komponiert worden ist, nichts zu sagen bekommen sollte. Das Lyrische, weder flamencoid noch karibisch synkopiertes Flair ist hier eher ihre Sache.

Adagio con passione, der zweite Satz, kommt der Gitarre viel weiter entgegen, und doch kann sie auch hier ihre Stärke nicht ausspielen. Dafür reicht das melodische Material nicht aus. Der Solist rettet sich wieder in exstatische Akkordreihen … auch in lyrische Passagen, die sein Instrument im rechten Licht erscheinen lassen. Und gerade das, das rechte Licht, wird der Gitarre immer erst dann zuteil, wenn das Orchester im „Concierto Festivo for guitar and string orchestra“ weitgehend zurückgenommen wird, zum Statisten degradiert. Das ist ein probates Mittel, um das klangliche Gleichgewicht zwischen der zarten Gitarre und dem viel kräftigeren Orchester auszugleichen. Rasgueado ist auch eines, aber beide sind musikalische Bankrotterklärungen. Im Adagio jedenfalls ist das Orchester immer dann, wenn die Gitarre ihre Stärken ausspielt, nicht vorhanden.

Izhar Elias CD 562x550Izhar Elias: Hommage à Debussy
Spanish and French Guitar Music from Paris
Werke von de Falla, Rodrigo, Henri Sauget, Turina, Poulenc, Tansman, Villa-Lobos
Aufgenommen im August 2011, erschienen 2011
Brilliant Classics 9246
… eine kluge und originelle Werkauswahl …

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Izhar Elias ist ein neues Gesicht in der Gitarrenszene … für mich jedenfalls! In Amsterdam ist er 1977 geboren, ein Youngster ist er also nicht mehr, und dies ist auch schon seine zweite CD bei Billiant Classics. Die erste enthielt Giuliani-Arrangements von Nummern aus Rossini-Opern, der Ouvertüre zu „Serimamide“ zum Beispiel.

Hier nun sind Stücke zu einem Programm zusammengestellt, die jeder Gitarrenmusik-Hörer kennt. Erstens sind sie fast alle für den Gitarren-Superstar aller Zeiten komponiert worden und zweitens hat Segovia einige davon auch tatsächlich gespielt und bekannt gemacht. Sie sind alle in Paris entstanden und Paris war damals, die Rede ist von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Kulturhauptstadt Europas, wenn nicht gar „the cultural capital of the world“, wie Izhar Elias im Booklet seiner CD meint. In Paris schlug der Puls der künstlerischen Avantgarde, in Paris trafen sich die Künstler und Denker der Zeit, in Paris wurden die Weichen für die künstlerische Entwicklung gestellt. Picasso (1881—1973) traf Strawinsky (1882—1971), Satie (1866—1925) traf Debussy (1862—1918), Villa-Lobos (1887—1959) traf Segovia (1893—1987) und Sartre (1905—1980) traf Django Reinhardt (1910—1953). Dann machten zwei Weltkriege dem Ganzen ein Ende. Die Welt hielt den Atem an.

Carlos PÃrez2005 NEU 600x405Dos Conciertos Latinoamericanos
Antonio Lauro – Leo Brouwer
Carlos Pérez, Guitarra, Orquesta de la Universidad de Santigo de Chile, Alejandra Urrutia
Aufgenommen im November 2011 (Brouwer) und Januar 2012 (Lauro), erschienen 2012
Prodimus PDM 1070
… souverän! …

Die beiden Konzerte, die Carlos Pérez hier eingespielt hat, hört man nicht oft. Vor allem das Concierto Nº 1 para guitarra y orquesta von Antonio Lauro wird selten gespielt – aber auch das Concierto Elegíaco von Leo Brouwer, 1986 geschrieben und im Juli 1987 vom Widmungsträger Julian Bream zusammen mit dem RCA-Victor-Chamber Orchestra unter Leo Brouwer eingespielt, steht selten auf den Konzertprogrammen. Von dem Lauro-Konzert soll die vorliegende Einspielung von Carlos Pérez sogar erst die zweite überhaupt sein, so schreibt der exzellente Kenner der Materie Alejandro Bruzual aus Caracas. Es ist die dritte – man verzeih mir diese kleinliche Korrektur! Alirio Díaz hat das Konzert als Erster aufgenommen (Vanedisco VD 2138), dann aber auch noch Miloslav Matousek auf Panton 8111 0318. Es stammt schon aus dem Jahr 1956, ist im gleichen Jahr vom Komponisten als Solist uraufgeführt worden und Alirio Díaz gewidmet.

Es ist erstaunlich, dass das Konzert von Antonio Lauro (1917—1986) eine nur so geringe Akzeptanz gefunden hat, wo doch die Solowerke des Komponisten eine Zeitlang zu den populärsten lateinamerikanischen Schmankerln überhaupt gehört haben. Wenn ich an „Seis por derecho“ denke oder an „El Marabino“, dann sind sie in den achtziger Jahren nicht nur als Zugaben fast überstrapaziert worden. Aber das Konzert?

Buchtitel Hackl1 400x592Stefan Hackl, Die Gitarre in Österreich: Von Abate Costa bis Zykan. Innsbruck u.a., Studien Verlag, 2011, ISBN 978—3-7065-4980-6, €34,90

1970 wurde an der Yale University in New Haven/Connecticut ein Kandidat aufgrund seiner Dissertation mit folgendem Titel zum Doctor of Philosophy promoviert: „The Birth of the Classic Guitar and its Cultivation in Vienna, reflected in the Career and Compositions of Mauro Giuliani (d. 1829)“. Diese bahnbrechende Arbeit gab der Forschung rund um Gitarre und Gitarrenmusik des 19. Jahrhunderts wesentliche neue Impulse und sie befasste sich mit so etwas wie dem Beginn nordeuropäischer Akzeptanz, was die Gitarre anging. Die „neue“ Gitarre mit sechs einzelnen Saiten, gerade ein paar Jahre vor der Jahrhundertwende erfunden, gewann um 1800 in Ländern große Popularität, in denen ihre Vorgängerinnen, die fünfchörige „Barockgitarre“ zum Beispiel und deren um einen Chor erweiterte Variante, keine Rolle gespielt hatten … ja, wo sie sogar verpönt waren.

Zum Beispiel in Österreich: Thomas F. Heck, der Autor der genannten Dissertation von 1970, nennt Wien schon im Titel seines Werks als einen Ort, an dem die neue Gitarre entwickelt worden ist. Aber Wien war damals Hauptstadt der „Donaumonarchie“ – bestehend aus Österreich, Ungarn, Tschechien, der Slowakei, Kroatien und anderen Regionen. Dort, im Habsburger-Reich, waren die älteren, chörigen Gitarren auch vor 1800 schon durchaus in Benutz gewesen. Stefan Hackl nennt den Böhmen Johann Anton Losy (ca. 1643—1721), dessen Name man nicht nur durch Karl Scheits Ausgabe einer Partita für Barockgitarre (UE 12102) kennt, sondern durch das „Tombeau sur la mort de M. Comte de Logy“, das Silvius Lopold Weiss ihm gewidmet hat. Und er erwähnt die „Ausseer Tabulatur“, die Josef Klima auszugsweise ediert hat, und ein paar andere Handschriften, auch zwei fünfchörige Gitarren, die sich im Nachlass des Hoflautenisten Bohr von Bohrenfels befunden haben … aber all das sind Marginalien. Die Gitarrengeschichte Österreichs, und schon gar die des heutigen Österreich, begann Anfang des 19. Jahrhunderts!

Stimmt, Miguel Yisrael war hier schon Thema! Er ist der Herausgeber einer Reihe namens „La Rhétorique des Dieux“ bei Ut Orpheus, von der hier einige Einzeleditionen besprochen worden sind. Und er hat dort, bei Ut Orpheus, auch eine umfängliche Lautenschule herausgegeben, die hier noch Thema sein wird.

Jetzt spielt er, und zwar:

AUSTRIA 1676
Lute Music by Lauffensteiner and Weichenberger
Aufgenommen im Oktober 2011, erschienen 2012
BRILLIANT Classics 94331
… weit entfernt von jeglichem Manierismus …

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Miguel Yisrael, soviel vorweg, ist Portugiese … mindestens ist er dort, in Portugal, 1973 geboren. Gitarre und Laute hat er gelernt und studiert – Laute bei Claire Antonini am Conservatoire in Paris. Schließlich hat er – wie kann es anders sein – seine künstlerischen Weihen bei Hopkinson Smith an der Schola Cantorum Basiliensis erhalten.

Miguels neueste CD enthält Werke von Wolff Jacob Lauffensteiner (1676—1754) und Johann Georg Weichenberger (1676—1740). Im gleichen Jahr sind sie geboren … bei Steyr in Oberösterreich der eine – in Graz der andere. Und ihr Geburtsjahr, 1676, steht auch als eine Art Motto über dem Programm, das Miguel Yisrael anbietet.

Das Ding 1Das Ding 3Andreas Lutz/Bernhard Bitzel (Hrsg.), das DING mit Noten (1), Kultliederbuch, Manching 2009 (DUX 6666), € 29,90Dass. Band 3, Manching 2012 (DUX 8888), € 29,90

Das Ding 2 ist hier schon besprochen worden, jetzt werden Band 1 nachgeliefert und der ganz neue Band 3. Dinger 1 und 3 entsprechen dem schon vorgestellten zweiten Band, was Aufbau und Ausrichtung angeht, in beiden stehen wieder über 400 Lieder. Jetzt sind’s also insgesamt schon 1200 Titel.

Über den Inhalt aller Bände gibt die Seite http://www.kultliederbuch.de Auskunft. Dort kann man auch die Bände bestellen und Kommentare abgeben. Die Zusammenstellung der Inhalte folgt nicht dem Prinzip, dass in Band 1 die älteren und in Band 3 die neuen Titel stehen. Es ist auch keineswegs so, dass in einem Band die englischsprachigen Songs stehen und in einem anderen die deutschen. Alles falsch! Der Inhalt der Bände 1 bis 3 scheint überhaupt keinem Prinzip zu folgen. Die Lieder sind so und in der Reihenfolge aufgenommen worden, wie sie die Herausgeber am Lagerfeuer gesungen haben. Oder bei Regen im Pfadfinderzelt. Und genau so sind sie auch aufgeschrieben worden … weder mit drei Standard-Akkorden noch mit komplizierter harmonischer Begleitung, aber so, dass sie ein normal gebildeter Feld- Wald- und Wiesen-Gitarrist spielen kann.

Apropos Feld- Wald- und Wiesen-Gitarrist: Mit je über vierhundert Seiten hat das Ding mittlerweile enzyklopädisches Format angenommen. Jeder Band wiegt rund anderthalb Kilo und das Ganze wird langsam unhandlich. Wer der Notenteil nicht braucht, der ist vermutlich mit dem „Ding ohne Noten“ besser aufgehoben. Da stehen die Texte drin mit entsprechenden Akkordsymbolen. Am Lagerfeuer oder im Pfadfinderzelt reicht das fast immer. Die „Dinger ohne Noten“ sind auch noch handlicher, weil sie nicht im Querformat gehalten werden müssen, sondern ganz normal wie ein Buch. Aber für den, der es genau wissen will, für den gibt es keine Alternative zum „Ding mit Noten“.

Ida Kind Rund 300x300Les Compositions de Ida Presti pour deux Guitares
Olivier Chassain & Stein-Erik Olsen
Aufgenommen im April 2009
SIMAX PSC 1289, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… eine besondere CD …

Dass Ida Presti eine Ausnahmemusikerin war, wissen wir … mindestens haben wir es gelesen. Dass sie – wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen – komponiert hat, ist auch bekannt. Aufnahmen gab es aber bisher nicht. Im Anhang zu Eleftheria Kotzias Artikel bzw. der mit diesem Artikel verbundenen Diskographie, stand ein Verzeichnis von Ida Prestis Kompositionen … allerdings, wie man jetzt sieht, ein mehr als unvollständiges.

An Solowerken hatte Eleftheria gelistet:

Segovia
Etude à ma mère
Prélude (Hommage à Bach)
Prélude pour Alexandre

Ein stark erweitertes Verzeichnis der Stücke für zwei Gitarren wird jetzt durch das Programm der CD Olivier Chassain und Stein-Erik Olsen geliefert:

Presti ChassainLa Hongroise (1959)
Danse d’Avila (1957)*
Danse Gitane (1957)
Espagne (1966)
Prélude (1958)*
Berceuse à ma mère (1957)
Étude Nº 1 (1956)*
Valse de l’An nouveau (1955)
Tarantelle (1959)
Bagatelle (1964)
Sérénade (1955)
Étude fantasque (1966)

Drei dieser Stücke sind bei Ricordi erschienen (*), alle anderen, herausgegeben von Olivier Chassain, bei Bèrben in Ancona.

Erfahrungsgemäß neigen komponierende Instrumentalisten dazu, in Stücken die Vorzüge ihres jeweiligen Instruments oder ihre eigene Virtuosität geschickt zwar, aber unverhohlen und über Gebühr ins rechte Licht zu rücken. Und wenn sie das nicht tun: Instrumentalisten verfangen sich, wenn sie komponieren, gern in idiomatischen Floskeln, die sie vom Üben „in den Fingern haben“. Oder sie begnügen sich damit, ihr Improvisiertes aufzuschreiben und als Kompositionen vorzustellen.

Devine BachJoPerroy Bachhann Sebastian Bach, Transcriptions for Guitar: Partita c-Moll BWV 826; Suite BWV 997; Prelude, Fugue and Allegro BWV 998; Concerto in D-major (after Vivaldi) BWV 972
Judicaël Perroy, Gitarre
Aufgenommen im April 2010, erschienen 2012
NAXOS 8.572427
… fast amorphe Tonkette …
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Johann Sebastian Bach, Guitar Transcriptions: Choral “Nun komm der Heiden Heiland” BWV 659; Cello Suite Nº 4 BWV 1010; Choral “Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ” BWV 639; Choral “Jesus bleibet meine Freude” BWV 147; Violin Partita Nº 2 BWV 1004; Choral “Bist du bei mir” BWV 508
Graham Anthony Devine, Guitar
Aufgenommen im Juli 2010, erschienen 2012
NAXOS 8.572740
… insgesamt überzeugt …
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Werke von Johann Sebastian Bach werden seit jeher für Gitarre bearbeitet. Angefangen hat’s mit Einzelsätzen aus den Lautenwerken, dann kamen Teile aus Werken für andere Instrumente dazu. Als sich bei Gitarristen immer weiterreichend durchsetzte (und als sie auch spieltechnisch dazu in der Lage waren), dass man nicht mehr Einzelsätze sondern komplette Zyklen spielte, wurden auch die Adaptionen aus dem Œeuvre von Bach komplett gespielt: Segovia nebst Epigonen spielten noch die Chaconne – heute wird gemeinhin die ganze Violin-Partita (BWV 1004) vorgeführt wenn nicht gar (für CD-Projekte) alle drei Sonaten und Partiten en suite.

Werner Reif (Hrsg.), Lautenstücke aus der Renaissance, bearbeitet für Gitarre: Deutschland, Manching 2012, Edition Dux 904, € 12,80

Dies ist der fünfte Band mit Lautenstücken, die Werner Reif bei der Edition Dux herausgegeben hat. Nach Sammlungen mit Kompositionen aus Frankreich, England und Italien sowie einer mit Lautenduetten ist jetzt deutsche Lautenmusik an der Reihe, deutsche Lautenmusik, überliefert in deutscher Lautentabulatur.

Reif Deutsche LautenmusikSie, die deutsche Lautentabulatur, war zweifellos die umständlichste der Griffschreibweisen, die seit Ende des 15. Jahrhunderts in Benutz waren und das war auch ein wesentlicher Grund dafür, dass sie bald durch entweder die französische oder die italienische Tabulatur ersetzt wurde. Ein blinder Organist, Conrad Paumann mit Namen, soll es gewesen sein, der sie erfunden hat. Und später, viel später, als das Interesse an Laute und Lautenmusik nachließen, gab man der deutschen Tabulatur sogar die Schuld für den Niedergang des vorher so angesehenen Instruments. „Man darff sich derowegen nicht wundern, wenn man die Beschaffenheit des Lauten-Griffbretes ansiehet, wie das hat zugehen können, dass ein solches Instrument wegen seiner Schwürigkeit so sehr hat in Ruff kommen können.“ [Untersuchung, S. 57] Die deutsche Lautentabulatur war 1727, als Ernst Gottlieb Baron das schrieb, schon über hundert Jahre nicht mehr in Benutz, aber er hatte sich vorgenommen, „von denen Præjudiciis zu gedencken, durch welche dieses sonst Edle Instrument gantz ohne Noth ist verhast gemacht worden.“ [S. 99]

Dabei ist es durchaus vorstellbar, dass es ein Blinder gewesen war, der diese Schreibweise für die Laute erfunden hat. Gemeinsam haben alle Lautentabulaturen, dass sie nicht den jeweiligen Ton aufschreiben, der erklingen soll, sondern den Bund, in dem er zu greifen ist. Es musste also aufgeschrieben werden, auf welcher Saite in welchem Bund gegriffen werden sollte … aber bei der deutschen Lautentabulatur war das anders. Bei der hat ihr Erfinder nämlich jeden Bund der damals fünf Saiten – bzw. Chöre, denn die Laute war mit Doppelsaiten bezogen – mit einem Buchstaben bezeichnet. Da musste man die Bezeichnungen der fünf Chöre auswendig lernen, aber: Man konnte die deutsche Lautentabulatur diktieren und das kann für einen blinden Musiker von großem Vorteil gewesen sein. Die leeren Saiten waren nummeriert (also „1“ bis „5“), ein „a“ stand für „fünfter Chor/erster Bund“, ein „b“ für „vierter Chor/erster Bund“ usw.

Presti CD 6642The Art of Ida Presti
Werke von de Visée, Bach, Paganini, Albéniz, Malats, Fortea, Moreno-Torroba, Villa-Lobos, Sor, Pujol, Lagoya
Aufgenommen 1938 und 1956
IDIS 6642, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel

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Ida Presti kennen die meisten unter uns, wenn überhaupt, als Duopartnerin von Alexandre Lagoya. Dass sie aber vorher schon als Wunderkind eine sensationelle Karriere gemacht hat, davon liest man nicht viel … und auch, wenn Eleftheria Kotzia versucht, Idas Namen im Gespräch zu halten, ich fürchte, dass er bald nur noch den „Historikern“ unter den Gitarrenfreunden geläufig sein wird.

Eleftheria Kotzias Artikel über Ida Presti, der 1992 in Gitarre & Laute erschienen ist, finden Sie hier in Gitarre & Laute ONLINE, ansonsten gibt es leider wenig neuere Literatur zum Thema. Die unten folgende Diskographie hat Eleftheria nach Rücksprache aus Beiträgen der Pariser Zeitschrift „Les Cahiers de La Guitare“ übernommen.

Ida Presti hat 1938 ihre ersten Aufnahmen gemacht, da war sie dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Die Datierung 1934—1936 in der Diskographie ist offenbar falsch, denn Marco Bazzotti, der Herausgeber der vorliegenden IDIS-CD und auch John W. Duarte, der 1995 eine CD mit ähnlicher Auswahl herausgegeben hat (Ida Presti and Luise Walker: Les grands dames de la guitare, PEARL GEMM CD 9133, Pavilion Records Ltd.), schreiben übereinstimmend, die Aufnahmen seien 1938 entstanden. Duarte hat dazu noch die Matrizen- und Platten-Nummern der Produktionen angegeben. Interessant ist, dass auf beiden CD-Neuproduktionen die Volkslieder von Ponce und auch der spanische Tanz von Enrique Granados fehlen. Was den Rauschpegel angeht, ist unüberhörbar bei der neueren CD von IDIS Hand angelegt worden: weniger Rauschen bei insgesamt gleicher Aufnahmequalität.