Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

CD CoverOtto Tolonen: tiento français
Werke von Ibert, Samazeuilh, Auric, Tailleferre, Milhaud, Poulenc, Ohana, Migot u.a.
Aufgenommen im Juni und September 2012
ALBA Records ABCD 357, in Deutschland bei Klassik Center, Kassel
… Otto Tolonen tritt leidenschaftlich für die Stücke seines Programms ein …

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Otto Tolonen hat für diese CD ein exzeptionelles Programm zusammengestellt. Er ist zwar nicht der Erste, der Kompositionen unter einem Motto wie „Souvenir de Paris“ oder „Paris Guitare“ zusammengefasst hat, ich habe aber noch kein CD- oder Konzertprogramm unter einem ähnlichen Motto gesehen resp. gehört, das so geschlossen und ausgewogen auf der einen und abwechslungsreich auf der anderen Seite ist. Ein paar Dauerbrenner der Gitarrenmusik verstecken sich zwar in dem Programm, zum Beispiel „Segoviana“ von Darius Milhaud (1892—1974) oder die hinreißend schöne „Sarabande“ von Francis Poulenc (1899—1963), aber selbst diese Stücke sind weitaus weniger abgedroschen, wie es manches spanische oder lateinamerikanische Highlight des Repertoires ist.
Nur eines der Werke der CD ist eine Transkription – „Gnossienne“ Nº 1 von Erik Satie (1866—1925) – nur eines ist von einem nicht-französischen Komponisten – „Collectici intim“ von Vicente Asencio (1908—1979) … und der, Asencio, war derartig durch und durch Spanier, dass er sich nicht einmal während des Bürgerkriegs aus seinem Land vertreiben ließ. Er blieb und schrieb unverkennbar spanische Musik.

Yavor Genov KapsbergerGiovanni Girolamo Kapsberger: Libro primo d’intavolatura di lauto, 1611
Avor Genov, Laute
Aufgenommen im März 2012, erschienen 2013
Brilliant Classics 94409
… klanglich fragil …

Yavor Genov ist ein neues Gesicht in der internationalen Lautenisten-Szene. Er ist Bulgare, hat in Bulgarien auch studiert, um danach zu Jakob Lindberg zu gehen. Bei ihm hat er dann noch weiterstudiert: Laute und Generalbass.

Mit Musik von Giovanni Girolamo Kapsberger (1580—1651) hat er seine erste Solo-CD vorgelegt, und damit ein sehr anspruchsvolles Repertoire ausgesucht … anspruchsvoll, was die Spieltechnik angeht und auch die musikalische Darstellung dieser für ihre Zeit ziemlich revolutionären Musik. Kapsberger, der „Nobile Alemano“, der einmal Johann Hieronymus mit Vornamen geheißen hatte, war nämlich ein Revolutionär, ein kühner Neuerer mit hohen Anforderungen an Lautenspieler und an seine Hörer. Vor allem der Chitarrone interessierte ihn und für dieses neue Instrument hat er seinen ersten Band mit in Tabulatur aufgeschriebenen Stücken herausgegeben: Libro primo d’intavolatura di chitarrone, Venedig 1604.

IL DIVINOIst es nicht eigenartig? Das Wort „Starlautenist“, das ich da auf der CD mit Musik von Marco dall’Aquila lese, kommt mir in diesem Zusammenhang nur schwer über die Lippen. Dabei kann man es auf alle drei Personen anwenden, mit der wir es heute zu tun haben. Francesco da Milano (1497—1543) wurde wegen seines Spiels schon vor fast fünfhundert Jahren „Il Divino“ (der Göttliche) genannt. Den Namen von Marco dall’Aquila (ca. 1480—1544), seinem direkten Zeitgenossen, findet man in Werken der berühmtesten Dichter seiner Zeit. Dort wird er gelobt und gepriesen als einer, dessen Spiel seinen Zuhörern die Sinne raubte. Beide, Francesco und Marco, waren Starlautenisten … auch wenn man sie natürlich nicht so genannt hätte.

Der Dritte im Bunde, auf ihn ist eigentlich das Wort „Starlautenist“ auf dem CD-Cover gemünzt und auch auf ihn trifft es zu! Auch, wenn einem der Begriff „Star“ zu abgegriffen vorkommt, zu plakativ und belastet: Paul O’Dette ist einer der ganz Großen seiner Zunft … wenn nicht gar, speziell für Lautenmusik der Renaissance, das Beste, was man heute hören kann!

Francesco da Milano: Il Divino
Paul O’Dette, Lute
Aufgenommen im August 2011, erschienen 2013
harmonia mundi USA HMU 907557
… einer der ganz Großen seiner Zunft …

Marco dall’Aquila
Pieces for Lute
Paul O’Dette
Aufgenommen im August 2008, erschienen 2010
harmonia mundi USA HMU 907548
… wenn nicht gar, speziell für Lautenmusik der Renaissance, das Beste, was man heute hören kann! …

DALL AQUILADas präsentierte Repertoire von Francesco da Milano besteht aus Fantasien auf der einen und Intavolierungen auf der anderen Seite. Seine Fantasien (oder Ricercari) sind vielleicht das Vollkommenste, was an Instrumentalmusik aus der italienischen Renaissance überliefert ist. Es sind meist streng durchgeformte kontrapunktische Kompositionen, die virtuose Passagen, Umspielungen, enthalten können, sonst aber dem Vorbild der mehrstimmigen Vokalmusik verpflichtet sind.

Entstanden ist die Form der Fantasia aus einer Tradition des polyphonen Extemporierens. Bis ins 14. Jahrhundert war die (sakrale) Vokalmusik alles beherrschend und so kam es, dass Musiker der frühen instrumentalen Tradition bekannte Cantus firmi umspielten und über sie fantasierten.

Zeugnisse einer noch direkteren Anlehnung an vokale Vorlagen waren Intavolierungen, die einen großen Teil des Repertoires der Zeit ausmachten. Sie waren 1:1-Übertragungen vokaler Kompositionen auf die Laute, manchmal mit eingestreuten Umspielungen oder instrumentalen Kommentaren – oft aber pur, als reine Übertragung auf das Medium Laute.

Diaz Vol 1Segovia Vol 7The Legend of Alirio Diaz Vol. 1
Werke von Frescobaldi, Sanz, Scarlatti, Bach, Haydn, Sor, Tárrega, Albéniz, Villa-Lobos, Barrios, Gómez Crespo, Borges, Llobet, Lauro, Sojo
Aufgenommen zwischen 1956 und 1960, erschienen 2013
IDIS 6660, in Deutschland bei Klassik Center Kassel
… gehören in die Sammlung jedes Gitarre-affinen …

The Art of Andrés Segovia Vol. 7
Werke von Frescobaldi, Weiss, Bach, Aguado, Granados, Albéniz, Mendelssohn-Bartholdy, Debussy
Aufgenommen 1961/1962, erschienen 2013
IDIS 6661, in Deutschland bei Klassik Center Kassel
… gehören in die Sammlung jedes Gitarre-affinen …

Maestro Alirio Díaz war 27 Jahre alt, als er 1950 nach Spanien ging, um in Madrid bei Regino Saínz de la Maza zu studieren. In seinem Heimatland, Venezuela, hatte er vorher bei Raúl Borges gelernt und studiert, aber Alirio war Hals über Kopf in das Gitarrespiel von Andrés Segovia (1893—1987) verknallt, den er 1945 in Caracas gehört hatte. Segovia war – das kann man sich heute kaum noch vorstellen, weil jeder Musik- und Gitarrefreund Dutzende professionelle Gitarristen kennt, die auf hohem bis höchstem Niveau spielen – Segovia war damals der unangefochtene Matador, das Maß aller Dinge! Und auch, wenn er seit seinen späten Jahren derbe Kritiken einstecken musste und wenn es Menschen gibt, die immer schon gewusst haben, dass sein Spiel eher selbstverliebter Kitsch war als eine ernsthafte künstlerische Auseinandersetzung mit der Musik: Andrés Segovia war zu dieser Zeit der wichtigste und einflussreichste Gitarrist der Welt!

Aber Alirio Díaz wollte erst sein Studium beenden, ein Diplom machen, und das ging damals in ganz Europa nur in Madrid bei Regino Saínz de la Maza. Nach einem Jahr Studium hatte er sein Diplom und dazu eine Art Sonderbelobigung für besonders begabte Studenten.

Hellwig BuchtitelFriedemann und Barbara Hellwig, Joachim Tielke – Kunstvolle Musikinstrumente des Barock. Berlin und München 2011, Deutscher Kunstverlag. ISBN 978-3-422-07078-3, € 78,—

Vor mehr als dreißig Jahren – 1980, um genau zu sein – ist im Verlag „Das Musikinstrument“ in Frankfurt ein Buch über Joachim Tielke (1641—1719) erschienen. Autor war der Lübecker Günther Hellwig, Instrumentenbauer und Pionier, was den Bau von Gamben nach historischen Vorbildern angeht.

Jetzt, 2011, ist wieder ein Buch über Tielke erschienen und diesmal heißen die Autoren Friedemann und Barbara Hellwig – Sohn und Schwiegertochter von Günther Hellwig. „Meinem Sohn Friedemann und seiner Frau Barbara“ hatte auf dem Vorsatzblatt des Buchs von 1980 gestanden und die Widmungsträger fühlten sich später „in die Pflicht genommen, die Forschungen fortzusetzen.“ [S. 8] „Vor sieben Jahren begannen wir mit den Vorbereitungen zu einer zweiten Auflage – die erste war schon nach wenigen Jahren vergriffen --, stellten aber bald fest, dass diese zu einer vollständig neuen Veröffentlichung führen mussten angesichts etlicher neu bekannt gewordener Arbeiten Tielkes, der erweiterten technischen Hilfsmittel zur Dokumentation und des in der Zwischenzeit entstandenen umfangreichen Schrifttums zur Geschichte der verschiedenen Musikinstrumente.“ [S. 8] Das Ergebnis liegt jetzt vor: gut 450 Seiten, opulent ausgestattet und komplett vierfarbig gedruckt.

Mit dem Buch „sollen die in jahrzehntelanger Forschung vermehrten Kenntnisse vom Leben und Werk Joachim Tielkes zusammengetragen und erörtert werden“ [S. 12] womit Ausrichtung und Titel der beiden Hauptkapitel umschrieben sind:

I. Leben und Werk Joachim Tielkes
II. Beschreibendes Verzeichnis der Instrumente der Werkstatt Joachim Tielke

Prunnbauer KussmaulCD 2013 PaganiniTELDEC Cover AltNicolò Paganini: Works for violin and guitarTELDEC Cover Alt
György Terebesi und Sonja Prunnbauer
Aufgenommen 1974 und 1976, erschienen 2013
WARNERClassics/TELDEC 2 CD 2564 65178-3
… fast vierzig Jahre alt! …

Unglaublich, diese Aufnahme ist wirklich fast vierzig Jahre alt! Alle paar Jahre ist sie neu aufgelegt worden, zuerst als Vinylplatten, später als CD; immer wieder übrigens in neuem Gewand, wie unsere Abbildungen zeigen. Und sie wirken immer noch frisch und ziemlich aktuell, immer noch hörenswert … obwohl … Sonja Prunnbauer hat eine Auswahl aus dem Œuvre für Violine und Gitarre von Paganini im Mai 2003 noch einmal neu aufgenommen:

TELDEC Cover AltTELDEC Cover JapanNicolò Paganini: Sonatas for Violin and Guitar
Rainer Kussmaul, Violin – Sonja Prunnbauer, guitar
Aufgenommen im Mai 2003
MDG 603 1169-2, im Vertrieb von new arts international
… besseres Gleichgewicht …

Faroe Guitar CDÓlavur Jakobsen
Awake, my Soul, and Sound your Strings
Guitar Music from the Faroe Islands
Werke von William Heinesen, Jóg van Waagstein, Kári Bæk, Sunleif Rasmussen und Kristian Blak
Aufgenommen 2010—2011, erschienen 2012
TUTL Records FKT061
… die Seele der Färöer-Inseln …

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Sunleif Rasmussen
Dancing Raindrops (Solo and Ensemble Music)
Ensemble Aldubáran
Aufgenommen zwischen 2009 und 2011
DACAPO 8.226567, in Deutschland bei NAXOS
… außerordentlich überzeugender Diplomat für die Musik seiner Heimat …Dancing Raindrops

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In Deutschland sind die Färöer hauptsächlich bei Philatelisten und bei Fußball-Fans bekannt. Bei Philatelisten, weil die Inseln eine der kleinsten Postverwaltungen der Welt unterhalten, die eigene Briefmarken herausgibt – bei Fußballfans, weil sie ohne staatliche Souveränität Mitglied von UEFA und FIFA sind und somit an internationalen Fußballturnieren teilnehmen können und teilnehmen. Die Färöer gehören, ähnlich wie Grönland, als „Gleichberechtigte Nation“ zum Königreich Dänemark. Statistik: 48.000 Einwohner, davon 90 Briefträger, 70.000 Schafe, was den Inseln übrigens den Namen „Schafsinseln“ eingebracht hat.

Die Färöer werden „Das Land von kanska“ genannt, das „Land des Vielleicht“ … und das hängt mit dem Wetter zusammen oder, sagen wir, mit dessen Unzuverlässigkeit. Pläne zu machen, ist auf den Färöer Inseln riskant! Ob die Musiker unter den Färingern, so werden die Bürger der Färöer genannt, auch eher dem „Vielleicht“ als dem „Auf jeden Fall“ verbunden sind, lässt sich vielleicht[!] beim Hören der vorliegenden CD mit Gitarrenmusik herausfinden.

Joachim Trekel 2006 05 25 400x415Am 26. Februar starb der Musiklehrer, Musikalienhändler und Verleger Joachim Trekel. 1962 hatte er in Hamburg das „Haus der Musik Trekel“ gegründet, das er seitdem geleitet hat, 1969 dann den „Joachim Trekel Musikverlag“, der auf Musik für Zupforchester, Gitarrenensemble und Kammermusik spezialisiert war.

1962 kaufte er das Wuppertaler Musikgeschäft von Otto Schweitzer, zwei Jahre später die Hamburger Handlung Emil Hofmann, zu der Vertretungen verschiedener internationaler Musikverlage gehörten. Ende 1968 kam dann der Verlag „Hans Ragotzky – der Volksmusikverlag“ dazu, der vorher „Mandolinata“ geheißen hatte. Bei Ragotzky waren unter anderem die Kompositionen von Konrad Wölki herausgekommen, die in der Zupfmusik sehr populär waren. Später nahm Joachim Trekel Werke von Siegfried Behrend in Verlag. Auch sie waren damals sehr beliebt.

Daneben war Joachim Trekel „Geprüfter Fachlehrer für Zupfinstrumente“ und hat sich als solcher besonders für die Arbeit mit Zupforchestern eingesetzt. Das Norddeutsche Zupforchester hat er viele Jahre geleitet, ebenso das Landeszupforchester Nord. Daneben war er Dozent bei zahlreichen Weiterbildungskursen für den Bund Deutscher Zupfmusik.

Angenendt CDTristan Angenendt: Between the Centuries
Werke von Walton, Arnold, Rawsthorne, Martin, Rodrigo, Schillings, Schmitz
Aufgenommen Oktober bis November 2011, erschienen 2012
KSGExaudio 67024
… so, dass Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns erst gar nicht aufkommen …

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Walton, Arnold, Rawsthorne … eine Debüt-CD? Wo sich Allerwelts-Anfänger mit Allerwelts-Anfänger-Repertoire zwischen Canarios, BWV 1000, den Mozart Variationen und Asturias vorstellen, spielt Tristan Angenendt ein Programm, für das sich gestandene Profis nicht schämen müssten … ach was! … auf das gestandene Profis stolz wären, weil es viel- und weniger gespielte Werke des zwanzigsten Jahrhunderts zusammenfasst.

Nun wäre das Präsentieren eines so anspruchsvollen Programms pure Hochstapelei, wenn Tristan Angenendt ihm nicht gewachsen, wenn er mit den spieltechnischen und musikalischen Anforderungen der Stücke überfordert wäre. Nichts dergleichen! Ich höre einen jungen Musiker, gerade 28 Jahre alt geworden, der die „Quatre Pièces Brèves“ von Frank Martin mit einer Abgeklärtheit spielt, als grübelte er seit Jahrzehnten über das Werk nach.

Neu eingegangene Noten | Besprechung vorbehalten

Anonymus (Hrsg.), Hal Leonard | Mehr Leichte Pop Melodien. Ergänzung zu allen Gitarrenmethoden. Spiel die Melodien von 20 Pop- und Rocksongs (mit CD), Berlin 2012, Bosworth, BOE7664
Anonymus, Hal Leonard | Mehr Leichte Pop Rhythmen. Ergänzung zu allen Gitarrenmethoden. Spiel die Akkordfolgen von 20 Pop- und Rocksongs (mit CD), Berlin 2012, Bosworth, BOE7665
William Bay (Hrsg.), Velocity Etudes, William Bay Music 2013 ISBN 97809859227-8-8, WBM 11
Rafael Catalá Salvá, Prisonera del Mar [=Reihe Gitarre & Harfe], herausgegeben von Maximilian Mangold und Mirjam Schröder, Berlin, Verlag Neue Musik, 2012, NM 1477
René Eespere, Immutatio für Gitarre [=Contemporary Music for Guitar | Collection Reinbert Evers], Berlin, Verlag Neue Musik, 2012, NM 1613
René Eespere, Tres in unum für Flöte, Violine und Gitarre [=Contemporary Music for Guitar | Collection Reinbert Evers], Berlin, Verlag Neue Musik, 2012, NM 1612
Timo Jouko Herrmann, Sonatine [=Reihe Gitarre & Harfe], herausgegeben von Maximilian Mangold und Mirjam Schröder, Berlin, Verlag Neue Musik, 2012, NM 1476
Giovanni Battista Marella, Sonata in La maggiore für zwei Gitarren [=New Karl Scheit Guitar Edition], herausgegeben von Olaf Van Gonnissen, Wien u.a., Universal Edition, 2013, UE 34492
Jörg-Peter Mittmann, L’aura serena [=Reihe Gitarre & Harfe], herausgegeben von Maximilian Mangold und Mirjam Schröder, Berlin, Verlag Neue Musik, 2012, NM 1526
Axel D. Ruoff, über sich abspielende Dinge. Toccata für Gitarre und Percussion [=Contemporary Music for Guitar | Collection Reinbert Evers], Berlin, Verlag Neue Musik, 2012, NM 1573

Britten PearsAmsterdam GTDas Label Newton Classics ist 2010 in den Niederlanden gegründet worden. Ziel des Unternehmens ist die Wiederveröffentlichung erstklassiger Aufnahmen klassischer Musik der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, die lange nicht mehr erhältlich waren.

Zwei CDs mit Musik für oder mit Gitarre gehören bisher zum Programm des Labels:

Britten, Seiber, Racine, Fricker, Walton: Music for Voice and Guitar
Peter Pears, Julian Bream
Aufgenommen im März und September 1963 sowie im September 1966
Newton Classics 8802095, im Vertrieb von CODAEX
… Meilensteine …

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Mit „Songs from the Chinese“ op. 58 beginnt das Programm, mit den fast aphoristisch kurzen Gesängen, die auf Übersetzungen von Arthur Waley zurückgehen. Waley (1889—1966) war ein englischer Sinologe, der 1918 eine Sammlung mit „170 Chinese Poems“ herausgegeben hat, die, so das Booklet, heute noch im Handel ist. 1957 hat Britten eine Auswahl der Texte vertont, für Peter Pears natürlich, seine Muse und seinen lebenslangen Partner.

Ghiribizzi Paganini BaschieraPaganini: Ghiribizzi for guitar
Alfonso Baschiera
Aufgenommen im August 1990, Neuauflage erschienen 2012
NEWTON 8802161, im Vertrieb von NEW ARTS INTERNATIONAL
… Uneitel, werkdienlich und mit angemessener Distanz …

Die ursprüngliche Publikation dieser Aufnahme von Alfonso Baschiera ist 1991 als LP bei RIVO ALTO erschienen (unter CRR 1 9003) und in Ausgabe XIV/1992/Nº 6 von Gitarre & Laute besprochen worden. Damals, vor über zwanzig Jahren, hat Peter Päffgen geschrieben:

Nun, aus den Kleinigkeiten von Paganini eine mitreißende Platte zu machen, ist schwer. Diese Stückchen machen nicht viel Staat; es sind, auch wenn sie ganz nett gemacht sind, keine Vortragsstücke. Und wenn Herr Baschiera hier nicht viel gestalterische Tricks einsetzt, kommt er damit der Musik wahrscheinlich am nächsten.
Sicher, die Menge macht’s nicht, mehr hätte diese Musik auch nicht interessanter gemacht … aber ich finde trotzdem CDs mit 48 Minuten Musik unfair dem zahlenden Publikum gegenüber. […]
Wenn Baschieras Lehrer, Chiesa, eine Ehrenrettung der Gitarrenwerke Carullis weltweit sponsert [gleich anschließend an die Rezension der Ghiribizzi wurde in Gitarre & Laute eine CD mit Werken von Ferdinando Carulli besprochen], sollte er vielleicht bei der Auswahl der protegierten Interpreten vorsichtiger sein: Hier wird der Notentext ziemlich unengagiert runtergespielt.

Natürlich hat sich an der Aufnahme in der Zwischenzeit nichts geändert. Und ich teile die Einschätzung … weiche höchstens in der Wertschätzung „dokumentarischer Einspielungen“ wie der vorliegenden, ab. Sie ist interessant, erlaubt Einblicke in die schöpferische Arbeit Paganinis und gespielt ist sie exzellent. Uneitel, werkdienlich und mit angemessener Distanz. Mehr aber nicht! Der Sex-Appeal, der sie umgibt, ist vergleichbar mit dem einer öffentlichen Verlesung des Wuppertaler Telefonbuchs von 1981.

del Puerto CDDavid del Puerto: Mirada
Eugenio Tobalina, Guitarra
Aufgenommen 2010, erschienen 2011
Tritó TD0069
… Er spielt struktur- und nicht klangorientiert …

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David del Puerto, geboren 1964 in Madrid, ist zwar musikalisch mit der Gitarre groß geworden, komponiert hat er aber eher wenig für sein Instrument – dafür Werke in vielfältigen Besetzungen. Unter anderem hat er eine ganze Reihe Stücke für Orchester und verschiedene Solokonzerte (nicht für Gitarre) geschrieben sowie eine Oper.

Auch auf dem internationalen Schallplattenmarkt findet man nur wenig Gitarrenmusik von David del Puerto: Marco Socías hat „Poema“ (1996) eingespielt und Adam Levin „Viento de Primavera“ (2009), zwei Stücke, deren Titel Lyrisches versprechen, in denen der Komponist aber keineswegs irgendwelchen Klischees von „Romantik“ oder „Spanischem“ Platz eingeräumt hat, auch nicht virtuosen Phantastereien. Del Puerto hat seine eigene musikalische Sprache, die allerdings in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Wandel mitgemacht hat. Eugenio Tobalina hat nun eine umfangreiche Auswahl aus seinem Œuvre für Gitarre eingespielt und dabei nur Stücke ausgewählt, die zwischen 2002 und 2007 entstanden sind:

Paginas de Verano (2007)
Cuaderno de Instantes (2007)
Dos Estudios (aus Seis Estudios) (2008)
Winter Suite (2006)
Dos Preludios (2003)
Mirada (2002).

Buchtitel Musik nach BildernLukas Christensen, Monika Fink (Hrsg.), Wie Bilder klingen — Tagungsband zum Symposium „Musik nach Bildern“, Münster u.a., 2011, Lit-Verlag [Lit], ISBN 978-3-643-50184-4, € 24,90

Im April 2010 fand am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Innsbruck ein Symposium zum Thema „Musik nach Bildern“ statt. Diese Veranstaltung nahm, was ihren Titel anging, Bezug auf eine Ausstellung vom September 1985 in der Staatsgalerie Stuttgart, die unter dem gleichen Namen stattfand und in einem opulenten Katalog dokumentiert ist:

Karin v. Maur (Hrsg.), Vom Klang der Bilder – Die Musik in der Kunst des 20. Jahrhunderts. München 1985, Prestel, ISBN 3-7913-0727-4

Das Symposium in Innsbruck und die Stuttgarter Ausstellung hatten nur insofern miteinander zu tun, als „die vielfältigen Möglichkeiten einer Bezugnahme von Musik und Bildender Kunst [nach 1985, also nach der Stuttgarter Ausstellung] wieder verstärkt in den Blickpunkt nicht nur kunsthistorischer, sondern vor allem auch musikwissenschaftlicher Forschungen“ gerückt waren. Außerdem hatte das Sichbefassen mit einer „Musik nach Bildern“ „seit mehreren Jahrzehnten zu den Forschungsschwerpunkten“ des Innsbrucker Instituts gehört, nicht zuletzt, weil diesem Walter Salmen, selbst intensiv mit musikikonographischen Themen befasst und Autor etlicher Fachbücher zu Themen aus diesem Fachbereich, lange vorgestanden hatte.

Die Herausgeber des vorliegenden Tagungsbandes arbeiten außerdem seit 2006 an der Online-Datenbank „Musik nach Bildern“, in der „bildbezogene Kompositionen verzeichnet und mit Metadaten indiziert sind.“ [http://www.musiknachbildern.at]

CD RUCK GOYAZwei Beiträge des Tagungsbandes sind es, die für eine Zeitschrift namens „Gitarre und Laute–ONLINE“ von besonderem Interesse sind. Beide beziehen sich auf das gleiche Kunstwerk, die „Caprichos“ von Francisco de Goya nämlich, die hier schon mehrmals Thema waren:

Hansjörg Ewert/Jürgen Ruck, Caprichos Goyescos – Kompositorische Bezugnahmen auf Radierungen von Francisco de Goya (S. 195—220) und

Michael Quell, Kompositorische Strategien im Spannungsfeld von Autonomie und Erweiterung im Zyklus Momentaufnahmen / Caprichos – Reflexionen zu Goya … und darüber hinaus … (S. 221—248)

Was die „kompositorische[n] Bezugnahmen auf Radierungen von Francisco de Goya“ angeht, von denen in dem Beitrag von Ewert/Ruck die Rede ist, ist noch eine CD zu erwähnen und zu würdigen, die Jürgen Ruck für MDG eingespielt hat:

Porqueddu Preludes CDCristiano Porqueddu: Novecento Guitar Preludes
Werke von Boris Vladimirovic Asafiev, Manuel Maria Ponce, Henk Badings, Henri Sauguet und Ferenc Farkas
Aufgenommen November 2010 bis März 2012, erschienen 2012
BRILLIANT CLASSICS 9292 (3 CD)
… sensationell! …

1722 bzw. 1742/1744 stellte Johann Sebastian Bach die beiden Teile seines Wohltemperierten Klaviers fertig: Præludia, und Fugen durch alle Tone und Semitonia, so wohl tertiam majorem oder Ut Re Mi anlangend, als auch tertiam minorem oder Re Mi Fa betreffend. Schon vorher hatte Bach Werkpaare, bestehend aus Präludien und Fugen, komponiert, seit dem Wohltemperierten Klavier schien sich daraus aber eine Art zyklischer Norm herauszubilden.
Der Begriff Präludium und seine unterschiedlichen nationalsprachigen Varianten (Preludio, Prélude u.a.) gehen zurück auf die lateinischen Wortbestandteile „prae“ (vor) und „ludere“ (spielen). Ein Präludium ist also ein Vorspiel … ohne, dass zwingend ein nachfolgendes Stück „vorgeschrieben“ wäre. Schon aus dem 15. Jahrhundert sind alleinstehende Präludien oder Präambula überliefert, spätestens seit Bachs Wohltemperiertem Klavier und dessen zyklischer Anlage schienen aber Präludium und Fuge zu einer untrennbar miteinander verbundenen Norm geworden zu sein … zu einer Verbindung zunehmend heterogener Teile allerdings, zu einer nicht gleichberechtigter Bestandteile … schließlich definiert sich ein Präludium/Vorspiel weniger durch sich selbst, sondern dadurch, dass ihm etwas folgt.
Spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Vorspiel immer mehr zur spieltechnischen Vorübung, zur Etüde – auch zur Einzelkomposition, die sich aus ihrer Rolle des Amuse Gueule befreite. Die Sonate hatte gleichzeitig Vorrang gewonnen, was zyklische Formen der Instrumentalmusik angeht. Als Reminiszenzen an Johann Sebastian Bach sind gelegentlich noch Kombinationen von Präludien und Fugen entstanden und die auch als Zyklen mit je 12 oder 24 Einheiten quer durch die Tonarten, aber vitale Musikpraxis war das nicht mehr. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Mario Castelnuovo-Tedescos 24 Präludien und Fugen für zwei Gitarren unter dem Titel „Les Guitares Bien Tempérées“ oder an den gleichnamigen Zyklus für Gitarre solo von Igor Rekhin, dem Moskauer Komponisten.

Dowland Unterschrift Kopie grau
CD Justin BurwoodJohn Dowland: Sorrow Stay

Justin Burwood, Tenor; Rosemary Hodgson, Lute
Aufgenommen im Januar und März 2011
ABC CLASSICS (Australian Broadcasting Corporation) 476 4998, im Vertrieb von NEW ARTS INTERNATIONAL
…„klassische“ Besetzung …

CD Dominique VisseJohn Dowland: Tunes of Sad Despaire
Dominique Visse, Countertenor; Fretwork Viol Consort; Renaud Delaigue, Bass; Éric Belocq, Laute und Orpharion
Aufgenommen im September 2011, erschienen 2012
SATIRINO Records SR 121, im Vertrieb von NEW ARTS INTERNATIONAL
… mehr Nonchalance …



Tears of JoyTears of Joy
English Lute Songs and Secular Music
Zefiro Torna
Erschienen 2011
ETCETERA KTC 4038, im Vertrieb von NEW ARTS INTERNATIONAL
… kreative Aufführung englischer Lautenlieder …



Unidas Alas Poore MenUnidas: Alas poor Men. Songs of Melancholy
Werke von Dowland, Corkine, Campion, Hume, Martine, Morley u.a.
Aufgenommen Juni—Juli 2009, erschienen 2011
GRAMOLA 98911, im Vertrieb von NAXOS
…konservativer …


Der deutsche Musikforscher Carl Engel hat 1866 gemeint, England sei das „einzige Kulturland ohne eigene Musik“ und der Diplomat Oscar A. H. Schmitz betitelte rund vierzig Jahre später sein Buch über England polemisch mit „Das Land ohne Musik“. Äußerungen dieser Art wurden gemeinhin mit Hinweisen auf John Dunstable (1390—1453) erwidert oder auf Henry Purcell (1659—1695) und Georg Friedrich Händel, pardon: Handel, (1685—1759). Letzterer gilt laut „Grove Dictionary of Music and Musicians“ als „English composer of German origin“.