Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

Bogdanović: Guitar Music
Angelo Marchese, guitar
Aufgenommen im Januar 2015
Gitarre: Giuseppe Guagliardo (Kopie der Gitarre von Hermann Hauser aus dem Besitz von Andrés Seogvia)
Brilliant Classics 95194
… aus dem Vollen geschöpft …

CD bei Amazon bestellen?

Dusan kleiner Belgrad 2009Foto: Dušan Bogdanović am 13. Februar 2009 beim Unterrichten in Belgrad, © by Peter Päffgen

Dušan Bogdanović wurde 1955 in Belgrad/Serbien geboren. Studiert hat er in Genf bei Maria Livia São Marcos – heute lehrt er ebendort an der Haute École de Musique Genève. Aber so geradlinig – von Serbien in die Schweiz – war sein Lebensweg nicht. Als ich ihn kennenlernte – das war 1990 in Pasadena/Kalifornien anlässlich eines Gitarrenfestivals – lebte Dušan in den USA und spielte in dem Ensemble De-Falla-Guitar-Trio zusammen mit Terry Graves und Kenton Youngstrom. Das Programm war – auch, wenn unter anderem eine Transkription der Pulcinella-Suite von Igor Strawinsky auf dem Programm stand – Jazz-geprägt. Bogdanović war in Amerika angekommen, lebte und arbeitete dort.

Bogdanovic Marchese CDZu seinen Lehrern in Genf gehörten nicht nur Maria Livia São Marcos, sondern auch Pierre Wissmer und Alberto Ginastera. Bogdanović kümmerte sich nicht nur um sein Instrument, die Gitarre, er studierte auch Komposition und Instrumentierung und als Komponist haben wir ihn hier, von Europa aus, auch später hauptsächlich wahrgenommen. Immer mehr Stücke erschienen, immer mehr Kompositionen wurden von Dušan selbst, aber auch von zahlreichen Kollegen eingespielt – Kammermusik und Werke für Gitarre solo. Dazwischen waren immer wieder Kompositionen, die international Beachtung gefunden haben … Beispiele dafür sind die „Canticles“ für Gitarrenduo, die Gruber und Maklar eingespielt haben.

Als Dušan in die USA ging, hat er den Jazz aufgenommen und verinnerlicht, aber er hat auch etwas in seine neue Heimat mitgenommen. In vielen seiner Gitarrenstücke hört man seine Herkunft, den Balkan, und oft wird sie auch in den Titeln schon erwähnt: in „Levantine Suite“ zum Beispiel oder in den sehr bekannten „Balkan Miniatures“, die man oft in Konzerten oder auf CD gehört hat und hört.

Mozart Tribute Hegela Mozart Tribute
Fantasien, Transkriptionen und Variationen des frühen 19. Jahrhunderts
Martin Hegel, Romantische Gitarre
Werke von Mozart, Mertz, Sor, Diabelli, Molitor u. a.
Aufgenommen im März und September 2015
Gitarre: Bernard Enzensperger (1788–1866), restauriert von Erik Pierre Hofmann
Acoustic Music Records 319.1548.2
… keineswegs als Rampensau …

 

CD bei Amazon bestellen?

Notenausgabe: Mozart for Guitar
32 Bearbeitungen für Gitarre herausgegeben von Martin Hegel

Mainz u.a., 2015, Schott
ED 21856, € 16,–

Ausgabe bei Amazon bestellen?

740574Nein, Wolfgang Amadeus Mozart hat nie für Gitarre komponiert. Kein Stück! Und doch taucht sein Name in der Gitarrenmusik des frühen (und auch späteren) 19. Jahrhunderts immer wieder auf … als Lieferant von Themen für Variationssätze oder als Komponist von Werken, die Gitarristen in Form von Paraphrasen für ihr häusliches Musizieren genutzt haben. Klavierauszüge wurden zur gleichen Zeit populär (Mozart hat – nebenbei bemerkt – selbst Sätze aus eigenen Werken für Klavier bearbeitet und herausgegeben) … aber das Modeinstrument der Zeit, die Gitarre, erfreute sich in den Salons besonderer Beliebtheit.

Natürlich war Musik zu dieser Zeit, vor rund zweihundert Jahren, nur live erlebbar. Musikfreunde mussten ins Konzert gehen, in die Oper oder die Stücke selbst spielen. Konserven gab’s nicht … es sei denn, man zählt die gedruckten Notenausgaben, die für verschiedene Besetzungen und in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden erschienen, dazu. Die sechssaitige Gitarre hatte, wie wir wissen, in kurzer Zeit einen Siegeszug durch die Salons hauptsächlich von Paris und Wien vollzogen. Dort war sie in einem derartigen Maß en vogue, dass sogar kolportiert wurde, eine Krankheit namens „Guitaromanie“ habe sich ausgebreitet, der viele Musikfreunde zum Opfer gefallen seien.

BatailleLa Bataille d’Amour – Tabulatures and Chansons in the French Renaissance
Alice Borciani, Sopran; Dominique Vellard, Tenor; Vincent Flückiger, Laute; Murat Coşkun, Perkussion; Maria Ferré, Gitarre, Laute und Leitung
Werke von Gregoire Brayssing; Adria Le Roy, Guillaume Morlaye und anderen
Aufgenommen im Oktober 2014, erschienen 2015
Lauten und Gitarren von Julian Behr, Wyhlen; Stephen Murphy, Mollans Sur Ouveze und Marcus Wesche

COVIELLO Classics COV 91507, im Vertrieb von Note-1
… ein exquisites, unterhaltsames Programm …

CD bei Amazon bestellen?

La Bataille D Amour CDDie vierchörige „Renaissance-Gitarre“ war in Frankreich gegen Mitte des 16. Jahrhunderts extrem populär. 1556 hieß es in Poitiers in einem „Discours non plus melancoliques“: … duquel [le lutz] en mes premiers ans nous usions plus que la Guiterne: mais depuis douze ou quinze ans en ça, tout noste monde s’est mis a Guiterner …“ [Früher haben wir mehr Laute als Gitarre gespielt, aber seit zwölf, fünfzehn Jahren spielt hier jeder Gitarre]. Die Gitarre, oder „Guiterne“, wie sie in Frankreich hieß, war für eine Zeit dabei, der Laute den Rang abzulaufen … aber die Begeisterung für das neue Instrument war nicht von langer Dauer. Die Gitarre geriet wieder in Vergessenheit, um nicht zu sagen in Misskredit.

Aber zur Zeit ihrer Hochblüte in Frankreich erschienen für die Gitarre in rascher Folge Tabulaturbände, die uns einen Einblick in das erlauben, was auf dem Instrument gespielt wurde. Der Noten- (oder hier: Tabulatur-Druck) war ein noch recht junges Handwerk und die Pariser Verleger Granjon & Fezandat, und Le Roy & Ballard, (um nur zwei zu nennen) übten sich in der neuen Kunst engagiert und mit offenbar künstlerischem wie wirtschaftlichem Erfolg. Dabei half ihnen, dass die Stücke, die sie veröffentlichten, allgemein bekannt waren – auch aus Tabulaturen für Laute. Es waren autonome Instrumentalwerke wie Fantasien und Tanzsätze. Und es waren Vokalkompositionen, hauptsächlich Chansons von Komponisten wie Jacques Arcadelt (ca. 1507–1568) oder Pierre Certon (ca. 1510–1572), intavoliert von berühmten Instrumentalisten wie Simon Gorlier, den die Drucker und Verleger Granjon & Fezandat namentlich erwähnen.

Kammermusuik mit Gitarre TeuchertKammermusik mit Gitarre
Werke von Haydn, Paganini und Hermann Ambrosius
Alois Kottmann, Violine; Robert Nettekoven, Violoncello; Heinz Teuchert, Gitarre
Aufgenommen (RIAS, Rundfunk im amerikanischen Sektor) 1966, erschienen 2015
Musicaphon M59002, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel
… eine Rarität allein insofern, als Heinz Teuchert (1914–1998) auf ihr als Gitarrist mitwirkt … und das hört man nicht oft …

CD bei Amazon kaufen?

Ganz bescheiden kommt diese CD daher, ohne Jewelcase; nur in einen Pappschuber gesteckt, der mit den notwenigsten Informationen bedruckt ist; kein Booklet … wie Archivmaterial! Die Aufnahme ist fast ein halbes Jahrhundert alt und eine Rarität allein insofern, als Heinz Teuchert (1914–1998) auf ihr als Gitarrist mitwirkt … und das hört man nicht oft.

Das Programm wird begonnen mit der „Cassation C-Dur Hob. III:6“ von Joseph Haydn, im Original „Cassationa per il Liuto Obligato, Violino & Violoncello del Sig. Giuseppe Haydn à Vienne“ überschrieben und 1959 oder 1960 herausgegeben von Karl Scheit bei Doblinger (Reihe Gitarre Kammermusik Nº 31).

Allgemein wird davon ausgegangen, dass die Handschrift Ms. II/4088/Fétis 2913 der Bibliothèque Royale in Brüssel – das ist die Quelle für die Cassation – nicht von Haydns Hand ist, dass die Bearbeitung also von einem Zeitgenossen stammt.

Metaphysical Tobacco CDThe Tudors: Metaphysical Tobacco
Songs and Dances by Dowland, East & Holborne
Musica Reservata, Michael Morrow; Purcell Consort of Voices, Grayston Burgess
Aufgenommen im Oktober 1967, erschienen 1968, Neuausgabe 2015
DECCA Eloquence 480 7740, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… Viel Pathos, viel Akademie, wenig Leben! …

CD bei Amazon bestellen?

Die Aufnahme für diese CD stammt aus einer Zeit, als „Alte Musik“ noch ein Programm für Spezialisten war. Das war vor Leonhardt und Harnoncourt … aber immerhin zu Zeiten von Julian Bream mit seinen epochemachenden Aufnahmen zusammen mit Peter Pears und von Alfred Deller, der sich als Counter-Tenor sehr um das englische Repertoire des Barock verdient gemacht hat.

Vor uns liegen nun „Songs and Dances by Dowland, East and Holborne“ und zwar in Besetzungen, die damals, vor fast fünfzig Jahren, eher gepflegt wurden, als heute. Seit der ersten LP, die Julian Bream und Peter Pears im Jahr 1955 aufgenommen haben (DECCA LW 5243), waren Lautenlieder immer wieder in Konzerten und auf LP/CD zu hören, und zwar vornehmlich (bis ausschließlich) in der Besetzung Tenor und Laute, gelegentlich aber auch mit Begleitung einer Gitarre oder mit Sopranstimmen. Die Möglichkeiten, die beispielsweise folgende Besetzungsangabe in John Dowlands „First Booke of Songes or Ayres“, bietet, blieben dabei weitgehend unbeachtet: „So made that all partes together, or either of them severally may be song to the Lute, Orpherian or Viol de gambo.“

Mertz Salvoni II CDCaspar Joseph Mertz
Dances, Nocturnes, Etudes for six-string guitar
Graziano Salvoni, Gitarre
Aufgenommen März–April 2013, erschienen 2014
Gitarre: Johann Anton Stauffer 1827
2 CDs BRILLIANT CLASSICS 94653
… mit allem gebotenen Respekt …

 

CD bei Amazon bestellen?

Über Graziano Salvoni und seine Bemühungen um Caspar Joseph Mertz konnten Sie hier schon lesen. Was uns bei Erscheinen der ersten Besprechung nicht bekannt war, ist, dass Graziano direkt anschließend an die erste Doppel-CD mit Bardenklängen eine zweite Sammlung mit Werken von Mertz aufgenommen hat: Dances, Nocturnes, Etudes. Hier ist sie!

Die Tänze, Nocturnes und Etüden sind, nach Opusnummern sortiert, ins CD-Programm aufgenommen worden. Es beginnt folglich mit op. 1: „Verlands Blüthen – Originelle Ungarische“. Beinahe wäre ich über diesen kryptischen Titel gestolpert und hätte aus „Verlands Blüthen“ „V[at]erlands Blüthen gemacht – hätte die Schuld für das Missverständnis also dem Notenstecher oder dem Verleger in die Schuhe geschoben. „DTitel Vaterlands Bluethenie beiden Buchstaben [at] sind einfach vergessen oder vom Notenstecher übersehen worden!

In beiden großen europäischen Sammlungen mit Gitarrenmusik, der Rischel- und Birket-Smith Sammlung in Kopenhagen und der Boije-Sammlung in Stockholm, befinden sich Exemplare der Erstausgabe des Stücks und beide heißen (natürlich!) „Vaterlandsblüthen“ (s. beiliegend ein Faksimile). Graziano Salvonis Versuch einer Übersetzung des missglückten Titels entlarvt ihn dann: „In Op. 1, Verlands Blüthen [sic] – Originelle Ungarische (The Land’s Temperaments – Original Hungarian), the spirit of Hungarian music is wonderfully rendered in six dances …“ [S. 7] Er hat den falschen Titel ins Spiel gebracht und bis zum Schluss verteidigt. Einen Redakteur für Booklets scheint es beim Label nicht zu geben und so ist der Name veröffentlicht worden und – jetzt wird’s tragisch! – in unzählige Internetseiten gerutscht. Dort gibt es jetzt ein Werk von Mertz mit dem Titel „Verlands Blüthen“. Googeln Sie mal Verlands Blüthen!

Williams Harvey EXPOMessage to the Future
John Williams & Richard Harvey’s World Tour
The Closing Performance, EXPO 2005 Aichi/Japan
Werke von Turlough O‘Corolan, Bach, Piazzolla, van Eyck, Pedro Elias Gutierrez, Harvey u.a.
Aufgenommen am 21. September 2005, erschienen 2009
DVD ALTUS RECORDS ALU0008, Im Vertrieb von NAXOS
… dürftig …

 DVD bei Amazon bestellen?

Nein, John Williams hat mit Richard Harvey keine Welttournee hinter sich, deren Programm jetzt als DVD vermarktet werden soll. Die beiden Musiker haben auf der EXPO 2005 in Aichi in Japan ein Weltmusik-Programm gespielt und dieses Programm liegt jetzt als DVD vor. Gespielt wird auf fünfzehn verschiedenen Instrumenten – Williams spielt Gitarre und Richard Harvey die anderen vierzehn, darunter verschiedene Flöten, Klarinette, Mandoline, verschiedene Schlaginstrumente.

Und was haben die beiden gespielt? Irgendwas zwischen Semi-Klassik und Semi-Folklore, zwischen Bach und Piazzolla, zwischen Hollywood und Kelly-Family. Williams und Harvey sind erstklassige Musiker, zweifellos, aber das Programm, das sie für das Konzert zur Weltausstellung 2005 zusammengestellt haben, ist dürftig, zusammengewürfelt aus dem, was gerade auf dem Notenständer stand. Was Harvey alles an Klängen zaubern kann, ist schon faszinierend, auch, dass John Williams das Präludium der ersten Cellosuite BWV 1007 von Johann Sebastian Bach immer noch kann. Bravo!

Quatuor Eclisses Invitation Francaise CDQuatuor Eclisses: Invitation Française
Werke von Saint-Saëns, Debussy, Fauré, Ravel und Bizet
Aufgenommen im August 2014, erschienen 2015
AD VITAM RECORDS AV150715
… Die Einladung dieses Ensembles sollten Sie jedenfalls annehmen! …

CD bei Amazon bestellen?

Die fünf an diesem Programm beteiligten Komponisten entstammen einer Generation:

Saint-Saëns (1835–1921): „Danse Macabre“ von 1875
Bizet (1838–1875): Auszüge aus „Carmen“ von 1875
Fauré (1845–1924): „Barcarolle Nº 1“von 1880
Debussy (1862–1918): „Suite Bergamasque“von 1890
Ravel (1875–1937): „Alborada del gracioso“ von 1905

Sie alle sind entweder in Paris geboren oder haben lange dort gelebt und gearbeitet. Paris war zu ihrer Zeit die kulturelle Hauptstadt Europas, hier wurde man Zeuge großer Umwälzungen und Entdeckungen, hier wurde die Moderne geboren.

Der Name Maurice Ravels steht auf dem Programm ganz oben. Von ihm wird gegeben: „Alborada del gracioso“ („Morgenlied des Narren“) aus dem Zyklus „Miroirs“ („Spiegel“), das Ravel 1919 wie den Satz „Une barque sur l’ocean“ („Eine Barke auf dem Ozean“) zusätzlich zur originalen Klavierversion orchestriert hat. In dieser Fassung ist „Alborada del gracioso“ schließlich berühmt geworden und heute noch ein beliebtes Repertoirewerk. Die ursprüngliche Version für Klavier ist spieltechnisch außerordentlich anspruchsvoll und war vielleicht daher nicht nachhaltig erfolgreich. Bei YouTube kann man eine Aufnahme des Stücks mit dem West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim hören (London, Proms, 2014) und sich von der Wirkung des Werks überzeugen. Diese Aufnahme hat heute eine nicht vorhergesehene Aktualität, die ich erwähnen möchte. Das Orchester besteht nämlich aus jungen Israelis, Palästinensern und Arabern und wirbt nicht nur für die wunderbare Musik, die es macht, sondern auch für den bedingungslosen und unbelasteten Umgang, den man miteinander pflegt. Chapeau! Ich habe Barenboim mit dem Orchester vor einigen Monaten in der Kölner Philharmonie gehört und dort gab es Beethoven – es war nicht nur eine wunderbare Begegnung auf menschlicher Ebene, es war ansteckend vitale Musik wie auch in der Aufnahme von „Alborada del gracioso“.

Ekachai Jearakul CDLaureate Series – Guitar
Ekachai Jearakul, 2014 Winner Guitar Foundation of America (GFA) Competition
Werke von Weiss; Mertz, Berkeley, Legnani, Brouwer und H.M. King Bhumipol
Aufgenommen im November 2014, erschienen 2015
Gitarre:
Matthias Dammann
NAXOS 8.573481
… Musiker mit enormem Potential …

 CD bei Amazon kaufen?

Ekachai Jearakul spielt kraftvoll und virtuos; klanglich ausgewogen und kulinarisch … aber leider, seine Musik wirkt irgendwie seelenlos und weit entfernt von dem, was die Stücke seines Programms versprechen. „Wie am Schnürchen“ läuft die Musik an einem vorüber, als Töne sozusagen, die wie Perlen zu einer Kette zusammengefügt sind … nur sind es gleichgroße Perlen, die eher amorphe Reihen ergeben, als organisch gewachsene Musik. Er gehört nicht zu der Spezies Jungvirtuosen, die sich gockelhaft in ihrer eigenen Behändigkeit suhlen; auch nicht zu denen, die im selbst erzeugten und dosierten Wohlklang baden. Keineswegs! Aber Ekachai Jearakul ist nicht wirklich präzise, was, Akzentuierungen und Phrasierungen angeht. Zu oft lässt er seine Interpretationen von Aspekten der spieltechnischen Machbarkeit beeinflussen oder gar bestimmen; zu oft spielt er beispielsweise schneller, wenn’s das Stück hergibt.

The Galant Lute CDVinícius Perez
The Galant Lute
Werke von Haydn, Kohaut, Mozart und Scheidler
Aufgenommen im Mai 2015
KLANGLOGO KL1515, im Vertrieb von NAXOS
Seine Debüt-CD jedenfalls sollten Sie sich gönnen!

CD bei Amazon bestellen?

Diese CD nimmt für sich ein, bevor man einen Ton gehört hat! Als Titelbild ist nicht eines der überstrapazierten Lautenbilder von Caravaggio oder Bernardo Strozzi, um nur Bespiele zu nennen, verwendet worden, sondern ein Gemälde, das weitgehend unbekannt ist. Es heißt „Lady with a Lute“ und ist von Thomas Wilmer Dewing aus dem Jahr 1886 [!]; Lautenmusik der galanten Zeit ist verschiedentlich schon aufgenommen worden … nur hat sie bisher keiner im Titel der daraus entstandenen CDs auch so genannt. Die hießen eher „Spätbarocke Lautenmusik“ oder ähnlich; Und außerdem: Der Solist ist eine bisher unbekannte Größe im internationalen Geschäft und allein daher von Interesse. Außerdem kommt er aus Brasilien – für mich bisher kein „sicheres Herkunftsland“, was Lautenisten angeht!

Was ist überhaupt eine galante Laute – so heißt die CD schließlich? Ein solches Instrument hat es, genau genommen, nie gegeben. Ein „Galant Homme“ zu sein galt hingegen im 18. Jahrhundert als äußerst erstrebenswertes Ziel … dabei wusste niemand genau, was damit gemeint war. Christian Thomasius („Von [der] Nachahmung der Franzosen“, Leipzig 1687) beklagte sogar, das Wort galant sei „bey uns teutschen so gemein und so sehr gemißbraucht worden, daß es von Hund und Katzen, von Pantoffeln, von Tisch und Bäncken, von Feder und Dinten, und ich weiß endlich nicht, ob nicht auch von Äpffel und Birnen zum öfftern gesagt wird. So scheinet auch, als wenn die Frantzosen selbst nicht einig wären, worinnen eigentlich die wahrhafftige galanterie bestehe …

WeihnachtsliederSebastian Müller (Hrsg.)
Das Weihnachtsliederbuch für Alt und Jung
70 leicht arrangierte Weihnachtslieder für Gesang und Gitarre
Mainz u.a., 2014, Schott
ED22026, ISBN 978-3-7957-4904-0, € 14,99

Buch bei Amazon bestellen?

Über das Fetenbuch für Alt und Jung ist hier schon berichtet worden. Jetzt steht das Fest vor der Tür (gemeint ist nicht der 11.11.!) … und damit wird das Weihnachtsliederbuch, das schon vor einem Jahr erschienen ist, hier aber nicht besprochen werden konnte, wieder aktuell. Die Ausstattung ist die gleiche, wie bei den Fetenliedern, das Programm umfasst die deutschen Traditionals wie „Alle Jahre wieder”, „Am Weihnachtsbaume, die Lichter brennen” oder „Es ist ein Ros' entsprungen”, dazu aber auch die neudeutschen Christmas-Songs: „Happy Xmas”, „Jingle Bells” oder „Rudolph, The Red-Nosed Reindeer”. Alles, was man braucht!

Tarrega Portrait2Francisco Tárrega: Guitar Edition
Giulio Tampalini
Aufgenommen im März 2014, erschienen 2015
Gitarre: Philip Woodfield 2010
BRILLIANT CLASSICS 4 CD 94336
… eloquent und in purstem Wohlklang …

CD bei Amazon bestellen?

Dies ist nicht die erste Einspielung sämtlicher Werke von Francisco Tárrega – und es ist nicht einmal die erste von Giulio Tampalini. Er selbst hat, so heißt es im Booklet, im Jahr 2003 schon einmal alles eingespielt, was damals von Tárrega bekannt und verfügbar war (Francisco Tárrega, Complete Works for Guitar, Concerto Editions CD2001-2), gut elf Jahre vor der jetzt vorliegenden neuen Edition. Damals, 2003, waren es zwei CDs, jetzt sind es vier. Hinzugekommen sind Transkriptionen: Chopin, Schumann, Beethoven, Schubert, Bach, Mozart, Haydn, Händel, Mendelssohn, Bizet, Wagner und diverse andere.

Tarrega Tampalini CDDie beiden ersten CDs der neuen Aufnahme (Originalkompositionen) enthalten – wie kann es anders sein – weitgehend die gleichen Stücke wie die CDs von 2003. Ein paar sind anders einsortiert, zugeschrieben oder kommentiert; einige Trouvaillen der letzten Jahre, sind hinzugekommen.

Francisco Tárrega hat nur für Gitarre komponiert. Er hat auch viele Stücke, die eigentlich von anderen Komponisten für andere Besetzungen geschrieben waren, für sein Instrument eingerichtet – und das oft, ohne expressis verbis anzugeben, dass es sich um Transkriptionen handelte und wer die Urheber der jeweiligen Originalwerke waren. Dass beispielsweise Tárregas Prelude „Oremus“ „eigentlich“ von Robert Schumann stammt und bei diesem „Phantasietanz“ (op. 124, Nº 5) geheißen hat, ist erst lange nach Tárregas Tod bekannt geworden. Angelo Gilardino, der Autor des sehr informativen Begleittextes zu der CD-Sammlung von Tampalini, berichtet weiter von Tárregas „Jota aragonesa“, von „La Cartagenera (sobre temas populares murcianos)“ oder der „Fantasía sobre motivos de La traviata.“ Auch bei diesen Werken von Tárrega haben Kollegen mitgearbeitet.

La Guitarra dels Lleons CDLa guitarra dels Lleons
Xavier Díaz-Latorre, guitarras; Pedro Estevan, percussión
Werke von Isaac Albéniz, Gaspar Sanz, Fernando Sor, Santiago de Murcia und Francisco Guerau
Aufgenommen zwischen 2011 und 2013 im Museu de la Música de Barcelona
Gitarren von Antonio de Torres; anon. Guitarra de los Leones ca. 1700; Josef Pagés; anon. Guitarra italiana ca. 1700 (alle Instrumente aus dem Besitz des Museu de la Música de Barcelona
CANTUS C9623, im Vertrieb von Note-1

… Die Gitarren sind die Stars! …

CD bei Amazon bestellen?

Vor ein paar Tagen ist hier die Besprechung einer CD mit Musik von Gaspar Sanz veröffentlicht worden. Als Resümee hieß es an deren Ende: „So geht Alte Musik!“ Die Interpreten waren Xavier Díaz-Latorre und Pedro Estevan. Gespielt haben sie auf Rekonstruktionen historischer Instrumente.

Die gleichen Interpreten haben auch die „heutige“ CD eingespielt … und die hat’s in sich! Das Programm beginnt mit einem Schlachtschiff des internationalen Gitarrenrepertoires, einem Schlachtschiff zudem, das ursprünglich nicht für Gitarre, sondern für Klavier komponiert worden ist: „Asturias“ von Isaac Albéniz … oder „Leyenda“? Auch zum Thema Fernando Sor werden Alte Kameraden herbeizitiert: Mozart-Variationen und – nun gut, das ist eine nicht ganz so oft gehörte Preziose – „Marlbrough s'en va-t-en guerre“ op. 28. Dazwischen Sanz, Santiago de Murcia und Guerau!“

Warum hat es diese CD nun „in sich“? Was ist speziell? Freilich nicht das Repertoire!

Soundboard XLI 2015 2 HeftSoundboard Scholar 1 2015 Heft

Die nachfolgenden Bemerkungen zu den Ausgaben von Soundboard XLI/2015/Nº 2 verstehen sich nicht als Rezensionen! Es sind ausschließlich knappe Zusammenfassungen des Inhalts der Hefte. Soundboard und Soundboard-Scholar können hier bestellt oder abonniert werden: www.guitarfoundation.org

[Hier eingegangen: 2015/10/16]: Soundboard, Ausgabe XLI/2015/Nº 2, „Iran and the Guitar“

Die Besonderheit dieser neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Soundboard“ ist, dass sie zusammen mit der ersten Ausgabe der neuen Zeitschrift „Soundboard Scholar“ geliefert wird. Soundboard Scholar erscheint jährlich und ist ein „Peer-Reviewed Journal of Guitar Studies“, also eine Zeitschrift, die nur wissenschaftlich orientierte Artikel zum Thema Gitarre enthalten soll. Die einmal jährlich erscheinende Ausgabe von „Soundboard Scholar“ ist im Abonnement auf Soundboard enthalten.

Die reguläre Ausgabe von Soundboard enthält verschiedene Beiträge zum Thema „Iran and the Guitar“. Robert Ferguson, der momentane Chefredakteur der Zeitschrift, erklärt, warum ihn gerade die musikalische Entwicklung im Mittleren Osten und da besonders im Iran besonders interessiert. Er spricht über Mesopotamien und die historische Bedeutung dieses vorderasiatischen Landes für die Entwicklung westlicher Musik und westlicher Musikinstrumente. Dass der Landstrich, der als Zweistromland oder Mesopotamien in die Geschichte eingegangen ist, heute fast deckungsgleich mit dem Irak ist und dass amerikanische Präsidenten (Bush & Bush) gegen dieses Land und auf seinem Territorium zwei Kriege geführt haben, erwähnt er nicht … und das gehört vielleicht tatsächlich nicht hierher.

Boccherini Moreno CDLuigi Boccherini: Guitar Quintets‘
José Miguel Moreno, La Real Cámera
Aufgenommen im Juni 2000, erschienen 2024
Sechschörige Gitarre: (Instrumentenbauer nicht angegeben)‘
GLOSSA cabinet GCD C80305, im Vertrieb von Note-1
… höchst vergnüglich! …

CD bei Amazon kaufen?

Es gibt viele Aufnahmen der Gitarrenquintette von Boccherini auf dem internationalen Schallplattenmarkt. Emilio Moreno, Geiger und Bruder des beteiligten Gitarristen, meint im Booklet vorliegender CD, die LP von Narciso Yepes mit dem Cuarteto Clásico de Madrid de Radio Nacional de España aus dem Jahr 1960 (Zafiro Z-L 31) sei „eine der ersten“ gewesen und speziell diese LP hätte für die Brüder insofern besondere Bedeutung gehabt, als ihr Vater, der Geiger Emilio Moreno, an dieser Aufnahme beteiligt gewesen sei.

Aber freilich sind die Aufnahmen, um die es hier geht, weitaus jünger, als die von Narciso Yepes und seinen Kammermusik-Partnern. 2014 sind sie erschienen, aufgenommen wurden sie schon im Jahr 2000. Vor fünfzehn Jahren! Die technische Qualität ist exzellent, auch die musikalische.

Turina

Joaquín Turina: Complete Guitar Music
Jan Depreter, Guitar
Aufgenommen im Januar 2015
Gitarre: Romanillos
Brilliant Classics 94973
… selbstverständlich makellos, klangschön und sicher …


CD bei Amazon bestellen?

Joaquín Turina (1882–1949) wurde in Sevilla geboren und hat, so sein Biograph Federico Sopeña Ibáñez, seine Heimatstadt nie verlassen – auch, wenn er im Alter von zwanzig Jahren fortgezogen ist und nie wieder in Sevilla gelebt hat. Turina lernte Klavier und konnte früh Erfolge als Pianist feiern. Mit der Partitur seiner ersten Oper „La sulamita“ unter dem Arm ging er – gerade achtzehnjährig – nach Madrid, um dort sein Glück zu versuchen. Aber als junger Musiker aus der Provinz in der Hauptstadt Karriere zu machen, war schwierig. Immerhin lernte er Manuel de Falla (1876–1946) kennen, mit dem ihn eine lange Freundschaft verbinden sollte.

Turina Gitarrenwerke Depreter1905 ging Turina nach Paris und studierte bei Vincent d’Indy, und – natürlich, möchte man fast sagen – bei dem die Musikwelt beherrschenden Claude Debussy. Anlässlich eines Konzerts traf er Isaac Albéniz, der ihm die Idee nahebrachte, spanische Volksmusik in Kompositionen zu verwenden.

Turina und de Falla gingen 1914 zurück nach Madrid und eine bemerkenswerte Karriere schloss sich für Joaquín Turina an. Er schrieb Werke für großes Orchester, darunter eine „Sinfonia sevillana“; Kammermusik für diverse Besetzungen; eine Oper mit dem Titel „Jardin de oriente“; mehrere Zarzuelas; Klaviermusik usw. Die Gitarre war ihm vertraut … aber nur insofern, als er aus Sevilla stammte und dort der Flamenco gepflegt wurde. Als klassisches Konzertinstrument wurde sie nicht in Ehren gehalten … bis Andrés Segovia kam. Der war dabei, eine internationale Karriere als Gitarrist zu machen und dafür auf der Suche nach neuem, präsentablem Repertoire für sein Instrument. Er stieß dabei unter anderen auf Joaquín Turina, der für den Maestro dann auch folgende Stücke schrieb:

1923: Sevillana (Fantasia), op. 29
1925: Fandanguillo, op. 36
1930: Ráfaga, op. 53
1931: Sonata, op. 61
1932: Homenaje a Tarrega, op. 69