Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

Nocturnal Jakob Lindberg LuteNocturnal – Jakob Lindberg, Lute
Werke von Anthony Holborne, Edward Collard, Daniel Bacheler, John Danyel, William Byrd, Benjamin Britten, John Dowland und John Johnson
Aufgenommen im August 2017, erschienen ℗ 2018
Lauten: 8-chörige Renaissance-Laute von Michael Lowe, 1982; 7-chörige Laute (in Mandora-Stimmung) von Michael Lowe, 1992
BIS-CD und SACD 2082, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… weniger aufgeregt und aufregend …

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Jakob Lindberg hat wieder einmal ein CD-Programm zusammengestellt, das originell und frisch wirkt … dabei hat man den Eindruck, nichts an Lautenmusik sei überliefert, was er noch nicht auf LP oder CD vorgelegt hätte. Gut, Benjamin Brittens „Nocturnal“ habe ich von ihm noch nicht gehört – weder auf der Gitarre, noch auf der Laute. Aber Bacheler und Johnson (zum Beispiel)? Ich würde mich wundern, wenn von diesen Meistern Stücke vorlägen, die wir von Jakob Lindberg noch nicht gehört haben! Und bitte, wenn ich Aufnahmen von Jakob Lindberg gehört habe, dann war das immer zu meinem und, wie ich annehme, zu unser aller großem Vergnügen!

Segovia Guitar MusicSegovia: Guitar Music
Alberto La Rocca, Guitar
Aufgenommen März/April 2015, erschienen ℗ 2016
Gitarre: Masaru Kohno, 1983 [die zehnsaitige Gitarre, mit der der Interpret für ein Foto im Inneren des Covers fotografiert worden ist, stammt – so eine Information von Alberto La Rocca in einer privaten Email an den Autor – von Luigi Locatto und wurde auf der Segovia-CD nicht verwendet, wohl aber auf zwei weiteren CDs des Künstlers.]
BRILLIANT CLASSICS 95369
… Segovia hat gerne mitkomponiert …

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Dass Andrés Segovia der weltweit einflussreichste „klassische Gitarrist“ des 20. Jahrhunderts gewesen ist, wird sicher nirgends bezweifelt. Und doch: Er ist sein Leben lang und ähnlich weltweit in hohem Maß kritisiert worden – als Gitarrist, Herausgeber, Lehrer und Komponist.

Segovias Karriere hat zwar beinah‘ das komplette zwanzigste Jahrhundert umspannt – allerdings ist er als Kind des 19. Jahrhunderts geboren worden und den Traditionen und Gewohnheiten dieser Zeit verbunden geblieben. Das 20. Jahrhundert war nicht nur von zwei Weltkriegen überschattet und vom Faschismus geprägt, in den Künsten war es auch die Zeit des Abstrahierens und der Abstraktion … aber dafür hatte Maestro Segovia nicht viel übrig. Je weitergehend sich Komponisten der Atonalität verschrieben – desto geringer waren ihre Chancen, von Segovia gewürdigt zu werden. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, ich nenne hier nur die „Quatre Pièces Brèves“ Von Frank Martin, die Segovia für Jahrzehnte ignoriert und damit der Musikwelt vorenthalten hat. Sein Metier war neo-neo-romantische Musik – Portamenti waren sein stilistisches Erkennungsmerkmal. Auch sein Spiel war nämlich unverwechselbar – und zwar unverwechselbar betörend in seiner klanglichen Dichte und unverwechselbar frech in seinem Ignorieren dessen, was von den Komponisten aufgeschrieben worden war. Segovia hat gerne mitkomponiert.

Toys for Two CDToys for Two – from Dowland to California
Margret Köll, Triple Harp; Luca Pianca, Lute
Werke von Dowland, Jimmy Page, Robinson, Byrd, Philips, Locke und anderen
Aufgenommen im Mai 2016, erschienen
℗ 2018
Laute: Luc Breton 1988
ACCENT Records ACC24340, im Vertrieb von Note-1
Leichtigkeit und Spielwitz …

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Margret Köll und Luca Pianca sind die Akteure dieser CD, die Musik „von Dowland bis California“ zusammenfasst. Es ist mehr Dowland, als California zu hören … und das ist bei der Besetzung mit Harfe und Laute nicht weiter verwunderlich. „Dowland“ steht für englische Consort-Musik des 17. Jahrhunderts – „California“ für Popmusik der neunzehnhundertsiebziger Jahre. Komponiert ist letztere von James Patrick (Jimmy) Page, dem Gründer von „Led Zeppelin“. Alle fünf Stücke, die auf der CD unter „California“ laufen, sind von ihm.

Bei Dowland ist das anders – nicht alles, wo Dowland draufsteht, ist auch von Dowland. William Byrd (1543–1623) ist der Älteste, Matthew Locke (1621–1677) der Jüngste der Komponisten … oder – sagen wir besser – Locke ist rund fünfundsiebzig Jahre später geboren, als William Byrd. Kein Wunder, dass sich die Musiken der beiden Komponisten grundsätzlich unterscheiden. Unter Königin Elizabeth I. (1533/1558–1603) haben die Älteren von ihnen komponiert, die Jüngeren unter James I. (1566/1603–1625) und sogar Charles I. (1600/1625–1649).

Neu eingegangene Noten, Besprechung vorbehalten


Andreas Aigmüller, Dialog op. 60a für Mandoline und Gitarre, Berlin, Verlag Neue Musik, 2014, nm 1294

Taner Akyol, Massaker für Gitarre solo, Berlin, Verlag Neue Musik, 2014, NM 1770

Francisco Manuel Serrano Alacio, Tres cándidos Universos, Reihe: Gitarre & Harfe hrsg. v. Maximilian Mangold und Mirjam Schröder, Berlin, Verlag Neue Musik, 2014, nm 1557

Isaac Albéniz, Danzas Espagnola Nr. 5 [sic] (Asturias/Leyanda) für Gitarre, herausgegeben von Oliver Eidam, Bremen, Eres, 2013, eres 3211

Isaac Albéniz, Danzas Espagnola Nr. 8 [sic] (Cuba/Notturno) für Gitarre, herausgegeben von Oliver Eidam, Bremen, Eres, 2013, eres 3213

Isaac Albéniz, Danzas Espagnolas Nr. 3 (Sevilla/Sevillanas) für Gitarre, herausgegeben von Oliver Eidam, Bremen, Eres, 2013, eres 3212

Julian Anderson, Catalan Peasant with Guitar, Mainz u.a., Schott, 2015, ED 13827

Peter Ansorge, [und Bruno Szordikowski: ] Mein erstes Konzert: 44 leichte Gitarrenstücke aus fünf Jahrhunderten, Mainz u.a., Schott, 2015, ED 22050

Peter Ansorge (Hrsg.), [und Bruno Szordikowski]: Classical Studies for Guitar/Klassische Gitarrenetüden, Mainz u.a., Schott, 2014, ED 21604

Peter Ansorge (Hrsg.), Easy Concert Pieces for Guitar, Mainz u.a., SCHOTT, 2016, BSS 57385

Peter Ansorge (Hrsg.), Easy Concert Pieces II for Guitar, herausgegeben von Bruno Szordikowski und Martin Hegel, Mainz u.a., Schott, 2014, ED 21637

Peter Ansorge (Hrsg.), und Bruno Szordikowaski und Martin Hegel: Easy Concert Pieces for Guitar Vol. 12 [mit CD], Mainz u.a., Schott, 2013, ED 21636

Johann Sebastian Bach, Bach for Guitar, hrsg. v. Martin Hegel, herausgegeben von Martin Hegel, Mainz u.a., Schott, 2013, ED 21601

Johann Sebastian Bach, Clavier-Übung III, 4 Duette, BWV 802-805 bearbeitet für zwei Gitarren von Reinbert Evers, Berlin, Verlag Neue Musik, 2018, NM 2818

Johann Sebastian Bach, Das Gesamtwerk für Laute solo, transkribiert für Gitarre von Reinbert Evers und Giesbert Keller. Spieltechnisch eingerichtet von Reinbert Evers, Berlin, Verlag Neue Musik, 2016, NM 1643

Gangi Studies for GuitarGangi Music for Guitar 2018
Gangi: Music for Guitar

Alessandro Minci, Guitar
Aufgenommen im Januar 2018
Gitarre: Leonardo De Gregorio
BRILLIANT CLASSICS 95724

 Gangi: 22 Studies for Guitar
Andrea Pace, Guitar
Aufgenommen im Juni 2015, erschienen ℗ 2016
Gitarre: Leonardo De Gregorio
BRILLIANT CLASSICS 95204
… leicht und unterhaltsam, kurz und knapp …

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Mario Gangi (1923–2010) wurde in Rom geboren und hat ersten Musikunterricht bei seinem Vater erhalten, der in den 30er Jahren als Gitarrist, Kontrabassist und Banjospieler in verschiedenen Jazz-Ensembles gespielt hat. Mario studierte dann am Santa-Cecilia-Konservatorium in Rom und zwar Kontrabass, Gitarre hat er schon als Kind gespielt und mit diesem Instrument hat er auch dann eine Konzertkarriere betrieben. Petrassis „Nunc“ hat er aufgeführt, auch eine eigene Bearbeitung des Konzerts op. 30 für Gitarre und Orchester von Mauro Giuliani. Diese Version des Konzerts ist – nebenbei bemerkt – von diversen Gitarristen aufgeführt und eingespielt worden, wurde aber eher vorsichtig beurteilt, weil niemand die Verlässlichkeit der Edition einschätzen konnte. Sie ist in José de Azpiazus Verlag Symphonia Edition in Basel unter dem Namen „Celebre Concerto“ op. 30 herausgekommen und war tatsächlich stark überarbeitet und verfälscht. Mario Gangi ist als Herausgeber genannt. Das Motto „ad fontes!“ war damals in der Gitarrenszene nicht bekannt … mindestens wurde es selten beachtet. Gangi war keineswegs der Einzige, der kreativ mit musikalischen Quellen umging.

Luigi MozzaniMozzani, Respighi: Complete Music for Guitar
Giulio Tampalini, Guitar
Aufgenommen im April 2016, erschienen ℗ 2017
Gitarre: „Luigi Mozzani“ aus dem Besitz von Andrés Segovia (1936)
BRILLIANT CLASSICS 95230
… offen für Details und fürs Ganze …

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Luigi MOZZANI RESPIGHI Complete Music for Guitar CDMozzani (1869–1943) war nicht nur Gitarrist und Komponist, er war außerdem oder gar eigentlich ein ingeniöser Gitarrenkonstrukteur, der zu einer Zeit tätig war, als allenthalben am Idealtypus einer klangvolleren und vor allem lauteren Gitarre gearbeitet wurde … klangvoller und lauter, als es die Überbleibsel der klein mensurierten Gitarren der Zeit Regondis oder von Caspar Joseph Mertz waren. Das Instrument sollte endlich einen Stammplatz im Kanon der Kulturinstrumente erobern und sichern … und dafür musste es auch in größeren Konzertumgebungen wahrnehmbar sein.

Größere Gitarren wurden gebaut und solche mit zusätzlichen Saiten und  voluminösen Klangkörpern. Außerdem war inzwischen der spanische sechssaitige Gitarrentyp von Antonio de Torres bekannt, der sich sehr schnell durchsetzen sollte und zum Standard wurde. Mozzani selbst soll, wie Angelo Gilardino im Booklet der CD berichtet, den neuen Gitarrentyp in Italien gefördert und empfohlen haben — auch bei den einflussreichen Instrumentenmachern Giovanni Battista Guadagnini zum Beispiel und bei Gennaro Fabricatore.

Allerdings kennen wir Luigi Mozzani hauptsächlich wegen der großen, vielsaitigen Harfengitarren, die er „Chitarra-lyra“ nannte … aber vermutlich sind uns vornehmlich diese Instrumente und zwar wegen ihrer monströsen Bauart in Erinnerung. Mozzani hat sie erdacht, entwickelt und auf der ganzen Welt gespielt. Er hat sich mit ihnen fotografieren lassen … selbst gebaut hat er sie allerdings nie. Mozzani war kein Instrumentenbauer, unterhielt aber mehrere Werkstätten in Cento, Bologna und Rovereto, wo unterschiedliche Zupfinstrumente hergestellt wurden.

CrossroadsKlaus Wadar, Dimitri Lavrentiev, Takeo Sato
Crossroads
Werke von Händel, Haydn, Tschaikowski, Albéniz, Kaempfert, Mancini, Brian Carman, Dimitri Lavrentiev
Aufgenommen im Januar und Februar 2017, ℗ 2017
Gitarren von Andreas Kirschner und Kazuo Sato
RACCANTO rc025, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… drei Top-Musiker …

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Ein altes Lied muss wieder einmal gesungen werden: Viel Musik gibt es für die Besetzung „Gitarrentrio“ nicht, da sind die Musiker auf Transkriptionen angewiesen … und zwar häufig auf neue, eigene, weil qualitätvolle Übertragungen auch nicht in Hülle und Fülle zur Verfügung stehen. Es kommt hinzu, dass Gitarristen besonders bei Aufnahmen gerne eigenes Notenmaterial und eigene Arrangements verwenden. Auch hier: Jedes Trio-Mitglied hat die Ausgabe mindestens eines Programmteils mitgebracht, dazu kommen zwei von Raymond Burley: „Capricho Catalán“ und „Tango“ von Isaac Albéniz hat er arrangiert.

Das Programm, das die drei Musiker uns präsentieren, besteht aus Klassikern: Händel & Haydn; Quasi-Klassikern: Tschaikowski (Schwanensee und Nussknacker) und Isaac Albéniz und schließlich klassischer Unterhaltungs- oder Filmmusik: Henry Mancini, Bert Kämpfert, Brian Carman und schließlich Dimitri Lavrentiev. Er hat den Namensgeber – „Crossroads“ – geliefert.

Flores Espanolas CDFlores Españolas: Music for Viol Consort and Guitar‘
Maria Ferré, Renaissance- und Barockgitarre; Les Escapades: Sabine Kreutzberger, Adina Scheyhing, Barbara Pfeifer, Franziska Finckh, Gamben
Werke von Antonio de Cabezon, Llano del Cavallero, Pablo Bruna, Gaspar Sanz, Juan Cabanilles u.a.
Aufgenommen in Zusammenarbeit mit dem SWR2 im Februar 2017
Erschienen ℗ 2018 bei CHRISTOPHORUS CHR 77418, im Vertrieb von Note1
… alles andere, als staubig oder antiquiert …

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Wir, das heißt gitarrenaffine Menschen, kennen die Komponisten, die auf vorliegender CD mit Stücken vertreten sind. Es sind Musiker, die uns wegen ihrer Beschäftigung mit der Vihuela oder den Gitarren des 16. und des 17. Jahrhunderts vertraut sind und bei einigen kennen wir sogar die Stücke, die vorgeführt werden. Pavana und Gallarda von Luis Milan finden sich in fast allen Anthologien mit früher Gitarrenmusik – ob gedruckt oder auf Tonträgern. Das Gleiche gilt für die Tänze von Gaspar Sanz oder von Santiago de Murcia … kennen wir!

Die Besetzung mit vier unterschiedlichen Gamben und Gitarren ist uns für diese Musik auch durchaus vertraut. Geläufig oder gar „üblich“ ist sie aber (noch) nicht. Warum das so ist? Nun, Gamben-Ensembles waren vor fünfhundert oder vierhundert Jahren höchst populär … danach riss aber die Tradition des Musizierens und des instrumentalen Improvisierens ab. Uns ist ja durchaus Musik des 16. Und 17. Jahrhunderts überliefert – aus dieser Zeit stammen die meisten der „Flores españolas“, die wir auf der CD hören – allerdings fehlte uns lange das aufführungspraktische Know-how, um die Stücke angemessen aufzuführen. Überliefert sind keine Partituren, die uns bis ins Detail präzise Aufführungsanweisungen liefern, sondern eher musikalische Skizzen, die bei den Aufführenden viel Wissen und Erfahrung voraussetzen. Und genau diese Erfahrung ist inzwischen verloren gegangen.

Giuseppe Buscemi Come Heavy Sleep CDGiuseppe Buscemi: Come Heavy Sleep
Werke von Frank Martin, Britten, de Falla, Manén
Erschienen
℗ 2018
Gitarre von Guido Di Lernia
DotGuitar .G1803
… er weiß, mit den Stücken, die er uns vorspielt, umzugehen …

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„Klassiker des 20. Jahrhunderts“ könnte man das Repertoire nennen, das Giuseppe Buscemi uns auf seiner Debüt-Solo-CD präsentiert. Martin, Britten, de Falla und Manén … das erinnert an Julian Breams Bemühen um Neue Musik für Gitarre und besonders an dessen LP „20th Century Guitar“ von 1966. Sie, diese Platte, ist vor über fünfzig Jahren entstanden und war ein Meilenstein in dem damals praktizierten Gitarrenrepertoire. Was man da hörte, war neuartig, frisch und weit entfernt von den auf der ganzen Welt gespielten Piecen aus dem Portefeuille von Maestro Segovia. Der bestimmte nämlich, was gespielt wurde und – vor allem – was nicht! Und er legte auch fest, was neue Musik war. „Neue Musik“ gab es, was die Gitarrenszene anging, erst einmal nicht. Statt ihrer dilettierte jedermann spanische oder lateinamerikanische zeitgenössische … aber keineswegs „Neue Musik“.

Mit Julian Breams LP  „20th Century Guitar“ ist dann eine Qualität neuer Musik bekannt geworden, die sehr schnell Anhänger finden sollte. Bream war dabei nicht unbeteiligt, denn er hörte nicht auf, die Neuentdeckungen in Konzerten auf der ganzen Welt zu spielen. Außerdem hatte er beim Entstehen der Werke von Britten und auch Henze mitgemischt. Mit dem Schreiben für Gitarre waren viele Komponisten der Zeit nicht vertraut – Segovia hat genau daraus insofern Kapital geschlagen, als er beim „Einrichten“ neuer Werke, die ihm von „Nicht-Gitarristen“ geschrieben worden sind, kräftig „mitkomponiert“ hat. Heute kommen neue, revidierte Notenausgaben der ursprünglichen Werkversionen heraus – unter anderem bei Schott-Music in Mainz.

Silvius Leopold Weiss The Dresden Manuscript CDSilvius Leopold Weiss: The Dresden Manuscript – Music for two lutes
Roberto [sic] Barto | Karl-Ernst Schröder
Aufgenommen im Juni 1998, erschienen ℗ 2018
Lauten: Andrew Rutherford 1988 (Barto) und Michael Lowe 1993 (Schröder)
GLOSSA GCD C80024, im Vertrieb von Note-1
… bestens aufeinander eingestimmt …

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Das  „Dresden Manuscript“ ist die umfangreichste überlieferte Quelle für die Lautenwerke von Silvius Leopold Weiss (1687–1750). Genau genommen handelt es sich dabei um die sechsbändige Handschrift Mus. 2841-V-1 der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. Der sechste Band trägt den Titel „Weisische Partien / wozu noch 3 Vol. Accompag. gehören“. Diese „3 Vol. Accompag.“ fehlen leider. Sie sind bisher nicht gefunden worden, obwohl sich zahlreiche Musikwissenschaftler, Bibliothekare und Musiker darum bemüht haben.

Was jetzt erneut als CD vorliegt, ist die klangliche Dokumentation des – auf jeden Fall geglückten – Versuchs, die fehlenden Begleitstimmen (das „Accompag.“) zu rekonstruieren. Erneut? Die jetzt bei GLOSSA erschienene Aufnahme ist vor zwanzig Jahren schon einmal bei SYMPHONIA herausgekommen: „Sonate per 2 Liuti“ SY 98159.

Was die angesprochene Quellenlage angeht, findet man in den (textgleichen) CD-booklets den Hinweis: „missing lute part reconstructed by Karl-Ernst Schröder“. Schröder, geboren 1958 in Eschweiler, hat – wie sein Duo-Partner Robert Barto – in Aachen bei Tadashi Sasaki studiert, später an der Schola Cantorum Basiliensis bei Eugen Dombois und Hopkinson Smith. Leider ist er am 5. November 2003 viel zu früh in Basel verstorben.

Kumela Petri Solo SorFernando Sor
Petri Kumela – Guitarra Clásico -Romántica: René Lacôte, 1826
Aufgenommen im Mai 2017
Gitarre von René Lacôte, 1826, restauriert 2014 von Gabriele Lodi
TEMPUS CLÁSICO 10140
… als einen der bedeutendsten spanischen Gitarristen und Komponisten des 19. Jahrhunderts …

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Auf „originalen“ Gitarren zu spielen, ist heute nichts Besonderes mehr! Besonders für Musik des frühen 19. Jahrhunderts ist es fast gang und gäbe geworden … wobei wirklich „originale“ Instrumente ebenso verwendet werden wie Repliken.

Ich kann mich an ein Konzert 1983 in Québec/Kanada erinnern, bei dem Maria Kämmerling und Leif Christensen mit Gitarrenduos von Mauro Giuliani auftraten und sie spielten zeitgenössische Gitarren. Die Reaktion des Publikums (fast alles Gitarristinnen und Gitarristen, die meisten aus den USA) war irgendwo zwischen verständnislos und ablehnend. Neben mir saß John Duarte und meinte (hinter vorgehaltener Hand): „Damit haben die keine Chance!“ Einen weiteren Kommentar zitiere ich hier aus Gründen der Diskretion nicht.
Wen das erstaunt (oder ärgert) – auch nach dem nächsten Programmteil war das Publikum teilweise „not amused“. Unmittelbar nach Kämmerling/Christensen spielte David Leisner nämlich (unter anderem) einen Satz aus der Oper „Einstein on the Beach“ von Philip Glass. Die Leute hatten wenig Verständnis – weniger noch, als für die Giuliani-Duos.

Paganini Complete EditionNicolò Paganini: Complete Edition, erschienen im Gedenken an Pietro Mosetti Casaretto (gest. 2012), den Gründer des Labels DYNAMIC
Diverse Interpreten, darunter Ruggiero Ricci, Massimo Quarta, Leonidas Kavacos und Salvatore Accardo, Violine; das Orchestra of the Teatro Carlo Felice di Genova unter Massimo Quarta; das Nordwestdeutsche Radio-Symphonie-Orchester unter Ernest Bour; The Chamber Orchestra of Europe unter Franco Tamponi; das RIAS-Orchester unter Jacques Delacôte; das Polish Radio Symphony Orchestra unter Kees Backels; das Orchestre Symphonique von Radio-Télé Luxembourg; das Quartetto Paganini; Giuseppe Briasco, Maurizio Preda, Adriano Sebastiani und Guido Fichtner, Gitarre; Marco Pasini, Klavier und diverse andere
Aufgenommen zwischen 1973 und 2018
40 CDs, DYNAMIC
CDS 7734.40, im Vertrieb von NAXOS

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Vollständige Besprechung unter: www.PeterPaeffgen.com

Besprechung aus: Gitarre & Laute-PRINT, XXIX/2007, Heft 5–6, S. 41, geschrieben im September 2007, hier (in Gitarre & Laute-ONLINE) unverändert neu veröffentlicht am 21. August 2018. 

Gitarrenduos des Barock NiehusmannGitarrenduos des Barock
Niehusmann Gitarren Duo
Aufgenommen im Juli und Oktober 2006, erschienen
℗ 2008
NAXOS 8.551264
… Protokoll eines sehr interessanten Versuchs …

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Johann Sebastians Bachs Suite A-Dur für Violine und Klavier hat viele Jahre Wissenschaftlern und Musikern Rätsel aufgegeben. Schon Wolfgang Schmieder schrieb 1950 in seinem „Thematisch-Systematischen Verzeichnis der Musikalischen Werke von Johann Sebastian Bach“ (BWV) „Echtheit angezweifelt“, als es um dieses Werk ging. Die Zweifel waren berechtigt, darüber besteht heute Gewissheit: Der Cembalopart ist von Silvius Leopold Weiss und Bach hat die Violinstimme dazukomponiert, wie dessen Sohn Carl Philipp Emanuel schon durch den Eintrag „Trio fürs obligate Clavier und eine Violine von J. S.Bach“ auf der Handschrift angedeutet hatte.

Svoboda Michal La BusquedaMichal Svoboda: La Búsqueda
Werke von Agustín Barrios und Miguel Llobet
Aufgenommen im Dezember 2016, erschienen ℗ 2017
Gitarre von Mario Rosazza-Ferraris, Rom 2004
ARCODIVA UP 0191-2 131, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel
… überzeugende Debüt-CD …

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Ein junger Gitarrist, der ein Programm aus- und aufführen möchte, das ausschließlich aus Stücken von Gitarristen/Komponisten besteht, von Musikern also, die selbst gut oder vielleicht sogar einzigartig Gitarre spielen oder gespielt haben, geht einem Risiko aus dem Weg … und stellt sich gleichzeitig einem anderen. Er kann sich – einerseits – darauf verlassen, dass die Stücke, die er da spielen will, in Kenntnis der idiomatischen und spieltechnischen Eigenarten der Gitarre geschrieben, also „spielbar“ sind, muss sich aber – andererseits – darauf gefasst machen, dass er es mit höchst anspruchsvollem Material zu tun haben wird, für das Referenzeinspielungen gleich mitgeliefert werden.

Michal Svoboda, mit dessen CD wir es hier zu tun haben, kommt aus Tschechien. In Znojmo wurde er 1985 geboren, bei Stanislav Juřica hat er studiert, danach in Wien bei Alexander Swete und bei Tomasz Zawierucha in Feldkirch. Für seine jetzt vorliegende Debüt-CD hat er Stücke ausgewählt, die unverkennbar von Gitarristen/Komponisten geschrieben sind. Sie haben dieses Flair von „passend“ oder „instrumentengerecht“ – außerdem sind sie uns, die wir rund hundert Jahre nach ihrem Entstehen debattieren, mehr als bekannt.

The Elfin 2The Elfin Knight: Ballads and Dances
Joel Frederiksen: Ensemble Phoenix Munich
Aufgenommen im November 2006, erschienen 2018
harmonia mundi gold HMB 501983, im Vertrieb von HELIKON
… Sensationell! …

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Sensationell! Joel Frederiksen spielt Laute und ist Leiter des begleitenden Ensembles (Ensemble Phoenix Munich). Und er singt! Er singt einen sensationellen, unvergleichbaren tiefen Bass. Sonor und doch mit einer Leichtigkeit, die man niemals erwartet. Nicht gehaucht und nicht gepresst, kein Belcanto, aber von großer unaufdringlicher Schönheit. „Für das CD-Programm bin ich davon ausgegangen, mit ganz einfachen Mitteln starke Affekte zu erzielen und damit jedem Stück auf seine Weise gerecht zu werden. Wir haben uns hierbei einige Freiheiten genommen. In der Kunst und in der Liebe rechtfertigt die Überzeugungskraft des Ergebnisses fast jedes Mittel. Aber dies sollen die Hörer selbst beurteilen.
Den Sänger – nein, die Sänger, denn der Countertenor Sven Schwannberger, der auch Flöte, Blockflöte, Theorbe und Laute spielt, ist mit von der Partie – begleitet ein Consort aus Renaissance-Zupfinstrumenten, Schlagwerk und Viola da Gamba. Gesungen und gespielt werden volkstümliche ‚Ballads and Dances‘ der Zeit von Königin Elizabeth I. Fast alle sind anonym überliefert, was Texte und Musik angeht … Liebeslieder, Tänze und Balladen, in denen über Land und Leute schwadroniert wird, über Krieg und Frieden, über Aktuelle und Verflossene. Und manchmal wird auch von Menschen berichtet, in denen man sich getäuscht hat, von Greensleeves zum Beispiel: „Das weltbekannte Greensleeves wird ja manchmal ganz süßlich-unschuldig gesungen. Die imaginäre Hauptperson ist jedoch – wenn man genau hinhört – eher eine Frau, die käuflich ist. Der Mann redet mit ihr und sagt: „Wieso liebst Du mich nicht? Ich habe Dir das und das gegeben und Du liebst mich immer noch nicht …“ Deshalb wollte ich das Stück nicht als sentimentales, langsames Liebeslied vortragen, sondern als etwas Rthythmisches mit viel sinnlicher Energie“ … schreibt Joel Frederiksen.

Bach Thomas DunfordBach – Thomas Dunford
BWV 1007, 995, 1004
Aufgenommen im Juli 2017, erschienen ℗ 2018
Laute: Archlute by Giuseppe Tumiati, Cremona 1993
ALPHA CLASSICS 361, im Vertrieb von Note-1
… Sehr schön, sehr vielversprechend! …

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Thomas Dunford wurde 1988 in Paris geboren, studiert hat er bei Charles-Edouard Fantin in Paris, danach bei Hopkinson Smith. Heute ist er auf den Bühnen der Welt zuhause – als Solist und in verschiedenen Ensembles. Was Thomas‘ Diskographie angeht, hat er sich bisher mit John Dowland befasst, mit Kapsberger und jetzt mit Johann Sebastian Bach.
Dunford spielt auf seiner neuen CD nicht das „übliche“ Bach-Lauten-Repertoire. Nicht „Präludium, Fuge und Allegro“, nicht die „Erste Lautensuite“ … statt derer zwei Cello-Suiten und die Chaconne … obwohl … bei genauerer Betrachtung wird es rasch für jedermann offenkundig, dass Bachs „Erste Lautensuite“ auf dessen fünfte Cellosuite zurückgeht. Die Cellosuite trägt im BWV die Nummer 1011, die Lautensuite die 995. Wer die Transkription Cello/Laute angefertigt hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Tilman Hoppstock schreibt in seinem Standardwerk über „Die Lautenwerke Bachs aus der Sicht des Gitarristen“ (Vol. 1, Darmstadt 2009, S. 43): „Die Transkriptionsfassung für Laute ist vermutlich einige Jahre später in Leipzig entstanden. Wahrscheinlich handelt es sich hier um eine Auftragsarbeit für einen Lautenisten namens Schouster, der in der Widmung des Werkes erwähnt wird. […] Denkbar wäre, dass Bach, um die Bitte für ein größeres Werk für Laute erfüllen zu können, aus Zeitnot auf das bereits vorhandene Stück für Cello solo zurückgriff.