Giuliani pop

Angenendt CDTristan Angenendt: Between the Centuries
Werke von Walton, Arnold, Rawsthorne, Martin, Rodrigo, Schillings, Schmitz
Aufgenommen Oktober bis November 2011, erschienen 2012
KSGExaudio 67024
… so, dass Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns erst gar nicht aufkommen …

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Walton, Arnold, Rawsthorne … eine Debüt-CD? Wo sich Allerwelts-Anfänger mit Allerwelts-Anfänger-Repertoire zwischen Canarios, BWV 1000, den Mozart Variationen und Asturias vorstellen, spielt Tristan Angenendt ein Programm, für das sich gestandene Profis nicht schämen müssten … ach was! … auf das gestandene Profis stolz wären, weil es viel- und weniger gespielte Werke des zwanzigsten Jahrhunderts zusammenfasst.

Nun wäre das Präsentieren eines so anspruchsvollen Programms pure Hochstapelei, wenn Tristan Angenendt ihm nicht gewachsen, wenn er mit den spieltechnischen und musikalischen Anforderungen der Stücke überfordert wäre. Nichts dergleichen! Ich höre einen jungen Musiker, gerade 28 Jahre alt geworden, der die „Quatre Pièces Brèves“ von Frank Martin mit einer Abgeklärtheit spielt, als grübelte er seit Jahrzehnten über das Werk nach.

 

Aber der Reihe nach! Über das Beherrschen seines Instruments muss bei Angenendt nicht geredet werden. Dass Kritiker sich gelegentlich darüber auslassen, dass und wie ein Interpret ein Stück spieltechnisch „meistert“, ist, ich muss es gestehen, typisch für die Gitarrenszene, in der sich immer noch nicht nur meisterlich professionelle Musiker bewegen, sondern auch zahlreiche Dilettanten, die sich maßlos überschätzen und schon mit dem Handwerklichen ihrer Arbeit ihre Probleme haben. Zu denen gehört Tristan Angenendt nicht!

Die Werkauswahl seiner CD hat der Interpret mit „Between the Centuries“ überschrieben, „Zwischen den Jahrhunderten“, und damit angedeutet, er baue mit seiner CD quasi eine Brücke zwischen der heutigen Zeit und dem 20. Jahrhundert, in dem das eingespielte Repertoire entstanden ist. Bis auf die beiden letzten Kompositionen von Günter M. Schillings und Georg Schmitz, sind es alles „Klassiker“, die wir zu hören bekommen. Drei oder sogar vier davon gehen auf Julian Bream zurück, der sie initiiert und bekannt gemacht oder, im Fall der vier Stücke von Martin, aus dem Portefeuille von Segovia gerettet und dann auf der ganzen Welt gespielt hat.

Diese Musik ist in einem Jahrhundert entstanden, das wesentlich von politischen und gesellschaftlichen Umstürzen und von Weltkriegen geprägt worden ist. Auch von Hoffnungen, Illusionen und Enttäuschungen und so drückt sie oft Unentschlossenheit aus, wankend zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, zwischen Tonalität, harmonischer Freiheit und neuen Regeln.

Hans Werner Henze, seine Gitarrenwerke hätten, was ihre Entstehungszeit angeht, in das Repertoire von Angenendts CD gepasst, er hat sich für eine konsequentere Erneuerung seiner musikalischen Sprache entschieden … und war damit den Radikalen nicht radikal genug. Adorno, der Vordenker der „Darmstädter Schule“, hat nach 1945 jegliches Komponieren für unmöglich gehalten und Helmut Lachenmann gab da auf, „wo, nach Auschwitz, nichts mehr artikuliert oder dargestellt werden kann, weil alles so verschlissen & beschissen ist, alles schon gesagt, kaputt, kaputt!“

Walton, Arnold und Rawsthorne? Ihre Stücke verbindet „ein gewisser Konservativismus, der aber keineswegs verstockt oder rückständig zu sein braucht, sondern eher als Regulativ gegenüber forcierter Modernität wirkt und zu einiger stilistischer Unbefangenheit erzieht“, so Ulrich Dibelius.

Joaquín Rodrigos Wettbewerbsstück „Invocación y Danza“ von 1961 ist meines Erachtens eines der besten Werke, die im 20. Jahrhundert für Gitarre geschrieben wurden … nur weist auch dieses Stück nicht in die Zukunft. Überhaupt ist keines der Stücke, die Tristan Angenendt auf seiner CD anbietet, revolutionär neu … und das hängt weniger mit dem Interpreten und seiner Repertoire-Auswahl zusammen, als vielmehr damit, dass sich nach 1945 keine stilistischen Tendenzen etablieren konnten. Was man zu wissen glaubte, schrieb Albert Wellek in Band I der MGG/1, erschienen 1949—1951, zum Thema „Atonalität“: „Heute darf gesagt werden, dass über Wert und Unwert der „atonalen Musik“ die Akten geschlossen sind, und zwar mit endgültig und allgemeinverbindlich negativem Ergebnis“! Dieses groteske Fehlurteil zeigt nicht nur, wie falsch man die kompositorische Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg einschätzte, sie mahnt auch zur Vorsicht, was die erste Auflage der Musikenzyklopädie „MGG“ angeht, die zur Zeit der NS-Diktatur geplant worden war und deren Herausgeber und Autoren vor 1945 schon zusammengearbeitet hatten … aber das nur am Rande!

Zwei Kompositionen des Programms sind noch zu erwähnen, „Il Piccolo »Tango für Tristan»“ von Günter M. Schillings (*1956) nämlich und „Last Encores“ von Georg Schmitz (*1958). Schillings war Tristan Angenendts erster Gitarrenlehrer, Georg Schmitz der Gründer der „Koblenz International Guitar Academy“, wo Tristan bei Aniello Desiderio studiert hat. Die Stücke sind, bei allem Respekt, reizvolle Petitessen, substanziell aber nicht vergleichbar mit den anderen Stücken des Programms. Ihre Veröffentlichung ist, auch das mit allem Respekt, der Dank, den Angenendt seinen Lehrern zollt … unter ihnen neben Schillings, Desiderio & Schmitz auch, und „besonders“, der Kölner Virtuose und Virtuosen-Macher Hubert Käppel.

Wie spielt er nun, der Pontifex, der Brückenbauer von einem Jahrhundert zum nächsten? Technisch makellos, das habe ich schon vorausgeschickt … aber er bietet mehr! Tristan Angenendt geht souverän mit der Musik um, spielt sie so, dass Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns erst gar nicht aufkommen.

Zum Beispiel Timing: Hier geht es um das Organisieren von Proportionen und Zeitabläufen und weniger um Tempo etc. Wie lange soll ich an dieser oder jener Stelle die Spannung halten und auf die Spitze treiben … bis ich sie sie dann auflöse? Ein Augenblick mehr kann die Stelle unglaubwürdig machen und zur Kitschnummer verkommen lassen – ein Moment zu wenig nimmt ihr die Spannung. Angenendt geht mit traumwandlerischer Sicherheit mit diesem Wechselspiel von Spannung und Entspannung, von Verlangsamung und Beschleunigung um, für das Hugo Riemann (1849—1919) den Terminus technicus „Agogik“ eingeführt hat. Spätestens seit Segovia wird dieses Thema kontrovers diskutiert, dabei geht es „normalerweise“ um Tempoänderungen, die keine internen metrischen Konflikte hervorrufen – schließlich werden sie wenig später ausgeglichen. Nur ist Segovia viel zu freigiebig mit den Möglichkeiten der Agogik umgegangen – sie ist aber eine conditio sine qua non für lebendige, spannende Interpretationen.

So ungezwungnen und natürlich („galant“ hätte man vor gut zweihundert Jahren vermutlich gesagt) Tristan Angenendt mit dem Fortschreiten der Stücke umgeht, die er vorträgt, so leicht, elegant und stimmig behandelt er die anderen Parameter des musikalischen Vortrags … Dynamik, Artikulation, Phrasierung … das passt einfach!