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Narciso Yepes: The Beginning of a Legend
Werke von Rodrigo, de Visée, Rameau, Scarlatti, Bach, Sor, Milan und Sanz
Aufgenommen zwischen 1953 und 1957, erschienen 2011
IDIS 6620 (Istituto Discografico Italiano) im Vertrieb von Klassik-Center, Kassel
… erfrischend unperfekt …
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YepesNarciso Yepes (1927—1997) hat das „Concierto de Aranjuez“ am 16. Dezember 1947 öffentlich im Teatro Nacional in Madrid gespielt – bei seinem ersten Konzert in der spanischen Hauptstadt. Wenig später, noch im Jahr 1947, spielte er die Schweizer Uraufführung des Werks mit dem Orchestre de la Suisse Romande in Genf unter Ataúlfo Argenta. Yepes war zwanzig Jahre alt! Am 9. November 1940 war das Konzert in Barcelona uraufgeführt worden – mit Regino Saínz de la Maza und dem Orquesta Filarmónica de Barcelona unter César de Mendoza Lassalle.

1950 fuhren das Spanische Nationalorchester und Narciso Yepes nach Paris, um dort das Concierto aufzuführen. Das Konzert im Théâtre des Champs Elysées besiegelte den Welterfolg des Stücks … und schließlich interessierte sich die Plattenindustrie für das Werk. 1956 oder 1957 nahm Yepes das Konzert mit dem Orquesta de Camera de Madrid unter Ataúlfo Argenta auf (London International TW 91019), wenig später mit dem Spanischen Nationalorchester unter dem gleichen Dirigenten (DECCA SXL 7000).

Die ältere der beiden Aufnahmen des Konzerts durch Narciso Yepes ist auf der vorliegenden CD veröffentlicht … und zwar mit allen Unzulänglichkeiten, die sein Spiel damals enthüllte und die die noch junge Plattenindustrie noch nicht gemeistert hatte. Wenn Yepes später als der präziseste Gitarrist galt – und das meine ich eher ironisch im Sinne von pingelig –, dann hat er hier geschlurt und gehuddelt, wie ich es von ihm nie erwartet hätte – auch nicht in seiner Jugendzeit. Aber dass ein jugendlicher Wettbewerbsteilnehmer problemlos durch die flotten Passagen des Konzerts eilt ohne mit der Wimper zu zucken, wie das heute der Fall ist, davon war die Gitarristenkaste vor über fünfzig Jahren noch weit entfernt. Das Spiel von Yepes auf dieser Aufnahme jedenfalls klingt erfrischend unperfekt.

 

Es folgt (auf der CD) die „Spanische Romanze“ oder, um es präziser zu sagen, der Filmtitel zu „Jeux interdits“ von René Clément. Der Film hat schon 1952 einen Oscar als „Bester ausländischer Film“ bekommen, die Musik war also, als Yepes sie 1953 auf LP aufnahm nicht mehr neu, wohl aber beim Publikum noch sehr bekannt und geschätzt, denn die „Romanze“, wie man das Stück wenig später nannte, wurde zu einem internationalen Bestseller, für den sich sofort verschiedene Gitarristen als Komponisten verantwortlich zeigten. Da wurde hier eine Note geändert oder ein paar Takte Einleitung dazugeschummelt und schon war die Romanze von Siegfried Behrend, Vincente Gomez oder einem anderen phantasiebegabten Musikus, der sein Taschengeld aufbessern wollte.Aber noch mal zu Yepes! Er spielt zwei Sätze aus der d-Moll-Suite von Robert de Visée, darunter die Bourée, und er „komplettiert“ sie ebenso, wie Segovia es getan hatte. Das heißt, er spielt Durchgänge und Füllsel, die nicht der Tabulatur stehen. Gut, das kann als Verzierungen durchgehen, aber Yepes füllt auch das harmonische Gefüge auf und verändert es, und darin übertrifft er sogar Segovia. Das Gleiche gilt übrigens, wenn auch weniger auffallend, für die Gavotte aus der sechsten Cellosuite BWV 1012 von Johann Sebastian Bach. Auch hier hat er umharmonisiert und mitkomponiert.

Zwei Erkenntnisse haben sich mir nach dem Hören dieser CD von Narciso Yepes erschlossen. Erstens hat er in dieser frühen Zeit seiner Karriere präzise das Repertoire gespielt, das Andrés Segovia vorbereitet hatte und auch spielte – mit Ausnahme des „Concierto de Aranjuez“, das Segovia bekanntlich niemals vorgeführt hat. Und zweitens hat Yepes damals auch nur mit Wasser gekocht.

Das Istituto Discografico Italiano hat mich wieder einmal enttäuscht, was das Begleitmaterial zu dieser CD angeht. Wenn man eine Plattenreihe mit einem so wissenschaftlich klingenden Titel überschreibt, dann sollte man an Informationen nicht so sparen, wie es die Herausgeber des IDIS tun. Die diskographischen Informationen, die mitgeliefert werden sind: „Studio Recordings 1953—1957)“. Basta! Alles andere muss man sich selbst zusammensuchen … was ich als Rezensent schließlich auch getan habe.

Passions: Sharon Isbin & Friends
Werke von Gentil Montaña, Quique Sinesi, Rodrigo, Albéniz, Barrios, Ann Wilson, Ariel Ramírez, Jobim, Alfredo Vianna, Gaudencio Thiago de Mello
Aufgenommen zwischen November 2010 und Februar 2011, erschienen 2011
SONY MUSIC 88697 84219 2
… spannend und aufregend. Mehr nicht! …
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Sharon IsbinSharon Isbin ist längst abgehoben aus der Masse „klassischer Gitarristen“, die brav ihre Programme zwischen Bach und Britten vorführen. Und doch spielt sie die Schlachtrösser des Repertoires wie „Asturias“ oder den langsamen Satz aus dem „Concierto de Aranjuez“. Eigentlich spielt sie sogar nur Schlachtrösser! Hie und dort steht zwar „World Premiere“ neben den Titeln ihres Programms, aber damit sind die Bearbeitungen gemeint, die gespielt werden, und nicht die Stücke selbst. Das Meiste ist lateinamerikanisch, vornehmlich brasilianisch, ein paar Einsprengsel nordamerikanisch … und alles ist leichtgängig. Was eigentlich eine gewisse „klassische Strenge“ fordert, wurde so arrangiert, dass es passt. Der bekannte zweite Satz aus dem Rodrigo-Konzert zum Beispiel, der mit dem berühmtesten Wechselton-Motiv, das jemals ein Komponist geschrieben hat, ist süffig gemacht worden und sogar die Stücke von Agustín Barrios Mangoré erscheinen frisch arrangiert.

Natürlich sind Sharons Kollegen schuld an den Restaurierungsmaßnahmen, die an den Stücken vorgenommen worden sind, denn überall, wo sie selbst und alleine spielt, hören wir Urversionen: in „Asturias“ von Isaac Albéniz zum Beispiel oder in „La Catedral“ … aber das sind „Alte Kameraden“, die eigentlich nur noch hinter vorgehaltener Hand gespielt werden. Hinter dem „Allegro“ (Track 5) verbirgt sich übrigens das „Allegro solemne“ aus „La Catedral“, das als Track 12 in seiner „klassischen Version“ gespielt, anderenorts aber von Steve Vai verfremdet wird. Vai hat die durchgehenden Arpeggien des Stücks zur Begleitung umdefiniert und dazu eine Melodie geschrieben, die er selbst (auf einer elektrischen Gitarre) spielt. Der Ave-Maria-Trick hat funktioniert: Es passt wunderbar.

Sharon Isbins CD ist unterhaltsam. Spannend wird sie eigentlich erst dann, wenn ihre Kollegen sich einschalten: Stanley Jordan, Steve Morse, Steve Vai, Nancy Wilson. „Carinhoso“ von Alfredo Vianna „Pixinguinha“, hier gesungen von Rosa Passos, ist nicht spannend, „Carinhoso“ ist aufregend und damit eine der Überraschungen, die auf dieser CD bereitgehalten werden! Die Liebeserklärungen, die hier ins Mikrophon gehaucht werden, lassen niemanden unberührt. Und als Amuse-Gueule hören wir „Porro“ von Gentil Montaña , einen Ohrwurm, der jedm nachläuft.

Noch einmal: Die Neue CD von Sharon Isbin ist unterhaltsam und amüsant und zwischendurch ist sie auch spannend und aufregend. Mehr nicht!

An Italian in Vienna: Duos by Mauro Giuliani
Louise Schulman, Viola, Bill Zito, Guitar
Opera. 85, 127, 82, 52
Aufgenommen im April 2010
SONO LUMINUS DSL 92138, im Vertrieb von NAXOS
… Hausmannskost …

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Giuliani ViolaAuch wenn über die Viola und ihre Spieler Witze über Witze gemacht und veröffentlicht werden, weil sie – die Viola – ein im Schatten der Violine stehendes Instrument ist und ihre Spieler nichts als Klangfarbe liefern, sonst aber wenig am musikalischen Geschehen eines Streichquartetts oder gar Orchesters teilhaben – im Zusammenspiel mit der Gitarre macht sich die Viola gelegentlich deutlich besser als ihre Schwester, die Violine. Viola und Gitarre sind in Timbre und Lautstärke ähnlicher als Violine und Gitarre … außerdem sind Violaspielerinnen und –spieler naturgemäß nicht an die Rolle einer Primaria oder eines Primarius gewohnt und daher oft eher Kammermusik-tauglich.

Giuliani NotenDie vier Opera, die auf dieser CD erscheinen, sind ausnahmslos für Flöte oder Violine und Gitarre konzipiert und veröffentlicht, hier werden sie in der Besetzung Viola und Gitarre dargeboten. Louise Schulman ist als Mitglied in verschiedenen Kammermusikgruppierungen bekannt, auch als Gründungsmitglied eines Orchesters in New York. Und sie hält das, was sie als Violaspielerin verspricht: Sie drängelt sich nicht nach vorne, will nicht gewinnen. Bill Zito ist Professor für Gitarre an der Hofstra University in Long Island, N.Y. und dort als Lehrer höchst angesehen. Neben der Giuliani-CD, die hier vorgestellt wird, sind keine Produktionen bekannt – keine solistischen zumindest. Seine Biographie (Booklet) weist aus, dass er Erfahrung als Liedbegleiter hat und in verschiedenen Kammermusikbesetzungen.

Das Duo Schulman/Zito bringt nicht spektakulär Neues … aber das erwartet man von Kammermusikbesetzungen auch nicht. Keine virtuosen Luftsprünge, keine kühnen interpretatorischen Experimente! Das ist Hausmannskost … aber eine, die schmeckt.

Der bekannte Giuliani-Forscher Marco Riboni hat bei Doblinger die Erstausgabe eines namentlich bekannten, bisher aber nicht als Manuskript oder Druck vorliegenden Werks für die Besetzung Flöte (Violine) und Gitarre herausgegeben:

Mauro Giuliani: Variationen für Flöte (Violine) und Gitarre WoO G&F (V) – 5, Partitur und 2 Stimmen, Erstdruck herausgegeben von Marco Riboni, Vorwort in Deutsch, Englisch und Italienisch, Wien u.a. 2011, DOBLINGER GKM 231/D. 19 748, € 18,95
… "Neue Musik" von Mauro Giuliani …

Die Nummerierung dieses Werks stammt von Thomas Heck (Diss 1971), dieser hat allerdings weder ein Manuskript noch eine frühe Ausgabe nachweisen können. Jetzt hat Marco Riboni in drei unterschiedlichen Handschriften die Stück wiedergefunden, die 1818 in einer Ausgabe (in zwei separaten Heften) des Verlegers Tranquillo Mollo erschienen sind. Von dieser gedruckten Ausgabe ist heute noch kein Exemplar nachgewiesen.

Die Ausgabe enthält zwei Variationssätze und ein Rondo, das ja auch nichts anderes als eine Folge von Variationen ist. Die Überschriften:

I: „Oh dolce contento“ di Mozart
II: Variazioni sull’aria „La biondina in gondoletta“
III: Rondò „Donnette innamorate“ in Pot-Pourri

Das Thema zu I. stammt aus dem ersten Akt der Zauberflöte, „La biondina in gondoletta“ war ein außerordentlich beliebtes venezianisches Lied, von dem zwar der Textdichter, nicht aber der Komponist bekannt ist. Auch „Donnette innamorate“ ist ein Volkslied unbekannter Genese … was bei Volksliedern naturgemäß oft der Fall ist.

Bei den vorliegenden „neuen“ Duos von Mauro Giuliani spielt die Gitarre eine eher untergeordnete Rolle mit vorwiegend begleitender Funktion. Das ist keineswegs typisch für die Duowerke des Komponisten, hier aber unübersehbar. Riboni vermutet, dass das Soloinstrument, für das die Stücke gedacht waren, die Flöte und weniger die Violine war. „Abgesehen vom offensichtlichen Fehlen von Zweiklängen, Akkorden oder Noten im tiefen Register (welche die Aufführung auf der Flöte unmöglich machen würden), zeigt die Notenschrift auf idiomatischer Ebene klar in Richtung Flöte.“

Die Ausgabe ist erwartungsgemäß mustergültig in jederlei Hinsicht! Jetzt muss nur noch abgewartet werden, wer die ersten Aufführungen der neuen Stücke inszeniert.

Werke von Thelonious Monk, Stephen Foster u.a.
Aufgenommen im September 2010
Cube Squared Records C2R601
… die verdichtete Reflexion des Materials …
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Oregon GQDie Musik, die für diese CD zusammengestellt worden ist, basiert fast durchgehend auf amerikanischen Volksliedern, Balladen, Arbeiterliedern usw. In den Arrangements sind Jazzelemente verwendet worden wie in „The Saint James Infirmary“, klassische Satzformen wie in „Whistling Molly“ oder irische Melodien wie in „Rye Whiskey“.

In der Mitte des Programms werden zwei Kompositionen gegeben, deren Komponisten namentlich bekannt sind: Thelonious Monk und Stephen Foster. Der eine (1917—1982) ist einer der großen Namen des Jazz, der andere der Vater des amerikanischen Volkslieds (1826—1864). Jeder halbwegs traditionsbewusste US-Amerikaner kennt ihn … nicht zuletzt wegen Liedern wie „Oh Susanna“ oder „Swanee River“ und vielen anderen.

Von Stephen Collins Foster, so sein voller Name, ist „Hard Times“ von 1854 in einer Bearbeitung von Bryan Johanson ins Programm geflossen. Es ist ein Lied, das von den Qualen und Tränen der Armen handelt – man bedenke, dass in den USA erst im Jahr 1865 durch den „13. Zusatzartikel zur Verfassung“ (The Thirteenth Amendment to the Constitution of the United States of America) die Sklaverei bundesweit verboten wurde. Aber „Hard Times“ ist nicht nur das Arrangement eines Foster-Lieds für vier Gitarren, es ist eine eigenständige dreisätzige Komposition von fast elf Minuten Dauer. Bryan Johanson ist Mitglied des Quartetts aus Portland/Oregon. Bei den Sätzen Prelude–Fugue–Toccata dreht es sich erst in der Fuge um das zusammenhängend erkennbare Liedthema, das, nebenbei bemerkt, auch hier in Europa bekannt ist. Das Prelude führt in die Grundstimmung des Lieds ein und zwar, indem es einzelne Passagen und deren Stimmungshintergrund vorwegnimmt; die Fuge hat das Lied selbst zum Thema und verstrickt es sehr sensibel in ein „lyrisches“ Gewebe von hoher Dichte; die Toccata schließlich ist eine Art freie und durchaus virtuose Verarbeitung des musikalischen Materials.

„Hard Times“ ist für mich der Höhepunkt der CD, denn nimmt man ein „volksmusikalisches“ Programm an, dann wird hier die Quintessenz geliefert, die verdichtete Reflexion des Materials. Überhaupt sind auf dieser CD des Oregon Guitar Quartet nicht einfach Arrangements von volksmusikalischen Titeln zusammengebracht worden und schon gar keine volkstümelnden Heimatklänge, wie sie hierzulande so beliebt sind. Diese CD ist das Protokoll einer Suche nach dem Wesentlichen, das Kondensat der Musik sozusagen.

Bei aller Sympathie für diese CD: Das präziseste Gitarrenquartett ist das aus Oregon nicht! Vielleicht ist ein klassisch genaues Zusammenspiel aber gar nicht ihr Ziel? Noch einmal erwähnen möchte ich Bryan Johanson, der die splendiden Bearbeitungen geschrieben hat. Das Stück “Well You Needn’t“ von Thelonious Monk, in seiner Bearbeitung und gespielt vom Oregon Guitar Quartet, ist bei YouTube zu sehen und zu hören. Viel Vergnügen dabei!

BenguerelXavier Benguerel: Concertante
Music for Percussion and Strings, Concert de tardor, Porta Ferrada Double Concerto
Jaume Torrent, Guitar; Philippe Spiesser, Percussion; Manon Philippe, Violin; Mélodie Giot, Cello; Orchestre Perpignan Méditerranée, Daniel Tosi
Live aufgenommen am 16. XI. 2006
NAXOS 8.572571, Reihe: Spanish Classics
… eine sinnliche Erfahrung besonderer Art …
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Benguerel? Er wurde 1931 in Barcelona geboren, hat nach dem Spanischen Bürgerkrieg aber in Chile gelebt. Nach Spanien ist er erst 1954 zurückgekehrt, dort hat er Komposition studiert, um 1960 bei einem Festival der „Internationalen Gesellschaft für Neue Musik“ in Köln mit seiner „Cantata d’Amic i Amat“, die dort unter Mauricio Kagel uraufgeführt worden ist, erste internationale Beachtung zu erfahren.

Schon 1946 waren in Darmstadt die ersten „Internationalen Ferienkurse für Neue Musik“ veranstaltet worden, die lange das Komponieren bestimmen sollten. Nicht nur wurde aufgearbeitet, was unter dem Druck der Faschisten unterdrückt worden war, es wurden auch Denkrichtungen angeregt und schließlich apodiktisch durchgesetzt, die unmissverständlich in Richtung Dodekaphonie und Serialismus gingen und für viele Jahre bestimmend sein sollten.

Auch Xavier Benguerel benutzte 1960 serielle Techniken und vielleicht entsprach er damit einer ungeschriebenen conditio sine qua non, ohne deren Erfüllung seine „Cantata“ in Köln nicht aufs Programm gesetzt worden wäre. Später wandte er sich jedenfalls – wie viele seiner Kollegen – von der strengen Schreibweise ab. Eine „humane“, dem Menschen zugewandte Musik wollte er später schreiben, eine, die das Publikum erreicht … und so ist er in „Música para percusión y cuerdas“ wieder der Musik Béla Bartóks näher gekommen, die ihn, als er aus Chile zurück war, stark beeinflusst und für die er sich leidenschaftlich eingesetzt hatte.

Zwei Werke, in denen die Gitarre verwendet wird, sind eingespielt: „Concertante“ (zum ersten Mal) und „Concert de tardor“. In beiden wird das Instrument weitgehend solistisch behandelt und sehr geschickt vor dem Hintergrund der Ensembles in Szene gesetzt. Fast ist das „Concert de tardor“ ein Konzert im herkömmlichen Sinn – eine „klassische“ formale Anlage, die sich im Œuvre Benguerels häufig findet. Das bestätigend wird der Komponist auch im Booklet zitiert: Er glaube, sich besser ausdrücken zu können, wenn er für ein im Vordergrund exponiertes Instrument komponiere und dies gegen ein Ensemble setze – kammermusikalisch oder orchestral.

Das einsätzige Werk „Concertante“ ist besetzt mit Gitarre, Streichern und drei Perkussionisten und wurde, nebenbei bemerkt, 1994 beim „VII. Festival Internacional de Guitarra“ in Havanna uraufgeführt. Natürlich hatte Benguerel, als er es schrieb, das serielle Diktat der Nachkriegszeit längst hinter sich gelassen. Seit den achtziger Jahren griff er in seinen Werken oft auf mittelalterliche Vorlagen zurück, die er mit modernen Kompositionstechniken verband, um so zu einer versöhnlichen Einigung zwischen Historischem und modernen Klangwelten zu kommen. „Concertante“ ist ein dichter Dialog zwischen Gitarre und Ensemble, in dem die Gitarre gegen die klangliche Dominanz des Ensembles gesetzt wird und sich mit eher strukturellen Passagen durchzusetzen hat. Ganz anders wird im „Concert de tardor“ die Gitarre als Soloinstrument präsentiert, mit virtuosem Spielraum und vor allem akkordischen Passagen, die in „Concertante“ ganz fehlen. Das ermöglicht der Gitarre nicht nur, phasenweise eine dominante Rolle im Klanggefüge zu behaupten, es präsentiert auch die multiplen Klangmöglichkeiten, die das Instrument hat.

Jaume Torrent ist der Gitarrist dieser Live-Aufnahme und dieser Aufgabe entledigt er sich erwartungsgemäß verantwortungsbewusst und mit hoher künstlerischer Sensibilität.

Schon wegen des Einbeziehens von Ersteinspielungen („Concertante“ und „Porta Ferrada Double Concerto“ für Violine, Cello und Orchester) wäre diese CD empfehlenswert. Sie bietet einem dazu aber eine sinnliche Erfahrung besonderer Art, die nämlich, die musikalische Botschaft des Komponisten Xavier Benguerel aus verschiedenen Perspektiven kennen zu lernen. Gitarrenahen Hörern ist er durchaus bekannt, hier ist aber ein weiterführendes Kennenlernen seiner Instrumentalmusik ermöglicht worden.

Rodolfo Halffter: Chamber Music 2
Giga – Tres piezas breves – Dos sonatas de El Escorial – Homenaje a Antonio Mechado – Divertimento – Laberinto – Capricho – Epinicio – Secuencia
Soloists of the Orquesta de la Comunidad de Madrid
Aufgenommen 11—12/2006, erschienen 2011
NAXOS 8.572419, Reihe: Spanish Classics
… ein sinnliches Vergnügen mit vielfältigen Impressionen …
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HalffterRodolfo Halffter (1900—1987) war Spanier, gilt aber, was sein Œeuvre angeht, eher als Mexikaner. Wie Xavier Benguerel ist er nach dem Spanischen Bürgerkrieg ausgewandert, und zwar nach Mexiko. Anders als sein Landsmann hatte Halffter, er ist schließlich über dreißig Jahre älter als er, aber vorher sein Musikstudium in Madrid abgeschlossen und dort auch schon die revolutionären Arbeiten der europäischen Avantgarde kennen gelernt. Als er nach Mexico kam, war er „fertiger Musiker“ und bekam sofort eine Stelle als Professor am Konservatorium. Die füllte er dann auch über dreißig Jahre aus.

Halffter hat nur ein Stück für Gitarre geschrieben, die „Giga“ op. 3, die hier eingespielt ist. José de Azpiazu, der schier alles für Gitarre adoptiert und adaptiert hat, was ihm gefiel, hat unter dem Namen Rodolfo Halffter weitere Stücke ins Gespräch gebracht, aber das sind ausnahmslos Transkriptionen! Die „Giga“ hingegen ist für Regino Saínz de la Maza geschrieben, ihm ist sie gewidmet und er hat sie am 18. November 1931 in Madrid uraufgeführt. Zu Verwechslungen kann übrigens führen, dass es noch zwei weitere Halffters gibt, die komponiert haben: Ernesto (1905—1989) war ein Bruder von Rodolfo und Cristobál (*1930) ein Neffe von beiden.

Um auf die „Giga“ zurückzukommen, das einzige Gitarrenstück dieser CD, kann man sagen, dass sie ein verspieltes Stück von „Scarlattian aesthetic of the time“ ist, wie Tomás Marco im Booklet meint. Scarlattisch wirkt das Stück von gut drei Minuten Dauer tatsächlich. Es ist einsätzig, einthematisch und lebt von einem durchgehenden, der Musik für Cembalo ähnlichen Duktus. Harmonisch ist es für seine Entstehungszeit (1930) brav – vor allem, wenn man es mit Halffters gerade einmal fünf Jahre später entstandenen „Divertimento“ op. 7 vergleicht, das mich stark an Igor Strawinsky und seine neoklassizistische Zeit erinnert. An „Pulcinella“ speziell, und dieses Ballett ist 1920 in Paris uraufgeführt worden. Die „Dos Sonatas de El Escorial“ gehen wieder auf Scarlatti oder Antonio Soler zurück. Sie sind ein paar Jahre älter, als die „Giga“ (1928).

Diese CD ist empfehlenswert, und zwar, weil wir einen Überblick über das kammermusikalische Werk von Rodolfo Halffter erhalten, der freilich nur ein einziges Werk für Gitarre geschrieben hat und auch sonst mit dem Instrument nichts zu tun hatte, somit also für eine Zeitschrift namens Gitarre & Laute-ONLINE kaum von Interesse sein kann … sagt erfahrungsgemäß der eine oder andere Gitarrist. Gleichwohl ist die Werkschau von großem Interesse, weil sie einem Vergleiche ermöglicht. Und, das muss einfach gesagt werden, sie gewährt dem Zuhörer ein sinnliches Vergnügen mit vielfältigen Impressionen auf verschiedenen stilistischen Ebenen. Schließlich hat Halffter nicht nur das Fiasko des Zweiten Weltkriegs überlebt, er hat Einflüsse von Kunst und Leben unterschiedlicher Kontinente aufgenommen, auf denen er gelebt hat.

Jazz NocturneJazz Nocturne: American Concertos of the Jazz Age
Johnson – Reser – Gershwin – Suesse
Hot Springs Music Festival Orchestra, Richard Rosenberg
Aufgenommen zwischen 2005 und 2009
NAXOS 8.559657, Reihe: American Classics
… stupende Virtuosität …
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Was diese CD Ihnen anbietet, ist „Symphonic Jazz“, der sich in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts von New York aus an der Ostküste der USA breitgemacht hat. Paul Whiteman (1890—1967) unterhielt zu dieser Zeit verschiedene Orchester, die Jazznahe aber weitgehend durcharrangierte, „weiße“ Tanzmusik spielten, in denen Jazzsolisten als „Farbtupfer“ [in mehrerlei Hinsicht übrigens] auftraten. Whiteman kommerzialisierte auf diese Weise die Musik, die von New Orleans kommend auf dem Weg war, und galt als der „King of Jazz“ … was er aber eher seinem materiellen als seinem künstlerischen Erfolg verdankte.

Bis auf James Price Johnson, von dem „A Negro Rhypsody“ zu hören ist, hatten alle Komponisten, die im Programm der vorliegenden CD vertreten sind, mit Whiteman zu tun. Harry Reser ist bei ihm im Londoner Hippodrome aufgetreten, die „Rhapsody in Blue“ von Gershwin ist fast so etwas wie eine von Whiteman initiierte Auftragskomposition und [Nadine] Dana Suesse ist 1931 in einem Konzert in der New Yorker Carnegie Hall aufgetreten, das Sie schlagartig berühmt machte. Der Veranstalter war Paul Whiteman.

Die Werke, die hier auf CD vorliegen, sind insofern miteinander verwandt, als in jedem einzelnen von ihnen der Versuch unternommen worden ist, die noch ziemliche neue Musik des Jazz mit herkömmlichen, klassischen Mustern zu verquicken. Aus den Werken der „Whiteman-Zeit“ haben die Werke von George Gershwin (1898—1937) noch heute große Bekanntheit. Ihr Flaggschiff, die „Rhapsody in Blue“ ist hier zu hören … allerdings in ihrer bisher nie aufgenommenen originalen Version. Gershwin hatte Whiteman, den Veranstalter des Uraufführungskonzerts, gebeten, ihm den kongenialen Arrangeur Ferde Grofé (1892—1972) an die Seite zu stellen – er war in Zeitdruck. Grofé instrumentierte die Rhapsodie und dabei kürzte er die Partitur. Die dabei entstandene Version ist die, die in hunderten von Aufnahmen auf dem Weltmarkt verkauft worden ist. 1978 kam dann die handschriftliche Partitur der „Rhapsody in Blue“ ans Tageslicht.

Grofé hat auch die beiden hier eingespielten Werke von Dana Suesse orchestriert: Jazz Nocturne“ und „Concerto in Three Rhythms“.

Paul Whiteman hat die Liaison von Jazz und Klassik nicht nur aus kommerziellen Gründen gefördert, er hat versucht, den (schwarzen) Jazz für (weiße) „klassische Musiker“ zugänglich zu machen. Zum Teil sah man ihn als „gerissenen Ausbeuter der kreativen Kapazität genialer Improvisatoren“ (Jost 1982, S. 67), zum Teil aber auch als genialen Vermittler. Immerhin wurde zur Zeit seiner großen Erfolge an der amerikanischen Ostküste der Jazz von traditionalistischen Kreisen noch erbittert bekämpft.

Eine Gitarre ist zwar in dem Programm der CD nicht zu hören, mindestens nicht solistisch, dafür aber das Banjo, und zwar in der hinreißenden „Suite for Banjo and Orchestra“ von Harry Reser (1896—1965). Dieses Stück wäre heute vermutlich vergessen, wäre es für ein anderes Soloinstrument konzipiert als ausgerechnet das Banjo, das ja eigentlich als Akkordinstrument bekannt ist … wäre Harry Reser nicht gewesen. Über ihn schrieb ein Redakteur der Zeitschrift „The Pickers’ Digest“: „Not just a master banjoist, but the banjo master“. Reser entdeckte die solistischen Möglichkeiten seines Instruments und damit wurde er weltberühmt. Außerdem schrieb Harry Lehrwerke für Gitarre, Ukulele und natürlich für Banjo.

Don Vappie, der das Stück von Harry Reser auf dieser CD spielt, war Banjoist in der Band der legendären Preservation Hall in New Orleans, heute leitet er die Créole Jazz Serenaders. Wie Reser in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts erstaunt Don Vappie sein Publikum heute noch … mich jedenfalls hat er mit der „Suite für Banjo und Orchester“ über die Möglichkeiten des Banjos informiert … CONDITIO SINE QUA NON ist eine ähnlich stupende Virtuosität, wie die von Harry Reser und Don Vappie.

Die CD „Jazz Nocturne“ dokumentiert ein Kapitel US-amerikanischer Musik, und zwar auf musikalisch unterhaltsame Art. Ich habe anhand dieser DCD das Banjo als Soloinstrument entdeckt und die Komponistin Dana Suesse, die sich 1937 in einem Interview für ihre Musik entschuldigt hat: „there’s certainly no harm in writing [music] in such a form that large numbers of people can enjoy it.“ [zitiert nach Booklet] Rezept für die Musik rund um Paul Whiteman war, die enthaltenen Jazzelemente weitgehend zu entschärfen um damit die Melange sogar für Konservative attraktiv oder mindestens tolerabel zu machen.