Giuliani pop

John Williams: The Beginning of a Legend, His first Recording, Werke von Bach, Scarlatti, Sor, Albéniz, Ponce, Duarte, Segovia, Tansman, Granados, Aufgenommen 1958, erschienen 2010,
IDIS [Dynamic] 6600, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel

The Art of Andres Segovia Vol. 5 Werke von Sanz, Scarlatti, Haydn, Moreno Torroba, Castelnuovo-Tedesco, Haug, Aufgenommen zwischen 1956 und 1960, erschienen 2010 IDIS [Dynamic] 2590, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel

The Art of Andres Segovia Vol. 6, Werke von Milan, Sanz, Visée, Händel, Gluck, Moreno-Torroba, Esplá, Manén Aufgenommen 1944-1956, erschienen 2010
IDIS [Dynamic] 6603, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel

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Wann gilt eine Tonaufnahme als „Historische Aufnahme“? Nicht unbedingt und schon gar nicht ausschließlich hängt es mit dem Alter der jeweiligen Aufnahme zusammen, ob sie als historisch gewertet wird. So wird die Aufnahme von Paco de Lucia, John McLaughlin und Al DiMeola, die als Platte unter dem Titel „Friday Night in San Francsico“ in den Handel gekommen ist, als historisch bezeichnet, und die ist 1980 entstanden. Gut, auch das ist schon dreißig Jahre her, aber was ist das im Vergleich etwa zu Platten von Casals oder der Callas? Oder Andrés Segovia? Seine Aufnahmen werden seit seinem Tod im Jahr 1987 immer wieder neu zusammengestellt, digital aufbereitet und vermarktet. Damit wird der Mythos Segovia am Leben erhalten, sein Vermächtnis gepflegt … gleichzeitig wird in den letzten gut zwanzig Jahren vieles darangesetzt, den Maestro zu demontieren.

Boccherini“ von Mario Castelnuovo-Tedesco, dann ahne ich wieder einmal, warum er diese für einen Gitarristen unglaubliche Karriere gemacht hat. Und ich erinnere mich auch an das erste Konzert, das ich mit Segovia erlebt habe. Das war vor rund vierzig Jahren im Schumann-Saal in Düsseldorf. Ausverkauft! Segovia hatte eine so enorme Bühnenpräsenz, er strahlte ein solches Charisma aus, dass nicht nur ich begeistert war, nein, dass ihn keiner im Saal von der Bühne lassen wollte. Zugaben über Zugaben, bis er, vorn an der Bühne stehend, seinen oft geübten Satz sagte „My guitar is tired now and has to go to sleep!“ Andrés Segovia war ein Kulturereignis … auch, wenn man viel kritisches über seine Interpretationen und seinen künstlerischen Eigenwillen sagen und schreiben kann. Aber niemand konnte sich ihm entziehen, wenn man ihn in einem Konzert vor sich hatte, und das sollte noch viele Jahre so bleiben. Ich habe ihn dann noch ein paar Jahre vor seinem Tod in Köln gesehen und auch mit ihm gesprochen. Er war knapp neunzig Jahre alt und faszinierte seine Konzertbesucher immer noch, auch wenn viele ihn nur noch als eine Art Denkmal betrachteten und gar nicht so viel auf seine Musik gaben. Aber wie gesagt: Segovia war ein Kulturereignis! In dem kurzen Gespräch übrigens, das ich nach seinem Kölner Konzert zusammen mit Eliot Fisk mit ihm führte, sah ich erst, wie alt und müde er in Wirklichkeit wirkte. Auf der Bühne zu stehen, war für den Maestro offenbar ein Jungbrunnen. Allen Gitarristen und angehenden Gitarristen und natürlich allen Musikfreunden überhaupt kann ich die historischen Einspielungen von Andrés Segovia nur ans Herz legen, auch wenn dies so etwas ist, wie Eulen nach Athen zu tragen. Die hier vorliegenden CDs von IDIS (Istituto Discografico Italiano) sind nicht die einzigen auf dem Weltmarkt, das muss der Fairness halber gesagt werden. Das Remastering ist gut, die Booklets enthalten die präzisen Daten der Aufnahmen und keine völlig überflüssigen Biografien von Segovia und auch keine zum x-ten mal neu erdachten Anmerkungen zu den Kompositionen. Für Segovia-Erfahrene seien auf „Vol. 5“ die beiden Stücke von Hans Haug empfohlen, „Alba“ und „Postludio“, auf „Vol. 6“ die „Impresiones Levantinas“ von Oscar Esplá und die „Fantasia-Sonata“ von Joan Manén. Dies sind seltener in Zusammenschnitten veröffentlichte Kompositionen. Aber wie gesagt: Andrés Segovia ist, wenn es um „Historische Aufnahmen“ geht, ein häufig genannter Name. In diesem Jahr ist einer hinzugekommen: John Williams – auch seine CD ist bei IDIS erschienen, die Aufnahmen stammen von 1958. Williams war gerade einmal siebzehn Jahre alt. Von 1953 bis 1956 und schließlich 1958 war er bei Segovia in Siena in die Lehre gegangen (s. „Andrés Segovia in Siena“, Siena 1994, Quaderni Dell’Accademia Chigiana, XLVI, S. 58—60) . Was Williams auf seinen ersten Platten spielte, war natürlich Segovia-Repertoire. „Natürlich“ war das nicht nur, weil er als der Protegé des Maestro galt, sondern auch, weil damals buchstäblich jeder diese Stücke spielte. Und doch … die erste Cello-Suite von Johann Sebastian Bach BWV 1007 hat Segovia nie komplett gespielt – John Williams sehr wohl und zwar gleich auf seiner ersten LP. Die Transkription stammte übrigens von John W. Duarte, auch wenn das im Booklet verschwiegen wird. Aber ansonsten wird das Segovianische Repertoire aufgeblättert, inklusive der ominösen Gavotta von Alessandro Scarlatti, die eigentlich von Manuel Ponce stammt und dem Publikum von Segovia als eine Art Pasticcio untergejubelt worden war. Auch das steht nicht im Booklet – kann es auch nicht, denn dort findet man nur eine Tracklist. Aber hätte man beim Komponistennamen Alessandro Scarlatti nicht vielleicht eine Fußnote einfügen können?
Dass aus diesem kleinen Gitarristen einmal der Weltstar John Williams werden sollte, hat 1958 vielleicht nur Andrés Segovia geahnt, denn der hat den jungen Australier gefördert, wo er nur konnte. Aber wenn man genau hinhört, wird es einem eigentlich klar, dass hier alles angelegt, wenn nicht schon vorhanden war, was Johnny für seine Karriere brauchte. Er hatte schon damals eine brillante Technik, einen wunderbaren runden und sonoren Ton und er konnte mit den Stücken zwischen Bach und Ponce umgehen. Experimentelles neueres Repertoire war damals noch nicht gefragt … und sollte John Williams eigentlich bis heute nicht wirklich interessieren. John Williams hat seine herausragende Rolle als Superstar der klassischen Gitarristen nie dafür benutzt, neues Repertoire zu propagieren und bekannt zu machen. Diese erste „Historische Aufnahme“ jedenfalls gehört in jede Sammlung – wenn sie nicht als LP oder CD seines eigentlichen Labels CBS/SONY längst vorhanden ist.

NEU XXXVVVYYY

Von Peter Päffgen [Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!]

John Williams: The Beginning of a Legend, His first Recording, Werke von Bach, Scarlatti, Sor, Albéniz, Ponce, Duarte, Segovia, Tansman, Granados, Aufgenommen 1958, erschienen 2010,
IDIS [Dynamic] 6600, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel [Klassik Center]

The Art of Andres Segovia Vol. 5 Werke von Sanz, Scarlatti, Haydn, Moreno Torroba, Castelnuovo-Tedesco, Haug, Aufgenommen zwischen 1956 und 1960, erschienen 2010 IDIS [Dynamic] 2590, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel [Klassik Center]

The Art of Andres Segovia Vol. 6, Werke von Milan, Sanz, Visée, Händel, Gluck, Moreno-Torroba, Esplá, Manén Aufgenommen 1944-1956, erschienen 2010
IDIS [Dynamic] 6603, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel [Klassik Center]

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Wann gilt eine Tonaufnahme als „Historische Aufnahme“? Nicht unbedingt und schon gar nicht ausschließlich hängt es mit dem Alter der jeweiligen Aufnahme zusammen, ob sie als historisch gewertet wird. So wird die Aufnahme von Paco de Lucia, John McLaughlin und Al DiMeola, die als Platte unter dem Titel „Friday Night in San Francsico“ in den Handel gekommen ist, als historisch bezeichnet, und die ist 1980 entstanden. Gut, auch das ist schon dreißig Jahre her, aber was ist das im Vergleich etwa zu Platten von Casals oder der Callas? Oder Andrés Segovia? Seine Aufnahmen werden seit seinem Tod im Jahr 1987 immer wieder neu zusammengestellt, digital aufbereitet und vermarktet. Damit wird der Mythos Segovia am Leben erhalten, sein Vermächtnis gepflegt … gleichzeitig wird in den letzten gut zwanzig Jahren vieles darangesetzt, den Maestro zu demontieren.

Boccherini“ von Mario Castelnuovo-Tedesco, dann ahne ich wieder einmal, warum er diese für einen Gitarristen unglaubliche Karriere gemacht hat. Und ich erinnere mich auch an das erste Konzert, das ich mit Segovia erlebt habe. Das war vor rund vierzig Jahren im Schumann-Saal in Düsseldorf. Ausverkauft! Segovia hatte eine so enorme Bühnenpräsenz, er strahlte ein solches Charisma aus, dass nicht nur ich begeistert war, nein, dass ihn keiner im Saal von der Bühne lassen wollte. Zugaben über Zugaben, bis er, vorn an der Bühne stehend, seinen oft geübten Satz sagte „My guitar is tired now and has to go to sleep!“ Andrés Segovia war ein Kulturereignis … auch, wenn man viel kritisches über seine Interpretationen und seinen künstlerischen Eigenwillen sagen und schreiben kann. Aber niemand konnte sich ihm entziehen, wenn man ihn in einem Konzert vor sich hatte, und das sollte noch viele Jahre so bleiben. Ich habe ihn dann noch ein paar Jahre vor seinem Tod in Köln gesehen und auch mit ihm gesprochen. Er war knapp neunzig Jahre alt und faszinierte seine Konzertbesucher immer noch, auch wenn viele ihn nur noch als eine Art Denkmal betrachteten und gar nicht so viel auf seine Musik gaben. Aber wie gesagt: Segovia war ein Kulturereignis! In dem kurzen Gespräch übrigens, das ich nach seinem Kölner Konzert zusammen mit Eliot Fisk mit ihm führte, sah ich erst, wie alt und müde er in Wirklichkeit wirkte. Auf der Bühne zu stehen, war für den Maestro offenbar ein Jungbrunnen. Allen Gitarristen und angehenden Gitarristen und natürlich allen Musikfreunden überhaupt kann ich die historischen Einspielungen von Andrés Segovia nur ans Herz legen, auch wenn dies so etwas ist, wie Eulen nach Athen zu tragen. Die hier vorliegenden CDs von IDIS (Istituto Discografico Italiano) sind nicht die einzigen auf dem Weltmarkt, das muss der Fairness halber gesagt werden. Das Remastering ist gut, die Booklets enthalten die präzisen Daten der Aufnahmen und keine völlig überflüssigen Biografien von Segovia und auch keine zum x-ten mal neu erdachten Anmerkungen zu den Kompositionen. Für Segovia-Erfahrene seien auf „Vol. 5“ die beiden Stücke von Hans Haug empfohlen, „Alba“ und „Postludio“, auf „Vol. 6“ die „Impresiones Levantinas“ von Oscar Esplá und die „Fantasia-Sonata“ von Joan Manén. Dies sind seltener in Zusammenschnitten veröffentlichte Kompositionen. Aber wie gesagt: Andrés Segovia ist, wenn es um „Historische Aufnahmen“ geht, ein häufig genannter Name. In diesem Jahr ist einer hinzugekommen: John Williams – auch seine CD ist bei IDIS erschienen, die Aufnahmen stammen von 1958. Williams war gerade einmal siebzehn Jahre alt. Von 1953 bis 1956 und schließlich 1958 war er bei Segovia in Siena in die Lehre gegangen (s. „Andrés Segovia in Siena“, Siena 1994, Quaderni Dell’Accademia Chigiana, XLVI, S. 58—60) . Was Williams auf seinen ersten Platten spielte, war natürlich Segovia-Repertoire. „Natürlich“ war das nicht nur, weil er als der Protegé des Maestro galt, sondern auch, weil damals buchstäblich jeder diese Stücke spielte. Und doch … die erste Cello-Suite von Johann Sebastian Bach BWV 1007 hat Segovia nie komplett gespielt – John Williams sehr wohl und zwar gleich auf seiner ersten LP. Die Transkription stammte übrigens von John W. Duarte, auch wenn das im Booklet verschwiegen wird. Aber ansonsten wird das Segovianische Repertoire aufgeblättert, inklusive der ominösen Gavotta von Alessandro Scarlatti, die eigentlich von Manuel Ponce stammt und dem Publikum von Segovia als eine Art Pasticcio untergejubelt worden war. Auch das steht nicht im Booklet – kann es auch nicht, denn dort findet man nur eine Tracklist. Aber hätte man beim Komponistennamen Alessandro Scarlatti nicht vielleicht eine Fußnote einfügen können?
Dass aus diesem kleinen Gitarristen einmal der Weltstar John Williams werden sollte, hat 1958 vielleicht nur Andrés Segovia geahnt, denn der hat den jungen Australier gefördert, wo er nur konnte. Aber wenn man genau hinhört, wird es einem eigentlich klar, dass hier alles angelegt, wenn nicht schon vorhanden war, was Johnny für seine Karriere brauchte. Er hatte schon damals eine brillante Technik, einen wunderbaren runden und sonoren Ton und er konnte mit den Stücken zwischen Bach und Ponce umgehen. Experimentelles neueres Repertoire war damals noch nicht gefragt … und sollte John Williams eigentlich bis heute nicht wirklich interessieren. John Williams hat seine herausragende Rolle als Superstar der klassischen Gitarristen nie dafür benutzt, neues Repertoire zu propagieren und bekannt zu machen. Diese erste „Historische Aufnahme“ jedenfalls gehört in jede Sammlung – wenn sie nicht als LP oder CD seines eigentlichen Labels CBS/SONY längst vorhanden ist.