Drucken

Chitarrone fremd Kopie

Piccinini LindbergPiccinini: Works for Archlute
Rosario Conte
Aufgenommen im August 2011, erschienen 2012
CARPE DIEM RECORDS 16288, Vertrieb in Deutschland: NAXOS
… nur positiv …

♦♦♦♦♦

Italian Virtuosi of the Chitarrone
Jakob Lindberg
Werke von Giovanni Girolamo Kapsberger, Bellerofonte Gastaldi und Allesandro Piccinini
Aufgenommen 3/2011, erschienen 2012
BIS Records CD-1899, Vertrieb in Deutschland: Klassik Center Kassel
… spielerisches Feuerwerk …

♦♦♦♦♦

CD PiccininiDer Chitarrone wurde in der Zeit der Florentiner Camerata erdacht und bekannt. Eine Gruppe Intellektueller traf sich Ende des 16. Jahrhunderts im Palast von Giovanni de’ Bardis in Florenz mit dem Ziel, die Wiederbelebung des antiken griechischen Dramas in italienischer Sprache voranzubringen. Man ging davon aus, dass es komplett gesungen worden war und glaubte, den Text und seine ethischen Werte am besten in einem einstimmigen Gesang darstellen zu können, der instrumental begleitet werden sollte. Es entwickelte sich die Musikpraxis des Generalbasses, die für über hundert Jahre bestimmend sein sollte, und schließlich die Oper.

 

Die Laute, wurde für das neue Aufgabengebiet umstrukturiert. Aus der Bass-Laute entstand der Chitarrone, der in der Monodie, so wurde der Sologesang mit Generalbassbegleitung bald genannt, seine große Zeit erlebte. „Mit rund 90 cm waren die Saiten sehr lang […]; die zusätzlichen Bass-Saiten hatten eine Länge von mehr als anderthalb Metern“ schreibt Jakob Lindberg selbst im Booklet seiner CD über das Instrument. Verlängert wurden die Saiten, um größeres klangliches Volumen zu erreichen, die beiden obersten Saiten mussten dabei um eine Oktave tiefer gestimmt werden, weil sie die hohe Spannung nicht ausgehalten hätten.

Alessandro Piccinini (1566—ca. 1638) nahm für sich in Anspruch, maßgeblich an der Entwicklung des Chitarrone beteiligt gewesen zu sein … so jedenfalls schreibt er selbst im Vorwort zum ersten Band seiner INTAVOLATVRA DI LIVTO ET DI CHITARRONE von 1623, aus dem Stücke in beiden CD-Programmen zu finden sind.

Jakob Lindberg spielt ein „gemischtes Programm“ mit Stücken von Piccinini, Giovanni Girolamo Kapsberger (ca. 1580—1651), dem „Nobile Alemano“ oder „Tedesco della Tiorba“, wie er genannt wurde, und schließlich dem weniger bekannten Bellerofonte Castaldi (1581—1649). So kann er die italienische Lautenmusik des frühen 17. Jahrhunderts in ihrer Vielfalt darstellen, Beispiele für ihre Besonderheiten liefern. Zum Beispiel für die Virtuosität Kapsbergers, wenn er ostinate Bass-Tänze schreibt wie den stürmischen „Canario“ oder die „Passacaglia“. Oder für die Expressivität Piccininis in der schier nervenaufreibenden „Toccata cromatica“ zum Beispiel, die einen ständig in die musikalische Irre führt, oder der späten „Toccata VII“ aus dem Tabulaturbuch von 1640, die einerseits ein spielerisches Feuerwerk bereithält – andererseits kontemplative Passagen.

Mit einem Stück namens „Arpeggiata“ von Kapsberger beginnt Lindberg sein Programm, einer Folge von Akkorden, die durchgehend, und zwar nach strikt vorgegebenen Mustern arpeggiert werden sollen und auf diese Art aufregende harmonische Wendungen vor den Hörern ausbreiten. Wer von dem riesigen Lauteninstrument Schwerfälligkeit erwartet hat – hier wird er enttäuscht! Durch das Aufbrechen jedes einzelnen Akkords bekommen die Harmonien eine zeitliche Dimension, die sie wirken lässt, sie flächig vor einem aufbaut.

Am Schluss des Programms bei Lindberg stehen ein paar höchst ungewöhnliche Stücke von Kapsberger, darunter „Colascione“, ein fast parodistischer Blick auf das Instrument gleichen Namens, das in Quinten gestimmt wurde und deren Benutzer wohl in dem Ruf standen, dass sie eher großzügig mit auch parallelen Quinten umgingen und überhaupt rustikalerer Musik zusprachen. Dies ist musikalisches Kabarett von vor vierhundert Jahren!

Rosario Conte hat nur Musik von Alessandro Piccinini auf dem Programm und er spielt sie nicht auf einem Chitarrone, sondern einem Arciliuto. Der Unterschied zwischen den beiden Instrumenten der gleichen Zeit besteht darin, dass der Arciliuto eine geringfügig kleinere Mensur hatte und dass aus diesem Grund seine obersten Chöre nicht tieferoktaviert werden mussten – er hatte also keine „re-entrant tuning“, wie man ein paarhundert Jahre später gesagt hätte.

Den Arciliuto soll übrigens der als Deutscher naturgemäß als erfinderisch beleumundete Johann Hieronymus (aka Giovanni Girolamo) Kapsberger, erdacht haben. Aber diese Annahme ist bisher nicht glaubhaft bestätigt worden.

Auch in Rosario Contes Spiel fallen die Konflikte und Querstände auf, die Piccinini da harmonisch und rhythmisch auf seine Zuhörer losgelassen hat und die natürlich ein Interpret nutzt, um bei seinen Zuhörern Spannung aufzubauen. Conte gehört nicht zu den Interpreten, die dabei den Bogen überspannen, aber auch bei ihm werde ich als Hörer immer wieder aufs Neue irritiert … und das meine ich nur positiv! Die chromatische Toccata zum Beispiel besteht nur aus Anspannungen und aus Lösungsvorschlägen … und ich versuche mir immer wieder vorzustellen, wie Zuhörer vor vierhundert Jahren auf diese Musik reagiert haben. Haben sie das verstanden, was Piccinini ihnen da angeboten hat? Und haben sie es goutiert?

Der Klang bei Rosario Conte wirkt im Vergleich gläsern, fragil, sphärisch … und dabei hat die Raumakustik eine entscheidende Rolle gespielt und natürlich die Verwendung des anders besaiteten und gestimmten Instruments. Das Gleichgewicht von Lautstärke, Tempo und Hall ist für Aufnahmen von so delikater Musik ein Problem, das bei beiden vorliegenden Aufnahmen anders zwar, aber insgesamt überzeugend gelöst worden ist.

Die italienischen Lautenisten des frühen 17. Jahrhunderts, deren Musik hier neu eingespielt worden ist, markieren so etwas wie das Ende der Tradition solistischer Lautenmusik in Italien … und eigentlich auch das Ende der Laute in Italien überhaupt und auch das Ende der italienischen Lautentabulatur, die später höchstens noch in einigen Handschriften zu finden ist. Die neuen Instrumente Theorbe, Chitarrone, Arciliuto und andere waren Lautenabkömmlinge, gut, aber sie waren neue Werkzeuge, ausgelegt für andere, nicht mehr solistische Aufgaben, und ihre Musik wurde ab sofort als bezifferter oder unbezifferter Bass aufgeschrieben.

Die CDs von Jakob Lindberg und Rosario Conte sind allerdings weit mehr als Dokumentationen dieses musikalischen Wandels. Sie sind Zeugnisse der aktiven Auseinandersetzung der Interpreten mit den künstlerisch-musikalischen Vorgaben. Beide haben sich bemüht, die Musik so darzustellen, wie sie zu ihrer Entstehungszeit geklungen und gewirkt hat und beide sind dabei zu ähnlichen aber doch unterschiedlichen Ergebnissen gekommen, und diese Unterschiede beweisen die Richtigkeit ihres Unternehmens. Es sind keine blutleeren Rekonstruktionen, die da abgeliefert werden, sondern aktuelle künstlerische Aussagen.

Sollte ich gezwungen sein, mich für eine der beiden Aufnahmen zu entscheiden, ich entschied mich für die von Jakob Lindberg. Der Klang des Chitarrone wirkt natürlicher, in sich geschlossen. Lindbergs Spiel dazu bewegt sich, was Tempo und Duktus angeht, im Umfang der menschlichen Sprache oder des Singens, und entspricht somit einem oft formulierten Ideal.

Links auf YouTube: 1. Rosario C0nte spielt Alessandro Piccinini, "Ricercar Primo" (Upload am 4.1.2012), 2. Jakob Lindberg spielt Bellerofonte Castaldi, "Cecchina Corrente" (Upload am 4.4.2010)