Giuliani pop

Rizzo Ausgabe 218x300Mueller Pering Ausgabe 218x300Die C-Dur-Sonate op. 15 von Mauro Giuliani gehört zu den eher seltener öffentlich gespielten Werken für Gitarre … in den „bevorzugten Konzertprogrammen“ jedenfalls, wie Thomas Müller-Pering im Vorwort seiner neuen Ausgabe des Werks bedauert. Wenn man bedenkt, dass die Wiener Universal Edition als Verlegerin mit dieser Neuausgabe bereits die dritte Edition der Sonate vorlegt, kann die Nachfrage nach den Ausgaben allerdings so schlecht nicht gewesen sein. Außerdem ist die UE-Ausgabe nicht die einzige auf dem internationalen Musikalien-Markt. 1985 standen bei Moser[1] außerdem die von Ruggero Chiesa, Daniel Benkö, Bruno Tonazzi, Frank Nagel/Philippe Meunier und von anderen. Dazu kommen solche, die nur den ersten Satz der Sonate enthalten – mal einfach als „Allegro“, auch „Allegro spirito“ oder „Allegro spiritoso“ und, so soll Karl Scheit den Satz in seiner kompletten Ausgabe der Sonate überschrieben haben, als „Allegro spirituoso“[2]. Bei letzterer Bezeichnung kann es sich freilich nur um einen Lapsus linguae seitens des Katalogkompilators handeln.

Der zitierter Katalog ist nun über 25 Jahre alt und sicher sind weitere Neuausgaben von op. 15 hinzugekommen. Schon 1988 schrieb Matanya Ophee: „Beim letzten Zählen fand ich rund zwanzig Ausgaben der Sonate op. 15 in Umlauf“[3]. Diese Zahl zeigt nicht nur, dass der Moser-Katalog schon drei Jahren nach seinem Erscheinen dringend revisionsbedürftig war, er bekräftigt mich auch in meiner Einschätzung, dass die Sonate von Mauro Giuliani alles andere als ein Ladenhüter war und ist. Tatsächlich sind seitdem weitere neue Ausgaben hinzugekommen – zwei davon liegen mir gerade vor:

Mauro Giuliani, Sonate op. 15, hrsg. V. Fabio Rizza, Bologna 2011, UT ORPHEUS EDIZIONI CH 127, € 9,95

Mauro Giuliani, Sonate C-Dur op. 15, hrsg. v. Thomas Müller-Pering, Wien u.a. 2010, UE 34482, € 12,50

Es ist im Zusammenhang mit den Neuerscheinungen über die Quellenlage im „Fall Giuliani op. 15“ zu reden, auf die auch Matanya Ophee schon eingegangen ist und die auch von Fabio Rizza im Vowort seiner neuen Ausgabe behandelt wird.

QuelleAuf zwei Hauptquellen gehen alle modernen Ausgaben zurück [#1] und [#2]. Matanya Ophee weist in seinem schon zitierten Beitrag auf eine dritte Ausgabe hin [#3]. Die Ausgabe [#4] ist deutlich später herausgekommen und hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt:

[#1] SONATE | pour | LA GUITARRE | composée et dediée | a Mademoiselle | JOSEPH NOBLE DE MAILLARD | par | MAURO GIULIANI | Œuv. 15. | Vienne | Au Magasin de l’imprimerie chimique L. K. priv. sur | le Graben | Nº 933

Fundorte: Einziges nachgewiesenes Exemplar in der Stadtbibliothek in Wien [A-Wst Mc 28115][4]—Reprint in [Giuliani-GA][5] Bd. III

[#2] SONATE | brillant | FÜR DIE GUITARRE. | Componirt und dem | Fräulein Josephine Edlen v: Maillard | GEWIDMET | von | MAURO GIULIANI | 15tes Werk | Nº 933—Eigenthum der Verleger—Preis 45 kr Conv:M. | WIEN, | bei S.A. STEINER und COMP:

Fundorte: Heck berichtet von einem Exemplar in der privaten Sammlung von Professor Karl Scheit in Wien[6]; Königliche Bibliothek Kopenhagen [DK-Kk R&B-S Nº 272]—Reprint in [Giuliani-GA][7] Bd. III; Staatens Musikbibliotek, Stockholm [S-Skma GI-Boije 154]

[#3] SONATE | brillant | für die Guitare | Componirt und | dem Fräulein Jos: Edlen von Maillard | gewidmet | von | MAURO GIULIANI | (15tes Werk.) | Nº 933 | WIEN | bei S. A. Steiner und Comp. | Inhaber der k.k. Chemie. Druckerey und pr. Kunsthändler | 3 bög.

Fundorte: Expl. in der Bibliothek Matanya Ophee, Columbus/Ohio —Titelseite und Auszüge sind verkleinert nachgedruckt bei Ophee[8]

[#4] SONATE | pour la Guitare | DÉDIÉE | à Mademoiselle Joseph | Noble de Maillard | PAR | MAURO GIULIANI | Œuvre 15.—Prix 4f.50c | à Paris | Chez RICHAULT, Editeur des Œuvres de Giuliani, Pixis et Ries, | Boulevard Poissonnière Nº 16 au Ier

Reprint in: Thomas Heck (Hrsg.), Mauro Giuliani: Selected Works for the guitar, New York 1976, S. 15—28[9]

Die erste [#1] ist, das findet man bei Thomas Heck[10], vor dem 16. Juli 1808 erschienen[11], die zweite [#2] nach 1812.[12] Heck meint, Steiner habe für diese Ausgabe die originalen Druckplatten der Imprimerie chimique übernommen und „republished the original plates with a corrected title page, emending the dedicatee’s name to read Josephine Edlen von Maillard“. Das würde heißen, die beiden Ausgaben sind bis auf die Titelseiten und vielleicht die eine oder andere Korrektur identisch. Aber darauf, dass diese Annahme nicht stimmen kann, hat schon Matanya Ophee hingewiesen: „Was bei diesem Exemplar [sc. dem in der Kopenhagener Bibliothek] auch wichtig erscheint, ist, dass es nicht mehr im lithographischen Verfahren hergestellt worden ist, sondern im traditionelleren des Tiefdrucks mit Metallplatten.“[13] Ophee bezieht sich im Weiteren auf Alexander Weinmann und dessen Artikel „Haslinger“ im New Grove (London u.a. 1980, Bd. VIII, S. 275): Nach Weinmann hat Steiner 1821 das lithographische Drucken vom Stein aufgegeben und ist zum traditionellen Tiefdruck zurückgekehrt. Daraus schließt Ophee, die Ausgabe [#2] müsse nach 1821 hergestellt worden sein: „Wie wir wissen, verließ Giuliani Wien aber im Jahr 1819.“ Dass die Ausgabe ohne Giulianis Zutun neu gestochen worden ist, wertet sie in ihrer Verlässlichkeit als Quelle ab.

Ausgabe [#3] ist auch bei Steiner & Comp. erschienen, allerdings, wie Ophee meint, früher, zu einer Zeit sogar, als Giuliani noch in Wien lebte. [#3] unterscheidet sich von [#2] zunächst, was das Titelblatt angeht – über weitere Abweichungen meint Ophee: „Ich will hier keinen eingehenden Vergleich meines Exemplars mit der Erstausgabe bringen – auch sie hat eine Menge verschiedener Abweichungen.“[14]

Man bedenke, dass die Verleger des frühen 19. Jahrhunderts von Metallplatten druckten oder von Steinplatten, wenn sie das moderne Verfahren der Lithographie verwendeten, und dass keine großen Auflagen hergestellt wurden, wie das heute der Fall ist. Fast ist das Musikverlagswesen heute teilweise wieder zu dem zurückgekehrt, was vor zweihundert Jahren üblich war: „POD“ – Publishing on Demand. Wenn eine oder mehrere Bestellungen für eine Ausgabe vorliegen, werden sie angefertigt und ausgeliefert. Wenn seit dem letzten Druck Fehler aufgefallen sind, werden sie selbstverständlich korrigiert. Das war bei den Stichplatten wie es heute beim Computerunterstützen Notensatz möglich ist und es wurde und wird auch angewendet. Historiker in hundert Jahren werden allerdings das gleiche Problem mit Ausgaben haben, wie wir heute: Sie werden entscheiden müssen, welche Lesarten vorliegen und welche dem Komponistenwillen am nächsten kommen.

Was nun die beiden Neuausgaben angeht, erwähnt Fabio Rizza die Quellen [#1] und [#2], Thomas Müller-Pering macht keine Angaben. Rizza schließt einen kritischen Bericht an, Müller-Pering andeutungsweise auch, indem er an einer einzigen Stelle [!] eine Fußnote liefert, die eine Textvariante als „Original“ enthält. Woher dieses „Original“ stammt, darüber lässt er seine Kunden im Unklaren. Es ist die Version aus [#1] und [#2], die in der Giuliani-GA vorliegt.

Keine der Quellen enthält Fingersätze, weder für die linke und erst recht nicht für die rechte Hand. Das heißt also, dass alle diesbezüglichen Angaben in den modernen Ausgaben vom jeweiligen Herausgeber stammen. Das Gleiche gilt für weiterführende spieltechnische Angaben wie Saiten- oder Lagenbezeichnungen. Dynamische und Vortragsanweisungen (wie Staccato etc.) stehen in den Quellen.

Schon im ersten Satz finden sich Änderungen seitens des Herausgebers, für die ein kritischer Bericht Klärung schaffen könnte – mindestens könnte man herausfinden, ob es sich um Stichfehler handelt oder um bewusste Eingriffe seitens des Herausgebers. Warum zum Beispiel sind in Takt 100 und 108 in der Oberstimme die Terzen gestrichen worden (auf 2+ und 3 bzw. 1)? Oder: Warum sind die Grupetti (Takte 31, 37 und 46) als doppelte Schleifen aufgelöst?

Übrigens fände ich es auch interessant herauszufinden, warum der erfahrene Herausgeber und Lehrer Karl Scheit Änderungen im Notentext vorgenommen hat. Vergleicht man nämlich UE 11320 (Scheit) und UE 34482 (Müller-Pering), fallen zahlreiche Unterschiede auf, und zwar Unterschiede aller Couleur. Auch fällt auf, dass Müller-Pering manchmal sparsamer mit Fingersätzen umgegangen ist als Scheit – und gelegentlich auch arg generös … aber das ist vielleicht Geschmackssache.

Die tiefstgreifende Änderung am Notentext der Giuliani-Sonate ist natürlich im letzten Satz (Allegro vivace) vorgenommen worden. Hier hatte Scheit in seiner ursprünglichen Ausgabe von 1943 einen beträchtlichen Teil (rund hundert Takte) gestrichen und zwar ohne ein Wort darüber zu verlieren. In der späteren Neuauflage dieser Ausgabe (1980er Jahre) ist zwar der (natürlich komplette) dritte Satz aus einer der Quellen [#2] oder [#3] als Faksimile angehängt und unter dem Notensatz steht die Anmerkung „Um den Finaleffekt des Allegro vivace zu verstärken, wurde dieses etwas gerafft. Das Faksimile des Originals liegt bei“, die eigentliche Ausgabe enthält aber den unveränderten Nachdruck des gekürzten Allegro vivace der Ausgabe von 1943!

Die Ausgabe von Fabio Rizza hat eindeutig den Vorzug, dass a. die Quellen genannt werden und b. in einem Kritischen Bericht alle Veränderungen angegeben und begründet sind. Man sollte bei der UE darüber nachdenken, diesen Service auch anzubieten – wenn die Ausgaben damit zu stark aufgebläht würden (in der Ausgabe Ut Orpheus sind es immerhin drei Seiten), könnte man darüber nachdenken, die Berichte im Internet anzubieten.

Das Layout bei der UE ist weitaus gedrängter als das bei Ut Orpheus, dort (bei UE) hat die Ausgabe 12 Seiten reinen Notentext – bei den Italienern 19 Seiten, und trotzdem gefällt mir das klassische Stichbild der UE deutlich besser. Auch dieser Notensatz ist nicht mehr klassisch „gestochen“, sondern am Computer hergestellt (wer dafür einen Beweis braucht, sollte sich den Bass auf S. 11, Takte 123/124 anschauen, wo ein charakteristischer Satzfehler des Computersatzes zu sehen ist), aber er ist besser lesbar. Am Schluss soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Ausgabe von Thomas Müller-Pering rund 25% teurer ist, als die von Fabio Rizza.

[1] Gitarre-Musik: Ein Internationaler Katalog, Hamburg 1985

[2] op. cit., S. 89

[3] Matanya Ophee, Die Bedeutung von Erstausgaben in der Editionspraxis, in: Gitarre & Laute X/1988, Nº 6, S. 46

[4] Thomas F. Heck, The Birth of the Classic Guitar and ist Cultivation in Vienna, Reflected in the Career and Compositions of Mauro Giuliani (d. 1892), Diss, Yale University, 1970, nennt als Signatur irrtümlich „Mc 28815“

[5] [Giuliani-GA] = Mauro Giuliani, The Complete Works in Facsimiles of the Original Editions, edited by Brian Jeffery, 39 Bde., London 1984--1988

[6] op. cit. Bd. II, S. 19. Weder Jeffery noch Matanya Ophee haben dieses Exemplar einsehen können, s. Ophee, op. cit., S. 47

[7] [Giuliani-GA] = Mauro Giuliani, The Complete Works in Facsimiles of the Original Editions, edited by Brian Jeffery, 39 Bde., London 1984--1988

[8] Ophee, op. cit. S. 45 und 49

[9] Thomas Heck, der Herausgeber, meint im Vorwort der Ausgabe, die Richault-Ausgabe sei vor 1828 entstanden und sie sei die am besten lesbare der erhaltenen älteren Editionen.

[10] op. cit., Bd. II, S. 18

[11] Für diesen Tag ist das Erscheinen der Notenausgabe angezeigt worden. Heck zitiert das Datum aus den zur Zeit der Erstellung seiner Dissertation unfertigen Veröffentlichungen zu Wiener Musikverlagen von Alexander Weinmann, die in den siebziger Jahren erschienen sind.

[12] In diesem Jahr erwarb der Verleger Sigmund Anton Steiner den Verlag der „Imprimerie Chimique“

[13] Ophee, op. cit. S. 47

[14] Ebda. S. 48