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Britten PearsAmsterdam GTDas Label Newton Classics ist 2010 in den Niederlanden gegründet worden. Ziel des Unternehmens ist die Wiederveröffentlichung erstklassiger Aufnahmen klassischer Musik der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, die lange nicht mehr erhältlich waren.

Zwei CDs mit Musik für oder mit Gitarre gehören bisher zum Programm des Labels:

Britten, Seiber, Racine, Fricker, Walton: Music for Voice and Guitar
Peter Pears, Julian Bream
Aufgenommen im März und September 1963 sowie im September 1966
Newton Classics 8802095, im Vertrieb von CODAEX
… Meilensteine …

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Mit „Songs from the Chinese“ op. 58 beginnt das Programm, mit den fast aphoristisch kurzen Gesängen, die auf Übersetzungen von Arthur Waley zurückgehen. Waley (1889—1966) war ein englischer Sinologe, der 1918 eine Sammlung mit „170 Chinese Poems“ herausgegeben hat, die, so das Booklet, heute noch im Handel ist. 1957 hat Britten eine Auswahl der Texte vertont, für Peter Pears natürlich, seine Muse und seinen lebenslangen Partner.

 

Die „Songs from the Chinese“ sind, genau wie die folgenden „Folk Song Arrangements“, höchst künstlerisch gesetzt, deutlich anspruchsvoller, als man es zum Beispiel von Volksliedbearbeitungen erwarten mag. Aber Britten hat Kunstlieder geschrieben, sensible, in sich geschlossene kleine Kunstwerke, die, jedes für sich, innige Text-Musik-Verbindungen zur Grundlage haben. Schon das erste „chinesische Lied", „The Big Chariot“, hat eine lebhafte Auseinandersetzung zum Thema, die sich in einem quirligen Dialog zwischen Singstimme und begleitender Gitarre darstellt, gleich das zweite, „The Old Lute“ oder auch das fünfte, „Depression“, führen in andere Gefühlswelten. Hier wird lamentiert und gemahnt, hier wird ein memento mori angestimmt.

Nicht nur Benjamin Brittens hohe Kunst wird hier offenbar, auch Peter Pears’ feiner Umgang mit Musik und Sprache, mit Klangfarben und Phrasen. Ganz zu schweigen von Julian Bream natürlich, der als „Mann im Hintergrund“ viel mehr ist als ein Begleiter. Die Liedsätze von Benjamin Britten sind komplexe Kunstwerke, in denen von Rollenverteilungen wie „Gesang mit Begleitung“ nicht die Rede sein kann. Hier sind die vokalen und instrumentalen Parts auf höchst kunstvolle Art miteinander verwoben.

Am Schluss des Programms steht Julian Breams Einspielung des Nocturnal von Britten. Diese Aufnahme ist 1966 entstanden und dann auf der legendären LP „20th Century Guitar“ erschienen. Sie war sensationell, diese Aufnahme, sie hat innerhalb kürzester Zeit die Gitarrenwelt umgekrempelt. Bream spielte das „Nocturnal“ dann auch in seinen Konzerten. Ich habe ihn im Düsseldorfer Schumann-Saal damit gehört und erinnere mich sehr genau, wie begeistert ich war. Das ist jetzt über vierzig Jahre her und meine Begeisterung für das Stück und für Julian Breams Interpretation sind nicht kleiner geworden.

Diese CD enthält Meilensteine der Musik für und mit Gitarre und solche der Interpretationskunst. Sie ist in dieser Zusammenstellung 1993 schon einmal bei SONY-Music herausgekommen und jetzt wieder verfügbar.

Bach: Brandenburg Concertos Nos. 2, 3, 5, 6; Debussy: Suite Bergamasque & Works by Chopin & Fauré
Amsterdam Guitar Trio
Aufgenommen im Februar 1985 und September 1987
Newton Classics 8802093, im Vertrieb von CODAEX
…Umwerfend!…

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1985 sind die Brandenburgischen Konzerte aufgenommen worden, ein Jahr später ist dann die Platte herausgekommen und im gleichen Jahr habe ich sie auch in Gitarre und Laute besprochen: „Umwerfend ist die Interpretation der Brandenburgischen Konzerte wirklich und man erinnert sich an die „Jahreszeiten“ von Vivaldi vom gleichen Ensemble: Umwerfend!

Also, wie ich die Freunde vom Amsterdamer Gitarrentrio kenne, Helenus, Johan und Olga, haben sie bei den Brandenburgischen Konzerten eine Mordsfreude gehabt. Auch sie kennen natürlich die Aufnahmen von Harnoncourt bis Karajan, auch sie wissen natürlich, dass sie immer wieder den Kürzeren ziehen, wenn es um langgezogene Legati in langsamen Sätzen geht. Aber sie wissen auch, dass sie als Gitarristen mit außergewöhnlichen Programmen aufwarten müssen, wenn sie Erfolg haben wollen.“

Ich hatte die Amsterdamer vorher in Canada auf einem Festival der GFA kennengelernt und auch live gehört. Und ich war trotz aller Bedenken, diese Musik auf Gitarren zu spielen, begeistert. Zumal ich die Musiker auf der Bühne gehört und auch mit ihnen geredet und diskutiert hatte. Nein, ich wusste, dass sie genau wussten, was sie taten und das mit großem Verantwortungsgefühl.

Und doch: Jetzt, wo die neuere Platte der Amsterdamer auch vorliegt, die mit Werken von Debussy, Fauré und Chopin, werfen deren Stücke mich eher um als die Brandenburgischen Konzerte und auch die „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi. Das hat mehrere Gründe. Erstens habe ich in den fast dreißig Jahren seit dem ersten Erscheinen der Platten so viele Gitarrentrios und Quartette gehört, dass schon größere Kaliber antreten müssen, um mich umzuwerfen. Zweitens haben die Musiker in Trios und Quartetten auch dazugelernt und drittens habe ich den Eindruck, dass diese Stücke sich besser für Transkriptionen eignen. Wo es nur noch um Andeutungen geht, um zarte Aquarelle, um Impressionen, da passen Gitarren gut ins Klangbild.

Dass diese Aufnahmen in das Programm von Newton Classics aufgenommen worden sind, hat mich zwar gewundert, ich verstehe diese Entscheidung aber! Die Aufnahmen des Amsterdam Guitar Trio waren zu ihrer Entstehungszeit außergewöhnlich. Zur gleichen Zeit ging ein junger japanischer Musiker durch die Weltpresse, weil er die „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgski für Gitarre transkribiert hatte und diese Transkription auch noch öffentlich spielte. Er, der Japaner, polarisierte enorm. Es gab Virtuosenfans, die ihn und seine Spieltechnik vergötterten – und es gab herumdilettierende Anwälte der wahren und echten Gitarrenkultur, die schon Stücke von Isaac Albéniz als Gitarrenrepertoire ablehnten. Das Amsterdam Guitar Trio war ein Kind dieser Zeit.

Noch ein Wort zur Besetzung des Trios: 1978, bei der Gründung des Trios, waren es Johan Dorrestijn, Olga Franssen und Helenus de Rijke, 1990 wurde Johan Dorrestijn durch Edith Leerkes ersetzt und die 1997 durch Esther Steenbergen.

Übrigens würde ich mich nicht wundern, wenn die Aufnahme der „Bilder einer Ausstellung“ für Gitarre solo eine der nächsten Wiederveröffentlichungen von Newton Classics würde. Sie ist ein echter Klassiker!