Giuliani pop

Silhouettes CD RezAlejandro Saladin Cote : Silhouettes
New American Music for Guitar
Werke von John Anthony Lennon, Leslie Bassett und Libby Larsen
Aufgenommen im Mai und Juni 2011, erschienen 2012
ARTEK Records AR-0058-2
… kaum zu toppen …

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John Anthony Lennon (*1950), nicht verwandt und nicht verschwägert mit (dem Beatle) John Lennon (*1940), ist ein US-amerikanischer Komponist, der sich unter anderem als Komponist von Gitarrenmusik einen Namen gemacht hat. Für David Starobin hat er geschrieben, für David Tanenbaum, Michael Lorimer und Benjamin Verdery. Alejandro Saladin Cote präsentiert auf seiner zweiten CD Lennons zwölf „Concert Etudes“ und danach desselben „Silhouettes“.

Die Etüden hat Lennon schon 1983/1984 für Michael Lorimer komponiert, vor rund dreißig Jahren. 2003 hat er sie einer Revision unterzogen. Es sind kleine Konzertstücke, die, jedes für sich, spieltechnische Aspekte des Gitarrespiels behandeln. Jede einzelne Etüde ist – unabhängig von dem Widmungsträger des Gesamtswerks – einem Gitarristen zugeeignet, den Lennon besonders schätzt. Nicht, dass er sie paraphrasierte oder gar direkt zitierte, nein, aber hie und dort glaubt man trotzdem den jeweiligen Gitarristen zu erahnen. Es sind:

 

1. David Tanenbaum

2. Jorge Caballero

3. Los Angeles Guitar Quartet

4. Oren Fader

5. Marc Teicholz

6. Banjamin Verdery

7. Michael Lorimer

8. Bryce Dressner

9. David Starobin

10. David Russell

11. Manuel Barrueco

12 John Williams

(Alejandro Cote hat mir die Liste geschickt, vielen Dank! Im Booklet seiner CD steht zwar der Hinweis, die Etüden seien einzelnen Gitarristen gewidmet, für eine Aufzählung war aber kein Platz. In Europa ist es, nebenbei bemerkt, schwierig, an eine Ausgabe der Lennon-Etüden zu kommen – in den USA auch, wie mir Alejandro mitteilt. Erschienen ist das Werk im Verlag von Michael Lorimer, der in Europa keinen Vertrieb hat.)

Zu jedem der einzelnen Widmungsträger fällt Gitarrenkundigen etwas ein. Bei Manuel Barrueco erinnere ich mich beispielsweise an seine legendäre Albéniz-LP. Sie wurde 1990 aufgenommen und hat die Gitarrenwelt bewegt. David Starobin war bekannt für neue amerikanische Musik und hat schließlich mit der ersten Aufnahme des kompletten Etüden-Zyklus von Regondi Furore gemacht – 1993 gespielt auf einer Gitarre der Zeit. David Russell hat mit perfekten aber eher kühlen Abbildern brilliert und John Williams, na ja, er hat seine Fans immer wieder aufs Neue überrascht – ohne wirklich überraschend Neues zu präsentieren … das aber in Perfektion!

Aber all das finde ich in den Etüden von George Anthony Lennon nicht wieder. Es sind keine Portraits und auch keine Reminiszenzen. Vertrauten Klängen begegne ich gelegentlich … gleich mit Villa-Lobos geht es los … aber sie sind nicht das Prinzips dieses höchst interessanten Stücks.

Eher steht hinter den Etüden das Darstellen und Trainieren technischer und klanglicher Möglichkeiten der Gitarre. Keine Kraftakte, keine Rekorde, dafür irritierende Figuren und irisierende Klänge.

„Silhouettes“, auch von Lennon, ist Alejandro Cote gewidmet, der es am 25. März 2011 auch uraufgeführt hat. Das Stück von knapp 3,5 Minuten ist ein Verwirrspiel, das von durchgehender Bewegung geprägt ist, von Arpeggien und von sich herauslösenden Melodiefragmenten.

„Temperaments“, das einzige Stück für Gitarre von Leslie Bassett (*1923), folgt. Wie so viele (auch Landsleute) hat der Komponist bei Nadia Boulanger in Paris studiert, auch bei Arthur Honegger und Roberto Gerhard. Sein Stück lebt natürlich von Kontrasten … so, wie sich Sanguiniker, Melancholiker, Choleriker und Phlegmatiker unterscheiden, unterscheiden sich die fünf[!] Sätze von Libby Larsen. Fünf sind es, weil der Komponist nicht auf die vier klassischen, schon in der Antike beschriebenen Temperamente rekurriert, sondern „Charakterstücke“ liefert: „Aggressive“, „Poignant“, „Smooth“, „Singing“ und „Restless“.

Die Stücke sind expressiv beschreibend. Mich erinnern sie in ihrer Diktion und ihrer Ausruckskraft an das „Nocturnal“ von Benjamin Britten … obwohl Leslie Bassett „atonaler“ geschrieben hat oder, sprachlich korrekt, radikaler tonale Bindungen meidend. Aber: Alejandro Cote schreibt: „the work has many moments of tonal centers.“

Schließlich gibt Alejandro „Argyle Sketches“, „Sarabande“ und „Tango“ von Libby Larsen (* 24.12.1950), die vielleicht interessantesten Stücke seines Programms. Libby Larson ist in Europa weitgehend unbekannt – bei Gitarristen jedenfalls, aber das wundert nicht wirklich jemanden, weil hiesige Gitarristen nur selten den Mut haben, den Repertoire-Mainstream für ihr Instrument zu verlassen. Dabei sind Larsons Stücke höchst originell und anregend, kurzweilig, manchmal humorvoll und regelrecht witzig.

Die Sarabande zum Beispiel ist nicht vom Typ der Sarabande, wie wir sie neben Allemande und Courante aus barocken Suiten kennen. Sie geht eher zurück auf die frühen Sarabanden, wie sie von den Entdeckern um 1500 aus Mittelamerika mitgebracht worden sind und wie sie im 16. Jahrhundert in Spanien wegen ihrer Anstößigkeit verboten waren.

Der Tango übermittelt die Dramatik, wie jeder sie von Tangos kennt. Er trägt bei Libby Larson den Untertitel „In Profane Style“, und tatsächlich war der Tanz ja per se mehr als profan und eben deshalb in Europa zeitweise verboten. Der Tango von Libby Larson ist eine Art Essenz des ursprünglichen Tanzes und damit eine höchst gelungene Karikatur, die ja das Wesentliche einer Figur mit ein paar Strichen skizziert.

Die völlig unprätentiös wirkende CD von Alejandro Saladin Cote mit knappem Booklet und wenig optischem Firlefanz hält mehr, als sie verspricht. Ein interessantes Programm wird vorgestellt, dazu ein sehr ernsthaft agierender Interpret. Alejandro Cote, das weiß ich, hat auch schon traditionelles Gitarrenrepertoire auf CD präsentiert. Aber besonders hier, mit Werken zeitgenössischer amerikanischer Komponisten, überzeugt er in einem Maß, das kaum zu toppen ist.