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Joaquín Rodrigo Edition
Diverse Interpreten
Aufgenommen zwischen 1960 und 2007, erschienen 2013
21 CDs, Brilliant Classics 9297
… Sehnsucht der Spanier …


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Rodrigo Edition

Eine Aufnahme sämtlicher Werke von Joaquín Rodrigo (1901—1999) ist dies nicht, immerhin werden von seinen insgesamt rund 170 Kompositionen aber die wichtigsten aller Kategorien dargeboten: sechs CDs Konzerte und Orchesterwerke; je eine CD mit Kammermusik und Musik für Kammerorchester sowie Musik für Violine; je drei CDs Klavier- und Gitarrenmusik; sieben CDs Vokalmusik.
Die ältesten enthaltenen Aufnahmen stammen von 1960: einzelne Klavierwerke, gespielt von Maestro Rodrigo persönlich, eines davon zusammen mit seiner Frau Victoria Kamhi de Rodrigo: „Gran marcha de los subsecretarios“. Wir wissen, dass Komponisten nicht unbedingt die besten Interpreten ihrer eigenen Werke sind – aber hier?
Joaquín Rodrigo ist als Pianist eher vorsichtig mit seiner eigenen Musik umgegangen … damals vor über fünfzig Jahren – im Vergleich mit den Interpretationen von Albert Guinovart und Marta Zabaleta jedenfalls, die „eigentlich“ für die Klaviermusik und für die Musik für zwei Klaviere in der Rodrigo-Edition verantwortlich sind. Die beiden Musiker – Marta Zabaleta ist, nebenbei bemerkt, Baskin und Albert Guinovart Katalane – spielen die Stücke virtuoser und pointierter. Details wirken plastischer und klarer … aber das hängt auch mit der moderneren Aufnahmetechnik zusammen, die ihnen zur Seite gestanden hat. Vor allem Marta Zabaletas Interpretation der „Cuatro estampas andaluzas“ und der „Cinco piezas del siglo XVI“ ist sehr sensibel und delikat und wird zudem Gitarristen und Lautenisten besonders interessieren. Unter den fünf Stücken des 16. Jahrhunderts sind nämlich neben Variationen über einen „Canto del Caballero“ von Antonio de Cabezón vier Stücke, die aus dem Vihuelisten-Repertoire stammen: drei Pavanen von Luis Milan und Enriquez de Valderrábano sowie die berühmte „Fantasía que contrahaze la harpa en la manera de Ludovico“ von Alonso Mudarra. In jedem einzelnen dieser Stücke werden Gitarristen und moderne Vihuelisten ihr eigenes Bemühen gespiegelt sehen (bzw. hören), gleichzeitig die interpretatorische Andersartigkeit, die das Spiel eines Tasteninstruments, was diese Stücke angeht, verfremdend und auch bereichernd beeinflusst. Die „Zarabanda lejana“, die man auch als Gitarrenstück kennt, ist auf der CD, weiters andere unverkennbar spanische Miniaturen, die Marta Zabaleta sehr überzeugend präsentiert und damit ihre CD zu einem meiner Favoriten der Rodrigo-Edition macht.

Mit der „Concierto Serenata“ für Harfe und Orchester, einem der beliebtesten Werke Rodrigos, wird der Reigen seiner Werke eröffnet. Dieses Konzert mit dem ersten Satz „Estudiantina“ ist dabei für viele ein Beispiel für Rodrigos hohe Kunst, leichte, tänzerische ebenso wie melodisch ausgereifte und auch folkloristisch orientierte … immer aber völlig unprätentiöse Musik zu schreiben. Sie scheint keinen Anspruch auf Zugehörigkeit zu einer der umstrittenen Kategorien „U“ oder „E“ zu erheben, dabei ist sie immer ebenso unterhaltend wie „klassisch“ oder gar „ernst“. Rodrigos berühmtestes Werk, das auf der ganzen Welt gespielte und gefeierte „Concierto de Aranjuez“, war nie „große Musik“, war nie innovativ oder gar revolutionär, aber es hat, als es am 9. November 1940 in Barcelona uraufgeführt und in kurzer Zeit weltweit populär wurde, den Geist seiner Zeit getroffen. Es entsprach der Sehnsucht der Spanier nach einer Musik, mit der sie sich identifizieren konnten. Die Solistin in der „Concierto serenata“ ist Nancy Allen, das Orchester in den drei Solokonzerten der CD-1 (neben der Serenata das „Concierto pastoral“ mit Lisa Hansen, Flöte, und das „Concierto heroico“ mit Jorge Federico Osorio, Klavier) das Royal Philharmonic unter Enrique Bátiz. Die Aufnahmen stammen aus den frühen 1980er Jahren.
Im Ballett „Pavana real“ werden Rodrigos Leidenschaft für tänzerische Musik und sein stolzes Bekenntnis zur spanischen Musikgeschichte deutlich. Hier greift er sehr weitreichend auf vorgegebene Sujets zurück … nicht auf überlieferte Musiken, aber auf Formen, Stil und Gestus. Wir kennen von ihm ja auch das direkte Aufgreifen und Zitieren historischer Musiken etwa in der „Fantasía para un gentilhombre“ für Gitarre und Orchester oder den „Cinco piezas del Siglo XVI“, von denen schon die Rede war. Hier aber, in der ‚Königlichen Pavane’, die man sich auch gut als Score für einen historischen Film vorstellen kann, führt er seine Zuhörer ins 16. oder 17. Jahrhundert – ohne Musik aus dieser Zeit in seiner Partitur zu zitieren. Es sind ein paar Versatzstücke, die er benutzt, um die Illusion perfekt zu machen. Hie und dort passte die Musik auch durchaus in einen Monumentalfilm, in der „Danza de cazadores“ zum Beispiel, dem Tanz der Jäger, aber meist hat Rodrigo mit eher schlichten Mitteln gearbeitet.
Schließlich die Gitarrenmusik: Joaquín Rodrigo hat fünf Konzerte für Gitarre(n) und Orchester geschrieben, dazu mehr als zwanzig Solowerke und Stücke für Gitarrenduo, die teilweise aus mehreren Einzelsätzen bestehen (Beispiel: „Tres piezas españolas“ von 1954). In der Rodrigo-Edition sind alle Gitarren-Konzerte bis auf das „Concierto para una fiesta“ enthalten. Dieses Konzert war eine Auftragskomposition und damit, bei allem Respekt, Rodrigos am wenigsten interessantes Konzert für diese Besetzung.
Die Aufnahmen sind Anfang der 1980er Jahre entstanden und tatsächlich nicht mehr taufrisch. Bei der „Fantasía para un gentilhombre“ und dem „Concierto Andaluz“ war das Orquesta Sinfónica del Estado de México mit dabei, beim „Concierto madrigal“ und „Concierto de Aranjuez“ das London Symphony Orchestra – beide unter Enrique Bátiz. Solisten: Die beiden Solokonzerte hat Alfonso Moreno gespielt, das Duokonzert Alfonso Moreno zusammen mit Deborah Mariotti, das Quartett bestand aus Alfonso Moreno, Minerva Garibay, Cecilia López und Jesús Ruiz.
Das Solistenteam, das für die Gitarrenkonzerte der Rodrigo-Edition zuständig war, zeichnet sich nicht durch Spielpräzision aus, nicht durch Tempobeständigkeit und auch nicht durch hohe Klangbalance. Der Mexikaner Alfonso Moreno hat zwar 1968 – achtzehnjährig – den legendären Radio-France-Wettbewerb in Paris gewonnen und danach jede Menge Schallplatten aufgenommen (die meisten mit Orchester) und gilt heute noch als „einer der führenden klassischen Gitarristen Mexikos“[!] … er glänzt allerdings, in den vorliegenden Aufnahmen jedenfalls, durch unkontrolliertes Spiel und sogar spieltechnische Probleme.
Aber notabene, all dies gilt nicht für die drei CDs mit Musik für Gitarre solo in der Rodrigo-Edition! Da waren Musiker einer anderer Generation und vor allem anderen Kalibers am Werk: Marco Socías (*1966), Carlos Pérez (*1976), Ignacio Rodes (*1961) und Carles Trepat (*1960) sind in ihrer Musikauffassung und sogar ihrer spieltechnischen Ausrüstung segovianischem oder postsegovianischem Schein weit voraus … während Alfonso Moreno noch ganz dem Beispiel des großen Maestro des 20. Jahrhunderts gefolgt ist, auch seinem Nuscheln und Vertuschen.
Ganz am Schluss der Rodrigo-Edition steht noch einmal ein Höhepunkt des dargebotenen Programms. Auch, wenn Zarzuelas seit vielen Jahren ganz und gar aus der Mode sind und auch, wenn Rodrigos Musik in ihrer Neo-Neo-Klassik so überhaupt nicht ins 20. Jahrhundert passen will: Mit „El hijo fingido“, komponiert 1954 auf einen Text von Lope de Vega, finden wir noch einmal ein Beispiel für des Komponisten hohe kompositorische Kunst … allerdings auch seiner Orientierung nach hinten und keineswegs in die Zukunft. Rodrigo hat sich an der Arbeit seiner Wiener Kollegen – zweihundert Jahren vor seiner Zeit – orientiert … nur war er weder so genial wie Mozart noch so kühn wie Beethoven. Aber er hat den Geschmack vieler Landsleute und vieler konservativ hörender Musikfreunde getroffen und tut das heute noch.

Die Edition bei Brilliant Classics liefert einen charakteristischen Querschnitt durch das Œuvre des Komponisten und beweist damit jedem, der es wissen oder nicht wissen will, dass Joaquín Rodrigo a. kein one-piece-composer war und b. kein Revolutionär. Die Interpretationen sind nicht alle erstklassig – aber von großen Dokumentationen, wie der vorliegenden, kann man nicht ausnahmslos Referenzeinspielungen erwarten. Das Preis-Leistungs-Verhältnis der Edition jedenfalls ist sensationell!