Giuliani pop

Erichson ConBrio Titel 754x1024 110x150Thomas Otto und Stefan Piendl, Erst mal schön ins Horn tuten: Erinnerungen eines Schallplattenproduzenten, Gespräche mit Wolf Erichson und Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt, Stephan Schellmann, Yaara Tal & Andreas Groethuysen, Bruno Weil. Regensburg 2007, ConBrio Verlagsgesellschaft, CB 1184, € 24,—
… eine Fundgrube, wenn es darum geht, die Geschichte der „Alten Musik“ live an einem vorbeidefilieren zu lassen

Was tut(et) ein Schallplattenproduzent eigentlich? Dumme Frage, werden viele denken, er produziert Schallplatten. So, wie ein Filmproduzent Filme produziert. Stimmt! Aber was tut denn dann ein Tonmeister oder ein Toningenieur? Produzieren die nicht auch Schallplatten? Und was tun die zahlreichen anderen, die am Zustandekommen einer CD beteiligt sind?Ein Schallplattenproduzent produziert Schallplatten, aber da, wo es um das eigentliche „Produzieren“ und den Vertrieb der eigentlichen Platten geht, ist er schon nicht mehr dabei. Schon beim Schnitt ist seine Expertise nicht mehr unbedingt gefragt.

Wolf Erichson, um ihn dreht es sich in dem vorliegenden Buch, ist Schallplattenproduzent … und mehr: Er hat wie beispielsweise sein Kollege Gerd Berg eine interpretatorische Schule begleitet und mitbestimmt, die nämlich, die sich der historischen Aufführungspraxis und ihrer Umsetzung in praktische Musik verschrieben hatte. Die Musiker, die uns in diesem Zusammenhang einfallen, sind Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt, Frans Brüggen und etliche andere, und genau diese Musiker waren es, die den Weg von Wolf Erichson gekreuzt haben … oder hat er ihre gekreuzt? Hat er vielleicht Musiker erst dazu gebracht, historische Aufführungsgewohnheiten zu erforschen und wieder zu beleben, um dem Wesen älterer Musiken näherzukommen?

Natürlich war Erichson nicht der Initiator der „Alte Musik-Bewegung“ und er war auch nicht der Erste, der die Plattenindustrie für die Musiker der neuen interpretatorischen Ausrichtung interessierte. Als er 1957 bei der Telefunken (später Teldec) in Hamburg angestellt wurde und als dort eine Plattenreihe mit dem Titel „Das Alte Werk“ geplant wurde, „gab es ja auch schon die Archiv Produktion und auch harmonia mundi war in dieser Richtung schon tätig, aber alle nicht in dieser Konsequenz, nicht annähernd.“ (Erichson, S. 19) Aber: „Es war zu dieser Zeit noch nicht in das Bewusstsein des Publikums gedrungen, dass man diese Musik nicht nur im Konzert hören, sondern durchaus auch auf Platte kaufen konnte. Auch die Plattenlabels mussten erst begreifen, dass man für Platten mit Alter Musik, guten Instrumentalisten und guten Interpretationen auch wirklich Käufer findet“. (S. 19—20)

Auch vor der Archiv Produktion und vor harmonia mundi hatte es Bemühungen gegeben, Schallplattenreihen mit Alter Musik zu etablieren. Curt Sachs (1881—1959), damals Leiter der Sammlung Alter Musikinstrumente in Berlin, hatte 1930 eine Reihe mit dem Titel „2000 Years of Music on Parlophone Records“ initiiert und herausgegeben, kurz bevor das Label Parlophone mit EMI fusionierte. Als der prominente Musikwissenschaftler Sachs 1934 dann nach Paris emigrierte, um nationalsozialistischer Verfolgung zu entgehen, gründete er dort das Label „L’Anthologie Sonore“. Wolf Erichson ist dieses Detail entgangen oder er hat es nicht erwähnt, aber das erklärt sich aus der Tatsache, dass das vorliegende Buch eine Kollektion von Interviews ist und keine Abhandlung zum Thema „Alte Musik in unserer Zeit“ oder „Alte Musik auf neuen Schallplatten“.

Und doch hat Wolf Erichson Musiker inspiriert, historische Aufführungsgewohnheiten zu erforschen und wieder zu beleben. Ganz sicher haben sich viele über Platten aus den Reihen „Das Alte Werk“ oder „Reflexe“, die Gerd Berg für die Kölner EMI produzierte, mit diesem Virus infizieren lassen, das es einem ab sofort unmöglich machte, die „Brandenburgischen Konzerte“ mit den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan überhaupt anzuhören. Das waren völlig unterschiedliche Welten! Ganz zu schweigen davon, dass es irgendwann auch Aufnahmen des Orfeo von Monteverdi gab, die man sich vorher nicht vorstellen konnte. Oder Unternehmungen, sämtliche Kantaten von Johann Sebastian Bach aufzunehmen – und zwar in Besetzungen, wie sie die Kirchgänger zu Bachs Zeiten auch vor sich hatten. Und in dem musikalischen Duktus, der dem immer näher kommt, dem Bach verpflichtet war.

All das hatte nichts damit zu tun, dass man aus Gründen historischen Interessiertseins einem forscherischen Ideal nachhing. Nein, es war dieses Virus, gegen das es keine Mittelchen gibt und dieses Virus funkte: „Erst so stimmt diese Musik, so und nicht anders!“ Und ist es nicht interessant: Heute hat buchstäblich jeder Musiker das Virus in irgendeiner Form intus. Nicht jeder wechselt vom Klavier zum Cembalo oder von der elektrischen Gitarre zur Vihuela. Aber beispielsweise haben sie Phrasierungs- oder Akzentuierungsmuster so geändert, dass man an eine „Zeit vorher“ kaum mehr denken kann. In vielen aufführungspraktischen Fragen hat die „Alte-Musik-Bewegung“ das Musikmachen insgesamt verändert … und zwar hin zum Besseren.

Aber zu einem nicht mehr rein künstlerisch-wissenschaftlich sondern auch wirtschaftlichen Faktor wurde die Alte Musik erst zu Wolf Erichssons Zeit, obwohl da erst einmal Diskussionen bestanden und Zweifel gehegt wurden. Man bedenke in diesem Zusammenhang, dass die Schola Cantorum Basiliensis schon 1933 gegründet worden war und dass auch sie schon ein Vorbild hatte: Wanda Landowskas École de musique ancienne in Paris. Und andere Aktivitäten in Richtung „Aufführungspraxis“ hatte es gegeben – gleichzeitig harsche Kritik an diesen Bemühungen. Zum Beispiel hielt Theodor W. Adorno 1952 am Institut für Neue Musik und Musikerziehung in Darmstadt einen Vortrag zum Thema „Kritik des Musikanten“, was er zum Anlass nahm, das Verwenden alter Musikinstrumente zu verhöhnen: „… die Blockflöte ist der schmählichste Tod des erneut stets sterbenden großen Pan“ und weiter: „Offenbar will man im gleichen Geist nun auch der Posaune die eherne Stimme rauben und am liebsten alles, was sich an Farben überhaupt findet, nach dem dürftigen Brauch von Stadtpfeifereien aus der Zunftzeit ummodeln.“

Das vorliegende Buch ist eine Fundgrube, wenn es darum geht, die Geschichte der „Alten Musik“ live an einem vorbeidefilieren zu lassen: Da fehlt kaum jemand mit Rang und Namen, da werden alle möglichen Tricks verraten, die heute noch so manchem Aufnahmeleiter auf die Sprünge helfen … und da werden auch grundlegende Strategien für die Vermarktung klassischer Musik beschrieben und hinterfragt. „Wie interessiert man denn den Musikkritiker für genau diese neue Aufnahme, stapeln sich doch auf seinem Schreibtisch Monat für Monat hunderte Neuerscheinungen?“ (Erichson S. 211) Aber eines ist klar: Zum Vermarkten von Musik gehört nicht nur, dass sie gut ist und gut dargestellt wird, sondern man muss sich Fragen wie diese stellen: „Bringt der Künstler die Eignung und Bereitschaft mit, sich in den Medien gut zu präsentieren? Gibt es eine „Story“, die sich erzählen lässt? Sieht er gut aus, ist er charismatisch? Erreicht er bestimmte Zielgruppen? Sind seine Veröffentlichungen bereits auf kurze Sich profitabel?“ Dies sind Fragen, die zu Zeiten von Harnoncourt und Leonhardt nie gestellt wurden. Aber „inzwischen sind die Spitzen der Plattenfirmen meist völlig amusisch, kaum jemand könnte noch eine Stimme beurteilen, wenn er denn mal zu einem […] Wettbewerb ginge. Die können ja nicht mal Klavier spielen.

Und wenn dann Vorschläge für neue Projekte kommen, dann kann da niemand darauf antworten. Das ist die Entwicklung der Plattenindustrie, wie ich sie in den letzten Jahren beobachten musste. Das kann einem schon den Spaß an der Sache verderben.“ [Erichson S. 215]

Und wie ist es damit: Wo werden denn überhaupt noch Platten produziert, bei denen die Musiker nicht selbst das Geld für die Produktion mitbringen? Und sind deshalb nicht sehr viele Musiker ihre eigenen Produzenten? Und jetzt: Ist Wolf Erichson vielleicht einer der letzten in der Riege der Plattenproduzenten, die mit Fred Gaisberg (1873—1951) oder wem auch immer begann?

Gitarre und Laute sind durchaus (wenn auch marginal) Themen in den Erinnerungen des Schallplattenproduzenten Wolf Erichson. Aufnahmen von drei Lautenisten hat er produziert: Eugen Dombois, Michael Schäffer und Lutz Kirchhof. Die LPs der beiden ersten waren epochale Neuerungen – als Lutz Kirchhof antrat, waren Aufnahmen mit Lautenmusik schon keine Seltenheiten mehr. Hopkinson Smith hat er produziert (Boccherini für SEON, sein eigenes Label) und auch Göran Sollscher (keine Alte Musik, sondern das Concierto de Aranjuez für DENON).