Giuliani pop

Werner Reif (Hrsg.), Lautenstücke aus der Renaissance, bearbeitet für Gitarre: Deutschland, Manching 2012, Edition Dux 904, € 12,80

Dies ist der fünfte Band mit Lautenstücken, die Werner Reif bei der Edition Dux herausgegeben hat. Nach Sammlungen mit Kompositionen aus Frankreich, England und Italien sowie einer mit Lautenduetten ist jetzt deutsche Lautenmusik an der Reihe, deutsche Lautenmusik, überliefert in deutscher Lautentabulatur.

Reif Deutsche LautenmusikSie, die deutsche Lautentabulatur, war zweifellos die umständlichste der Griffschreibweisen, die seit Ende des 15. Jahrhunderts in Benutz waren und das war auch ein wesentlicher Grund dafür, dass sie bald durch entweder die französische oder die italienische Tabulatur ersetzt wurde. Ein blinder Organist, Conrad Paumann mit Namen, soll es gewesen sein, der sie erfunden hat. Und später, viel später, als das Interesse an Laute und Lautenmusik nachließen, gab man der deutschen Tabulatur sogar die Schuld für den Niedergang des vorher so angesehenen Instruments. „Man darff sich derowegen nicht wundern, wenn man die Beschaffenheit des Lauten-Griffbretes ansiehet, wie das hat zugehen können, dass ein solches Instrument wegen seiner Schwürigkeit so sehr hat in Ruff kommen können.“ [Untersuchung, S. 57] Die deutsche Lautentabulatur war 1727, als Ernst Gottlieb Baron das schrieb, schon über hundert Jahre nicht mehr in Benutz, aber er hatte sich vorgenommen, „von denen Præjudiciis zu gedencken, durch welche dieses sonst Edle Instrument gantz ohne Noth ist verhast gemacht worden.“ [S. 99]

Dabei ist es durchaus vorstellbar, dass es ein Blinder gewesen war, der diese Schreibweise für die Laute erfunden hat. Gemeinsam haben alle Lautentabulaturen, dass sie nicht den jeweiligen Ton aufschreiben, der erklingen soll, sondern den Bund, in dem er zu greifen ist. Es musste also aufgeschrieben werden, auf welcher Saite in welchem Bund gegriffen werden sollte … aber bei der deutschen Lautentabulatur war das anders. Bei der hat ihr Erfinder nämlich jeden Bund der damals fünf Saiten – bzw. Chöre, denn die Laute war mit Doppelsaiten bezogen – mit einem Buchstaben bezeichnet. Da musste man die Bezeichnungen der fünf Chöre auswendig lernen, aber: Man konnte die deutsche Lautentabulatur diktieren und das kann für einen blinden Musiker von großem Vorteil gewesen sein. Die leeren Saiten waren nummeriert (also „1“ bis „5“), ein „a“ stand für „fünfter Chor/erster Bund“, ein „b“ für „vierter Chor/erster Bund“ usw.

 

Als die Laute um Basssaiten erweitert wurde, musste die Tabulatur erweitert werden. Schon 1536 hat Hans Newsidler eine Laute mit sechs Chören vorausgesetzt und der hinzugekommene Chor wurde mit Majuskeln anstatt mit Minuskeln bezeichnet. Die Diktierbarkeit, der vermeintliche Vorteil der deutschen Schreibweise, war dahin … aber man blieb zunächst dabei.

Die Stimmung der sechschörigen Laute war mit der Gitarrenstimmung verwandt, nur lag die große Terz nicht zwischen der zweiten und dritten Saite (g—h), sondern zwischen der dritten und vierten. Stimmt man nun bei der Gitarre die dritte Saite von g nach fis, erreicht man die relative Stimmung der sechschörigen Renaissance-Laute, wie sie im 16. Jahrhunderts in Benutz war.

Werner Reif, der Herausgeber der vorliegenden Ausgabe, schreibt bei allen Stücken „(3)=fis“ vor und erhält so die Stimmung des ursprünglichen Instruments. Auf diese Weise kann er die komplette Application, wie Hans Newsidler gesagt hätte, übernehmen, also alle Fingersätze und die gesamte spieltechnische Ausrichtung.

In der Ausgabe von Werner Reif finden sich etliche Intavolierungen, das heißt also Vokalkompositionen, die der jeweilige Lautenist des 16. Jahrhunderts für Laute bearbeitet hat. „Elslein, liebstes Elslein mein“ ist somit nicht von Hans Newsidler, sondern es ist ein Lied von Ludwig Senfl (1490—1543). Selten haben die Bearbeiter vor bald 500 Jahren den Namen des ursprünglichen Komponisten mit angegebenen wie bei „Lamora Isaac“ von Heinrich Isaac (1450—1517). Die beiden genannten Intavolierungen stammen von Hans Newsidler und sind in seinem Buch „Ein Newgeordent künstlich Lautenbuch“ von 1536 zu finden … aber doch: Newsidler war nicht der Komponist. Das waren Senfl und Isaac. Die Namen der ursprünglichen Komponisten haben die Lautenspieler nicht angegeben, weil deren Lieder oder sakralen Kompositionen so bekannt waren, dass sich das erübrigte.

In ein paar Fällen lässt Werner Reif die Benutzer seiner Ausgabe im Unklaren, was Stück und Komponist angeht: bei der „Galliarda Aliter“ auf Seite 39 zum Beispiel, für die statt des Komponisten lediglich „Nürnberger Lautenbuch“ angegeben ist. Hier wäre eine Erklärung angebracht gewesen, was denn dieses „Nürnberger Lautenbuch“ ist. Sie fehlt.

Es handelt sich um die Handschrift Ms 33 748 der Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg [D—Ngm: 33 748]. Die Handschrift ist in französischer Tabulatur geschrieben, das schließt allerdings nicht aus, dass es sich um deutsche Lautenmusik handelt. Die vollständige Überschrift des Stücks in der Handschrift lautet „Galliarda Aliter NB“. „Aliter“ bedeutet schlicht, dass es sich in der Handschrift um die zweite Galliarde in Folge handelt, die schlicht mit „Galliarda Aliter“ im Sinne von „Andere Galliarde“ oder „Noch eine Galliarde“ überschrieben worden ist. Wofür „NB“ als Abkürzung steht, war leider nicht zu ermitteln und gehört auch nicht zu den Aufgaben des Rezensenten. Galliarden gehörten aber nicht ins gängige Repertoire deutscher Lautenisten der Zeit, was darauf hindeutet, dass es sich eher um ein italienisches oder englisches Stück handelt. Die Handschrift ist übrigens, das zur Orientierung, erst gegen 1600 kompiliert worden.

Auch sind vier anonyme Couranten in der Sammlung enthalten, bei denen nicht bekannt gegeben wird, woher oder von wem sie stammen. Bei etwas genauerer Betrachtung stelle ich allerdings fest, dass sie aus der gleichen handschriftlichen Sammlung stammen, wie die eben betrachtete Galliarde: [D—Ngm: 33 748]. Bei diesen Couranten hat Werner Reif Glättungen vorgenommen, hat hie und dort einen Akkord ausgedünnt oder erweitert … kurz, er hat mitkomponiert, wenn auch nur marginal. Für die Couranten gilt das Gleiche wie für die Galliarda: Keine deutsche Lautenmusik!

Was die „Ronde“ von Tielman Susato angeht, weiß ich nicht, ob das deutsche Lautenmusik sein kann, das Gleiche gilt für „Drei Stucken“ mit Allemande, Ballet und Courante, die als anonym und ohne Angaben über ihre Herkunft in der Sammlung sind.

Die Ausgabe von Werner Reif ist keine wissenschaftliche Ausgabe, die ohne Kritischen Bericht nicht existieren könnte. Aber warum hat der Herausgeber nicht wenigstens Angaben über seine Quellen gemacht? Er hätte damit vielen Fragen vorgebeugt.

Die Übertragungen sind ordentlich gemacht, die Fingersätze auch, aber die sind ja bei Tabulaturen weitgehend vorgegeben.