Giuliani pop

Gramophone Guide 2011 400x647The Gramophone Classical Music Guide 2011
3000+ Reviews by the World’s Leading Critics
Teddington 2010, im Vertrieb von Music Sales, Preis: GB-£ 35,00

1434 Seiten mit über dreitausend Besprechungen von CDs mit klassischer Musik: „The Most Authoritative Guide to the Best Classical Recordings“ steht bescheiden auf dem Titel. Es handelt sich um das Jahrbuch der Zeitschrift „Gramophone”, die immerhin schon 1923 gegründet worden ist … und zu dieser Zeit gehörten Schallplatten noch nicht zu den Allerweltserzeugnissen, die jedermann nutzte.

James Jolly, der Chefredakteur der heute erscheinenden „Gramophone“, deren Redakteure immerhin für die „Gramophone-Awards“ zuständig sind, die weltweit beachtet werden, schildert, in seinem Vorwort sein Vorgehen. Er sucht Besprechungen nicht danach aus, dass von jedem erscheinenden Werk jede Rezension auch abgedruckt wird. Im Gegenteil hat er sich von seinen Kritikern beraten lassen, welche Neueinspielung denn die beste gewesen ist – im Notfall greift er auch auf historische Einspielungen zurück.

Also: Dieses Jahrbuch ist keine Sammelausgabe aller Besprechungen, die im vergangenen Jahr in der Zeitschrift „Gramophone“ erschienen sind. Und es sind auch nicht alle Aspekte des Musiklebens gleichberechtigt nebeneinander wiedergegeben. Aber, und das ist eine sensationelle Serviceleistung von Gramophone, die Besprechungen aller bisheriger Ausgaben der Zeitschriften sind im Online-Archiv einzusehen http://www.gramophone.co.uk – alle Rezensionen, die jemals (also nach 1923) in dieser Zeitschrift erschienen sind, können dort gelesen werden … und zwar kostenlos!

 

Der Gramophone Classical Music Guide 2011 ist ein dicker Brocken. Über 1400 Seiten. Lassen Sie uns sehen, was für unser spezielles Fachgebiet (Gitarre und/oder Laute) dort geboten wird! Eigene Rubriken (zum Beispiel „Gitarrenmusik“ oder „Klassische Gitarre“) gibt es nicht – man muss suchen … zum Beispiel nach Fernando Sor oder, im Anhang, nach Interpreten. Für Sor werden vier CDs besprochen, und zwar von Nicholas Goluses, William Carter, Adam Holzman und Jefferey McFadden, ausschließlich von US-amerikanischen Interpreten also. Nichts gegen die vier Musiker, keineswegs … aber andere als US-amerikanische oder englische Gitarristen finden im „Most Authoritative Guide to the Best Classical Recordings“ nicht statt. An Lautenisten stehen Paul O’Dette und Hopkinson Smith im „Guide“, auch beides Amerikaner – Konrad Junghänel (als Dirigent schon, aber nicht als Lautenist), Axel Wolf oder Jakob Lindberg aber nicht. Ist das Zufall oder Kulturchauvinismus?Im „Most Authoritative Guide to the Best Classical Recordings“ sind Rezensionen nicht mit Namen gezeichnet, sie erscheinen anonym. Der Chefredakteur erklärt zur Frage der Autorenschaft von Besprechungen, es bestehe bei seinem Blatt: „a tradition of informed, quality criticism“, aber wer konkret für welches Detailgebiet zuständig ist oder wer welche Rezension geschrieben hat, sagt er nicht. Darüber kann man freilich geteilter Meinung sein. Der Londoner „Daily Telegraph“ schrieb zu dem Thema: „The authoryty of Gramophone’s peerless list of reviewers is apparent on every page“ (zitiert nach dem Klappentext des „Guide“; wann das im Telegraph gestanden hat, wird nicht angegeben). Ich würde die „peerless list“ aber gerne einmal sehen.

Bei genauerer Betrachtung stelle ich fest, dass die Besprechungen im „Guide“ zwar die sind, die auch in der Gramophone-Zeitschrift gestanden haben, dass sie aber für diese Zweitverwendung gekürzt worden sind. Außerdem waren die Rezensionen im „Gramophone“ namentlich gezeichnet und im „Guide“ nicht mehr. Beispiel: Auf Seite 295—296 des „Guide“ steht eine (anonyme) Besprechung der CD ONDINE ODE 979-2 mit Gitarrenkonzerten von Leo Brouwer, gespielt vom Tampere Philharmonic unter Tuomas Ollila und dem Solisten Timo Korhonen. Die ursprüngliche Version dieser Rezension stand in „Gramophone“, Ausgabe Mai 2002, S. 45 und war gezeichnet mit „John Duarte“. Ich wusste, dass John W. Duarte Rezensionen für die „Gramophone“ geschrieben hat, er selbst hat es mir einmal erzählt. Umso mehr interessiert es mich, welche der im „Guide“ veröffentlichten Kommentare von ihm stammen! Und da Duarte ein in der Gitarrenszene prominenter Rezensent gewesen ist, wundert es mich umso mehr, dass man seinem Namen nicht im Jahrbuch erwähnt.

Nun stehen im „Guide“ keine Verrisse. Die Klassifizierungen gehen von „Recommended“ bis „Classic/recordings of legendary status“ oder gar „An unrivalled version, a cornerstone of the catalogue. A real gem!“ Für eine Gesellschaft, in der früher „not bad“ Ausdruck höchster Begeisterung gewesen ist, sind das weitschweifige Superlative – aber so ändern sich die Zeiten.

Insgesamt sind also sehr wenige Aufnahmen mit Gitarrenmusik auf den knapp anderthalbtausend Seiten erwähnt. Das Instrument kommt immer dann zu Ehren, wenn es in wichtigen Kammermusikwerken verwendet wird … oder in weniger bedeutenden Kammermusikwerken wichtiger Komponisten. Aber das sind wenige! Ich könnte etliche mehr als bemerkenswerte Aufnahmen mit Gitarrenmusik aufzählen, die in den letzten Jahren entstanden sind und solche auch, die man, was das Repertoire angeht, als innovativ und als richtungweisend einstufen kann … der „Gramophone Guide“ interessiert sich nicht dafür.

Aber vielleicht müssen die Fans von Gitarrenmusik tatsächlich ihr Interessensgebiet besser, sprich: weniger egozentrisch bewerten. Welche Gitarrenwerke sind es schon, die auf einer Stufe mit den Opern Monteverdis oder den Symphonien Beethovens stehen könnten, was ihre kulturhistorische Bedeutung angeht? Die von Villa-Lobos vielleicht? Nicht im „Guide“! Oder die von Castelnuovo-Tedesco, Moreno-Torroba oder Ponce. Komponisten dieser Güteklasse tauchen im „Guide“ nicht auf. Weder mit ihren Gitarrenwerken, noch überhaupt!

Vertreten sind die Klassiker der Klassik wie Mozart, Haydn und Beethoven; auch Komponisten wie Sir Arnold Bax (1883—1953), Lennox Berkely (1903—1983) oder Herbert Howells (1892—1983), die auf dem Kontinent weniger bekannt sind; und natürlich alles, was Henry Purcell (1659—1695), John Dowland (1563—1626) oder John Jenkins (1592—1678) jemals geschrieben haben.