Giuliani pop

Buchtitel Grete SultanMoritz von Bredow, Rebellische Pianistin: Das Leben der Grete Sultan zwischen Berlin und New York
Mainz 2013, Schott Music BSS 54831, ISBN 978-3-7957-0800-9, € 29,99

Grete Sultan: piano seasons
Werke von Bach, Beethoven, Schubert, Schumann, Schönberg, Copland, Ben Weber, Wolpe, Hovhaness, Cage, Toshi Ichiyanagi
Aufgenommen 1959—2000, erschienen 2013
4 CDs, WERGO 4043 und 4045.2

Das Wort von der „rebellischen Pianistin“ ist von Theodor W. Adorno, der 1930 über die Musikerin Grete Sultan gesagt hat, sie sei hochbegabt, merkwürdig expressiv und rebellisch. Dass ausgerechnet sie als rebellisch eingeschätzt wurde, wundert dabei aus mehreren Gründen. Erstens stand sie, 1930 gerade einmal 24 Jahre alt, erst am Anfang ihrer Karriere, da also, wo junge Musiker sonst noch auf der Suche nach ihren künstlerischen Zielen sind. Zweitens war sie Jüdin und der Antisemitismus in Deutschland manifestierte sich immer deutlicher. Zeit für rebellische Geister?

Als Pianistin war Grete Sultan mutig und konsequent … allerdings waren ihre Kindheit und die Jahre ihrer musikalischen Ausbildung in so völliger Harmonie und Ordnung verlaufen, dass man sich ein rebellisches Aufbäumen ihrerseits kaum vorstellen kann. Die Ehe ihrer Eltern, Adolf und Ida Rosa (genannt Coba) Sultan, war „vor allem auf Liebe gegründet, und die kinderreiche Familie erlebt eine überaus glückliche Zeit – so [blieb] es Grete Sultan stets in lebendiger Erinnerung“ [S. 35]; materielle Sorgen hat es in der Familie nicht gegeben und: „Alle sieben Kinder im Hause Sultan [wurden] von Anfang an mit Musik vertraut gemacht, ohne die das Familienleben kaum denkbar“schien. [S. 43] „Als jüngstes der Sultan-Kinder [wurde Grete] von allen besonders geliebt und verwöhnt, behütet [wuchs] sie in einer Welt voller Musik heran.“ [S. 45]

Berlin war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine „»Musikstadt par excellence«“, in der „»wie in keiner anderen Stadt der Welt […] hervorragende Pianisten und Pädagogen aller großen und kleinen europäischen und überseeischen Nationen friedlich nebeneinander«“ lebten und wirkten [S. 52]. Trotzdem war das Kulturleben bestimmt von „spießigem Geschmack und konservativen Kunstauffassungen, die im deutschen Kaiserreich so fest verankert“ waren [S. 54]. Moderne Musik erhielt nur wenig Zuspruch „seitens des mehrheitlich konservativen Publikums“ [S. 52]. Umso fortschrittlicher war, dass sich Grete Sultan bereits 1916, sie war nicht einmal zehn Jahre alt, mit Musik von Arnold Schönberg befasst hat. „Dessen Klavierstücke op. 11[erschlossen] dem […] Mädchen eine neue Welt: Zeitgenössische Musik [wurde] in Deutschland skeptisch betrachtet, und schon gar nicht [wurde] ein Kind darin unterrichtet.“ [S. 65] Durch ihren Lehrer Richard Buhlig lernte Grete weitere zeitgenössische Klavierwerke kennen: „Grete [konnte] nie genug bekommen vom Klavierspiel, von der Herausforderung durch zunehmende technische und musikalische Schwierigkeiten. [S. 63—64]

Grete Sultan wollte Musik studieren und Pianistin werden. Im April 1922 bestand sie die Aufnahmeprüfung zum Studium an der Musikhochschule „mit Leichtigkeit“. Ihr Lehrer wurde Leonid Kreutzer, Instrumentenkunde bei Curt Sachs.

Grete Sultan machte in ihrem Studium schnelle Fortschritte, allerdings änderten sich ihre Lebensumstände. Ihr Vater, der ihr bisher ein sorgenloses Leben garantiert hatte, geriet unverschuldet in monetäre Schwierigkeiten und sah sich gezwungen, die Villa der Familie in Grunewald zu verkaufen. Später zog die Familie aufs Land und Grete kam bei ihrer Schwester Anni unter, um ihr Studium weiterführen zu können. Aber es war nicht nur die Familie Sultan, die in Geldschwierigkeiten geriet, Deutschland stand vor dem wirtschaftlichen Kollaps.

CD TitelAm 5. März 1925 bestand Grete Sultan die Künstlerische Reifeprüfung. Sie war 18 Jahre alt. Da sie sich aber nicht fertig für eine Konzertkarriere fühlte, suchte sie nach neuen Herausforderungen, hörte mehrmals den Schweizer Pianisten Edwin Fischer, den späteren Lehrer von Alfred Brendel, und gewann ihn als Lehrer. „Sie erarbeitet[e] sich mit ihm über Jahre jene künstlerische Reife, Schlichtheit und Vergeistigung, die ihr Klavierspiel bis ins hohe Alter auszeichne[te]n.“ [S. 89] Erste Konzerte. „Bach, Beethoven, Strawinsky und Schönberg an einem Abend – das hat es so kaum gegeben und noch mehr als siebzig Jahre später wird diese Tatsache in musikwissenschaftlichen Kreisen erwähnt.“ [S. 98]

Die Weltwirtschaftskrise erreichte Deutschland, gleichzeitig wurden die politischen Verhältnisse immer instabiler. Grete Sultan legte die Privatmusiklehrer-Prüfung ab, um unterrichten zu können.

Dann geschah etwas, das nicht nur für die Familie Sultan grundsätzliche Konsequenzen haben sollte: Die Nationalsozialisten kamen am 30. Januar 1933 an die Macht, Adolf Hitler wurde Reichskanzler. Bis hierher hat Moritz von Bredow vor seinen Lesern die Geschichte einer hoch gebildeten, kultivierten und wohlhabenden, deutschen Familie ausgebreitet. Wir durften dabei sein, wenn Adolf Sultan wöchentlich Freunde zum Quartettspiel empfing: „Meist spielt er Bratsche, während Herberts Geigenlehrer Ossip Schnirlin über Jahre am ersten Geigenpult sitzt – er spielt eine Stradivari aus dem Jahre 1719“ [S. 46] und wir bekamen auch mit, dass Grete Ferruccio Busoni und später Claudio Arrau in ihrem Elternhaus kennenlernte.

Ab hier wird das Lesen des Buches ein anderes. Haben wir uns bis hier an den Fortschritten der jungen Musikerin und an ihren Repertoirepräferenzen erfreut, werden wir jetzt Zeuge der beispiellosen Verbrechen der Nazis. Man liest von den Reichsmusiktagen in Düsseldorf (1938), dem schäbigen „Lexikon der Juden in der Musik“ (1940), von Schikanen und Berufsverbot und schließlich von der Ermordung von mehr als sechs Millionen Juden.

Als der Zug sich um die Mittagszeit [des 15. Mai 1941] in Bewegung setzt, weiß Grete nicht, ob er wirklich Richtung Frankreich fährt, doch er rollt tatsächlich gen Westen, nach Paris, in das von den Deutschen besetzte Frankreich. Fünf Tage später verfügt die NS-Regierung, dass die »Auswanderung von Juden in das unbesetzte Frankreich« zu verhindern sei. Grete Sultan entkommt der Ermordung durch die Nationalsozialisten in letzter Minute.“ [S. 161]

Wieder änderte sich Grete Sultans Leben von Grund auf. Grete Sultan versuchte nun, sich in ihrer neuen Heimat, den USA, zu etablieren. Sie versuchte, alte Bekanntschaften und Freundschaften wieder aufleben zu lassen und gleichzeitig, neue zu schließen. So lernte sie John Cage kennen, der auch einmal bei Richard Buhlig Klavier studiert hatte, und wurde schließlich so etwas wie seine Muse … so jedenfalls wird ihr Verhältnis zu Cage gern beschrieben. Auch im Klappentext des vorliegenden Buches übrigens. Sie lernte Alan Hovhaness und Ben Weber kennen, Merce Cunningham, den Choreographen und Lebensgefährten von John Cage und viele andere. „Was ist es, das die Protagonisten der New Yorker Avantgarde so an Grete Sultan faszinierte? Der Verzicht auf alles Dekorative, Äußerliche und Konventionelle in ihrem Klavierspiel und ihrer Erscheinung stellt in gewisser Weise ein ästhetisches Ideal dar; Grete Sultan wirkt authentisch und echt, ihr Klavierspiel fasziniert und überzeugt.“ [S. 232]

Es ist Abend geworden. Sie winkt, lächelt. »Bye, bye« ruft Grete Sultan mit mädchenhaft heller Stimme. John Cages Muse stirbt am frühen Morgen des 26. Juni 2005, fünf Tage nach ihrem 99. Geburtstag.“ [S. 327]

Moritz von Bredow hat uns eine eindrucksvolle Biographie nahegebracht. Eindrucksvoll und erschütternd. In dieser Biographie sind die Pianistin Grete Sultan und ihre ganze Familie zu Opfern von Politik und Rassismus geworden … dabei waren sie eigentlich unpolitische Menschen. Beim Lesen dieses Buches wird einem die Barbarei der Nazis deutlicher als anhand von Statistiken, in denen von unglaublichen fünf oder sechs Millionen Ermordeten die Rede ist … schließlich haben wir Grete begleitet, haben mit ihr gebangt und gelitten, waren in glücklichen und verzweifelten Momenten bei ihr. Und wir haben sie auch gesehen, auf Seite 41 zum Beispiel als entzückende Zweijährige, die freilich nicht ahnte, welches Schicksal ihr bevorstand.

Grete Sultan war wählerisch, was das Repertoire anging, dem sie sich widmete. Einige große Werke oder Werkgruppen waren es, mit denen sie sich zum Teil ihr ganzes Leben lang befasst hat. Dazu gehörten die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach, die Diabelli-Variationen von Beethoven und dessen große letzte Sonaten (die Hammerklavier-Sonate op. 106 und opp. 109—111), dann schließlich die „Etudes Australes“, die John Cage ihr gewidmet und mit denen sie eine Art „Alterskarriere“ gemacht hat. Ausgerechnet bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik hat sie 1982 den vollständigen Zyklus uraufgeführt. „Die Uraufführung wird zu einem auch international viel beachteten Erfolg; Grete Sultans Klavierspiel wird als »faszinierende Interpretationsleistung« bezeichnet und in mehr als fünfzig Zeitungskritiken im In- und Ausland immer wieder hervorgehoben“ [S. 302]

Eine Auswahl aus ihrem Repertoire liegt nun als Wiederveröffentlichung historischer Aufnahmen bei WERGO vor. Wir hören streng auf das Wesentliche konzentrierte Interpretationen, alles andere als Effekthascherei und wir hören eine Pianistin, die sich völlig uneigennützig in den Dienst der Komponisten und ihrer Musik gestellt hat. In der Zürcher Volkszeitung vom 13. Januar 1932 las man: „[Grete Sultans] Spiel ist nichts als selbstlose Meditation, die Suche nach dem Eigentlichen, berührende Hingabe an die letzte sphärische Kraft der Musik, nach Offenbarung suchend. Man spürt, dass dies nichts mit Oberflächlichkeit zu tun hat […] Es ist all dies Kunst, welche, im Zusammenklang mit ihrer außergewöhnlichen Begabung, Musik genannt wird.“ [S. 196]