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Titel DiabelliAnton Diabelli: Complete Guitar Sonatas
Claudio Giuliani
Aufgenommen im April und Juni 2012, erschienen 2013
Brilliant Classics 94614
… Nein, Giuliani spielt pur! …

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Anton Diabelli (1781—1858) war nicht nur ein erfolgreicher Pianist und Komponist, er war auch ein tüchtiger Kaufmann. Als Partner von Peter Cappi leitete er den Verlag „Cappi & Diabelli“, später „Diabelli & Comp.“ zusammen mit Anton Spina. Diabelli war als der „eigentliche Verleger“ für das Programm zuständig – seine jeweiligen Partner für den technischen Betrieb wie Druck, Vertrieb und auch Finanzen.

Eine der erfolgreichsten Veröffentlichungen von „Diabelli & Comp.“ waren die „Diabelli-Variationen“, die auf eigenartige Weise entstanden sind. Der Verleger hatte einen selbst komponierten Walzer an fünfzig der bekanntesten Wiener Komponisten seiner Zeit versandt mit der Bitte, jeweils eine Variation darüber zu schreiben, die dann in einer Ausgaben mit dem Titel „Vaterländischer Künstlerverein“ erscheinen sollten. Einer der angefragten Komponisten war Ludwig van Beethoven.

Beethoven gefiel der Walzer von Diabelli als Thema und er schrieb nicht eine, sondern 33 Variationen, die als Band 1 des „Vaterländischer Künstlervereins“ herauskamen und schließlich als op. 120 und Beethovens letzte Komposition für Klavier berühmt wurden: die „Diabelli Variationen“.

2004 hat der finnische Gitarrist und Wissenschaftler Jukka Savijoki bei Editions Orphee in Columbus/OH einen thematischen Katalog der Gitarrenwerke von Anton Diabelli herausgegeben. Unter op. 29 sind dort dieTROIS SONATES / pour le [sic] / Guitarre seule / composées et dediées / à / Madame la Comtesse / DE WALLENSTEIN / née / KOLOWRATzu finden, die der Gitarrist mit dem bekannten italienischen Familiennamen jetzt auf vorliegender CD präsentiert.

 

Claudio Giuliani hat seine musikalischen Weihen bei dem, was das Fach Gitarre angeht, prominentesten Lehrer, Herausgeber und Wissenschaftler Italiens erhalten, bei Angelo Gilardino. Der hat ihm trotz seiner eigenen Nähe zu Andrés Segovia – er ist beispielsweise der Herausgeber der Ausgabenreihe „The Andrés Segovia Archive“ bei Bèrben – keine Spielweise vermittelt, die sich irgendwie mit der Segovias vergleichen ließe. Im Gegenteil: Claudio Giulianis Spiel wirkt nüchtern, fast kühl und weit entfernt von der Klangästhetik, die wir von dem großen spanischen Meister in Erinnerung haben. Keine agogischen Alleingänge, keine klang- und selbstverliebten Ausreißer … aber auch keine spieltechnischen Tricks, um Klippen zu umschiffen. Nein, Giuliani spielt pur! Korrekt! Er spielt nicht nur alle Noten, die in der Partitur stehen, man kann sich auch darauf verlassen, dass er dynamischen Anweisungen Folge leistet und dass Artikulationsvorschriften beachtet werden. Perfekt … oder?

Nun, Claudio Giulianis Spiel (mindestens der Diabelli-Sonaten) könnte im Detail stringenter gegliedert und strukturiert sein, was heißt, dass zum Beispiel jeder Lauf und jede Figur eine innere Spannung haben muss, die sie für den Hörer als integrale Figur und nicht als Reihe von Tönen ausweist. Das gilt in nuce für jede kleinste Wendung und schließlich für das Gesamte jeder Komposition. Gelegentlich wirken die Diabelli-Sonaten, gespielt von Claudio Giuliani auf mich wie amorphe Tonreihungen – anderenorts ernüchtert er durch seine Sachlichkeit, sorgt für klare Verhältnisse. Was bleibt, ist ein Suchen … ein Suchen nach „Romantischem“ und Virtuosem, denn (der andere – oder sollte ich sagen: der eigentliche –, nämlich Mauro) Giuliani war schon in Wien als Diabellis Sonaten am 12. September 1807 herauskamen oder mindestens in der Wiener Zeitung annonciert wurden. Und er, Mauro, brillierte nicht mit Strukturen oder kompositorischer Raffinesse – er begeisterte sein Publikum mit Kunststückchen, die man auf der Gitarre vorher nie gesehen und schon gar nicht gehört hatte. Diabelli war anders. Er war nicht als Virtuose ins Land gekommen, um sein Glück zu machen. Er war ein ernsthafter Komponist der die „Wiener Klassik“ erlebte und der ihre Errungenschaften und Veränderungen auf der Gitarre umsetzte. Ein engagierter, tätiger Gitarrist war er dagegen nicht – jedenfalls gibt es dafür keine Nachweise. Savijoki berichtet, dass er als Lehrer durchaus seine Meriten verdient hatte und dass er wegen seiner Kompositionen für Gitarre bekannt war … mehr nicht!

Die CD von Claudio Giuliani ist nichts für Fans des Klangzaubers Segovias und seiner zahllosen Epigonen. Strukturalisten werden seine Aufnahme dagegen mögen, weil er Gefüge korrekt darstellt und nicht verklärt. Und wissen wir nicht alle, dass es geht? Man kann Struktur und Sentiment miteinander verbinden, man kann bis zu einem gewissen Grad korrektissime der Partitur folgen und seine Zuhörer mit Wohlklang umwerben. Claudio Giuliani gelingt das auf seiner Diabelli-CD leider nicht!