Giuliani pop

Barrios ErniTarrega ErniItal Konzerte Erni
Barrios Passion: Agustín Barrios Mangoré

Aufgenommen und erschienen 2010
GUILD GMCD 7356
… Virtuose Leichtigkeit liegt Michael Erni nicht…

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Francisco Tárrega, Jota
Aufgenommen 2008, erschienen 2009
GUILD GMCD 7332

Italienische Gitarrenkonzerte von Mauro Giuliani und Antonio Vivaldi
Michael Erni, Orchester “Il Divertimento”
Erschienen 2006
Eigenproduktion

Die neueste Produktion von Michael Erni, der hier schon einmal ob einer CD mit Werken von Albéniz und Granados besprochen worden ist (in Ausgabe XVII/1995/Nº 2), enthält Stücke von Agustín Barrios. Zwei weitere, eine mit Tárrega und eine mit italienischen Konzerten für Gitarre und Orchester, sind auch noch neu genug, dass sie hier mindestens Erwähnung finden sollten.

Das Tárrega-Programm beginnt Erni mit einem Stück von Julián Arcas (1832—1882). Dessen „Gran Jota“ hat Francisco Tárrega (1852—1909) unter seinem Namen herausgegeben und, um ganz ehrlich zu sein, ich selbst habe das Stück in meiner Tárrega-Ausgabe (Budapest 1995) kommentarlos als eines von Tárrega veröffentlicht. Schwamm drüber … aber auch der große Emilio Pujol hat das Stück im Werkverzeichnis seines Buchs über Tárrega gelistet.

 

Michael Erni spielt das Stück nicht nur auf seiner CD, er hat es zu ihrem Motto gemacht und es ist das Eröffnungsstück seines Programms! Das ist dann doch vielleicht zu viel des Lobes für ein Stück, das dann auch noch von Robert Matthew-Walker, dem Autor des Booklet-Textes, als „eine von Tárregas originellsten Kompositionen“ und als „ausgezeichnetes Beispiel für Tárregas Fähigkeit, in größerem Rahmen tätig zu sein“ hervorgehoben wird.

Jota von Francisco Tárrega/Julián Arcas,
gespielt von Michael Erni, bei YouTube:

Für ein Stück, das von Virtuosem lebt, von durchaus auch mal zweifelhaften Effekten – ich bin, notabene, immer noch bei der „Jota aragonesa“ – fehlt es Michael Erni an „Virtuosencharisma“. Er wirkt nicht wie einer, der sich stolz seiner spieltechnischen Heldentaten brüstet, sondern eher wie ein Interpret, der mit den Anforderungen des Stücks kämpft und sie auch bewältigt, allerdings nicht mit der Nonchalance, die man für juveniles Zurschaustellen dieser Art voraussetzt. Die „Jota“, auch „Jota Aragonesa“, „Fantasia Española“ oder „Fantasía sobre la jota aragonesa (Arcas)“ genannt (wie im 1978er Katalog des Madrider Verlags Union Musical Española) ist kein Stück, auf das Tárrega-Adepten stolz sind … und mir wird immer wieder aufs Neue klar, warum das so ist.
Es folgen die alten Kameraden des Repertoires, am Schluss auch ein paar Transkriptionen von Tárrega, gipfelnd im Ave Maria von Gounod/Bach aber auch mit der hinreißenden „Serenata“ von Malats, die vermutlich, hätte Tárrega sie nicht hat für die Gitarre entdeckt, heute völlig vergessen wäre, und „La Paloma“ von Sebastián de Yradier (1809—1865).

Virtuose Leichtigkeit liegt Michael Erni nicht, auch nicht mediterraner Schmelz … allerdings lebt die Musik von Francisco Tárrega von beidem. Der Interpret hat sich bemüht … mich kann er mit seiner CD allerdings nicht überzeugen, auch nicht mit seinen improvisierten Eingriffen in die kompositorische Substanz, die mich als Zuhörer zwischendurch nach Brasilien entführt haben … mit den gleichen Argumenten wie auch in der Kadenz zum Giuliani-Konzert … aber das nur nebenbei!

Jetzt hat Michael Erni ein Barrios-Programm aufgenommen, von dem ich einen im Wesentlichen positiven Eindruck habe. Schon Aufnahmeumgebung und -technik gefallen mir viel besser – erstaunlich, denn das gleiche Team zeichnet dafür verantwortlich. Der Klang ist weniger indiskret und weniger direkt, als bei der Tárrega-CD. Er ist wärmer und authentischer. Michael Ernis Spiel wirkt dazu weniger aufgeregt und hektisch.

Aber virtuose Leichtigkeit ist es immer noch nicht, die ich da zum Beispiel in den diversen Tremolo-Stücken von Barrios („Contemplación“, „El Sueño en la Floresta“, „Una Limosna por el Amor de Dios“) höre; nicht diese Schnelligkeit, die einem wie hingehaucht vorkommt, sondern eher eine hart erarbeitete. Manchmal übertreibt es Erni auch mit dem Tempo … in Phasen des „Vals“ op. 4, Nº 4 zum Beispiel. Hier gibt es Arpeggien, die Erni aufgrund ihres hohen Tempos nicht zu Ende bringt oder Töne, die aus Zeitgründen einfach verschluckt werden. Ich weiß sehr wohl, dass so etwas passiert … aber kann man sich nicht, was das Tempo angeht, vorher darauf einstellen? In ähnliche Schwierigkeiten kommt Erni im „Allegro solemne“ von „La Catedral“.

Lyrisches, wie die eröffnende „Vidalita“ gelingen Michael Erni überzeugend, auch die anschließende „Contemplación“ … wenn hier nicht wieder ein mechanisiertes Tremolo enthalten wäre, das für mich keine Kontemplation beschreibt: weder innere Betrachtung, noch Besinnung oder Versunkenheit. Der „Villancico de Navidad“ direkt danach passt in die Zeit und gefällt mir iin seiner Schlichtheit sehr gut.