Giuliani pop

Minguet y Yrol KopieThomas Schmitt, guitarra
DE GUSTO MUY DELICADO: Música espanyola del segle XVIII per a guitarra de sis ordres/18th Century Spanish Music for Six-Course Guitar
Werke von Moretti, Ferandiere und Juan Antonio de Vargas y Guzmán
Aufgenommen im Januar 2010, erschienen 2011
la mà de guido LMG2108, in Deutschland bei New Arts International
… Thomas Schmitt kann man nur gratulieren …

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Dies ist eine Rarität! Eine CD mit Musik für sechschörige Gitarre, gespielt auf einem ebensolchen Instrument, das es eigentlich überhaupt nie gegeben hat. Als die fünfchörige Barockgitarre ausgedient hatte und es die neue Gitarre mit Einzelsaiten noch nicht gab, machten die Gitarrenbauer das, was ihre Kollegen aus der Lautenbauer-Zunft seit mehr als dreihundert Jahren taten: Sie erweiterten den Tonumfang ihrer Instrumente im Bass. Thomas Schmitt berichtet (im Booklet seiner CD), fünf- und sechschörige Gitarren habe es eine Zeitlang nebeneinander gegeben und die sechschörige Gitarre sei „muy popular“ gewesen, „omnipräsent“, was Tanz und Gesang anging. James Tyler und Paul Sparks [The Guitar and its Music, New York 2002] bestätigen die Einschätzung, die neue Gitarre sei in Spanien sehr verbreitet gewesen, allerdings eher in gesellschaftlich niedrigeren Schichten. Cristina Bordas-Gerardo Arriaga [La Guitarra desde el Barocco hasta ca. 1950, in: La Guitarra Española, New York/Madrid 1991] nennt die Zeit zwischen der fünfchörigen und der sechssaitigen Gitarre „Interregnum“, was die Bedeutung der sechschörigen Gitarre treffend beschreibt. Sie war die „Gitarre dazwischen“.

CD Schmitt 6ch GitDie Musik, die wir von Thomas Schmitt angeboten bekommen, ist durchgehend „Musik für Amateure“, das heißt, sie stellt überschaubare technische Anforderungen und überfordert musikalisch nicht. Das Bürgertum war dabei sich aufzumachen, die Regie über das Kulturleben zu übernehmen. Die Zeit der Virtuosen kündigte sich an und das Meiste von dem, was wir an gedruckten Dokumenten zum Thema sechschörige Gitarre haben, besteht aus Unterweisungsbüchern, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts herauskamen: Federico Morettis „Principios para tocar la guitarra de seis ordenes“ von 1799 zum Beispiel.

Mit Moretti beginnt Thomas Schmitt sein Programm. „Tema con variaciones“ fängt er dabei mit einer kurzen „Introducción“ an, die nicht in der handschriftlichen Quelle für das Stück steht … weil sie, wie das vor gut zweihundert Jahren üblich war, vom Interpreten improvisiert worden ist. Moretti selbst empfiehlt, wie Schmitt schreibt, solche Vorspiele, um auf das jeweilige Stück vorzubereiten.

In den Variationen werden betörend schöne Melodien und Umspielungen entwickelt – alles leicht und elegant, dem Zeitstil entsprechend. Diese Musik wird nicht als Essenz des Galanten in die Geschichtsbücher eingehen, sie erfüllt aber die Gebote, die ein „GalantHomme“ an Musik stellte: Ungezwungenheit, Kantabilität, korrekt, was die „musicalische Rhetoric“ angeht.

Auch Juan Antonio de Vargas y Guzmán hat eine Gitarrenschule veröffentlicht: „Explicación de la guitarra“ im Jahr 1773 in Cádiz. Sie ist gleichzeitig die Quelle für die Stücke, die auf vorliegender CD zu hören sind. Drei Jahre später ist eine Neuausgabe der Schule in Mexico erschienen. Aus der Auflage von 1773 hören wir zwei Menuette und einen Marsch, aus der von 1776 drei Sonatas. Die Stücke von Juan Antonio de Vargas y Guzmán sind insgesamt schlichter als die von Federico Moretti – schlichter und hie und dort einfallslos!

Das Lehrwerk von Fernando Ferandiere heißt „Arte de tocar la guitarra española por música“ und ist 1799 erschienen. Einigen unter uns ist es nicht unbekannt, da Brian Jeffery es schon 1977 als eines der Ersten seiner Art als Faksimile herausgebracht und da Karl Scheit in seiner Reihe mit Ausgaben von Gitarrenmusik bei der Wiener UE einige der enthaltenen Stücke ediert hat. Der Name Ferandieres hat sich allen auf dem Gebiet der Gitarrenmusik tätigen Wissenschaftlern eingeprägt, weil im Anhang an seine Gitarrenschule ein Verzeichnis seiner Werke steht und darin zum Beispiel „6 Conciertos de Guitarra á grande orquestra“ und viel Kammermusik enthalten sind. Nichts von all dem ist zugänglich oder in Bibliotheken nachgewiesen, dabei sind Heerscharen von Musikologen, auch selbsternannten, seit Jahren auf der Suche. Bisher mit mäßigem Erfolg!

Am Schluss des Programms von Thomas Schmitt stehen „Tema con 10 variaciones“ von Ferandiere. Sie sind in viel höherem Maß elaboriert, als es die Variationen von Moretti beispielsweise sind, und zwar auf spieltechnischem, wie auf musikalischem Gebiet. Da werden viele Register gezogen, die vorher in der Gitarrenmusik unbekannt waren: Eine der Variationen zum Beispiel ist überschrieben mit „sin mano derecha“ (ohne rechte Hand), eine andere spielt mit Portamenti … alles neue, spektakuläre Techniken! Aber es sollte ja nur noch ein paar Jahre dauern, bis Mauro Giuliani in Wien Einzug hielt, um das Virtuosenzeitalter einzuläuten. Die Variationen von Fernando Ferandiere markieren die Schwelle dazu.

Thomas Schmitt kann man nur gratulieren zu dieser CD und zu der Idee, die Musikfreunde auch mit diesem Kapitel der Geschichte von Gitarre und Gitarrenmusik bekannt zu machen. Damit liegt die erste CD mit Musik für sechschörige Gitarre vor, die auch auf einer sechschörigen Gitarre dargeboten wird. Vor über vierzig Jahren (1967) hat es eine LP bei der Deutschen Grammophon gegeben, auf der Renata Tarragó Musik von Ferandiere gespielt hat. Da wurde aber als „originales Instrument“ eine sechssaitige Gitarre von Torres verwendet (ARCHIV-PRODUKTION 198 457). Das galt als authentisch genug!

Aber die vorliegende CD schließt nicht nur eine Lücke in einem klingenden Museum. Thomas Schmitt hat sich der Musik so sensibel genähert, dass er uns eine Art von Virtuosität näherbringt, die nichts mit dem „Weiter—Höher—Schneller“ zu tun hat, das ab dem 19. Jahrhundert als tugendhaft galt.

Und er führt noch etwas vor: Einige der Stücke der CD (nicht alle) sind auf einer originalen Gitarre von Lorenzo Alonso aus dem Jahr 1797, original besaitet mit Darmsaiten, eingespielt. Das beweist wieder einmal, dass eine weitestmögliche Annäherung an die Aufführungsbedingungen älterer Musik bei deren Wiederaufführung hunderte Jahre später, nichts Museales haben muss. Hier ist es eher so, dass die alte Gitarre den Interpreten noch weitergehend diszipliniert und zu einem sehr intensiven klanglichen Ergebnis inspiriert hat.