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Helmut C. Jacobs, Der Schlaf der Vernunft. Goyas Capricho 43 in Bildkunst, Literatur und Musik, Basel 2006, Schwabe Verlag, € 84,--, ISBN 3-7965-2261-0

Dass Bücher von Helmut C. Jacobs hier in zwei aufeinander folgenden Ausgaben von Gitarre & Laute-ONLINE besprochen werden, geschieht aus unterschiedlichen Gründen. Das Erste, in Ausgabe XXX/2008/Nº 3-4, war entstanden wegen des Autors heimlicher Leidenschaft für das Akkordeon. Giulio Regondi, von ihm handelt das Buch, (1822/1823-1872) hatte, als es mit der Gitarre immer schlechter bestellt war, mit fliegenden Fahnen das Lager zur Concertina gewechselt. Auch da war er sehr erfolgreich, auch da feierte er Triumphe! So, über Regondis Wechsel zur Concertina, war Helmut C. Jacobs' Buch für eine Zeitschrift namens Gitarre & Laute-ONLINE interessant geworden. Jacobs, das nebenbei bemerkt, lehrt hauptberuflich als Professor für Romanische Philologie an der Universität Duisburg/Essen. Das heute behandelte und zu würdigende Buch hat zur Musik und da speziell zur Musik für Gitarre oder für Laute eine weniger direkte Beziehung als das über Regondi. Obwohl ... hier in Gitarre & Laute ist schon eine mehrteilige Artikelfolge über Mario Castelnuovo-Tedescos Komposition über die Caprichos de Goya erschienen. Das war zwischen 1991 und 1994 und die Beiträge stammten von Lily Afshar. Den über das Blatt „43" finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Gitarre & Laute-ONLINE zu Ihrer Erinnerung, ebenso bisher unveröffentlichte Anmerkungen zu den verfügbaren CD-Einspielungen der „Caprichos". Im vorliegenden Buch befasst sich Helmut C. Jacobs mit den Caprichos von Francisco José Goya y

Lucientes aus Sicht seiner Wissenschaft, obwohl Goya Maler war und nicht Dichter. Und er befasst sich auch nicht mit allen achtzig Radierungen des Zyklus, er befasst sich mit einer einzigen: Nº 43: „El sueño de la razon produce monstruos". Achtzig Radierungen waren es, als Goya sie 1799 veröffentlichte - aber er hatte „vier weitere Platten hergestellt, es wegen ihres brisanten Inhalts aber nicht gewagt, die entsprechenden Radierungen zu veröffentlichen." (S. 24). Die Heilige Inquisition war es, die er fürchtete. Und sie war es auch, die die Blätter ohne die vier nicht veröffentlichten ein paar Tage nach ihrem Herauskommen verbot. 1803 schenkte Goya die Platten dem Kupferstichkabinett des Königs - vermutlich um weiteren Verfolgungen zu entgehen. „Ob 1806 oder 1807 eine weitere Auflage der Caprichos hergestellt wurde, ist unklar. Die zweite nachweisbare Auflage erfolgte erst 1850, spätere Auflagen dann in den Jahren 1860, 1877/78 und öfter." (S. 26) Feststellen muss man jedenfalls, dass alle nachweisbaren Auflagen nach der ersten des Künstlers selbst im Auftrag und zu Gunsten der Königlichen Museen angefertigt und verkauft worden sind ... 1850 schließlich war Goya schon mehr als zwanzig Jahre tot! Die Nummer 43 sollte ursprünglich einmal das „Titelbild" des Zyklus sein. Goyas Selbstportrait hat es ersetzt. Jetzt ist #43 das mittlere Blatt, das Trennblatt zwischen zwei zusammengehörenden internen Zyklen. André Malraux (1901-1976), Dichter und erster französischer Kultusminister nach dem Zweiten Weltkrieg meinte: „Erst spät bemerkte man, dass zwei Bücher aufeinander folgten: das erste, von Blatt 1 bis 43, umfasst beinahe die Gesamtheit der sogenannten Sittenszenen; das zweite, das mit dem Titel Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer beginnt, umfasst zu neun Zehntel der Radierungen Hexen, Dämonen und Gespenster". Aber nicht nur seine prominente Position im Gesamtzyklus macht Blatt 43 zu etwas Besonderem. Es ist nicht nur das berühmteste, „sondern auch eines der am meisten gedeuteten Bilder der spanischen Kultur überhaupt, nicht zu letzt wegen seiner vieldeutigen Bildlegende »El sueno de la razón produce monstruos«." Der Autor will aber mehr, als eine weitere Deutung anzubieten, er will „in dieser Untersuchung eine intensive Wahrnehmungsweise" anregen, „mittels derer das gründliche, ergründende Sehen, Lesen und geistige Erfassen in exemplarischer Weise an einem einzigen Bild erprobt wird." (S. 14) „Wie Capricho 43 selbst zum Nachdenken anregen will, so soll auch dieses Buch zum selbständigen Weiterentwickeln von Seherlebnissen und Reflexionen anregen." ... „Es geht nicht nur um die Interpretation eines einzelnen Bildes, sondern in einem umfassenden Sinne auch um grundsätzliche ästhetische, künstlerische und anthropologische Fragen, die in diesem Bild fokussiert werden ..." (S. 13).

Der Rahmen, den Jacobs steckt, ist also sehr weit. Eine pädagogische Mission ist es vor allem, die er erfüllen möchte: Zu sehen soll der Leser lernen, zu sehen und über das Gesehene zu reflektieren. Rund 680 Seiten Text muss er, um das zu können, erst einmal durcharbeiten; 680 Seiten, in denen quer durch verschiedene Geisteswissenschaften und ihre Methoden mit einer enormen Fülle an Informationen aufgewartet und argumentiert wird. Hie und dort habe ich Mühe zu verstehen, wie die gedanklichen Ansätze miteinander verlinkt sind, und an der einen oder anderen Stelle suche ich auch nach Antworten auf Fragen, die sich mir aufdrängen. Los geht es mit einem kurzen Kapitel über „Entstehungsgeschichte und Anordnung der Caprichos unter besonderer Berücksichtigung von Capricho 43" ... und bereits hier bremst mich eine Ungereimtheit in meinem Lesefluss.Goya hat 1803 die Platten für die Caprichos dem Minister Miguel Gayetano Soler zur Übergabe an das Königliche Kupferstichkabinett angeboten. In einem Brief Goyas vom 7. Juli 1803 an den Minister heißt es (alle Übersetzungen von Jacobs): „Sie [die Radierungen] wurden nicht mehr als zwei Tage öffentlich verkauft für eine Goldunze pro Buch, es wurden 27 Bücher verkauft. Man kann 5000 bis 6000 [sic] Bücher drucken." (S. 25) Am 9. Oktober 1803 schließlich übergab Goya die Platten und dazu 240 gedruckte Exemplare dem Kupferstichkabinett. Die erste Auflage, das scheint klar belegt zu sein, bestand aus 267 Exemplaren. 27 hatte der Künstler selbst verkauft, 240 abgegeben. Aber wie konnte Goya danach noch „über Restexemplare, die er im Laufe der Zeit verkaufte" verfügen? Später heißt es: „Ob 1806 oder 1807 eine weitere Auflage der Caprichos hergestellt wurde [die Druckplatten befanden sich zu der Zeit bereits im Besitz der Spanischen Krone], ist unklar. Die zweite nachweisbare Auflage erfolgte erst 1850, spätere Auflagen dann in den Jahren 1860, 1877/78 und öfter" (S. 26). Bekannt ist, dass 1937 die bisher letzte, zwölfte Auflage hergestellt worden ist und zwar in der Calcografía Nacional in Madrid, die heute die Druckplatten Goyas zu ihren größten Schätzen zählt. Die Literatur zum Thema Druckgrafik und Drucktechniken weist darauf hin, dass die maximale Druckauflage von Aquatinta-Platten bei einhundert Exemplaren [!] liegt und dass von Radierungen rund zweihundert Drucke angefertigt werden können. Die Technik des „Verstahlens", des Beschichtens von Metalloberflächen mit Eisen, erlaubt heute - bei Verlust an Feinheit in den Farbabstufungen und an Detailgenauigkeit - wesentlich höhere Auflagen, für sie fehlten zu Goyas Zeit aber noch die technischen Voraussetzungen. Wenn Goya 1803 schrieb, dass er 5000 bis 6000 Drucke für möglich hielt, heißt das natürlich nicht, dass diese Stückzahlen auch gedruckt worden sind. Der Autor bestätigte mir in einer privaten Email allerdings eine große internationale Verbreitung der Caprichos: „Die Auflage ist in der Tat enorm hoch, wenn man alle Auflagen zusammenrechnet. Man merkt es auch daran, wie viele Serien allein in Deutschland in den Museen und Kupferstichkabinetten aufbewahrt werden, mal abgesehen von den Privatsammlungen in aller Welt, die nicht erfaßbar sind." Ein Blick in Verzeichnisse von Kunsthändlern und in Versteigerungskataloge verrät, dass die Blätter der Caprichos heute meist einzeln verkauft werden und dass fast immer angegeben wird, aus welcher Druckauflage die jeweiligen Exemplare stammen ... letztere Information allerdings meist mit Unschärfewarnungen wie „vermutlich" oder „ca.". Angaben über die Anzahl der gedruckten Exemplare, wie man sie von modernen Druckgrafiken kennt, werden nicht gemacht. Die Preise variieren je nach Popularität und Bekanntheit des jeweiligen Blatts und liegen über € 750, meistens über € 1.000 pro Blatt. Bei Sotheby's in London wurde am 5. Dezember 2002 ein kompletter Satz der Caprichos für knapp £ 60.000 versteigert ... „good delicate impressions from the first edition". Geschätzt war das Lot in London mit £ 40.000 bis 60.000. Sotheby's Mitbewerber Christie's versteigerte am 8. Juli 1998 „Blatt 1" des Zyklus, Goyas Selbstportrait, für £ 3.450 bei einem ursprünglichen Schätzpreis von £ 1.500 bis 2.500. Zum Vergleich: Albrecht Dürers berühmtes Blatt „Melencolia I" von 1524 brachte in der gleichen Auktion £ 40.000. Die in Uppingham (England) ansässige auf grafische Kunst spezialisierte Goldmark Gallery hatte am 13. Januar 2009 43 Blätter aus den Caprichos im Angebot und zwar für £ 950 pro Blatt (URL: www.goyaprints.com). Der New Yorker Händler „Harris Schrank Fine Prints" bietet auch Goya-Blätter an und gleichzeitig bei ebay einen Beitrag mit dem Titel „Goya Fine Prints - An Introduction to the Aquatints". Hier wird erklärt, wie es zu den offensichtlich großen Auflagen gekommen ist: „Further editions were done in the late 1800's, with various inks, still on wove paper, and the plates continued to deteriorate. The plates were then steelfaced (a tiny layer of steel applied to them, to halt the deterioration)." Das heißt also, der Prozess des Verstahlens (oder „Verstählens") wurde in dem Moment angewandt, als er zur Verfügung stand und als die Qualität der Goya-Drucke deutlich schlechter wurde und man diesen Verfall aufhalten wollte. Die Autoren, Kunsthändler, zögern aber nicht anzumerken, dass diese späten Drucke zwar noch „Originale" sind, weil sie mit den originalen Platten angefertigt worden sind: „Connoisseurs of course prefer the impressions from the First Edition, and the earlier impressions from that edition if possible." So erklären sich die vielen Goya-Drucke, die sich international in Sammlungen befinden und so erklären sich auch die erheblichen Qualitäts- und Preisunterschiede, wenn sie zum Verkauf angeboten werden. So erklärt sich aber nicht die Aussage Goyas, seine Druckplatten seien für 5000 bis 6000 Drucke gut. Er konnte freilich nicht wissen, dass fast ein Jahrhundert nach Herstellung seiner Druckplatten ein Verfahren zu ihrer Konservierung erfunden werden sollte - sehr wohl hat er aber gewusst, dass Aquatinta-Platten nach spätestens zweihundert Drucken keine zufriedenstellenden Ergebnisse mehr hergaben und -geben ... obwohl seine erste Auflage bereits aus mindestens 278 Exemplaren bestanden hat. Ein Rätsel? Im nächsten größeren Zusammenhang des Buches geht es um strukturelle Aspekte des Bildes (Capricho 43), um Zentrizität und Exzentrizität, um den homo geometricus des Marcus Vitruvius Pollio oder um die sectio aurea, den „Goldenen Schritt". Hier glaubt der Autor ein Rätsel entdeckt zu haben: „ein geheimnisvolles Telestichon", verborgen in der Legende zu Capricho 43. „El sueño de la razon produce monstruos“. „Liest man – von unten nach oben – jeweils den letzten Buchstaben einer jeden Zeile, ergibt sich das spanische Wort seno. Goyas vierzeilige Bildlegende enthält also ein Telestichon – ein üblicherweise aus den Endbuchstaben der Verszeilen eines Gedichts gebildeter Begriff oder Satz – war ein beliebtes Verfahren, um geheime Botschaften in einem Text zu verstecken.“ (S. 56) Aber welche Botschaft will der Künstler mit dem Wort „seno“ transportieren? Das Wort stammt vom lateinischen sinus ab und ist ebenso vieldeutig. Der Autor präsentiert eine Vielzahl möglicher Erklärungen, ohne sich auf eine von ihnen festzulegen; ja, er sichert sich sogar all denen gegenüber ab, die das Telestichon für ein Zufallsprodukt halten könnten: „Ganz unabhängig von der Frage, ob sich das Wort seno zufällig beim Zeilenumbruch ergeben hat oder ob es sich um eine bewusste, ingeniöse Verschlüsselung einer geheimen Botschaft im Text der Bildlegende handelt, lässt sich feststellen: Das Telestichon seno ist unbestreitbar vorhanden und eröffnet zahlreiche Sinnhorizonte.“ Mehr noch: „Die Komplexität von Bild und Text in Capricho 43 wird aufgrund der semantischen Vieldeutigkeit des Telestichons geradezu potenziert.“ (S. 79) Jacobs’ Präsentieren möglicher Erklärungen; seinem generösen Teilhabenlassen an seinem imponierenden Wissen zur Sprach- und Literaturwissenschaft und zur Philosophie der Zeit Goyas begegnet man im vorliegenden Buch ständig. Zu oft allerdings lässt der Autor seine Leser, was konkrete Deutungen angeht, danach allein … aber hat er das nicht bereits im Vorwort angekündigt? „Wie Capricho 43 selbst zum Nachdenken anregen will, so soll auch dieses Buch zum selbständigen Weiterentwickeln von Seherlebnissen und Reflexionen anregen“ heißt es da! Jacobs erreicht auf diese Weise, dass die eine oder andere mögliche Deutung als „weit hergeholt“ erscheinen darf … schließlich ist sie lediglich ein Angebot. Und hie und dort scheint er sich auch im Surfen durch die Geistesgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts zu verlieren … wo es um Universalsprachenprojekte geht zum Beispiel und wo man viel über Pasigraphie oder die Gebärdensprache – oder Taubstummensprache, wie sie einmal geheißen hat – lernt. Kommt man schließlich an das Kapitel, um das es hier in einer Musikzeitschrift konkret gehen sollte, blendet zunächst eine postbarocke Überschrift: „Rezeption und intermediale Transformation – Capricho 43 als Inspirationsquelle für neue Kunstwerke“ um das anzukündigen, was schon im Buchtitel, da aber griffiger, versprochen wurde. Eine Menge Überraschungen wartet auf den Leser … und zwar vor allem aus dem Bereich der bildenden Kunst. Capricho 43 ist sehr oft von Malerkollegen Goyas zitiert worden. Zahlreiche Beispiele findet man in Jacobs’ Buch, einige in farbiger Darstellung. Und schließlich die Musik: Die Komposition von Mario Castelnuovo-Tedesco wird erwähnt, ein paar Sätze zu ihrer Entstehungsgeschichte findet man, das ist alles. Und man liest, welche anderen Komponisten in Stücken auf Goya und seine Caprichos Bezug genommen haben. Enrique Granados, Hans Werner Henze, Michael Denhoff, Tilo Medek und andere. Schließlich noch einmal Gitarre und Gitarrenmusik: Auf Jürgen Ruck verweist der Autor und auf sein „bemerkenswertes musikalisches Goya-Projekt zu den Caprichos“. Helmut C. Jacobs betrachtet in seinem Buch die Caprichos von Francisco José de Goya y Lucientes aus jeder möglichen und unmöglichen Perspektive. Viele Fragen stellt und noch mehr Antworten liefert er … schließlich will er seine Leser „zum selbständigen Weiterentwickeln von Seherlebnissen und Reflexionen anregen.“

Pädagogische Absichten verfolgt er also mit der Herausgabe seines Werks und damit steht er in der Tradition von Gregorio González Azaola, der vor knapp zweihundert Jahren (1811) über die Caprichos schrieb, es sei das geeignetste Werk, um die Begabung der Jugendlichen zu üben, und wie ein Stein des Anstoßes, um die Kraft des Scharfsinns und die Lebhaftigkeit der Auffassungsgabe jeder Art von Personen zu erproben …“ (S. 473) Der eine oder andere seiner erkenntnisbegierigen Leser wird gezwungen sein, ein Wörterbuch zu Rate zu ziehen, denn Jacobs benutzt gern Fremdwörter mit altgriechischen Wurzeln … auch, wenn sie durchaus ersetzbar sind. Und schließlich: Der Untertitel des Buches „Goyas Capricho 43 in Bildkunst, Literatur und Musik“ verspricht etwas, das das Buch nicht hält. Über die Caprichos und speziell Capricho 43 wird hier alles ausgebreitet – das Kapitel „Rezeption und indermediale Transformation“ ist allerdings nur ein Anhängsel.