Giuliani pop

Anido LlobetLlobet: Complete Guitar Music
Giulio Tampalini
Aufgenommen im Mai 2012, erschienenen 2013
BRILLIANT Classics 94335
… Kurzatmigkeit gelegentlich als gewolltes Stilmittel …

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Es ist himmlisch, wie Miguel Llobet (1878—1938) die Gitarre in Szene setzen konnte! Die dreizehn katalanischen Volkslieder, mit denen Giulio Tampalini sein Programm eröffnet, sind „nur“ Llobets Arrangements, das musikalische Material hat vorgelegen, als er sie schrieb. Aber er ließ die Gitarre in seinen Arrangements und seinen Kompositionen singen. Er zelebrierte das Legato, das bekanntlich eigentlich nicht ihr Ding ist. Der Gitarre mit ihrer angeborenen Einsilbigkeit muss geschmeichCD Llobet Tampalinielt werden, sie muss wahr- und ernstgenommen werden, sonst spreizt sie sich, sonst gibt sie zwar Töne, aber keine Melodien von sich. Jeder, der sich je mit diesem Instrument befasst hat, weiß das … aber nicht jeder findet den Schlüssel, um an die Seele der Gitarre zu kommen.

Llobet hatte ihn, den Schlüssel! Seine Bearbeitungen von Klavierwerken von Isaac Albéniz oder Enrique Granados für Gitarre oder Gitarrenduo zum Beispiel waren legendär. Sie werden noch heute von internationalen Künstlern bevorzugt – für Aufführungen oder als Vorlagen für „eigene Bearbeitungen“. Llobets Transkriptionen passen einfach! Sie nutzen die Partien des Griffbretts, welche die gewünschten Klangfarben bieten, sie machen die Stücke nicht leichter, aber sie machen sie – ohne tiefere Einschnitte in die Substanz der Musik zu tolerieren und ohne klangliche Einbußen – spielbar.

 

Natürlich ist Llobets kompositorische Leistung bei den „Canciones Catalanas“ größer als bei Transkriptionen und wahrscheinlich ist es auch angemessen, sie als Originalkompositionen und nicht als Arrangements zu werten. Immerhin hat Llobet bei der Niederschrift nur die Melodie zur Verfügung gestanden – Hamonisierung, formale Gestaltung und Instrumentierung sind sein Werk. „Canço de Lladre”, „El noi de la Mare“ oder „El testamen d’Amelia“ und die anderen Lieder gehören fest ins heutige Konzertepertoire.

Sors Variationen über „Folies d’Espagne“ haben zu Llobets „Variaciones sobre un Tema de Sor“ angeregt. Er zitiert nicht nur Sors Thema, sondern auch zwei seiner Variationen, dann aber vertieft er sich in Virtuositäten, wie sie vor hundert Jahren bei Gitarristen en vogue waren. Überhaupt waren es oft Modestücke, auch Salonstücke, die er schrieb … so, wie es sein Lehrer Francisco Tárrega auch getan hat.

Die CD enthält alle Stücke, die wir von Llobet kennen: „Complete Guitar Music“. Sicher gehören die argentinischen Tänze zu den attraktivsten Stücken des Programms – schließlich hat Llobet das Land und seine Musik gekannt. Er hat lange in Buenos Aires gelebt und war dort Lehrer von Maria Luisa Anido (s. Foto).

Nun noch die Gretchenfrage! Kann der Interpret, Giulio Tampalini in unserem Fall, das auch umsetzen, was Miguel Llobet da komponiert oder arrangiert hat? Meint er es ernst mit der Religion?

Tampalini spielt gut, er spielt einen wunderschönen, satten Gitarrenton: sonor, farbig und kontrolliert … aber er steht mit dem Legato auf keinem guten Fuß. Bei dem einen oder anderen katalanischen Lied stößt er Töne oder Zweiklänge in Gesangslinien an, wo es keineswegs nötig wäre, wo man leicht legato spielen könnte … aber irgendwie wirkt die Kurzatmigkeit gelegentlich als gewolltes Stilmittel. Seltsam! Durch virtuose Passagen hastet Giulio Tampalini manchmal (Variationen IV und V der Sor-Variationen zum Beispiel) und gönnt ihnen keine Entfaltungsmöglichkeiten. Er „singt” dafür beispielsweise die „Mazurka“ von Llobet hinreißend schön, auch den Scherzo-Vals (fast durchgehend) oder die „Mazurka für Federico Bufaletti“. Der Gesamteindruck, den seine CD hinterlässt, bleibt allerdings zwiespältig.