Giuliani pop

Konzert am 20. Juli 2013; WDR, Großer Sendesaal, Wallrafplatz, Köln
Reise rund ums Mittelmeer: Thorsten Drücker, Gitarre; WDR Rundfunkorchester Köln; Leitung und Moderation John Mauceri
Werke von Miklós Rózsa, Elmer Bernstein, Max Steiner, Giuseppe Verdi, Nino Rota und Pietro Mascagni
Sendung: WDR4, Sa. 24. August 2013, 20:05h

Mauceri conductingVeränderungen: Nicht nur hat der WDR einen neuen Intendanten, Tom Buhrow, der WDR-Rundfunkchor hat einen neuen Chefdirigenten, Stefan Parkman, ebenso wie das WRO (WDR Rundfunk Orchester) mit Wayne Marshall: „Sein Hüftschwung ist legendär, als Allroundtalent am Klavier, an der Orgel, als Komponist, Dirigent und Jazzmusiker ist [er] international erfolgreich” (O-Ton WDR-Homepage: <http://www.wdr.de/radio/orchesterl.html>).

Im Konzert zum Saisonfinale 2012/2013 stand jedoch ein anderer Dirigent vor dem Orchester, ein international bekannter Fachmann für Oper, Film und Musical: John Mauceri, geboren 1945 in New York City. Mauceri war nicht nur Assistent von Leonard Bernstein an der New Yorker Met, er hat Opernhäuser und Orchester auf der ganzen Welt geleitet und schließlich, 1991, das „Hollywood Bowl Orchestra” in Los Angeles gegründet. „Nebenbei“ hat er Arrangements und Bearbeitungen geschrieben, von denen zwei am 20. Juli zu hören waren: ein Symphonic Portrait zu „The Godfather/Der Pate” und eine Konzertouvertüre zu „Ben Hur”.

Insgesamt gab es „große Musik”. Riesige Musik! Mit einer Suite aus der Filmmusik zu „El Cid” ging’s los. El Cid, eigentlich Rodrigo Diaz de Vivar (um 1043—1099), war ein kastilischer Ritter, der sich in der Reconquista hervorgetan hat, in der Rückeroberung der iberischen Halbinsel von den Mauren. Die hatten zu der Zeit bereits seit über dreihundert Jahren die Herrschaft über das heutige Spanien. „El Cid” wurde zu einem spanischen Nationalhelden.

1961 brachte der Regisseur Anthony Mann den Monumentalfilm „El Cid” heraus, die Musik war von Miklós Rózsa, der dafür 1962 für einen Oscar nominiert wurde. Eine Suite mit Sätzen aus der Filmmusik präsentierte das WRO in seinem Konzert.

 

Spanisches Flair sollte nicht nur der eingewechselte spanische Konzertmeister des WRO in die Musik bringen, ihr Komponist hat auch tief in die Trickkiste mit hispanischen Versatzstücken gegriffen. Seit Georges Bizet, dem französischen Komponisten der spanischsten aller Opern, wissen wir, dass es geht! Man kann tatsächlich eine „Illusion Spanien“ musikalisch fixieren, ohne viel über das Land und seine Kultur zu wissen. Schließlich ist Bizet sein (kurzes) Leben lang nie in Spanien gewesen. Theodor W. Adorno und Hanns Eisler meinten zu diesem Thema in ihrem Buch „Komposition für den Film“: „Das »Temperament« polnischer und spanischer Tänze […] ist so schwer zu unterscheiden wie die Hillbilly songs von den oberbayerischen Schnaderhüpferln“.

Am Schluss noch einmal Miklós Rózsa: Zu hören gab es Mauceris erwähnte Konzertouvertüre zu Ben Hur, für dessen Musik Rósza 1960 einen Oscar erhielt: Beste Filmmusik! Das Kölner Publikum schwelgte in Klängen, und zwar in Klängen, die jeder kannte. Riesig! Das WRO hatte alles aufgeboten, was es bieten konnte, alle Instrumente und Farben, die im Film vorkamen.

Dazwischen gab es eine Suite aus der Musik zu „Casablanca” von Max Steiner (1888—1971), dem „Vater der Filmmusik”, der bei Gustav Mahler und Richard Strauss, außerdem bei Johannes Brahms und Robert Fuchs studiert hat; außerdem Mauceris symphonisches Portrait mit dem Titel „The Godfather” basierend auf der Filmmusik von Nino Rota. Dann gab’s noch die Ouvertüre zu Verdis „Sizilianischer Vesper“ und das „Intermezzo sinfonico“ aus Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ zu hören. Verdi passte geographisch – Mascagni musikalisch.

Die Filmmusik-Komponisten der ersten Stunde (die vor WW-II) waren, „not composers – they were compilers“ hat Miklós Rózsa in einem Interview mit John Williams und André Previn gesagt, sie sammelten Musiken von anderen und bauten sie zu filmreifen Tracks zusammen. Sie waren, so Rózsa, nicht in der Lage, zu komponieren.

Die Komponisten der Nachkriegszeit, die zu einem großen Teil vor der Verfolgung durch die Nazis oder überhaupt vor den Kriegswirren aus Europa geflohen waren, brachten klassische musikalische Ausbildung mit. Miklós Rózsa gehörte dazu, auch Manuel Castelnuovo-Tedesco, der ein ganz Großer der Hollywood-Musik wurde.

In der Musik, die am 20. Juli präsentiert wurde, konnte man viel Mahler hören, auch Strauss und, na ja, Mascagni. Und das alles von einem Orchester, das einfach alles kann: „U“ und „E“, wenn man so will! Es war ein großes Vergnügen!

Warum nun wird amerikanische Filmmusik in einer Zeitschrift namens „Gitarre und Laute“ besprochen? Darum: Nach der Suite aus „El Cid“ wurde ein Stück von Elmer Bernstein (1922—2004) gegeben. Elmer, nicht verwandt und nicht verschwägert mit Lenny, hat für über zweihundert Filme die Musik geschrieben, aber an diesem Abend stand sein Name wegen seines Konzerts für Gitarre und Orchester auf dem Programm, das wir kennen! Den Interpreten auch! Thorsten Drücker hat das Konzert mit dem gleichen Orchester aber einem anderen Dirigenten (Rasmus Baumann) aufgenommen und diese Aufnahme ist hier besprochen worden.

Das Stück hört man selten, live noch seltener. Thorstens Aufnahme war die zweite überhaupt – Christopher Parkening, dem das Stück gewidmet ist, hat die erste gespielt.

Das Konzert von Elmer Bernstein stellt sein Soloinstrument einem großen Orchester gegenüber und keinem geschmälerten, eher kammermusikalischen Ensemble, wie man das sonst oft hört. Nein, hier ist ein Orchester mit vollem Blech und Holz sowie Schlagwerk gefordert, ein Orchester, das ein Komponist von Filmmusik halt einsetzt. Der Solist hatte also zwei Chancen: Entweder permanent mit Vollgas zu spielen oder elektronische Verstärkung einzusetzen … bei beiden verliert die Gitarre ihren klanglichen Charme, ihre zarte Leichtigkeit. Musiker und Techniker haben sich am 20. Juli für elektronische Verstärkung entschieden und natürlich: Dabei waren klangliche Einbußen nicht zu vermeiden. Der Mitschnitt, der am 24. August in WDR4 zu hören sein wird und über den man intern nur positive Kommentare hört, wird dieses Problem nicht offenbaren, weil er akustisch nachbehandelt werden konnte. Die CD mit dem Konzert, die im Dezember 2010 aufgenommen worden ist, natürlich auch!

Thorsten Drücker kann mit Elektronik umgehen, spielt er doch nicht nur die Gitarre, die als klassische gilt, sondern auch deren Nachfahren, die ohne Verstärker überhaupt nichts hervorbrächten. Er kann’s! Als Zugabe gab er – auch mit Verstärkung -- das erste Prélude von Heitor Villa-Lobos und führte die subtileren Register seines Instruments. vor.

Das Konzert des WRO zum Finale der Saison 1212/2013 war ein Vergnügen für Kinogänger und für Liebhaber großer Orchesterklänge … ganz abgesehen von Menschen, die sich an wenig abgedroschener Gitarrenmusik erlaben. All denen wurde viel geboten! Der große John Mauceri führte durch das Programm. Kenntnisreich, mit Witz … und auf Deutsch. Almost fluently! Das Orchester war exzellent auflegt, spielfreudig und klangbewusst. Thorsten Drücker, der Solist, hat sich wieder einmal als Gitarrist mit multiplen Möglichkeiten erwiesen. Was will man mehr an einem sommerlichen Samstagabend am Wallrafplatz … im Schatten des Doms?