Giuliani pop

Titel Album.NEUJulian Bream: My Favorite Albums
10 CD/in dieser Zusammenstellung erschienen 2011
RCA/SONY CLASSICAL 88697316212

Natürlich, der große Inspirator des letzten Jahrhunderts, was die klassische Gitarre angeht, war Andrés Segovia (1893—1987). Er hat Komponisten angeregt, für sein Instrument zu schreiben, er hat Hochschulen für die Gitarre geöffnet und weltweit in den großen Konzertsälen gespielt und seine Zuhörer für die Gitarre eingenommen.

Die Generation Gitarristen, die nach 1945 gelernt und studiert hat, wählte schon andere Vorbilder. Julian Bream war eines der einflussreichsten und wichtigsten. Auch er hat viel für das Repertoire getan, auch er hat sein Instrument in den großen Konzertsälen der Welt vorgestellt und, jetzt wird es speziell, er hat neben der Gitarre auch noch die Laute in das Gedächtnis der Menschen zurückgerufen. Die Renaissance-Laute, muss man präzisierend sagen, und auch nicht die Renaissance-Laute, die später von den historisch orientierten Lautenisten gespielt wurde. Julian Bream hat seine Lauten so bauen lassen, dass er sie mit seiner Gitarren-Spieltechnik spielen konnte. Das heißt, er hat relativ schwere und dickwandige Instrumente gebraucht, welche die wesentlich höhere Saitenspannung aushielten, und er hat, was die Chörigkeit der Laute angeht, Modifikationen vorgenommen. Julian Breams Lauten hatten mindestens die beiden obersten Chöre einzeln besaitet – nur so konnte er mit seinem Fingernagelanschlag auf der Laute zurechtkommen.

Nun bitte ich inständig darum, mich nicht falsch zu stehen! Ich will Julian Bream keineswegs wegen seines Lautenspiels zusammenfalten. Etwa, weil er „historisch inkorrekt“ gespielt oder weil er das Instrument seiner Spieltechnik angepasst hat und nicht umgekehrt? Julian Bream hat viel für das englische Lautenlied getan und viel für die englische Lautenmusik des frühen 17. Jahrhunderts. Und er hat das musikalisch so überzeugend getan, dass er viele Besucher seiner Konzerte erst an diese Musik herangeführt hat. Und er hat in Soloabenden gern beides gespielt: in der ersten Hälfte Laute und in der zweiten Gitarre.1955 hat Bream seine erste Platte aufgenommen, und zwar für DECCA, dann folgten vier Platten für das Label WESTMINSTER, zwei 1956 und zwei weitere 1957. Bevor schließlich die lange Zusammenarbeit mit RCA begann, erschien eine weitere Platte bei DECCA, das war 1958. Von den sechs LPs der Zeit vor der RCA enthielten zwei englische Lautenlieder, aufgenommen zusammen mit Peter Pears, eine Lautenmusik und drei Gitarrenmusik.

 

Vor mir liegen zehn CDs, die Julian Bream für RCA aufgenommen hat. Es sind Julians „Favorite Albums“. Alle digitalisiert und in ihre originalen Cover gehüllt. Es sind weitaus nicht alle Aufnahmen, die er zwischen 1959 und 1982 für das Label gemacht hat und mir fallen auch sofort einige ein, die ich in der Sammlung vermisse, „Dedication“ von 1981 zum Beispiel mit Werken von Richard Rodney Bennett, William Walton, Peter Maxwell Davies und Hans Werner Henze. Aber einige der wichtigen Aufnahmen sind enthalten.

CD 1: The Art of Julian Bream | Werke von Frescobaldi, Matéo Albéniz, Scarlatti, Címarosa, Lennox Berkeley, Rodrigo, Ravel, Roussel
Aufgenommen im Oktober und November 1959
CD 2: J. S. Bach: Lute Suites Nos. 1 and 3
Aufgenommen im September 1965
CD 3: Romantic Guitar | Werke von Paganini, Mendelssohn-Bartholdy, Schubert, Tárrega
Aufgenommen im Mai 1970
CD 4: The Woods so Wild | Werke von Byrd, Francesco da Milano, Cutting, Dowland, Holborne
Aufgenommen juni/Juli 1972
CD 5: Julian Bream and His Friends, Julian Bream und The Cremona String Quartet, George Malcom, Cembalo | Werke von Boccherini, Haydn
Aufgenommen imj Dezember 1967
CD 6: 20th Century Guitar | Werke von Smith-Brindle, Britten, Martin, Henze und Villa-Lobos
Aufgenommen im September 1966
CD 7: Rodrigo, Vivaldi & Britten, Julian Bream, Melos Chamber Orchestra, Sir Colin Davis, The Julian Bream Consort | Werke von Rodrigo, Britten, Vivaldi
Aufgenommen Oktober 1963
CD 8: Villa-Lobos: The Twelve Etudes for Guitar, Suite Populaire Brésilienne
Aufgenommen im Mai und Juni 1978
CD 9:Julian Bream and John Williams: Live | Werke von Johnson, Telemann, Debussy, Albéniz, Granados
Aufgenommen im Oktober 1978
CD 10: Julian Bream plays Granados and Albéniz … Music of Spain Vol. 5
Aufgenommen im Juli 1982

Die erste MONO-LP bei RCA hieß „The Art of Julian Bream“ und ist 1959 in New York aufgenommen worden. Der Musiker war noch jung, gerade einmal 26 Jahre alt. Mutige Entscheidungen standen noch nicht an – weder, was das Programm, noch, was die Interpretationen betraf … obwohl, immerhin ist hier die erste Veröffentlichung der Sonatina von Lennox Berkeley (1903—1989) zu hören. Aber „La Frescobalda“ war schon ziemlich gängig, die Scarlatti Sonaten auch. Am Schluss spielte Julian Bream, als Gruß an den Doyen der Zunft, „Segovia“ von Albert Roussel (1869—1937).

Bream folgte deutlich penibler den vor ihm liegenden Notentexten, als es unter Gitarristen sonst so üblich war – obwohl man nicht leugnen kann, dass er immer deutlich erkennbare Fingerabdrücke auf den Stücken hinterließ, sprich: Julian Bream hat immer seine sehr eigene Meinung zu Stücken gehabt … und die hat er auch gesagt.

Das Concierto de Aranjuez ist 1963 aufgenommen worden – dazu die begeisternden „Courtly Dances from Gloriana“ von Benjamin Britten und das D-Dur-Konzert von Vivaldi: „Rodrigo, Vivaldi & Britten“. Das Melos Chamber Orchestra unter Colin Davis ist dabei und das Julian Bream Consort mit Robert Spencer, Desmond Dupré und anderen.

Herausstreichen möchte ich auf dieser Aufnahme die Tänze von Benjamin Britten, die selten zu hören sind und eine Menge Spaß bereiten. Es handelt sich um kurze Einzelsätze von maximal zwei Minuten Dauer, die im Stil englischer Lautenstücke des frühen 17. Jahrhunderts geschrieben, dann aber mit neuen Elementen in unsere Zeit gerückt sind.

Sensationell war und ist immer noch die Platte mit „20th Century Music“. Mit ihr hat sich Julian Bream für immer in das Goldene Buch der Gitarre eingetragen. Zum Beispiel hat er das „Nocturnal“ von Benjamin Britten, das für ihn geschrieben ist und das sich bald als eines der zentralen Gitarrenwerke des XX. Jahrhunderts herausstellen sollte, auch durch diese LP weltweit bekannt gemacht. Es spielte das Stück damals auch oft in Konzerten – ich selbst habe ihn damit gesehen – und er hat mit diesem Öffentlichmachen sehr viele Kollegen angeregt. Aber viel mehr: „El Polifemo de Oro“ von Reginald Smith Brindle und sogar die legendären „Quatre Pièces Brèves“ von Martin haben durch diese Platte „20th Century Guitar“ einen enormen Karriereschub erhalten. Hier, in den Stücken dieser Platte, finde ich übrigens auch viele der eben erwähnten Breamschen Fingerabdrücke, die allerdings von vielen Nachfolgern brav übernommen worden sind. Diese Aufnahme galt als die Referenzeinspielung für die enthaltenen Stücke und man findet tatsächlich Eigenheiten des Spiels von Julian Bream in vielen anderen Interpretation … nun ja, immerhin haben die jüngeren Musiker bei der Wahl ihres Vorbilds Geschmack bewiesen!

1965 hat er zwei Bach-Lautensuiten eingespielt, was damals keineswegs übliche Praxis war. Warum? Erstens waren die Gitarristen daran gewohnt, Einzelsätze von Bach in ihre Programme einzustreuen – so kamen sie auch in Notenausgaben heraus – zweitens waren viele, selbst professionelle Gitarristen mit dem Spiel kompletter zyklischer Werke überfordert. Insgesamt spielte man größere zyklische Werke nie oder höchst selten zusammenhängend. Gründe: s.o. Das gilt zum Beispiel für die Etüden von Heitor Villa-Lobos, die erst seit diesen Jahren, gemeint sind die sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als Zyklen verstanden werden. Von der C-Dur-Sonate op. 15 von Giuliani wurde nur der erste Satz gespielt (weil Segovia das auch getan hat), meistens sogar von der „Sonatina“ A-Dur von MorenoTorroba (die hat Segovia komplett eingespielt aber andere meinten, nur den ersten Satz spielen zu wollen). Viel hat sich geändert … und Julian Bream war ganz und gar nicht unbeteiligt an dieser Entwicklung!

Zwei Produktionen hat Bream zusammen mit John Williams für RCA eingespielt. In der vorliegenden Kassette ist die LP „Live“ noch einmal veröffentlicht und sie legendär zu nennen, ist keineswegs vollmundig übertrieben. 1978, als die Aufnahmen in Boston und New York entstanden, waren Julian und John nicht nur die unangetasteten Stars der Szene, sie wurden auch das erste Mal im Doppelpack angeboten … und irgendwie ging’s. Bekanntlich sind zwei große Musiker nicht unbedingt auch ein großes Duo. Bream hat sogar geschmunzelt, als man ihn über die Zusammenhang mit Williams befragte: „Da musste ich mich ziemlich ranhalten.“ Aber die erste Duo-Aufnahme, „Together“, schlug ein wie eine Bombe, das war 1971: Williams Lawes, Carulli, Sor, Albéniz, Granados, de Falla und Ravel. Ich habe „L’Encouragement“ von Fernando Sor in der Zwischenzeit auch schon besser gehört, aber damals war das eine Sensation! Zwei Jahre später machten die beiden Gitarristen eine weitere LP unter dem Titel „Together Again“ und dann „Live“. „Together“ und „Together again“ sind nicht in der neuen Sammlung vertreten, wohl aber „Live“, bzw., um genau zu sein, das halbe „Live“-Album, denn 1978 war „Live“ ein Doppelalbum mit zwei LPs. Hätte man vielleicht besser eines der älteren Alben für „Favorite Albums“ ausgesucht, als das „Live“-Album zu trunkieren?

Für mich war die CD-Sammlunhg „Favorite Albums“ von Julian Bream eine wunderbare Überraschung. Mit sehr wenigen Ausnahmen habe ich alle Aufnahmen auch als LPs. Und die wenigen, die ich nicht habe, sind irgendwann einmal verliehen worden. Aber jetzt gibt es sie wieder und sie sehen auch noch so aus, wie damals. Nur kleiner.