Giuliani pop

Giuseppe Buscemi Come Heavy Sleep CDGiuseppe Buscemi: Come Heavy Sleep
Werke von Frank Martin, Britten, de Falla, Manén
Erschienen
℗ 2018
Gitarre von Guido Di Lernia
DotGuitar .G1803
… er weiß, mit den Stücken, die er uns vorspielt, umzugehen …

♦♦♦♦

CD bei Amazon bestellen?

„Klassiker des 20. Jahrhunderts“ könnte man das Repertoire nennen, das Giuseppe Buscemi uns auf seiner Debüt-Solo-CD präsentiert. Martin, Britten, de Falla und Manén … das erinnert an Julian Breams Bemühen um Neue Musik für Gitarre und besonders an dessen LP „20th Century Guitar“ von 1966. Sie, diese Platte, ist vor über fünfzig Jahren entstanden und war ein Meilenstein in dem damals praktizierten Gitarrenrepertoire. Was man da hörte, war neuartig, frisch und weit entfernt von den auf der ganzen Welt gespielten Piecen aus dem Portefeuille von Maestro Segovia. Der bestimmte nämlich, was gespielt wurde und – vor allem – was nicht! Und er legte auch fest, was neue Musik war. „Neue Musik“ gab es, was die Gitarrenszene anging, erst einmal nicht. Statt ihrer dilettierte jedermann spanische oder lateinamerikanische zeitgenössische … aber keineswegs „Neue Musik“.

Mit Julian Breams LP  „20th Century Guitar“ ist dann eine Qualität neuer Musik bekannt geworden, die sehr schnell Anhänger finden sollte. Bream war dabei nicht unbeteiligt, denn er hörte nicht auf, die Neuentdeckungen in Konzerten auf der ganzen Welt zu spielen. Außerdem hatte er beim Entstehen der Werke von Britten und auch Henze mitgemischt. Mit dem Schreiben für Gitarre waren viele Komponisten der Zeit nicht vertraut – Segovia hat genau daraus insofern Kapital geschlagen, als er beim „Einrichten“ neuer Werke, die ihm von „Nicht-Gitarristen“ geschrieben worden sind, kräftig „mitkomponiert“ hat. Heute kommen neue, revidierte Notenausgaben der ursprünglichen Werkversionen heraus – unter anderem bei Schott-Music in Mainz.

 

Nun gibt es – zugegeben! –zwischen den beiden Aufnahmen, der 1966er von Julian Bream und der neuen von Giuseppe Buscemi, nur zwei, wenn auch schwergewichtige, Repertoireüberschneidungen. Diese sind das „Nocturnal“ op. 70 von Benjamin Britten und die „Quatre Pièces Brèves“ von Frank Martin.

Trotzdem ähneln sich die beiden Aufnahmen. Nur zwei Kompositionen, mit denen uns Bream nicht bekannt gemacht hat, „Homenaje — Pour le Tombeau de Debussy“ von Manuel de Falla und die „Fantasia-Sonata“ op. A-22 von Joan Manèn, dürfen wir bei Buscemi hören. Und die anderen? Nun, Julian Bream hat mit seiner Platte „20th Century Guitar“ nicht nur neues Repertoire für die Gitarre bekannt gemacht, er hat auch mit seiner unverwechselbaren Art des Spielens die interpretatorischen Standards für diese Stücke für viele Jahre und – sagen wir – für zwei Generationen Gitarristen festgelegt. Zum Glück waren es exzellente Standards, die da verinnerlicht und gelernt wurden und natürlich gab es nach einiger Zeit auch Musiker, die eigene interpretatorische Vorstellungen durchsetzen konnten. Und doch! Ich höre Julian Bream, wenn er sich schwerst in Dissonanzen fallen lässt, um sie dann mit schier unerträglicher Verzögerung wieder aufzulösen. Bream hat immer wieder aufs Neue Spannung aufgebaut und damit sein Publikum auf die Folter gespannt … um es dann in alle Ruhe zu entlassen. Genial!

Giuseppe Buscemi tut es ihm nicht gleich – das wäre auch töricht! Aber er weiß mit den Stücken, die er uns vorspielt, umzugehen. Auch das Wechselspiel von Dissonanz und Konsonanz, von Spannung und Entspannung, von laut und leise spielt er mit Eleganz und Verve. Das heißt: Mit seiner ersten CD hat er uns einiges vorgeführt und mehr versprochen!