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Xian Ji Liu Latin Guitar Sonatas CDXianji Liu: Latin Guitar Sonatas
Werke von Leo Brouwer, Sergio Assad und Roberto Sierra
Aufgenommen im Januar 2017. Erschienen ℗ 2017
Gitarre: Paco Marin
IBS CLASSICAL 62017, im Vertrieb von NAXOS
… Er hat in Beijing studiert, danach in Köln und Weimar …

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In den letzten Jahren ist es bei Gitarristen üblich geworden, für Aufnahmen, die sie als besonders wichtig erachten, mehrere große Sonaten des 20. Jahrhunderts zu Programmen zusammenzuschnüren. Ponce, Rodrigo, Brouwer, Ginastera, José, Castelnuovo-Tedesco … Möglichkeiten gibt es etliche – sie alle ergeben am Schluss musikalisch schwergewichtige Werkzusammenstellungen, keine folkloristischen Schaustücke, nichts für’s ZDF!

Der chinesische Gitarrist Xianji Liu hat ausschließlich lateinamerikanische Werke für seine Sonaten-CD ausgewählt, die Komponisten sind Sergio Assad, Leo Brouwer und Roberto Sierra. Francisco J. Giménez hat einen klugen Einführungstext zu dem CD-Programm geliefert … der höchstens gelegentlich ergänzende Worte oder gar Widerspruch verträgt. Es heißt da, die Sonatenform habe in Europa im 20. Jahrhundert zunehmend an Popularität verloren … „at the same time, the sonata allowed Latin American composers to build an identity by incorporating local sonorous traits in a sense as much structural as symbolic, legitimising them thanks to the form’s very prestige“. So kamen Manuel Ponce und Alberto Ginastera zu Ruhm und Ehren, der bedeutendste und weltweit erfolgreichste Komponist Lateinamerikas, Heitor Villa-Lobos [Manuel Negwer im Plattentext zu seinem Buch „Villa-Lobos – der Aufbruch der brasilianischen Musik“, Mainz u.a.2008], allerdings nicht. Er hat keine Sonaten geschrieben und sich weitgehend an der Musik seiner brasilianischen Heimat orientiert. Ähnlich hat Astor Piazzolla verfahren. Er hat zeit seines Lebens Tangos geschrieben und ist darin von seiner europäischen Kompositionslehrerin Nadia Boulanger (1887–1979) sogar ausdrücklich bestärkt worden.

 

Mit einer Sonate von Sergio Assad beginnt Xianji Liu sein Programm Sie ist Shin-Ichi-Fukuda gewidmet und von dem japanischen Gitarrenbauer Masaru Kohno in Auftrag gegeben. Assad, der in São Paulo geboren wurde, hat viele Jahre in Paris und Brüssel gelebt und wohnt jetzt – auch schon seit Jahrzehnten – in Chicago. Kosmopolitisch ist er nicht nur, was seine Lebensräume angeht – Kosmopolit ist er auch musikalisch. In seiner Sonate jedenfalls gibt er sich als „echter Weltenbürger“ zu erkennen, der allerdings Brasilien weder vergessen hat noch verleugnet. Sergio zitiert, paraphrasiert, variiert und spielt mit Materialien, die ihm seit vielen Jahren vertraut sind – und dabei spricht er eine moderne musikalische Sprache. Als virtuoser Instrumentalist setzt er zudem neue Klänge und neue polyphone Strukturen um … und das verlangt er auch von seinen Interpreten.

Es folgt die Sonate Nº 3 aus „Decameron Negro“ von Leo Brouwer, die offen und ohne jegliche Zweifel die Handschrift ihres kubanischen Komponisten verrät. Nicht nur zitiert Leo bekannte Werke des Gitarrenrepertoires, er lässt auch eigene Stücke zart anklingen oder mitschwingen und ahnen. Und er kennt sich aus in der Musikgeschichte – nicht nur der, in der die Gitarre eine Rolle spielt oder gespielt hat. Aber oft sind es nur minimale Motivdetails, in denen sich Leo Brouwer als Komponist zu erkennen gibt … vor allem bei gitarrenaffinen Hörern freilich!

Und dann noch die Sonata von Roberto Sierra. Manuel Barrueco ist sie gewidmet und der hat sie als „Schlüsselwerk des Gitarrenrepertoires“ herausgehoben. Roberto Sierra kenne ich mit und wegen seines Werks „Triptico“ für Gitarre und Streicherquartett, bei dessen Uraufführung ich am 16. Juni 1989 in Winston Salem in North Carolina/USA dabei sein durfte. Ich hatte Roberto nicht einmal namentlich gekannt, obwohl er lange in Deutschland gelebt und hier (bei György Ligeti in Hamburg) studiert hatte. Aber für Gitarrenkompositionen hatte er sich vorher keinen Namen gemacht. Das sollte sich ändern. Jetzt hat Xianji Liu seine Sonata eingespielt und damit wieder ein Werk, das in unsere Zeit der Globalisierung zu passen scheint. Da hören wir lateinamerikanische Elemente, afrikanische und europäische. Roberto Sierra selbst nennt den Prozess, der er seine Musik unterzieht „Tropicalisation“, und das beschreibt ihn ziemlich genau.

Xianji Liu ist der erste chinesische Gitarrist, der den Francisco Tárrega-Wettbewerb in Benicàsim gewonnen hat. Er hat in Beijing studiert, danach in Köln und Weimar. Xianji zeigt sich auf seiner CD als virtuoser Klangkünstler – und zwar als einer, der sich überall in dieser musikalischen Welt zuhause fühlt. Ob ihm die Musik seiner asiatischen Heimat immer noch vertraut ist oder überhaupt jemals vetrtraut war, verrät er nicht. Selbstverständlich ist das aber heutzutage nicht mehr … ebensowenig wie ein chinesischer Musiker, der sich mjit Tango und Samba ebenso auskennt wie mit Tárrega und Scarlatti [siehe oben!]. Auf mich hat Xianji Lius CD „Latin Guitar Sonatas“ einen tiefen Eindruck hinterlassen!