Giuliani pop

Aniello Desiderio NocturnalAniello Desiderio: Nocturnal
Werke von Britten, Georg Schmitz, de Falla, Rodrigo und Gilardino
Aufgenommen 2017,
℗ 2017
Gitarre: Antonius Müller Cedar Double Top, 2014
ACCELERANDO MUSIKPRODUKTION, MAESTOSO EDITION ACC 02
… Klangkunst vom Feinsten! …

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Nachtstücke hat Aniello Desiderio für seine neueste CD zusammengefasst, Nachtstücke und Huldigungsstücke. Er beginnt mit dem „Nocturnal“ von Benjamin Britten, mit dem Julian Bream vor gut fünfzig Jahren die Gitarrenwelt berührt und – ja! – verändert hat. Bream hat das Werk am 12. Juni 1964 uraufgeführt und 1966 kam seine LP „20th Century Guitar“ mit diesem Stück heraus (RCA SB 6723) und hat fast überall und bei jedem Begeisterung ausgelöst. Das hört sich wie etwas Selbstverständliches an … und gleichzeitig unglaublich, war aber beides überhaupt nicht. Dass ein Stück moderne Musik – und gemeint ist hier wirklich moderne und nicht nur zeitgenössische Musik – kurz nach seiner Uraufführung durchgehend positive Resonanz beim Publikum findet, ist im Gegenteil eher ungewöhnlich. Allem wirklich Modernen scheint es wesenseigen zu sein, dass es zunächst missverstanden und abgelehnt wird. Nicht so beim „Nocturnal“. Dieses Stück stammte von einem Komponisten, der in der „großen Musik“ einen Namen hatte und sich nicht ausschließlich in der Nische der Gitarrenmusik bewegte. Britten war kein Gitarrist und beim Komponieren und bei der Niederschrift des druckfertigen Manuskripts seines Stücks auf die Mitarbeit eines mit der Gitarre vertrauten Instrumentalisten angewiesen. Im Fall des „Nocturnal“ war das Julian Bream und der stellte in der Folgezeit das neue Stück in zahlreichen Recitals der Weltöffentlichkeit vor.

Zwei weitere Joker des Gitarrenrepertoires des 20. Jahrhunderts folgen in Aniellos Werkfolge: de Fallas „Homenaje“ und „Invocación y Danza“ von Joaquín Rodrigo. Erstes Stück ist im Gedenken an Claude Debussy geschrieben, das zweite für Manuel de Falla.

Die „Homenaje“ gehört zu den am häufigsten gespielten, aufgenommenen und missverstandenen Gitarre-Solostücken des letzten Jahrhunderts. Auch hier: Manuel de Falla war kein Gitarrist und außer diesem knapp vier Minuten langen Stück hat er nichts mehr für Gitarre geschrieben, dabei gehörte das Instrument eigentlich zu seinem Umfeld. Schließlich war er in Cádiz geboren und der Kultur Andalusiens eng verbunden.

„Invocación y Danza“ ist eines der schönsten Gitarrenstücke, die uns aus dem 20. Jahrhundert überliefert sind – vielleicht gar das schönste! Es ist der wie aus dem Nichts erscheinende Tanz, der aus dem Stück etwas Geheimnisvolles macht. Er kündigt sich an und setzt sich dann langsam gegen die Invocación durch … ohne die musikalische Szene je zu beherrschen. Er bleibt nebulös und rätselhaft.

Und danach? „Wie die Nacht übers Land kommt“ heißt das „Rondeau für Gitarre solo“ von Georg Schmitz, das als nächstes Stück auf dem Programm steht. Gut elfeinhalb Minuten mit wenig Nächtlichem, dafür ziemlich ungestümem Umherirren, Träumen vielleicht und Phantasien. Wahnvorstellungen sind es nicht, zwischendurch gleitet die Musik aber von ziemlich konsequenter Tonalität in immer freiere Atonalität … um dann zurückzukehren.

Schließlich vier Etüden von Angelo Gilardino aus dem Zyklus „60 Studi di virtuosità e di trascendenza“. Es sind hoch virtuose Kompositionen, deren Wert sich allerdings keineswegs in ihrer Virtuosität erschließt. Auch nicht in den programmatischen Vorgaben („Elegia di Marzo“, „Omaggio a Manuel de Falla“, „Omaggio a Joaquín Turina“ und „Noche Oscura“, obwohl sie deutliche Hinweise geben und die Hörer führen. Elegisch beginnt der Teilzyklus, um in einer „noche oscura“, einer dunklen Nacht, zu enden, nicht ohne zwischendurch kontemplative und aufgeregte wie aufregende Phasen durchlebt zu haben.

Aniello Desiderio ist ein Gitarrist besonderer Güte, das muss ich nicht noch einmal betonen! Das Programm, das er uns auf seiner neuen CD präsentiert, gibt ihm die Möglichkeit, uns die Vielfalt seiner klanglichen und virtuosen Möglichkeiten vorzuführen. Und klar, er ist kein Musiker, der der Virtuosität wegen Virtuoses auftischt oder der sich selbst am meisten bewunderte. Das sieht man schon an dem Repertoire, das er uns anbietet. Es ist anspruchsvoll, aber nicht reißerisch; es ist brillant, aber nicht billig; es ist farbenfroh aber nicht knallbunt, wie man das sonst so gerne von Gitarristen seiner Generation hört. Nein, Aniello Desiderio ist ein sensibler Klangkünstler, ein Zauberer, dessen Kunst nie so recht in Schubladen passen will. Und auch die neue Accelerando Musikproduktion in Winningen meint es ernst: Klangkunst vom Feinsten!