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A Guitar for Segovia Javier SomozaSomoza: A Guitar for Segovia
Werke von Castelnuovo-Tedesco, Santiago de Murcia, Mudarra, Frank Martin, Ohana und Ponce‘
Aufgenommen im Mai 2016, ℗ 2017
Gitarre von Santos Hernandez, 1924
BRILLIANT CLASSICS 95487
… als Klangästhet bewiesen …

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Eine Gitarre steht, was diese CD angeht, im Mittelpunkt des Interesses, eine Santos Hernandez von 1924. Die Biblioteca Musical Víctor Espinós hat sie dem Interpreten Javier Somoza für die Aufnahme vorliegender CD zur Verfügung gestellt. Andrés Segovia soll das Instrument, wie Gerardo Arriaga schreibt, „probably“ auf mehreren Konzertreisen gespielt haben, um es dann der Bibliothek zu vermachen … und heißt „probably“ nicht „wahrscheinlich“ oder doch nur „vielleicht“? Und spielt es wirklich eine Rolle, ob Segovia die Gitarre auf mehreren Tourneen gespielt hat? Arriaga schreibt im gleichen Text in einem anderen Zusammenhang: „A piece from the 1500’s can be played on a replica of an original instrument, or on any other instrument: the benchmark of excellence will lie more in the quality of interpretation than in the chosen medium.“ Na ja!

Anzunehmen, jetzt, wo jeder weiß, welch kostbare Gitarre auf der CD vorgeführt wird, setzten sich Heerscharen von Pilgern in Bewegung, um ihr nahezukommen, der liegt falsch! Bei den Reliquien der „Heiligen Drei Könige“ im Kölner Dom hat das noch geklappt … aber das ist 850 Jahre her. Und die erhaltenen Gebeine gehören auch nur „wahrscheinlich“ zu den drei Königen aus dem Morgenland.

 

Dabei hätte Javier Somoza den Reliquienkult keineswegs in Gang setzen müssen. Er ist nämlich ein exzellenter Musiker mit eigenen Ideen und eigenen stilistischen Vorstellungen. Was allerdings seine Repertoireauswahl angeht, verstehe ich ihn nicht. Es heißt im Booklet: „This recording thus features pieces in Folía form, others composed for Andrés Segovia, and a few that do not belong to any of those two categosies“ – präziser geht’s kaum!

Aber auch hier: Erläuterungen sind nicht nötig, denn Javier Somozas Spiel erklärt sich selbst. Er beginnt mit Sätzen von Alonso Mudarra. Sie interpretiert er scheinbar weit entfernt von historisch orientierten Ansätzen … und gerade mit seiner freien Art des Umgangs mit Tabulaturen kommt er vermutlich dem sehr nahe, wie die Vihuelisten vor fünfhundert Jahren Musik ausgeübt haben. Javier Somoza verschmelzt Musiken, er spielt aus dem 16. Jahrhundert überlieferte Intavolierungen, die sonst sehr selten bis gar nicht zu hören sind und schließlich erweitert und ergänzt er Stücke, die Musikern und Musikfreunden unserer Zeit durchaus bekannt sind, auf so natürliche und selbstverständliche Art, dass man die Annahme, dies sei Alte Musik, weit von sich weist. Die „Fantasía que contrahaze la harpa en la manera de Ludovico“ von Alonso Mudarra ist dafür ein Beispiel, obwohl Javier gerade sie ziemlich penibel nach dem überlieferten Text spielt.

Der Tiento von Maurice Ohana folgt, ein leider sehr selten gespieltes Stück. Ohana ist 1913 in Casablanca geboren und hat 1957 mit dem Tiento begonnen, eine ganze Reihe höchst interessanter Stücke für Gitarre zu schreiben, die – nebenbei bemerkt – alle eher selten zu hören sind. Im Tiento wird streckenweise das Folía-Thema verarbeitet, das natürlich Manuel Maria Ponces „Variaciones sobre la Folía de España y Fuga“ beherrscht. Sie hat Andrés Segovia in Auftrag gegeben und auch uraufgeführt und bekannt gemacht – ebenso wie die „Variations à travers les siècles“ von Mario Castelnuovo-Tedesco (MCT). Beide sind auf vorliegender CD zu hören.

Von Castelnuovo-Tedesco wissen wir, dass er als Sephardischer Jude im Jahr 1939 seine Heimatstadt Florenz verlassen musste und nach Amerika ging. Er ließ sich in Los Angeles nieder, wo er schließlich erfolgreich als Filmkomponist arbeitete. Die große Geste, die auch kleine Werke von Filmkomponisten gelegentlich nachzeichnen, hört man bei MCT nicht, im Gegenteil! In „Großen Musiken“, hiermit meine ich Filmmusiken, findet man seinen Namen nicht spontan … nach Suchen allerdings in Wiki. „And Then There Were None“ (oder „Das letzte Wochenende“) hieß einer – immerhin nach einem Roman von Agatha Christie.

MCTs „Variations à travers les siècles“ sind noch in Italien entstanden bevor die Nazis Juden ein Arbeiten und schließlich auch Leben unmöglich gemacht haben. Auch diese Komposition hört man viel zu selten – und bei ihr ist das besonders bedauerlich. Hier hat MCT nämlich jede Variation in ein anderes idiomatisches Kleid gesteckt und in jeweils andere musikalische Formen. Zwischen Chaconne und Foxtrott.

Am Schluss der CD steht noch ein Werk, das im Verhältnis von Andrés Segovia zu „seinen“ Komponisten ein ganz besonderes Kapitel darstellt. Es handelt sich um Frank Martins „Quatre Pièces Brèves“ aus dem Jahr 1933. Das Manuskript dieser Komposition hat viele Jahre unbeachtet in Segovias Schublade gelegen, weil sie dem Maestro zu modern war. Julian Bream hat das Werk schließlich aufgeführt und bekannt gemacht.

Javier Somoza hat uns eine spektakuläre Sammlung von Gitarrenstücken vorgelegt, die er sehr überzeugend vorträgt. Und er überzeugt mit Kompositionen des 16. Jahrhunderts ebenso wie mit seiner Auswahl von Werken der Segovia-Zeit. Bei Alter Musik überzeugt er mit seinem Mut, sich mit neuen Werk-Varianten zu Wort zu melden – bei den Kompositionen zwischen Castelnuovo-Tedesco und Martin hat er sich als Klangästhet bewiesen … und zwar ohne Klangmissbrauch, wie wir ihn von Segovia kennen.