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Krististinn Arnason CDKristinn Árnason: Transfiguratio
Werke von Mudarra, Weiss, Mertz, Albéniz, Granados, Pujol und Áskell Másson
Aufgenommen und erschienen 2013
12 Tónar 12TK006
… kann nur empfohlen werden …

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Kristinn Árnason hat in seiner Heimatstadt Reykjavík das Gitarrespiel erlernt und schließlich in New York City bei Nicolas Goluses an der Manhattan School of Music studiert. Dort hat er auch die üblichen Examina abgelegt. Danach ist er nach London gegangen, um bei Gordon Crosskey weiter zu studieren, später nach Alicante zu José Tomás.

Die CD, um die es heute geht, ist keineswegs seine Debüt-CD, auch wenn ihr Programm, meint man, darauf hindeutet: Drei Stücke von Mudarra, darunter die „Harfenfantasie“; fünf Einzelsätze von Silvius Leopold Weiss; die „Fantaisie Hongroise“ von Mertz; „Mallorca“ von Albéniz; „Danza Española Nº 4“ von Granados; „Canción Amatoria“ und „Tonadilla“ von Pujol und schließlich, das ist vermutlich das interessanteste Stück, „Haustljód, Poème d‘Automne“ von Áskell Másson.

Nein, dies ist keine Debüt-Platte, Kristinn Árnason hat schon sechs CDs eingespielt, darunter Barrios und Tárrega, Sor und Ponce und – natürlich, möchte man fast sagen – Bach. Und natürlich ist es keineswegs verwerflich, wenn Musiker die populärsten und schönsten Stücke für ihr Instrument zusammenfassen, zumal sich der Geschmack ändert. Die „Fantasía que contrahaze la Harpa en la maniera de Ludovico“ von Alonso Mudarra fand man vor Jahren in buchstäblich jeder Anthologie – in der Zwischenzeit ist sie seltener geworden. Und Sors Mozart-Variationen? Ohne die kam vor vielleicht zehn Jahren niemand aus, jetzt wünscht man sie sich regelrecht.

Den Repertoire-Geschmack haben Interpreten bestimmt. Dass Andrés Segovia für sehr viele Jahre vorgegeben hat, was seine Schüler und Schülersschüler spielen würden, wissen wir. Aber auch Julian Bream (mit Britten, Frank Martin oder Sor und Giuliani) hat das getan und auch John Williams.

Die Klassiker (gemeint sind damit Mudarra bis Mertz) gelingen Kristinn Árnason sehr überzeugend. Er begegnet ihnen mit Respekt und komponiert nicht mit. Er gehört auch nicht zu jenen, die in der „Harfenfantasie“ bessere Fingersätze als Mudarra höchstselbst spielt – er spielt die, die der Komponist vor fast fünfhundert Jahren aufgeschrieben hat. Und just for the record: Mudarra hat natürlich keine Fingersätze mitgeliefert, aber er hat alles in Tabulatur aufgeschrieben und veröffentlicht, und da sind Fingersätze quasi permanent enthalten, weil nicht die erklingenden Töne notiert werden, sondern die jeweiligen Griffstellen auf dem Griffbrett.

Was Werke von Silvius Leopold Weiss angeht, sind Transkriptionen für Gitarre immer so erheblich klanglich reduziert, dass einem Zuhörer, der selbst Laute spielt oder mit dem Instrument vertraut ist, so erheblicher Verzicht aufgebürdet wird, dass er selten Gefallen an den Transkriptionen finden wird. Und doch: Kristinn Árnason macht es „eigentlich“ gut: Er hat das richtige Gefühl für Tanzformen und die damit verbundenen Tempi. Er weiß auch mit der Lautentechnik des „style brisé“ umzugehen … er gibt jedenfalls zu erkennen, dass er mit dieser Art des musikalischen Arbeitens vertraut ist. 

Caspar Joseph (oder doch Johann Kaspar) Mertz war Gitarrist und das hört man natürlich. Seine Fantaisie lässt Kristinn Árnason auf der Zunge zergehen. Er zelebriert dieses Stück Salonmusik ohne es der Lächerlichkeit preisgeben zu wollen. Nein, er spielt es als klassische Komposition … sehr schön!

Es folgen noch ein paar Leckerbissen für Gitarren, von denen zwei Transkriptionen von Klavierwerken sind: Albéniz und Granados. Dann kommt Pujol: „Canción Amatoria“ und „Tonadilla“. Das sind sehr bekannte bis beinahe abgedroschene Stücke – aber nicht bei Kristinn. Er betrachtet auch sie nicht als Improvisationsvorlagen, wie wir das von so vielen anderen Gitarristen kennen, er stellt die Stücke als das dar, was sie sind: als hochrangige Kompositionen der „klassischen Moderne“.

Und dann: „Haustljód, Poème d’automne“ von Áskell Másson im Gedenken an Einar Kr. Einarsson geschrieben, der 2002 gestorben ist. Kristinn Árnason ist auch, was dieses neue Stück angeht, ein sehr kontrolliert und werkdienlich arbeitender Musiker, dabei böte sich gerade dieses Stück als Tummelplatz für eigenes Fabulieren an. Es schildert zwar eine herbstliche Stimmung, wie sie uns im Moment in Mitteleuropa tatsächlich umgibt – aber ich höre eher Zuversicht als Resignation. Und Leben eher als Tod. Kristinn gerät nie in zu seichtes Fahrwasser, es ist immer alles unter Kontrolle. Er verliert sich nicht in Arpeggios, die es in dem Stück immer wieder gibt, auch nicht in Lachrimæ.

Die CD, die ich hier mit einiger Verspätung würdige (mea culpa!), kann nur empfohlen werden. Sie ist, was das Repertoire angeht, insofern innovativ, als sie ältere Werke in ungewohnter Folge darbietet und mit einer neuen Komposition verbindet. Auch das – zugegeben! – ist nicht unbedingt das Neueste vom Neuen, aber Kristinn Árnason macht’s gut. Eine gute und unterhaltsame Präsentation liefert er uns!