Giuliani pop

Lindberg Italian Lute VirtuosiItalian Lute Virtuosi of the Renaissance
Werke von Francesco da Milano (1497–1543), Alberto da Mantova (ca. 1500–1551) und Marco dall’Aquila (ca. 1480–nach 1538)
Jakob Lindberg, Laute
Aufgenommen im Mai 2015, erschienen 2016
Laute von Michael Lowe
BIS-2202, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… für meinen Geschmack etwas zu kontrolliert und diszipliniert …

CD bei Amazon bestellen?

Alle drei Lautenisten, von denen Jakob Lindberg Kompositionen für seine neueste CD zusammengestellt hat, stammen aus Italien, einer aus Milano [Francesco], einer aus Aquila (oder Aquileia) [Marco] und einer aus Mantua [Alberto]. Und alle drei waren unmittelbare Zeitgenossen.

Es war die große Zeit der Laute. Ihre Spieltechnik hatte sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts insofern radikal verändert, als man sie nicht mehr mittels Plektrum anschlug, sondern mit den Fingerkuppen und auf diese Art polyphones Spiel ermöglichte. Außerdem war der Druck von Noten und Tabulaturen gerade erfunden und die ersten Musikverleger lieferten Lehrwerke und Spielmaterial. Gespielt wurden Adaptionen bekannter, meist geistlicher Vokalwerke, Tanzsätze und die ersten autonomen Instrumentalkompositionen wie Ricercari oder Fantasien. Mit ihnen wurden die Lautenisten und Komponisten vorliegender CD von Jakob Lindberg berühmt … so berühmt, dass einer von Ihnen, Francesco da Milano, „il divino“, genannt wurde: „der Göttliche“. Alberto aus Mantua zog 1528 nach Frankreich und wurde Hoflautenist bei König François Ier … dem Vernehmen nach zu einem fürstlichen Honorar. Er wurde ab sofort Albert de Rippe genannt und trug später den Titel „valet de chambre du roi“ der nur den erlesensten und berühmtesten Musikern des Hofs vorbehalten war.

Jakob Lindberg hat für seine CD nicht nur Ricercari bzw. Fantasien der drei Komponisten ausgewählt, unter den 26 Nummern des Programms findet man dazu Intavolierungen und zwei [!] Tänze. Überhaupt hat er versucht, seinen Hörern die Vielfalt der noch jungen Lautenisten-Kunst von vor fünfhundert Jahren nahezubringen. Da hören wir zum Beispiel die Bearbeitung der Chanson „Il est bel et bon“ von Marco nach Pierre Passereau und haben es mit einem üppig floral diminuierten Satz zu tun. Die Pavan „La Romanesca“ von Alberto benutzt das Romanesca-Thema, das wir aus so vielen Tabulaturbüchern kennen – hier wird es aber eloquenter ausgeziert, als es andere Lautenisten oder Vihuelisten getan haben. Die Chanson „Tu discois que je mourroye“ von Claudin de Sermisy hat Francesco intavoliert und damit ein Beispiel für eine eher schlanke Bearbeitung hinterlassen.

Das polyphone Lautenspiel war, als Francesco, Marco und Alberto ihre Musik aufgeschrieben haben, etwas völlig Neues. Umso bemerkenswerter ist die hoch ausgefeilte Spielkultur, die ihre überlieferten Tabulaturen ahnen lassen.

Jakob Lindberg spielt sehr kontrolliert und diszipliniert … für meinen Geschmack etwas zu kontrolliert und zu diszipliniert. Nicht nur, dass er zu den überlieferten Diminutionen nichts hinzuextemporiert, er spielt jeden Satz und jede Komposition tatsächlich exakt so, wie sie uns in den Tabulaturen von vor rund fünfhundert Jahren gedruckt vorliegen. Dagegen ist freilich nichts einzuwenden, schließlich ist es Aufgabe eines Interpreten, die ihm überlieferte Musik so, wie der Komponist sie hinterlassen hat, an seine Zuhörer klingend weiterzugeben. Aber Intavolierungen sind per se paraphrasierende Bearbeitungen, bei deren Entstehen der jeweilige Intavolator mitkomponiert hat. Mal mehr – mal weniger! Was beim Intavolieren entstand, waren neue Kompositionen mit mal großer, mal geringerer Abhängigkeit von ihren vokalen Vorlagen … und diese Freiheit müssen und dürfen sich auch Interpreten des 21. Jahrhunderts rausnehmen. Sie müssen mindestens in der Lage sein, sich stilkonform am Auszieren, Paraphrasieren oder Diminuieren des vorgegebenen Materials zu beteiligen.

Jakob Lindberg ist ein Lautenist erster Güte – auf ihn kann man sich verlassen! Risiken sind nicht sein Ding … aber die muss man ja nicht unbedingt eingehen.