Giuliani pop

Khalil Jonas Debut CDJonas Khalil: Debut
Werke von Ysaÿe, Cassadó, Bogdanovic, Arnold und Khalil
Aufgenommen im August 2015, erschienen 2016
Gitarre: Ashley Sanders (Australia), 2008
Hänssler Classic HC 16044, im Vertrieb von Naxos
… Das Debut jedenfalls ist dem jungen Künstler glänzend gelungen …

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Wer erwartet, dass die Debut-CD eines Gitarristen Werke rund um die Mozart-Variationen von Sor und „Recuerdos de la Alhambra“ enthält – hier wird er enttäuscht! Erstens spielt Jonas Khalil keine leicht gängige „Klassik für jedermann“, sondern weniger bekannte, wenn nicht für das Instrument völlig neue Musik – und zweitens will er sein Publikum ganz offenbar nicht unterhaltend für sich einnehmen, sondern liefert ihm das musikalische Abbild seiner Gemütsverfassung zu der Zeit, als er sich mit seinem Programm beschäftigte. „Verdüsterungsmusik mit Lichtpunkten“ steht über dem erläuternden Text im Booklet.

Dem Hörer wird empfohlen, das letzte Stück des Programms als erstes zu hören: „Rhapsody of the House of Usher – Hommage to Philip Glass“. Der Komponist: Jonas Khalil. Das Stück, um tatsächlich damit zu beginnen, nimmt Bezug auf „The Fall of the House of Usher“, eine Oper von Philip Glass, die wiederum auf eine Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe mit dem gleichen Titel zurückgeht. Bei mehreren Aufführungen der Oper von Glass hat Khalil mitgewirkt.

Ein weiteres Stück mit Bezug auf Edgar Allan Poes Kurzgeschichte kennen wir, es ist der „Usher Waltz“ für Gitarre solo von Nikita Koshkin. Sie erinnern sich? Der nicht namentlich erwähnte Erzähler der Kurzgeschichte erhält einen dringlichen Brief seines Freundes Roderick Usher, nach dessen Lektüre er sich auf den Weg macht, diesem beizustehen. Roderick Usher macht auf seinen Freund einen miserablen Eindruck, er wirkt nervlich stark angespannt, wenn nicht geisteskrank. Rodericks Zwillingsschwester, Lady Madeline, stirbt und wird im Keller des Hauses aufgebahrt. Nachdem der Erzähler seinem Freund eine Geschichte vorgelesen hat, wird Rodericks geistiger Zustand noch bedrohlicher. Er gesteht, dass er seine Schwester im Keller des Hauses lebendig begraben hat. In diesem Moment erscheint die totgeglaubte Madeline, sie wirft sich auf ihren Bruder, der augenblicklich aufgrund des Schocks tot niedersinkt. Der Erzähler reist sofort ab und sieht hinter sich, wie das Haus Usher auseinanderbricht und in dem See, der es umgibt, versinkt.

Khalils Rhapsodie ist – in Anlehnung an das Komponieren von Philip Glass – minimalistisch. Dabei neigt die Gitarre mit ihrer klanglichen Vielfalt dazu, dem Hörer eine Art Polyphonie vorzugaukeln, auch, wenn sie nicht in den Noten steht. Das kühl Repetitive, das die Stücke von Philip Glass kennzeichnet, wird bei Khalil stark abgeschwächt, es erhält buchstäblich eine neue Dimension.

Von Eugene Ysaÿe (1858–1931) hören wir zwei Sätze aus seiner Violinsonate Nº 2 op. 27, die sich beide mit Vorlagen von Johann Sebastian Bach befassen. Gleich der erste Satz, der mit „Obsession“ überschrieben ist, beginnt mit einem wörtlichen Zitat aus Bachs dritter Partita BWV 1006 für Violine solo.

Gaspar Cassadó (1897–1966) war selbst erfolgreicher Cellist, als solcher Professor an der Musikhochschule in Köln und so sind heute seine Cellosuite und sein Konzert für Violoncello und Orchester seine bekanntesten Werke … vielleicht die einzigen, die überhaupt noch hie und dort gespielt werden. Aus seiner Cellosuite spielt Khalil zwei Sätze und lässt die Sardana, die Andrés Segovia berühmt gemacht hat, aus. Segovia hat, nebenbei bemerkt, auch Cassadós Cellokonzert auf der Gitarre gespielt und vielleicht auch dieses Werk vor dem Vergessenwerden bewahrt.

Sechs „Balkan Miniatures“ von Dušan Bogdanović folgen. Sie sind das Gitarristen vertrauteste Werk des CD-Programms und sicher auch Dušans am häufigsten gespielte Komposition. Danach gibt Jonas Khalil Malcolm Arnolds „Fantasy“ op. 107.

Diether Steppuhn schließt seine sleeve-notes für die „Debut“-CD mit diesem Satz: „Mehr Dur als Moll tut schließlich not in einer ohnehin immer dunkler werdenden Zeit …“ Dabei bezieht er sich nicht auf das vorherrschende November-Wetter, sondern sicher den politischen Rechtsruck, der fast überall in Europa zu beobachten ist … und der auch Künstler und ihre Arbeit bedroht. Noch dürfen wir Musik aus aller Herren Länder hören und schätzen … in Dur und in Moll. Aber wer weiß, wie lange noch? 

Jonas Khalil spielt die beschriebene Auswahl an europäischer Musik nicht, wie man das von einem Debütanten erwartet. Das Befürchten, ob der Solist die nächste Kurve noch mit Anstand und ohne Blessuren hinter sich bringt, sie muss man bei ihm nicht haben! Auch nicht die Furcht, dass er ob seiner Jugend schneller, virtuoser oder „eigenwilliger“ zu spielen versucht, als seine Mitbewerber. Im Gegenteil, wenn Jonas Khalil in Stromschnellen gerät, passiert er sie mühelos … zu mühelos manchmal; ganz, als wären sie keine besondere Erwähnung wert. Das Spiel, das er favorisiert, ist ein expressives, ausdrucksschweres und schließlich hat er dieser Vorliebe entsprechend auch das Programm seiner ersten CD ausgewählt. Sein Plattendebut jedenfalls ist dem jungen Künstler glänzend gelungen!