Giuliani pop

COEUR Airs de Cour FrancaisCŒUR – Airs de Cour Français de la Fin du XVIe Siècle
Le Poème Harmonique, Vincent Dumestre
Werke von Girard de Beaulieu (ca. 1540–1590), Pierre Guédron (ca. 1565–1620) Jean Boyer (vor 1600–1648) u.a.
Aufgenommen im Februar und Juni 2015, erschienen 2016
ALPHA 213, im Vertrieb von
Note-1
… alles in immer gleicher Ausgewogenheit und Balance …

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Die Werke, die man auf dieser CD hören kann, sind ausnahmslos zwischen 1570 und 1600 entstanden, der Zeit des sich breitmachenden Humanismus. In England waren das Lautenspiel und lautenbegleitete Airs (oder Ayres) binnen kurzer Zeit so populär geworden, dass beispielsweise John Dowland (1563–1626) sein „First booke of songes or ayres“ von 1597 gleich viermal nachdrucken lassen musste. In Frankreich wurde der Air de Cour populär[!], der eigentlich nur dem Namen nach an Höfen gepflegt wurde, sonst aber auch höchst weltliche und bourgeoise Geschmäcker bediente. Volkslieder, Trinklieder gar, Liebeslieder und Vaudevilles … im Air de Cour sind viele volkstümliche Musikstile zusammengeflossen, mit Ergebnissen auch, die eher als derb oder grob durchgehen wie der anonyme Air „Allons Vieille Imperfaite“, von dem hier nur eine von fünf Strophen wiedergegeben wird:

Allons vieille imperfaite, Vieille il vous faut sortir,
Vous estes si infecte qu’on ne vous peut sentir,
Sortez à la pareille, videz ceste maison,
Branlez le fesson la vieille, branlez le fesson.

[Nun denn, ihr abgetakelt‘ Schachtel,
Alte, ihr müsset hier heraus,
Ihr stinkt ja so abscheulich,
Dass man Euch gar nicht riechen möcht.
Heraus nun gleich,
Leert dieses Haus,
Und rühret Euern Arsch!]

Den Terminus „Air de Cour“ hat übrigens der Lautenist und Musikverleger Adrian Le Roy (1520–1598) als Erster benutzt – gleichzeitig war er der Verleger, der zusammen mit seinem Partner Robert Ballard – die ersten so bezeichneten Kompositionen in einem Buch herausbrachte. Es kam 1571 heraus und hieß „Livre d'Airs de Cour, miz sur le luth“ … und sollte weitaus nicht das letzte seiner Art bleiben. Der neue Air erwies sich als sehr beliebt in ganz Frankreich und, mit übersetzten Texten, auch in Nachbarländern.

Vincent Dumestre, der Leiter des Ensembles „Le Poème Harmonique“ ist derjenige, der vierchörige Gitarre und Theorbe auf der vorliegenden CD ins Spiel bringt. Zupfinstrumente waren schließlich in der Frühzeit des Air de Cour bevorzugte Begleitinstrumente – nicht nur in Frankreich! Für die Komponisten der Florentiner Camerata und Begründer der Monodie und schließlich der Oper waren Theorbe und Chitarrone die bei weitem favorisierten Instrumente für den Generalbass, der sich gerade als beherrschende Kompositionstechnik etablierte und über hundert Jahre bleiben sollte.

Die CD „CŒUR“ ist ein Vergnügen der besonderen Art! Nicht nur sind Gesangssolisten und Instrumentalisten von höchster Qualität, sie haben auch – zusammen mit Autoren, Tontechnik und Grafik-Design – ein perfektes Paket geschnürt … wäre da nicht noch die Frage zu klären, ob „Air de cour“ ein maskulines oder ein feminines zusammengesetztes Substantiv ist. Heißt es also „der“ oder „die Air de cour“? „Das Air de cour“ kann es nicht sein, weil es im Französischen keinen neutralen Genus gibt.

Das Nomen „Air“ ist maskulin, es muss also „der Air de cour“ heißen, auch, wenn das uns Deutschsprechenden holprig vorkommt. In den Booklet-Texten beider beteiligter Autoren (Vincent Dumestre und Thomas Leconte) heißt es übrigens in der deutschen Übersetzung: das Air de cour!

Doch noch ein paar Worte zu Le Poème Harmonique, Vincent Dumestre und ihrer Aufnahme: Die Sänger stellen die Vielfalt des Air de cour, wie sie sich im 17. Jahrhundert entwickelt hat, mit großer Leidenschaft, Phantasie und manchmal auch „Mut zur Hässlichkeit“ dar. Nehmen wir zum Beispiel den oben zitierten Air um die „vieille imperfaite“. Da hört man keinen kultivierten Sänger, der Marc Mauillon sehr wohl ist, sondern einen versoffenen Krakeeler. An anderer Stelle gibt es tänzerische airs, rückbesinnend kontrapunktische … und alles in immer gleicher Ausgewogenheit und Balance. Irgendwie fehlt mir manchmal etwas „Hausmusikatmosphäre“, der Duft von Improvisation und Spontaneität … aber alles gleichzeitig geht halt nicht! Und noch einmal: Die CD „CŒUR“ ist ein Vergnügen der besonderen Art!