Giuliani pop

Lislevand Rolf La MasceradeRolf Lislevand (Barockgitarre und Theorbe)
„La Mascarade“
Werke von Robert de Visée und Francesco Corbetta
Aufgenommen im April 2012, erschienen 2016
ECM New Series 2288, im Vertrieb von Universal Music/Deutsche Grammophon
… „La Mascarade“ ist ein royales Vergnügen, das auch Sie sich gönnen sollten! …

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Robert de Visée (ca. 1655–1732/3) und Francesco Corbetta (ca. 1615–1681) haben sich gekannt, das wissen wir. Mehr noch: Der eine, de Visée, hat bei dem anderen seine musikalische Ausbildung erhalten und ist später sein Nachfolger als Spieler von Gitarre und Theorbe am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. geworden. Die beiden Zupfinstrumente gehörten zur höfischen Musik und wurden, je nach Verwendungsort und -zeit, eingesetzt.

Der Italiener Corbetta, war 1656 nach Paris gekommen, wo er als Francisque Corbette bekannt wurde. Er galt als einer der besten und berühmtesten Gitarristen seiner Zeit und veröffentlichte fünf Tabulaturbücher mit Kompositionen … die berühmtesten davon waren die beiden unterschiedlichen Auflagen von „La Guitarre Royalle“ von 1671 und 1674.

Über Robert de Visée muss hier niemand aufgeklärt werden, er war eine Berühmtheit … und ist es immer noch. Die eine oder andere Stückfolge aus seinem Œuvre für Gitarre wurde in neuer Zeit schon gespielt, als noch niemand daran dachte, sich mit der fünfchörigen Barockgitarre zu beschäftigen. Mit einer „Suite d-Moll“ von Robert de Visée reiste Andrés Segovia um die Welt … mit dem Erfolg, dass tout Paris sie in der Folge spielte und zahlreiche Gitarristen sich gemüßigt sahen, Neuausgaben dieses Werkes herauszugeben – für moderne Gitarre natürlich, ob es nun passte oder nicht – und mit den üblichen Eigenmächtigkeiten, für die sich Herausgeber damals einen Namen machten.

Als die ersten Musiker moderner Zeitrechnung begannen, Musik für Barockgitarre auf Barockgitarren zu spielen und sich mit der entsprechenden Aufführungspraxis zu befassen, begann man schließlich zu verstehen, dass man an den Gitarrenwerken von de Visée vieles nicht verstanden und sie entsprechend auch unzulänglich aufgeführt hatte. Das Wechseln zwischen den Anschlagskulturen „Rasgueado“ und „Punteado“ beispielsweise, entartet auf einer modernen sechssaitigen Gitarre leicht zu Flamencotechniken, kommt vielleicht tatsächlich auch dorther … und ist dennoch weit entfernt davon. Louis XIV. hat, so ist es überliefert, Robert de Visée oft als Musiker zu der am Hofe üblichen Zu-Bett-gehe-Zeremonie, dem „Coucher“, geladen – undenkbar für einen „modernen“, auf Lautstärke und Tempo getrimmten instrumentalen Leistungssportler heutigen Formats! Es gab „Rasgueado“ – aber auf einer Barockgitarre brachte und bringt dieses Spiel klingende Pastellfarben hervor und keine glänzenden Lacke wie beim Flamenco.

Und überhaupt: Wie viele Komponisten für Barockgitarre sind uns heute noch bekannt? Und von wem sind uns Stücke überliefert, die noch gespielt werden? Die eine oder andere Petitesse von Gaspar Sanz hört man noch gelegentlich … aber die kennen die meisten eher aus Rodrigos „Fantasía para un Gentilhombre“. Seltener noch hört man Stücke von Guerau, Roncalli oder Corbetta. Und gelegentlich gibt es Überraschungen, Angelo Michele Bartolotti war eine davon. Lex Eisenhardt hat ihn entdeckt und seine Musik für unsere Zeit aufbereitet.

Nun war de Visée nicht nur Gitarrist. Rolf Lislevand präsentiert auf seiner CD von ihm sogar nur Stücke für Theorbe … und die sind – im Gegensatz zu seinen Gitarrenwerken – ausschließlich handschriftlich überliefert. Alle Gitarrenstücke der CD sind von Corbetta – bis auf zwei kleine „Intros“ und ein „Exit“ von jeweils rund einer Minute Dauer … improvisiert vom Interpreten Rolf Lislevand. Es sind kleine Stücke zur Überleitung, wie sie in der Barockzeit von de Visée und Kollegen vermutlich auch in den Spielfluss eingeflochten wurden.

Robert de Visées Kompositionen für Theorbe sind vergleichsweise große Werke; royale Werke, deren Pracht auch heute niemandem verborgen bleibt. Nicht einmal an Hörern des 21. Jahrhunderts gehen Glanz und Gloria von Louis XIV. und von Versailles vorbei. Und natürlich war all das Ausdruck des uneingeschränkten Absolutismus, für den der Sonnenkönig in besonderem Maß steht. Der Satz „L’État c’est moi!“ (‚Der Staat, das bin ich!‘) allerdings ist ihm fälschlicherweise zugeschrieben worden. Im Gegenteil soll er auf dem Sterbebett gesagt haben: „Je m'en vais, mais l'État demeurera toujours!“ (‚Ich gehe, aber der Staat bleibt für immer!‘).

Die Musiker in Ludwigs Diensten gehörten zu den besten, die in Frankreich und den Nachbarländern tätig waren und die Musik diente nicht nur der Unterhaltung, sondern insofern politischen Zielen, als sie für die Überlegenheit und Kultur ihrer königlichen Auftraggeber bürgen sollte.

Die unterschiedlichen Musiken dieser CD (Musik für fünfchörige Gitarre und Theorbe) waren für jeweils unterschiedliche Konsumenten verfasst – das sieht man schon daran, dass die Gitarrenstücke in gedruckter Form herausgekommen sind und die Werke für Theorbe nur handschriftlich vorliegen. Natürlich wurde die Barockgitarre auch von professionellen Musikern gespielt, sie war aber spieltechnisch weniger anspruchsvoll als Theorbe und andere Lauteninstrumente und wurde auch von Amateuren gespielt … für die schließlich die Ausgaben gedruckt wurden. Die Kompositionen für Theorbe sind anspruchsvoller in jeglicher Hinsicht.

Rolf Lislevand spielt die eher leichtgewichtigen Gitarrenstücke mit der gleichen Überzeugungskraft wie die anspruchsvollen, aber nie gestelzt daherkommenden „großen“ Werke für Theorbe, deren Format sich schon im Tonumfang des Instruments widerspiegelt, für das sie geschrieben sind. Es sind einfach unterschiedliche Formate!

Lislevand spielt die Theorbenstücke nicht, er zelebriert sie. Er kommt nirgends ins Eilen, sondern entfaltet genüsslich die Weite, die beispielsweise das Stück „Les Sylvains de Mr. Couperin“ ausstrahlt … und das namengebende Rondo „La Mascarade“? Dieses kleine Stück entfaltet, wie man es von einem Rondo erwartet, eine gewisse Virtuosität, die aber von allem, was man über Tempo und Brillanz denken mag, absticht. Rolf Lislevand spielt raffiniert und blumig, ausgefeilt und elegant, als gehörten wir, seine Zuhörer, dem verwöhnten französischen Hochadel an, für den die Musik schließlich geschrieben ist und der nicht ununterbrochen mit Musik berieselt worden ist … wie wir das heute zu beklagen haben. „La Mascarade“ von Rolf Lislevand ist ein royales Vergnügen, das auch Sie sich gönnen sollten!