Giuliani pop

Gardel AusgabeCarlos Gardel für Gitarre
bearbeitet von Dietmar Kreš
Wien 2015, Doblinger 35 955
ISMN 979-0-012-30387-2, € 13,95

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Carlos Gardel (1890–1935) als Tangokönig zu feiern, hieße, Eulen nach Athen oder den Karneval nach Köln zu tragen. Er, Gardel, war in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts der Tango schlechthin. Er verkörperte den in Europa gelegentlich als schlüpfrig verpönten Tanz wie kein anderer, er war – na ja! – der Tangokönig seiner Zeit!

Noch vor ein paar Jahren und vielleicht heute noch schwärmt man in Buenos Aires: „Carlos Gardel ist wunderbar, er singt von Jahr zu Jahr besser“ … nur ist der legendäre Tangosänger schon seit über sechzig Jahren tot. Seine Platten werden allerdings von Jahr zu Jahr auf technisch immer ausgereiftere Art neu herausgegeben. Also: Carlos Gardel lebt! Sicher ist er auch mindestens mitverantwortlich dafür, dass der Tango als „Tango argentino“ in die Musikgeschichte eingegangen ist … dabei liegen die Häfen von Buenos Aires und Montevideo auf zwei Seiten desselben Flusstrichters der Flüsse Paraná und Uruguay, genannt Rio de la Plata oder „Silberfluss“. Die Schiffe also, mit denen die Desperados aus Europa ankamen, um in der Neuen Welt ihr Glück zu suchen und die schließlich in den Kneipen und Bordellen der Hafenstädte Trost fanden, konnten ebenso in Montevideo wie in Buenos Aires Station machen … den Tango nennen die Musik-Ethnologen heute auch nicht mehr „Tango argentino“, sie nennen ihn „Tango rioplatense“ … und sind damit nicht nur „politisch korrekter“, sondern irgendwie „gerechter“. Schließlich ist der Tanz das Produkt dessen, was wir heute als Integration bezeichnen.

 

Hauptsächlich Männer waren es, die vor rund hundert Jahren aus Europa kamen, um ihr Glück zu suchen … aber nur wenige fanden es. Mit dem letzten Geld kauften sie eine Schiffspassage, um schließlich festzustellen, dass in der Neuen Welt auch nur mit Wasser gekocht wurde.

Ein halbes Jahrhundert später kamen wieder Europäer (besonders Deutsche) nach Argentinien, Paraguay und Uruguay … viele von ihnen hatten unverschämtes Glück und konnten – ohne entdeckt zu werden – Jahre in Südamerika leben. Und doch: Der eine oder andere von ihnen wurde gefasst und – teilweise Jahrzehnte nach ihren unsäglichen Verbrechen – zur Verantwortung gezogen. Einer endete 1962 an einem Galgen in der Nähe von Tel Aviv: Adolf Eichmann.

Aber natürlich waren die meisten Einwanderer, die zur hohen Zeit des Tangos an den Rio de la Plata kamen, keine Verbrecher, die sich versteckten – die waren sicher auch darunter, aber es waren Menschen, die nach nichts anderem suchten, als nach Überlebenschancen. Und sie wollten sich in ihrem Kummer und ihrer Verzweiflung amüsieren. Der Tango half!

Dietmar Kreš hat aus den vielen Kompositionen von Carlos Gardel eine Auswahl an Stücken getroffen und sie für Gitarre solo arrangiert. Es sind, wie man im Inhaltsverzeichnis sehen kann, nicht nur Tangos, sondern auch Tango-canciónes und lateinamerikanische Tänze, wie zum Beispiel die argentinische Zamba (nicht „Samba“, die aus Brasilien stammt) „Criollita de mis amores“. Aber alles sind Stücke, die unverkennbar vom Rio de la Plata, aus Catamarca, Córdoba oder Montevideo sind. Und alle haben sie etwas mit dem Tango zu tun und alle strahlen sie Frohsinn auf der einen und Melancholie und auf der anderen Seite aus.

Die Bearbeitungen von Dietmar Kreš sind „klassisch“, mit Fingersätzen und allem, was Gitarristen unserer Zeit benötigen. Aber, was wichtiger ist, sie klingen nicht wie Etüden von Sor oder Aguado, sondern wie Tango … wenn man sich auf sie einlässt! Sie sind nicht unbedingt leicht zu spielen, aber sie hat ein Musiker eingerichtet, der sein Instrument, die Gitarre, kennt und den Tango und der weiß, wie man Musik gebrauchsbereit einrichtet.

Eine CD mit Klangaufnahmen liegt der Ausgabe nicht bei, mit zwei Aufnahmen sind alle Titel aber über Youtube zu hören, gespielt vom Herausgeber Dietmar Kreš (verlinkt). Für „Criollita de mis amores“ bringt einen der Link dafür zu einer Originalaufnahme von Carlos Gardel.

Por una cabeza (Tango-canción)

Rubias de New York (Foxtrot)

Quando tú no estás (Canción)

Volver (Tango)

El día que me quieras (Canción)

Melodía de arrabal (Tango-canción)

Criollita de mis amores (Zamba)