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Alexander Vetrov: Solo Works for Russian Guitar
Mårten Falk, Gitarre
Aufgenommen im Oktober 2015, erschienen 2016
Gitarre: (acht- statt siebensaitig) von Per Hallgren, 2007
db Productions, Sweden db CD 169, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
ein verlässlicher Musiker und Entdecker

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Alexander Vetrov Guitar Works CDDie „Russische Gitarre“ war siebensaitig, das wissen wir! Und sie ist seit der Oktoberrevolution in Russland verpönt bis verboten, weil sie als Inbegriff bourgeoisen Denkens galt. Da war Alexander Vetrov (1812–1877) schon vierzig Jahre tot.

Vetrov wird beispielsweise von Oleg Timofeyev – von ihm stammen die Booklet-Texte der vorliegenden CD von Mårten Falk – allerdings sehr geschätzt, dabei erscheint sein Name weder in dem Artikel über „Die Gitarre in Rußland“ von Józef Powroźniak (Gitarre & Laute I/1979, Heft 6, S. 18–24) noch in den diversen Gitarrenlexika des gleichen Verfassers. Ragossnig (Handbuch der Gitarre und Laute, letzte Auflage, Mainz u.a. 2003) erwähnt ihn nicht und bei Editions Orphee, wo – herausgegeben von Matanya Ophee – unter dem Titel „Russian Collection“ eine stattliche Reihe mit russischen Kompositionen für siebensaitige Gitarre erschienen ist, gibt es gerade einmal eine „Valse Lente“ von Alexander Vetrov (Heft VII).

Alexander Vetrov hat anscheinend von dem großen „Gitarrenboom“, den es auch in Russland gegeben hat, nicht profitieren können. Er studierte in Moskau, wurde Arzt und spielte zu seinem eigenen Vergnügen Gitarre und komponierte Stücke für sein Instrument. Musikalische Vorbilder hatte er freilich … und das waren keine Gitarristen. Timofeyev berichtet von Vetrovs Verehrung für Beethoven, die freilich nicht wirklich erstaunt, in seinem Fall aber – dem Vernehmen nach – beherrschend war. „Vetrov’s musical taste was completely dominated by the charme of Beethoven“ schreibt er. Vetrov soll Partituren von Beethoven Takt für Takt gelesen und dabei ihre Kompositionsweise studiert und aufgesogen haben … und tatsächlich: Das „Impromptu C-Dur“ (zum Beispiel) lässt die eine oder andere Klaviersonate des Bonner Komponisten im Hintergrund durchklingen. Nicht, dass Vetrov Beethoven kopiert hätte, keineswegs, aber er hat die Musik seines künstlerischen Vorbilds so verehrt, dass er sich an ihr orientiert hat. Er, Beethoven, „was the most celebrated composer of his time“ (Timofeyev) – kein Wunder also, dass es Epigonen einerseits und kongenial schöpferische an ihm orientierte Komponisten andererseits gab. Dies ist nun mal seit Jahrhunderten die typische und immer wieder neu erprobte Weitergabe von künstlerisch Erreichtem und gleichzeitig dessen Infragestellen und Weiterentwickeln.

Aber wie hat Vetrov versucht, seinem Vorbild künstlerisch nahezukommen? Beispielsweise hat er größerformatig komponiert, als seine italienischen und spanischen Zeitgenossen der Gitarre – nicht nur, was den Umfang seiner Stücke angeht, sondern auch den harmonischen Rahmen. Homophone Akkordreihen, wie man sie aus der Klaviermusik kennt, hört man da … und wieder fühlt man sich an Beethoven erinnert. Auch präsentiert Vetrov erschütternde Gefühlsausbrüche … wie in seinem „Andante ma non tanto e con tristezza“, von dem Timofeyev schreibt, es erinnere ihn an „such vocal »tear-jerkers«, that one almost hears lyrics in the guitar’s sorrowful singing.“ Und tatsächlich werden hier Gefühlsebenen stimuliert, die in der Gitarrenmusik der „großen Zeit“ zu Anfang des 19. Jahrhunderts nicht vorkamen. Romantik vs. Klassik? Beethoven vs. Mozart? Oder vielleicht doch „russische Seele“ vs. Spätaufklärung?

Mårten Falk muss man danken für diese CD und dafür, dass er uns die Musik von Alexander Vetrov zu Gehör bringt. Die kleine „Valse Lente“ (Take 2 der CD) kann ich Gitarristen empfehlen, die einmal große Romantik spielen möchten … mehr Stücke in moderne Ausgaben scheint es nicht zu geben. Sie (die Valse) ist in Heft VII der „Russian Collection“ bei Editions Orphee veröffentlicht – und die gibt es bei Amazon.

Mårten spielt schön und unaufgeregt … wenngleich nicht immer makellos. Aber immerhin liefert er für ein beträchtliches und anspruchsvolles Repertoire als erster Interpret unserer Zeit klingende Vorlagen. Das ist ebenso spannend wie riskant. Aber Mårten ist bekanntlich ein verlässlicher Musiker und Entdecker.