Giuliani pop

Baroque Lute in Vienna Hofstoetter CDBernhard Hofstötter: The Baroque Lute in Vienna
Werke von Georg Muffat, Jacques Bittner, Denis Gaultier, Angelo Michele Bartolotti, Wolf Jacob Lauffensteiner u.a.
Aufgenommen im Juli 2014, erschienen 2015
Laute: 13-chörige Barocklaute von Martin Hurttig, Leipzig 2013
Brilliant Classics 95087
… Hofstötter führt genüsslich und nicht belehrend durch die letzte aktive Phase von Laute und Lautenmusik …

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Bernhard Hofstötter spielt Stücke des einen oder anderen bekannten Wiener Lautenisten, darunter Wolff Jacob Lauffensteiner und Karl Kohaut, in dem von ihm präsentierten Repertoire finden sich aber auch Namen, die man eher nicht mit der Laute in Verbindung gebracht hätte. Zu ihnen gehören Christoph Willibald Ritter von Gluck und ein Monsieur Bertelli. Letzterer ist in der gesamten Branche unbekannt, nicht einmal seinen Vornamen findet man in der einschlägigen Literatur, auch keine Antwort auf die Frage, ob er mit dem Wiener Hofmusiker Antonio Bertali (oder Bertalli, 1605–1669) verwandt war. Er war es offenbar nicht, interessant war aber mein Blick ins Werkverzeichnis von Antonio Bertali trotzdem, weil sich da eine Sonata per camera für zwei Violinen und Violen und Gitarre findet, auf die bisher niemand aufmerksam gemacht hat (MGG2, Personenteil Band II, Sp. 1431).

Von Heinrich Ignaz Franz von Biber steht noch eine Passacaglia im Programm, die ursprünglich auch nicht für Laute komponiert ist … wie bei allen Adaptionen informiert Bernhard Hofstötter aber über die ursprüngliche Besetzung: „Biber ist bisher nicht als Komponist von Lautenmusik bekannt. Allerdings findet sich in der Manuskriptsammlung des Stifts Kremsmünster auch eine Lautenbearbeitung einer Passacaglia von Biber. Dieses Stück ist von bescheidenem Umfang und meilenweit von der tief bewegenden Schönheit der Passacaglia aus den Rosenkranzsonaten entfernt. Letztere stellt sich als problemlos auf der Barocklaute spielbar heraus [ … ] Sie, die fürwahr erschütternde Passacaglia aus Bibers Rosenkranzsonaten spielt Bernhard Hofstötter zum Abschluss seines Programms. Was dieses Musikstück angeht, kann man geteilter Meinung sein, ob es die Transkription unbeschadet überstanden oder ob es sogar dazugewonnen hat, sicher! Allerdings über die Frage, ob es mit Hofstötter einen kompetenten und verantwortungsbewussten Interpreten gefunden hat, über sie bin ich nicht bereit zu verhandeln. Es hat nämlich! Die „tief bewegende Schönheit“ erstrahlt auch ohne Gunnar Letzbor und sogar ohne Reinhard Goebel!

Die CD hält noch andere Überraschungen und Rätsel bereit! „Folies d’Espagne“ zum Beispiel, die man weder im Land der Habsburger (so umfassend es auch sein mochte) noch im späten 18. Jahrhunderts vermutet hätte oder auch die „Gigue de Angelis de Rome“ von Angelo Michele Bartolotti.
Bartolotti? Der war „eigentlich“ Gitarrenvirtuose und Komponist und schon nach 1668 verstorben. Aber Hofstötter meint, bei „Angelis de Rome“ handle es sich „nach überwiegender Auffassung um Bartolotti.“

Diese CD bietet ein ebenso buntes wie interessantes Programm! Hofstötter beweist sich als Wissenschaftler und Musiker … dazu als geschickter, generöser und sensibler Präsentator dessen, was er seinen Zuhörern vermitteln möchte. Es ist die Farbenpracht und Vielfalt der Lautenmusik zu einer Zeit, als sie schon als besiegt und verstummt galt. Zugegeben, es sollte nicht mehr lange dauern, dass die Laute aus öffentlichen Konzerten verschwand – aber beispielsweise die Sonata D-Dur von Karl Kohaut (1726–1784), die Hofstötter seinen Hörern vorführt, beweist, dass es zu Zeiten, als die Bachsche Strenge in der Musik längst überlebt war, noch (oder wieder) Lautenmusik gab. Er, Bach, war ein „Esoteriker; der sich bewusst vor der Welt verschloss und daraus kompositorische Konsequenzen zog“ [Dahlhaus]. Wenn man zum Beispiel das spritzige, elegante Allegro aus der Kohaut-Sonate hört, erlebt man ein Bespiel dafür, dass die Musikwelt sich in einem stilistischen Wandel befand, einem Wandel vom Barock hin zur Klassik, für den sich aber noch kein verbindlicher Name etabliert hat. Ist es der „Galante Stil“, oder der „Empfindsame“? Oder gar die Vorklassik? Bernhard Hofstötter hat seinen Hörern diese Frage aufgegeben … und keine Lösung mitgeliefert, was die CD in ihrer Vielfalt zu etwas Besonderem macht. Die „Dernière Courante de Gautier“ ist noch sehr im französischen Barock gebunden, im „style brisé“, während Lauffensteiner ihm weit voraus war – nicht nur kalendarisch. Gluck, der Späteste von allen (1714–1787), ist vier Jahre vor der Uraufführung der Zauberflöte gestorben und dennoch irgendwie dem Barocken verbunden.

Hofstötter führt genüsslich und nicht belehrend durch die letzte aktive Phase von Laute und Lautenmusik … gemeint ist natürlich die Zeit, als das Instrument noch in ununterbrochener Tradition Teil des Musiklebens war. Heute ist es das wieder und daran sind Musiker wie Bernhard Hofstötter mit ihrem Unternehmungsgeist nicht unbeteiligt!