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Nordberg Theorbe und LauteJonas Nordberg, Theorbo & Lute
Werke von Robert de Visée, Silvius Leopold Weiss und François Dufaut
Aufgenommen im Dezember 2014 und März 2015
Barocklaute (2012) und Theorbe (1998) von Lars Jönsson
eudora records SACD 1502, im Vertrieb von Challenge Records
… Und tatsächlich: Es war nicht unmüglich! …

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Jonas Nordberg präsentiert und zelebriert zwei riesige Instrumente des Barock – riesig, was ihr Format angeht, ihre klangliche Macht und schließlich ihre musikalische Bedeutung. Beides sind Lauteninstrumente, Barocklaute und Theorbe. Wir wissen, dass diese Instrumente eine höchst gloriose Geschichte hinter sich hatten, als Weiss und de Visée für sie komponierten, wir wissen aber auch, dass sie zu dieser Zeit immer mehr an Bedeutung verloren. 1802 schrieb Heinrich Christoph Koch in seinem „Musikalischen Lexikon“ über die Laute nur noch bedauernd: „Dieses ehedem so beliebte Instrument, welches als das angenehmste unter den Saiteninstrumenten gehalten wurde, scheint seit geraumer Zeit in Vergessenheit zu sinken.“

 

Aber als die drei Komponisten, von denen Jonas Nordberg Werke für seine erste Solo-CD ausgesucht hat, tätig waren, standen Laute und Theorbe noch in hohem Ansehen. Nordberg beginnt sein Programm mit einer Suite für Theorbe von Robert de Visée (ca. 1660–1732) … und gleich mit den ersten Tönen des Prélude entführt er seine Zuhörer in die Pracht und Herrlichkeit von Versailles … wo Visée als von Louis XIV. (1638/1643–1715), dem Sonnenkönig, bevorzugter Spieler von Laute, Theorbe und Gitarre in Diensten stand. Es ist die ganz große Geste, die wir in diesem „Pélude non mesuré“ miterleben, eine Ansprache, frei vorgetragen und von imposanter Statur. Jonas Nordberg attribuiert sehr treffend „majestätisch“ im Zusammenhang mit diesem gerade einmal zwei Minuten langen Stück, aber es ist nicht nur der große Klang der Theorbe, der uns nach Versailles versetzt, in Räume, in denen immerhin auch Lully (1632–1687), Couperin (1668–1733), Marais (1656–1728) Charpentier (ca. 1643–1704) und zahlreiche andere musiziert haben. Es ist der neue französische Stil, der „style luthé“ oder „brisé“, der sehr elegant wirkt und sich idiomatisch deutlich von älteren Schreibweisen absetzt. Gespielt wurden Tanzfolgen (Suiten), in die gelegentlich mit Überschriften versehene Genrestücke eingearbeitet waren, auch Tombeaux (Beispiele auf der CD: „Rondeau »La Mascarade«“ oder „Tombeau des Mesdemoiselles“ von de Visée und „Tombeau de Mr. Blancrocher“ von Dufaut).

Das Lautenspiel wurde zu dieser Zeit gewöhnlich stark mit Verzierungen (agréments) durchsetzt, und die Diktion tendierte immer mehr zu dem geschmeidigen gebrochenen Stil, an dem sich auch die französischen Clavecinisten der Zeit orientierten.

Silvius Leopold Weiss war in seinem Komponieren etwas konservativer, als seine französischen Zeitgenossen Trotzdem fand er bei dem bekannten Hamburger Komponisten und Musikschriftsteller Johann Mattheson, der unermüdlich das Ende der Laute herbeiredete und -schrieb, Anerkennung: Mattheson meinte, man berichte „… von einem Weisen Lautenisten [von einem Lautenisten namens Weiss] /daß er ein perfecter Musicus sey. Wenn dem also/so glaube ich/daß ein solcher Sachen auf der Lauten machen könne/davor der gantze Lautenschläger-Schwarm erstaunen möchte/daß solches nicht unmüglich …“ („Das Neu=Eröffnete Orchestre“, Hbg. 1713, S. 276) Und tatsächlich: Es war nicht unmüglich!

Von Weiss sind fünf Einzelsätze zu hören: Prélude–Fuga–Prélude–Ciaconna–Fantasie. Schon die Satzfolge lässt des Komponisten Verbundensein mit eher traditionellen Formen und Schreibweisen ahnen, allerdings war der französische Weg für die Lautenmusik nur einer der möglichen. Weiss hat sehr wohl gewusst, was von seinen Nachbarn komponiert oder geschätzt wurde und er hat Anregungen umgesetzt. Es war eine Zeit revolutionärer Umstürze, was die Musik angeht, und da ist vieles versucht worden.

Französische Lautenmusik des Barock neigt dazu, auf ihre Zuhörer manieriert zu wirken – und zwar leider besonders dann, wenn sie von Musikern, die der „historischen Aufführungspraxis“ verpflichtet sind, gespielt wird. Gründe sind das „scharfe Punktieren“, um Spannung auf die Spitze zu treiben; ein Auskosten von Vorhalten (mit dem gleichen Ziel); sehr freies Fabulieren und Fantasieren; die Wahl übersteigerter Tempi wie auch ein Übermaß elaborierter agréments. Stimmt alles! Und doch lebt diese Musik erst dann, wenn sie so gespielt wird! Jonas Nordberg weiß das und macht alles richtig – dabei benutzt er keine außergewöhnlichen oder überdrehten Spielweisen, um die Aufmerksamkeit von der Musik auf sich zu leiten. Im Gegenteil hantiert er sehr diskret mit Verzierungen, mit Vibrati zum Beispiel, die damals, vor dreihundert Jahren, tatsächlich als Verzierungen eingesetzt wurden und nicht als permanenter klanglicher Puderzucker.

Bei beiden Werkgruppen, der für Theorbe und der für Barocklaute, überzeugen mich die Interpretationen, die Nordberg anbietet … auch bei der Suite von François Dufaut, von der bisher noch nicht die Rede war. Sie enthält übrigens eine „Courante Suédoise“, eine schwedische Courante, von der der Interpret annimmt, dass sie auf Volksmusik seines Heimatlandes Schweden zurückgeht.

Vor mir liegt eine bravuröse Debüt-CD!