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Time Present Time Past

„Mer stelle alles op der Kopp“ (Wir stellen alles auf den Kopf) war das Motto der Session 2015/2016 im Kölner Karneval.

Mahan Esfahani: Time Present — Time Past
Mahan Esfahani, Cembalo; Concerto Köln
Werke von Alessandro Scarlatti, Henryk Górecki, Carl Philipp Emanuel Bach, Francesco Geminiani, Steve Reich, Johann Sebastian Bach
Aufgenommen im September 2014, erschienen 2015
Deutsche Grammophon/Archiv Produktion 479 4481, Koproduktion mit dem Deutschlandfunk, Köln
… nicht wirklich aufregend …

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Als am 29. Mai 1913 im Théâtre des Champs-Elysées in Paris das Ballett „Le Sacre du Printemps“ uraufgeführt wurde, löste dieses Ereignis den „Musikskandal des Jahrhunderts“ aus. Die Balletttruppe „Ballets Russes“ unter Sergej Diaghilev hatte das Stück bei dem jungen Igor Strawinsky (1882–1971) bestellt, der darauf das Pariser Publikum mit einer weitgehend rhythmisch strukturierten Musik schockte. Claude Debussy nannte die Aufführung „Massacre du Printemps“, Jean Cocteau schrieb: „Man lachte, höhnte, pfiff, ahmte Tierstimmen nach, und vielleicht wäre man dessen auf die Dauer müde geworden, wenn nicht die Menge der Ästheten und Musiker in ihrem übertriebenen Eifer das Logenpublikum beleidigt, ja tätlich angegriffen hätte. Der Tumult artete in einem Handgemenge aus“, der compositeur floh durch eine Hintertür.

Als der Cembalist Mahan Esfahani und das Ensemble Concerto Köln am 29. Februar 2016 in der Kölner Philharmonie ein Konzert mit Werken von Henryk Góretzky, Fred Frith, Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach sowie Steve Reich bestritten, kam es nicht zu ähnlich exzessiven Protesten, sondern „nur“ zu einem kleinbürgerlichen Aufbegehren … das allerdings Tage später noch die Lokalpresse beschäftigte. Über die Musik, die an diesem denkwürdigen 29. Februar 2016 aufgeführt worden ist, spricht heute niemand mehr, wohl aber über die Empörung der Konzertbesucher und darüber, wie sie sie geäußert haben.

Was ist passiert? Mahan Esfahani und Concerto Köln haben ein Konzert in der Kölner Abo-Reihe „Sonntags um vier“ gegeben, in der vornehmlich Barock- oder klassische Musik angeboten wird, gelegentlich aber auch neuere Werke, wie Intendant Louwrens Langevoort versichert. Am 29. Februar dieses Jahres sind bewusst barocke Werke und solche des 20. Jahrhunderts zu einem Konzertprogramm verflochten worden – gespielt auf einem (eigentlich) barocken Tasteninstrument und Kammerorchester. Proteste hat es gegeben, als der Cembalist Mahan Esfahani das Stück „Piano Phase“ von Steve Reich gespielt und vorher schon, als er (in englischer Sprache) für Verständnis für diese Komposition geworben hat. Er selbst hat eine der beiden Stimmen gespielt, die zweite wurde per Laptop eingespielt.

Vielleicht ein Wort (in deutscher Sprache) zur Komposition: „Piano Phase“ besteht aus einer aus zwölf Sechzehntelnoten bestehenden Figur, die auf zwei Klavieren ständig wiederholt wird. Einer der beiden Pianisten spielt geringfügig schneller als sein Gegenüber und erreicht auf diese Art Phasenverschiebungen, die sich immer dann, wenn die Differenz eine Sechzehntelnote erreicht hat, in „Unisono-Übereinstimmungen“ auflösen. Die Übereinstimmungen sind allerdings nicht die Momente, auf die „Piano-Phase“ setzt, nein, hier ist – wie in der Musik eigentlich immer – der Weg das Ziel: Es ist das Sich-voneinander-Entfernen, das Sichverlieren, das Spannung erzeugt, die in dem Unisono verlorengeht, sich auflöst. Und die exotischen Muster sind es, die sich da unterwegs bilden, oft nur für Momente … und immer: gewollt aber nicht geplant; Zufallsprodukte. Und jede Aufführung ist anders … was freilich eine Binsenwahrheit ist, weil es in „handgemachter“ Musik nicht anders sein kann. Aber hier? Es ergeben sich immer wieder neue und andere Muster, obwohl Steve Reich, der Komponist, genau vorgegeben hat, in welchem Maß einer der beiden Spieler gegenüber seinem Pendant beschleunigen muss: Er soll nämlich „nach 20–30 Sekunden eine Phasendifferenz von einer Sechzehntel erreicht haben“ (s. Fabian R. Lovisa, minimal music: Entwicklung–Komponisten–Werke, Darmstadt 1996, S. 70) und das ist schlichtweg unmöglich! Auch Lovisa meint, dass sich eine Realisation der ‚Piano Phase’ „mit Näherungswerten begnügen“ müsse (S. 70). Ein genaues Befolgen der Vorgaben ist sogar unmöglich, wenn der Interpret oder die Interpreten, wie es auch Mahan Esfahani getan hat, nicht gegen einen spontan reagierenden und ständig um Ausgleich bemühten Kollegen antreten, sondern gegen eine absolut „taktsichere“ Klangkonserve … und die hieß bei Esfahani Laptop. „Piano Phase für Two Pianos“ müsste also streng genommen „Piano Phase for Piano and Recorded Second Piano“ heißen – und das ist keineswegs inkorrekt oder ehrenrührig! Nur so lassen sich vorgegebene Phasenverschiebungen einhalten … denn Willkür, auch „kontrollierte Willkür“, hat der Komponist schließlich nicht gewollt.

Minimal Music kann faszinieren, ist aber nicht jedermanns Sache! Aber minimal music ist keineswegs beängstigend und „Neue Musik“ ist es erst recht nicht. – Steve Reichs „Piano Phase“ ist 1967 geschrieben … vor fast fünfzig Jahren!

Was die Ablehnung angeht, die das Kölner Publikum der Musik entgegengebracht hat, kann man geteilter Meinung sein. Eine Abo-Reihe mit dem Namen „Sonntags um vier“ hört sich nach „Klassik für Jedermann“ an oder nach „Malen nach Zahlen“ … und das Publikum war vermutlich überfordert, allerdings hat es völlig unerwartet reagiert. Respektlos und unangemessen. Besucher haben unter lautem Protest den Saal verlassen, andere haben sich lautstark beschwert und gestört … und zwar, weil ihnen die Musik und die Kommentare zur Musik nicht gefallen haben. Dabei wäre Unzufriedenheit mit der Qualität der Aufführung durchaus vertretbar gewesen. Was für dieses Sonntagskonzert auf dem Programm stand, konnten die Zuschauer vorher erfahren, dass es aber  werden sollte, nicht einmal das Stück von Steve Reich, das erfuhr man erst am 29. Februar 2016 in der Kölner Philharmonie. Schade!