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Jacques Le Polonois CDJacques le Polonois (ca. 1545/1555–ca. 1605): Pièces de Luth
Paul Kieffer, Laute
Aufgenommen im Mai 2015
Laute von Grant Tomlinson, Vancouver 2014
Ævitas, Æ12157
… ein Vergnügen …

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Die meisten Musikfreunde, die sich mit dem Lautenspiel befassen möchten, machen ihre ersten praktischen Erfahrungen mit „Renaissance-Lauten“. Das sind Lauten in der Gitarre-ähnlichen Quart-Terz-Stimmung mit zwischen fünf und maximal zehn Chören. Für diese Auslegung des Instruments ist – beginnend mit dem frühen 16. Jahrhundert – „hundert Jahre Repertoire“ überliefert … mit der Wende zum 17. Jahrhundert sollte eine neue Zeit anbrechen, allgemein musikalisch und, was die Laute angeht. Sie war nun mindestens acht- bis zehnchörig; ihre Musik wurde nur noch in französischer Tabulatur aufgeschrieben und veröffentlicht und: Die „alte Stimmung“ wurde zwar noch benutzt, sie wich aber zunehmend einer neuen in der Grundstimmung d-Moll. Intavolierungen, die zwischen 1500 und 1600 einen beträchtlichen Anteil des Repertoires ausgemacht hatten, verschwanden und neue, mehrsaitige Mitglieder der Lautenfamilie behaupteten sich: Theorbe, Chitarrone und die „Barocklaute“.

Zum Schluss der gloriosen Zeit der „Renaissance-Laute“ – genau zwischen 1594 und 1617 – erschien eine Reihe umfänglicher, großformatiger Anthologien mit Lautenmusik, herausgegeben beispielsweise von Jean-Baptiste Besard, Robert Dowland, Joachim van den Hove oder Georg Leopold Fuhrmann. In ihnen finden sich Hinweise auf einen Komponisten, der manchmal „Jacob Reis“, bei Dowland „the most famous Iacobus Reis of Augusta“ genannt wird und gelegentlich nur „Jacob“ oder „Mr Iacques Pol[l]onois“.

Robert Dowland scheint den Komponisten mit einem anderen verwechselt zu haben, denn aus Augsburg (Augusta [oder gar Augusta Vindelicum oder Augusta Treverorum, dem heutigen Trier]) stammte Jakob Reis keineswegs … wohl aber Melchior Newsidler. Paul Kieffer bemerkt hierzu im Booklet zu seiner CD, dass auch Besard Fantasien von Newsidler mit solchen von Jacob Reys verwechselt hat.

Nun ist es so, dass heute fast alle Lautenisten den Komponisten Jacob Reis dem Namen nach kennen, weil jeder einmal Robert Dowlands Tabulatur „Varietie of Lute-Lessons“ (London 1610) benutzt hat. Von diesem wichtigen Buch ist schon 1958 bei Schott in London eine Faksimile-Ausgabe erschienen, wohl eines der frühesten Faksimiles von Lautentabulaturen überhaupt, und genau hier finden wir den schon erwähnten Hinweis. Auf fol. F2r–F2v steht eine „Fantasie. 3 | Composed by the most famous Iacobus Reis of Augusta: Lutenist to the most mightie and victorious Henricum 4. Frech King.“ Auf diese Fantasie ist jeder Lautenist irgendwann gestoßen … nur haben die wenigsten sie vermutlich auch gespielt. Ähnlich ist es anderen Kompositionen des Lautenisten gegangen: Von den 28 Stücken des CD-Programms sind 18 Ersteinspielungen! Dabei war Reis, so Paul Kieffer, „einer der bedeutendsten Instrumentalisten des späten 16. Jahrhunderts.
Reys komponierte, als sich Laute und Lautenspiel im Wandel befanden … wobei eine Veränderung die andere bedingte. Der „instrumententypische »aufgebrochene« Stil zur Darstellung von Polyphonie“ sollte erst etwas später als „style brisé“ stilprägend, wenn nicht stilbeherrschend werden, aber einige Stücke von Reys lassen die neue Spielweise mindestens ahnen. Was die Lauten angeht, die er spielte, hat er mit einer sechs- oder siebenchörigen begonnen, ist dann zu einer achtchörigen gewechselt und hat am Ende seines Lebens eine neunchörige Laute gespielt, dabei aber immer „für die ersten sechs Saiten die althergebrachte Lautenstimmung des 16. Jahrhunderts“ verwendet. Dabei war es spätestens seit Antoine Francisques Tabulatur „Le Trésor d’Orphée“ (Paris 1600) üblich geworden, mit Lautenstimmungen zu experimentieren und zu spielen. Francisque war der Erste, der Stücke mit vorangestellten Stimmanweisungen herausgab … bzw. herausgeben musste, weil immer mehr unterschiedliche Stimmungen verwendet wurden: „Pour acorder le Luth a cordes avalées“.

Dafür, dass Paul Kieffer eine Auswahl an Lautenstücken von Jakob Reys eingespielt hat, kann man nur danken! Auch dafür, dass die Musik opulent verpackt ist und von sehr informativen Texten in drei Sprachen begleitet wird. Und schließlich: Es ist ein Vergnügen, Paul Kieffer spielen zu hören. Er erlaubt sich keine Eigenmächtigkeiten, keine Ausreißer und keine Extravaganzen … ohne dabei unengagiert oder gar bürokratisch zu wirken. Er sonnt sich nicht in schönem Lautenton oder in betörend schön gesungenen Melodien wie es Paul O’Dette, dessen Spiel Paul Kieffer nach eigener Aussage zum Lautenspiel inspiriert hat, jetzt vermutlich genüsslich täte. Dafür lässt er die Musik mehr aus sich heraus wirken und tritt hinter sie zurück. Ob Jakob Reys selbst, von dem Henri Sauval („Histoire et recherches des antiquités de la ville de Paris,“ Paris, verfasst vor 1655, veröffentlicht posth. 1724) geschrieben hat „dass niemand je grossartiger zu extemporieren vermochte, als er“ die gleiche, sich selbst vergessende Disziplin an den Tag gelegt hätte, wage ich nicht zu entscheiden … und das ist schließlich auch müßig. Die Reys-CD empfehle ich jedenfalls ausdrücklich, und zwar keineswegs (nur) aus Gründen der Dokumentation oder der Repertoireergänzung.