Giuliani pop

Sanz Laberintos IngeniososGaspar Sanz: Sones de palacio y danças de rasgueado
from Instrucción de Música sobre la Guitarra Española (Zaragoza 1674/75)
Laberintos: Ingeniosos
Xavier Díaz-Latorre, five-course guitar; Pedro Estevan, percussion
Aufgenommen im November 2003, erschienen 2014
Barockgitarre: P Biffin, Armidale/Australia, 1997

cantus c 9630, im Vertrieb von Note 1
So geht Alte Musik!…

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Wie lange hat es gedauert, bis es Musikern unserer Zeit gelungen ist, Musik für Barockgitarre so auf einer Barockgitarre zu spielen, dass ihre Zuhörer den Eindruck hatten, der akustische Output ihrer Bemühungen habe etwas mit irgendwie „authentisch“ wiedergegebener alter Musik (also „Alter Musik“) zu tun und gleichzeitig mit vitaler, lebensnaher Tanzmusik des 17. Jahrhunderts? Lange! Nehmen wir als Beispiel Stücke von Gaspar Sanz, die ja doch immer wieder von „modernen Gitarristen“ (gemeint sind natürlich Spieler moderner, sechssaitiger Gitarren) gespielt und herausgegeben worden sind und um die es schließlich jetzt auch geht.

Ausgaben und Aufnahmen von Gitarrenstücken von Sanz von vor, sagen wir, 1980/90, waren expurgiert, auf ein Minimum zusammengestrichen und gingen gern auf Joaquín Rodrigos „Edelmann-Fantasía“ zurück. Daran ist nichts Verwerfliches, nur haben die Hörerinnen und Hörer auf diese Art nie die Chance gehabt zu hören, wie denn Sanz‘ Musik zu seiner Zeit (vermutlich) geklungen hat.

Dabei stehen uns Quellenfaksimiles zur Verfügung, die – wie die „Instrucción“ von Sanz – mehr als nur Hinweise auf die Aufführungspraxis von Gitarrenmusik im 17. Jahrhunderts enthalten. So lange aber Gitarristen das Sichbefassen mit älteren Spielgewohnheiten als „übertrieben akademische Art der Beschäftigung“ abgelehnt haben wie zum Beispiel Dieter Kreidler und Albert Aigner 1988 in einem Interview [Zupfmusik XLI/1988, S. 109], gab es keinen Weg zu Sanz und seinen Zeitgenossen. Keiner der vielen Versuche, seine Musik auf einer modernen Gitarre zu spielen, ist auch nur annäherungsweise geglückt! Erst Interpretationen auf fünfchörigen Barockgitarren haben uns einen Zugang zur Musik von Gaspar Sanz und seinen Zeitgenossen ermöglicht, und zwar nicht, weil ab sofort die Musik auf „originalen Instrumenten“ gespielt wurde sondern, weil erst das Spiel auf fünfchörigen Gitarren eine Ahnung davon wachsen ließ, wie diese Musik damals, vor rund 350 Jahren, geklungen hatte und wie sie schließlich auch heute klingen musste. Die tänzerische Leichtigkeit und Luftigkeit, die das Spiel des Ensembles Laberintos Ingeniosos ausstrahlt, ist auf einer vergleichsweise schwerfälligen, dumpfen „modernen“ Gitarre nicht zu erreichen … zumal nicht einmal vernünftiges Aufführungsmaterial zur Verfügung steht. Die Ausgaben von Emilio Pujol, Karl Scheit und sogar die von José de Azpiazu und Narciso Yepes kann man als Produkte ihrer Zeit verstehen und sogar gutheißen … aber sie konnten und können nicht mehr, als einen blassen Eindruck von der Musik wiedergeben, die sie beinhalten.

Erst Musiker des späten zwanzigsten Jahrhunderts haben sich von dem Musizieren nach aufführungspraktischen Regeln losgesagt, diese vergessen, um auf der Basis dessen, was sie gelernt hatten, „aus dem Bauch“ zu musizieren. Das setzte einen langen Lernprozess voraus aber: So geht Alte Musik! Die „übertrieben akademische Art der Beschäftigung“, die Kreidler et al. belächelt oder gar abgelehnt haben und die es ja tatsächlich gegeben hat, ist längst Geschichte. Sicher hat auch der emeritierte Wuppertaler Professor inzwischen die Erkenntnisse aufführungspraktischer Forschungen zur Kenntnis genommen und sich einige davon sogar angeeignet. Auf jeden Fall waren es historisch denkende Musiker, denen wir zu verdanken haben, dass wir die wunderbare Musik von Gaspar Sanz heute so hören können, wie sie uns von Xavier Díaz-Latorre und Pedro Estevan präsentiert wird.

Das Booklet der vorliegenden CD ist nicht nur höchst informativ, es ist ein Vergnügen, es zu lesen! Díaz-Latorre schreibt nämlich nicht nur über den Komponisten Gaspar Sanz (und liefert dabei übrigens Informationen, die man nicht einmal in Artikeln der neuesten Auflagen gängiger Musiklexika findet) er klärt auch über die Kompositionen auf und über die Art, wie sie zu Sanz‘ Zeit gespielt und wie nach ihnen getanzt worden ist. Die CD mit „Sones de palacio y danças de rasgueado“ ist also nicht nur ein sinnliches, sie ist auch ein intellektuelles Vergnügen!

Wie weit die Verwendung von Schlagwerk durch Sanz belegt ist, kann ich nicht beurteilen, ich gehe aber davon aus, dass die Musiker von Laberintos Ingeniosos genau wissen, was sie da tun … außerdem ist das Meiste, was wir da hören, Tanzmusik und die lebt bekanntlich von rhythmischen Elementen. Schlagwerk und Barockgitarre, wie wir es da hören, sind eine Einheit!

Auch, wenn es sich bei dem Hauptinstrument dieser CD um die schmalbrüstige, zarte Barockgitarre handelt – die Musik ist ein Feuerwerk. Gut, der Lautstärkeregler macht das Hörerlebnis überzeugender, aber auch so: Virtuosität, Klanglichkeit, Tanz … alles da!