Giuliani pop

Alex Ramirez PeruAlexander-Sergei Ramírez: Guitarra Clásica del Peru
Werke von Pedro Ximénez und von anonymen Komponisten
Aufgenommen im März 2013, erschienen 2014
Gitarre: Paco Santiago Marín
Avi-music 8553316

 

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[Als Referenzeinspielung:]
Javier Echecopar, Guitarra

Música Virreinal en el Perú
Produziert und herausgegeben von OXY, Occidental Petroleum Corp. of Perú, 1992

Die Conquistadores, die sich Anfang des 16. Jahrhunderts in Südamerika niederließen, brachten nicht nur ihre Sprache(n) mit in die Neue Welt und ihre religiösen Ausrichtungen, sondern auch Sitten und Gebräuche, Kunst und Musik. Dass gleich in den ersten Jahren mit der neuen Schiffslinie auch Gitarren und Vihuelas mitgenommen worden sind, auch Saiten und gedruckte Noten bzw. Tabulaturen, wissen wir aus Inventarlisten, die minutiös für alle Schiffsladung geführt worden sind. Und Musiker brachten die neuen Herren auch mit – schließlich wollten Sie auf ihre Gewohnheiten und ihr Amüsement nicht verzichten. Einer der Musiker ist uns sogar namentlich bekannt: Lucas Ruiz de Ribayaz (1626–nach 1677), dessen Buch „Luz y norte musical“ 1677 in Madrid erschienen ist. 1667 war Ruiz de Ribayaz mit dem neuen Vizekönig Pedro Antonio Fernández de Castro (1632–1672) nach Lima übersiedelt.

Javier EchecoparAuf den Schiffen, die immer häufiger zwischen Europa und Amerika verkehrten, wurden „auf dem Rückweg” nach Europa nicht nur Bodenschätze und andere Güter nach Spanien, Portugal und in die anderen Länder transportiert, sondern auch immaterielle Souvenirs aus der Neuen Welt. Tänze wie Zarabandas waren darunter, auch Matachines und Chaconas … die, einmal in Spanien, von der Heiligen Inquisition zunächst verboten wurden. Den Sittenwächtern waren die Musiken zu wild, ungezügelt und lasziv. Überhaupt: Tänze aus Lateinamerika hatten es im prüden Europa auch später schwer – fast vierhundert Jahre nach Cristóbal Colón wurde auch der argentinische Tango hier verboten … mit dem Erfolg übrigens, dass er zu ungeahnter Popularität gelangte und heute von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt ist.

Was führt uns Alexander-Sergei Ramírez als klassische Peruanische Gitarrenmusik vor? Der Komponist Pedro Ximénez (1780–1857) ist im Programm am häufigsten vertreten. Dreiundzwanzig seiner hundert [!] Menuette, die übrigens als Neuausgabe bei Chanterelle erschienen sind (ECH 2707), gibt es zu hören. Sie können, so Ramírez im Booklet, zu den „most outstanding pieces ever written for the guitar“ gezählt werden. Als sie entstanden, hatte die Gitarre die Zeit ihrer höchsten Popularität in Europa sicher schon hinter sich, aber wen wundert’s, dass damals kulturelle Entwicklungen, die von einer Welt in die eine andere gebracht wurden, zeitlich verzögert angenommen und übernommen worden sind.

Von Pedro Ximénez jedenfalls spielt Alexander-Sergei Ramírez sehr feine und vielseitige Menuette, die durchaus belegen, warum seine Zeitgenossen ihn als den „Lateinamerikanischen Rossini“ gepriesen haben. Gioachino Rossini (1792–1868), der König des Belcanto, war in Argentinien, Brasilien und in Peru ebenso berühmt wie in Europa … und das wegen seiner legendären Melodien. Gut, das „Teatro Colon“ in Buenos Aires ist am 27. April 1857 nicht mit einer Rossini-Oper eröffnet worden, sondern mit „Aida“, das legendäre „Teatro Amazonas“ in Manaus auch nicht, denn dort wurde am 7. Januar 1897 die Uraufführung von „La Gioconda“ des Italieners Amilcare Ponchielli (1834–1886) gegeben. Aber Rossini gehörte zu den vielgespielten Opernkomponisten – auch in Lateinamerika.

Als zweiten WerkzusMELODIAS VIRREINALESammenhang präsentiert Ramírez Stücke aus einer Handschrift, die als „Cuaderno – Música para Guitarra de Mathías José Maestro“ bekannt ist. Sie ist mit „1. Januar 1786“ datiert und enthält Kompositionen für Gitarre solo. Ein paar davon sind auf der CD zu hören.

Drittens sind noch Stücke aus einer Handschrift namens „Libro de Zifra“ enthalten. Sie ist datiert mit „18. Dezember 1805“ und enthält Gitarrenstücke von unterschiedlichen Komponisten. Zwei Menuette[!] sind auf der CD. Von der Handschrift gibt es eine umfangereiche Ausgabe mit allen 29 enthaltenen Stücken (davon 18 Menuette). Sie ist vor 23 Jahren in Lima erschienen:

[Ausgabe hierzu] Echecopar, Javier (Hrsg.), Melodias Virreinales del Siglo XVIII
Lima 1992, Editores Carrillo-Echecopar
Reihe: Musica Per
uana para Guitarra

Schließlich wird von Alexander-Sergei Ramírez noch eine Handschrift vorgestellt, die als „Cuarderno para vihuela, Lima 1830“ bekannt ist. Im CD-Booklet heißt es, mehrere Wissenschaftler behaupteten, die Stücke in dieser Handschrift könne niemand anderes geschrieben haben, als Pedro Ximénez de Abrill Trirado, der zur Entstehungszeit des Manuskripts in Lima gelebt hat. Alexander-Sergei Ramírez spielt aus dem Manuskript vier Menuette [!] von insgesamt achteinhalb Minuten, die denen von Ximénez tatsächlich sehr ähneln. Ob ihr Komponist Ximénez war, kann nicht bewiesen werden … ist aber vorstellbar. Die CD von Echecopar (Stücke aus dem Libro de Cifras) ist, was Javiers Spielweise und auch die klangtechnische Verfassung angeht, eher von der rauhen Art und daher hauptsächlich als Dokumentation interessant.

Die Sammlung peruanischer Stücke, die Alexander-Sergei Ramírez uns präsentiert, ist eine interessante Bereicherung … keine sensationelle Entdeckung! Echte Konzertstücke sind die Miniaturen (36 Stücke, insgesamt 74:28 Minuten) nicht, auf jeden Fall sind sie aber frühe Zeugnisse für originäre lateinamerikanische Gitarrenmusik. Dem interpreten muss man dafür danken … und für gut eine Stunde köstlicher Unterhaltung!