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Buchtitel Tommy EngelTommy Engel und Bernd Imgrund: Tommy Engel, Du bes Kölle. Autobiographie. Köln 2012, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-03827-9, € 18,99

Es war einmal eine Kölner Rock-Band, die sattelte um auf Karneval und hatte ab sofort en „superjeile Zick“. Ihr Frontmann meint heute: „Jeder direkte Bezug zu Köln wäre [zur Gründungszeit der Band] tödlich gewesen. Da hätten wir uns gleich zur Prunksitzung mit Prinz Karneval anmelden können.“ Heute schreibt Wikipedia über die ehemalige Rock-Band, sie sei eine „Kölner Mundart-Band“ und singe „kölsche Schlager und Stimmungshits“.
Bei Tommy Engel, um dessen Autobiografie geht es hier, lief alles anders. Sein Vater war Musiker und gehörte einer Gruppe an, die bis in die 1960er Jahre auftrat und heute noch legendär ist. Name: „De Vier Botze“. Die waren sehr erfolgreich im Kölner Karneval tätig. Was also musste aus Klein-Thomas, dem jüngsten von zehn Kindern von Richard Engel, genannt „Rickes“, werden? Richtig! Schornsteinfeger!
Anderthalb Jahre blieb er in der Lehre … und warf das Handtuch. Aus gesundheitlichen Gründen. „Dass ich immerhin anderthalb Jahre ausgehalten habe, hat sicherlich mit meinem Vater zu tun. »Du musst was Anständiges lernen« -- das war seine Einstellung“ [S. 46]. Heute weiß Tommy Engel: „Eigentlich hatte ich von der ersten Sekunde an gewusst, dass die Schornsteinfegerei nichts für mich war. Ich wollte Musiker werden.“ [S. 45]
Wieder steuerte Richard Engel die Geschicke und meldete seinen Sohn bei der Rheinischen Musikschule an. Fach: Schlagzeug. In der Aufnahmeprüfung spielte Tommy „Take Five“ von Dave Brubeck! 5/4-Takt! Er wurde genommen … aber nicht glücklich: „Mir war das alles ein bisschen zu steif und akademisch“. [S. 48]
1959 hatte der kleine Tommy, er war gerade mal zehn Jahre alt, mit Lotti Krekel auf der Bühne gestanden. Als „Doof und Dooflinchen“ beim WDR. Drei Jahre später, 1962 gab es die „Luckies“, Tommys erste Band. Ein richtiges Schlagzeug hatte er noch nicht und spielte auf Holz-Instrumenten aus dem Orffschen Schulwerk. Angesagt waren Songs von den Shadows, den Beatles und sogar von Cliff Richard.
Aber die Konkurrenz war groß, „Beatbands gab es wie Sand am Meer, auch in Köln.“ [S. 56] Die Black Birds hielten nicht lange zusammen, weil zwei Bandmitglieder zum Bund mussten. Die nächste Formation, in die Tommy Engel einstieg, hieß „Guys and Doll“ und war im Bergischen Land zuhause.

Dann kamen die „Black Beats“, bei denen Tommy mit Heinz Ganss zusammenarbeitete, der später noch eine Rolle spielen sollte. Da nannte er sich dann aber King Size Dick und war der Fahrer der Bläck Fööss … Fahrer mit eigenen Bühnenparts.
Mit Dick hatte Tommy später Probleme, nämlich „als dieser Mensch, den ich so lange kannte und der ein ziemlich wilder Geselle gewesen war, plötzlich auf rheinischen Stimmungssänger machte.“ Da hat sich Tommy Engel gefragt: „Inwieweit bist du fähig, dich zu verbiegen?“ und geantwortet: „Wenn ich stehen bleibe und mich ansehe, dann muss ich mich wiedererkennen.“ [S. 63]
Die nächste Band hieß „Shooting Stars“ und spielte hauptsächlich in Köln-Merkenich, wo damals „Mädchen mit hochtoupierten Vogelnestfrisuren ein Eierlikörchen in der Hand hielten, während die Typen Cola-Steinhäger tranken.“ [S. 64]
Noch eine Band: „Tony Hendrik Five“. Die hatten schon einen Plattenvertrag mit EMI-Electrola. Deren Studios am Kölner Maarweg, waren „das Allerheiligste“ für Musiker. Und dort schließlich traf Tommy Kollegen, die für seine Karriere wichtig werden sollten. Weil er bestärkt wurde in dem, was er nie und nimmer machen wollte – und in dem, was ihm gefiel. Heino nahm bei EMI auf, produziert von Ralf Bendix. Ging gar nicht! Graham Bonney, Howard Carpendale und viele andere traf man am Maarweg.
Hartmut Priess wirkte einen Titel lang bei „Hush“ mit, der nächsten Band von Tommy Engel. Durch „Hush“ wurde ein Kontakt zu Erry Stoklosa neu aufgewärmt, der bei den „Stowaways“ war – zusammen mit Hartmut Priess und Peter Schütten. Als sich Tommy kurz entschlossen auch den „Stowaways“ anschloss, waren vier der späteren „Bläck Fööss“ zusammen. Und als denen dann Graham Bonney sagte: „Mensch, Jungs, warum singt ihr nicht in eurer Sprache, auf Kölsch? Macht doch mal was mit euren kölschen Bierliedern“ [S. 85], war der Startschuss für eine neue Zukunft gefallen. Tommy kann sich zwar nicht erinnern, aber so soll es gewesen sein.
Eine erste Single entstand: „Rievkooche-Walzer“ und „Selverhuhzick“ auf der B-Seite. Allerdings sollte sie nicht unter „Stowaways“ rauskommen. Ein neuer Name musste her. „Black Birds“ hatte es schon gegeben, „Black Beats“ auch „und von »bläck« zu »Bläck Fööss« gelangt man quasi von selbst, das war keine große Kunst mehr.“ [S. 86]
Dass die neue Band im Karneval mitmischen wollte, war klar. Dazu Tommy: „Schon seit meiner Geburt war ich dem Karneval verbunden, schließlich hieß mein Patenonkel Thomas Liessem“ [ S. 19] Als Gesangstrio stiegen die „Bläck Fööss“ ein: Erry, Peter, Tommy. Keine Instrumente, denn die Musik kam von der Saalband. „Aber die spielten das nie so, wie wir das Lied verstanden hatten. Mal stimmte das Tempo nicht, mal dies, mal jenes.“ [S. 90] Ein Jahr später standen die „Fööss“ zu sechst und mit Instrumenten auf den Bühnen: Erry, Peter, Hartmut, Bömmel, Joko Jaenisch und Tommy.
Joko Jaenisch war ein „großartiger Musiker“, aber professionelles Arbeiten in einer Band war nicht sein Ding. Das stellte sich bald heraus und Joko verließ die „Bläck Fööss“ wieder. Später ist er noch mal ein paar Jahre eingestiegen, aber irgendwie wurde nichts draus. Wir kannten uns ganz gut, Joko und ich, weil wir zwischendurch an der Uni zusammen studiert hatten und irgendwann, Jahre später, habe ich ihn wieder getroffen – da lief schon lange nichts mehr mit den „Bläck Fööss“ … und mit der Uni auch nicht. Ein paar Tage später sah ich Bömmel Lückerath im Senftöpfchen und habe ihm erzählt, dass ich Joko getroffen hatte. Seine Frage: „Un, hät e disch anjepump?“ E hät! Joko Jaenisch ging es offenbar nicht gut. Am 24. Juni 1998 ist er gestorben.
Die „Fööss“ eckten im konservativen, traditionellen Karneval erst mal an. Sie waren die erste Band, die mit E-Gitarren auf die Bühne kam. Und Beatrhythmen hatte man im Karneval vorher auch nicht gehabt. „Wir waren aufmüpfig, grundsätzlich dagegen, aber eben mit der Absicht angetreten, es dem Establishment mal richtig zu zeigen.“ [S. 89] Aber: „Mit Liedern wie »De Mama kritt schon widder e Kind« oder »Mer losse d’r Dom en Kölle« und so weiter rissen wir die Säle komplett ab. Und hinter uns kam lange gar nichts.“ [S. 91]
Die große Zeit der „Bläck Fööss“ begann, die Zeit, als sie in Köln und Umgebung jeder kannte und schätzte und als der Kölner an sich die Texte ihrer Lieder sicherer als das Vaterunser auswendig drauf hatte und mitsingen konnte. Jeder? Na ja, wie überall gab es Leute, die „aufmüpfig und grundsätzlich dagegen waren“, aber sonst?
1990 feierten die „Fööss“ ihr Zwanzigjähriges und waren zerstritten. Daher hieß die Jubiläums-CD „Zweierlei Fööss“. Gleichzeitig waren erste Demos von L.S.E. im Umlauf, der Truppe, die Tommy mit Rolf Lammers und Arno Steffen plante. Tommy stieg im gleichen Jahr aus dem Karnevalsgeschäft der „Fööss“ aus und ein Rosenkrieg begann. 1994, nach 24 Jahren, war dann Schluss.
Diese Passagen von Tommies Autobiographie sind vermutlich für seine Leser die interessantesten. Schließlich will jeder wissen, warum Tommy aus der enorm erfolgreichen Formation „Bläck Fööss“ ausgestiegen ist. „Kein Mensch wird ein Interview von mir finden, in dem ich mich über mein Ende bei den Fööss auslasse. Wenn irgendein Journalist meine Telefonnummer kannte und anrief, habe ich sofort aufgelegt. Zu mir kam niemand mehr durch.“ [S. 196]
In Tommy Engels Buch kommen Gott und die Welt vor. Tout-Cologne! „Bläck-Fööss“, „L.S.E“., „Schnieke Prunz“, „Arsch huh“, „100% Tommy Engel“, und „Anrheiner“ – das sind ein paar der Stationen seiner Karriere. Beim Karneval hat er sich abgemeldet … und dann kam „Du bes Kölle“. Das Lied „lief in sämtlichen Radios und Kneipen rauf und runter. Und bei der Mitsinginitiative »Loss mer singe« belegte es mit einem Riesenabstand den ersten Platz.“ [S. 227] „Du bes Kölle“ enthält eine Menge Kritik an der „Kölner Selbstbesoffenheit“ … „Als wenn Steine eine Seele hätten. Dabei sind es doch ausschließlich die Menschen, die die Stadt zu dem machen, was sie ist.“ [S. 225]
Tommy Engels Memoiren sind keine Generalabrechnung … obwohl er über den einen oder Freund oder Kollegen durchaus enttäuscht ist und das auch schreibt. Aber er kommt „aus einer Familie in der man Höflichkeit gelernt hat“ [S. 196]