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Weiss London ManuskriptWeiss London MS CANADA
Silvius Leopold Weiss (1687–1750)

The Complete London Manuscript
Michel Cardin, Baroque Lute; Christiane Laflamme, Baroque Flute
Aufgenommen zwischen 1992–2004
12CD, Brilliant Classics 95070
… keine Grüße von seinem Alter Ego, dem Gitarristen …

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Silvius Leopold Weiss gilt als der „bedeutendste Lautenist des Spätbarock“ (Douglas Alton Smith im ersten Band der Ausgabe Sämtlicher Lautenwerke von S. L. Weiss, Frankfurt u.a, 1983). Johann Nikolaus Forkel, der erste Bach-Biograph, lobte die „vortrefflichen und schweren Kompositionen“ aus Weissens Feder, „die in dem ächten und körnichten Geschmack geschrieben sind, wie ungefehr die Clavier-Arbeiten des sel. Joh. Seb. Bach“ (Musikalischer Almanach … auf das Jahr 1782) und nicht einmal der scharfzüngige Kritiker Johann Mattheson (1681–1774), der ansonsten kein gutes Haar an den kompositorischen Leistungen der Lautenisten seiner Zeit ließ, kam nicht umhin, Weiss zu loben: „Wäre die Laute noch ein Kirchen-Instrument, oder würde auf Schau-Plätzen gebraucht, und ich hätte einen braven weltberühmten Virtuosen, wie der Herr Weiß in Dresden ist, wegen seines Spielens meistern, oder den Gebrauch des Instruments gar abgeschafft wissen wollen, so mögte Ursache da seyn, mir (wiewol ohne Schelten) zu widersprechen.“ (Lauten-Memorial 1727).
Und doch: Trotz der Hochachtung, die Weiss und seinem Werk immer wieder aufs neue entgegengebracht worden ist, sollte es lange dauern, bis es Musikern in größerem Umfang in Form verlässlicher Editionen zugänglich gemacht wurde. Für die Verzögerung gab es verschiedene Gründe: Erstens waren die Werke ausschließlich in Handschriften überliefert, die nicht oder nur unzureichend inhaltlich erfasst waren; zweitens waren alle Stücke in Tabulatur aufgeschrieben und drittens für Barocklaute, die selten gespielt wurde.

Selbst zu Zeiten, als Musiker begannen, sich mit historischen Zupfinstrumenten zu befassen, wurde das Repertoire für elf- oder dreizehnchörige Barocklaute eher vernachlässigt. Sogar Walter Gerwig (1899–1966), ein Pionier der historischen Aufführungspraxis nach 1945, spielte barocke Lautenwerke auf Renaissance-Lauten, und er war immerhin der Erste, der 1949 eine vollständige Lautensuite von Johann Sebastian Bach (BWV 995) eingespielt hat … auf einer Renaissance-Laute! Werke von Silvius Leopold Weiss hat er nicht gespielt.

Als sich die Musikgeschichtliche Kommission e.V. dazu entschloss, eine Gesamtausgabe der Werke von Weiss herauszugeben, musste zunächst entschieden werden, wie die Ausgabe ausgestattet sein sollte: mit/ohne Tabulaturen; wenn mit Tabulaturen: Faksimile oder Neudruck; wenn Neudruck: synoptisch oder getrennt; wenn Übertragungen: in welcher Form etc. Nach vier Bänden wechselten Herausgeber (von Douglas Alton Smith zu Tim Crawford) und Verlag (von Peters zu Bärenreiter) – spätestens an dieser Stelle konnte nicht mehr vermieden werden, dass der ursprüngliche Zeitplan nicht eingehalten werden konnte. Mit dem ©-Vermerk 2011 sind die beiden letzten Bände schließlich herausgekommen – der erste immerhin schon 1983: Silvius Leopold Weiss: Sämtliche Werke für Laute, Bde. 1—8.

Die zwölf CDs mit Musik von Silvius Leopold Weiss, die Michel Cardin eingespielt hat und die jetzt bei Brilliant Classics in einer Box neu herausgekommen sind, waren schon einmal als Einzel-CDs bei dem kanadischen Label „sne” (Société Nouvelle D’Enregistrement) auf dem Markt. Folgender Quellenlage hatte Cardin gegenüber gestanden, als er seine CDs geplant und eingespielt hat: „Die Musik von Weiss liegt uns in 34 Handschriften und einem zeitgenössischen Druck vor. Die zwei größten Quellen sind Ms. Add. 30387 der British Library, London, und Mus. 2841-V-1 der Sächsischen Landesbibliothek Dresden. Zusammen enthalten diese beiden Handschriften mehr als zwei Drittel der Kompositionen von Weiss.“ (s.o., Gesamtausgabe Band 1, S. IX). Cardins Einspielung ist also einerseits eine Art Quellenedition, andererseits aus der Not entstanden, dass zur Zeit ihrer Planung keine verlässlichen Konkordanzen- oder einfach nur Inhaltsverzeichnisse von Quellen mit Lautenmusik vorlagen. Eine Reihe einzelner Forscher war um die Arbeit am Quellenbestand der Musik für Barocklaute bemüht, leider sind ihre Forschungen aber nicht breit genug aufgestellt gewesen.

Das Londoner Manuskript, das vom British Museum 1877 für £3 [!] erworben worden ist, wurde zwischen 1706 und 1730 zusammengestellt und enthält 237 Stücke in insgesamt 26 kompletten Sonaten, dazu Einzelsätze wie zwei Tombeaux, drei Préludes, zwei Fugen, eine Kombination von „Präludium und Fuge“ sowie fünf große Duos, darunter drei Concerti für Traversflöte und Barocklaute.

Cardins Aufnahme ist viel mehr als eine Quellenedition oder eine Art Dokumentation. Obwohl … das ist sie auch! Zum Beispiel dokumentiert sie, welches Ansehen Laute und Lautenspiel zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Adelskreisen hatten. Die Handschrift war nämlich im Besitz des Grafen Johann Christian Anthoni von Adlersfeld. Er selbst hat nicht Laute gespielt, schätzte aber Weiss und seine Werke. Nach ihm ging das Manuskript durch die Hände verschiedener Sammler, keiner von ihnen wird je die Musik auf der Barocklaute lebendig gemacht haben.

Vielleicht war die Handschrift nichts anderes als eine Art Notizbuch in Noten (oder Tabulaturen) für den Komponisten und später den Grafen von Adlersfeld … und der hat sie als eine Art kompositorisches Tagebuch benutzt.

Michel Cardin, der Solist, kommt aus Montreal. In seinem Heimatland Kanada hat er studiert – viele Gitarristen erwähnt er als Lehrer: Lagoya, Diaz, Ponce, Mills, Ghiglia … auch Lautenisten: O’Brien, Satoh, North, Barto, Lindberg. An Platten liegt Lautenmusik von ihm vor – gleichzeitig hat er den „Marteau sans maître“ unter der Leitung des Komponisten gespielt, Filmmusik komponiert usw. usw.

Wenn sich Gitarristen daran machen, historische Zupfinstrumente zu spielen, werden daraus meistens (oer mindestens: oft) halbherzige Unternehmungen. Bei Michel Cardin nicht! Weiss spielt er mit großer Überzeugungskraft – mir könnte einiges gelassener und weiterflächig sein, aber das ist meine persönliche Präferenz und keine Kritik an Grundätzen. Nein, ich finde keine unerklärlichen Marotten in seinem Spiel, höre keine Grüße von seinem Alter Ego, dem Gitarristen.
Die Aufnahmen dieser CD-Produktion sind zwar teilweise über zwanzig Jahre alt, aber sie wirken frisch und brilliant [sic] – und das bezieht sich auf ihren musikalischen wie technischen Zustand.