Giuliani pop

Matthiesen Serenade CDHeike Matthiesen: Serenade
Werke von Mertz, Tárrega, Diabelli, Kreutzer, Molitor, Bobrowicz, Ferrer
Aufgenommen im Juni 2012, erschienen 2013
CSM Y 1312-C30, 2013
… Heike Matthiesen traut sich was! …



Heike Matthiesen traut sich was! Da legt sie ihre dritte Soloplatte vor und die ist voll mit Stücken, die als Salonmusik, als Spielmaterial für Amateurgitarristen ausgewiesen sind. Wir hören Fantasien und Variationen über populäre Themen aus ebensolchen Opern; Transkriptionen von Klavierwerken wie etwa der „Grande Sonate Pathétique“ von Beethoven; am Schluss gar das Loreleylied nach einem Text von Heinrich Heine … natürlich rein instrumental:

Ich weiß nicht was soll es bedeuten
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

 

Alle Stücke, die Heike Matthiesen spielt, sind damals, im 19. Jahrhundert, so populär gewesen, dass sie in gedruckter form herausgekommen und uns überliefert sind. Erst waren es Gitarristen der Wiener Schule, die Bearbeitungen angefertigt haben, Simon Molitor, Anton Diabelli oder Johann Kaspar Mertz, später dann Gitarristen und Komponisten um Francisco Tárrega. Gekauft wurden die Ausgaben von musikinteressierten Bürgern, die Musik, die ihnen gefallen hatte, für sich und nicht öffentlich (nach-) spielen wollten … allenfalls im Salon mit höchstens einer Handvoll Zuhörern. Die Arrangements durften nicht zu schwer sein und mussten die beherrschenden Themen der ursprünglichen Kompositionen enthalten und sich sogar auf sie beschränken.
Spielmaterial dieser Art war populär – das schließen wir aus der beträchtlichen Zahl an Ausgaben, die bei den Verlagen herauskam. Bis 1850 erschienen noch im Wesentlichen Paraphrasen, Fantasien und Variationen auf „klassische“ Themen – Tárrega und seine Epigonen brachten dagegen fast nur noch 1:1-Transkriptionen heraus, oft nicht einmal mit präzisen Angaben über die „eigentlichen“ Komponisten. Im Programm der neuen Matthiesen-CD steht dann auch das Adagio cantabile aus der „Sonate Pathétique“ eher unter Tárrega als unter Beethoven … und zu Tárregas Zeiten ist man ähnlich verfahren!
Das Programm, das Heike Matthiesen uns präsentiert, ist keines, das ein professioneller Gitarrist auf eine Bühne gebracht hätte. Es ist durchaus anspruchsvolles aber hauptsächlich unterhaltsames Spielmaterial für Dilettanten, die sich mit einem Instrument befassten, das keine jahrhundertlange Tradition hatte – jedenfalls nicht in der sechssaitigen Form, wie sie damals in Benutz war. Die ist erst gegen 1800 entwickelt worden und hat sofort die bürgerlichen Musikfreunde begeistert.
Es waren nicht alles Virtuosen, die damals Gitarre spielten und so kann man sich leicht vorstellen, dass die eine oder andere Variation oder Umspielung Musikfreunde an die Grenze ihres Könnens brachte. Selbst das daraus resultierende Maß an spieltechnischer Herausforderung und Überforderung stellt Heike Matthiesen in ihren Interpretationen dar. Auch die Probleme, mit denen sich die Musikliebhaber konfrontiert sahen … und damit ist die vorliegende CD deutlich mehr als eine Darstellung selten gehörter Gitarrenwerke des 19. Jahrhunderts. Es werden gleichzeitig Erkenntnisse über die Rezeptionsgeschichte der Gitarrenmusik zu dieser Zeit ermöglicht: „Es waren nicht alles Virtuosen!“