Giuliani pop

Walter GerwigArchiv Produktion: Music for Lute — Walter Gerwig, Laute
Werke von Milan, Ortiz, Newsidler, Santino Garsi, Reusner, Hinterleithner, Hoffer, Mouton, Bach, Boismortier, Haydn, Johann Gottlieb Naumann, Oswald von Wolkenstein, Senfl
Aufnahmen aus den Jahren 1949—1957
4 CDs in Kassette, Original Jackets Collection, Deutsche Grammophon 479 2598


Das Label „Archiv Produktion“ der Deutschen Grammophon Gesellschaft ist unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden. Europa lag in Trümmern, viele Kunst- und Kulturgüter waren zerstört oder beschädigt und die Hamburger Plattenproduzenten bemühten sich, die erhaltenen Bestände an Instrumenten und Partituren durch klangliche Realisierung zu sichern. Man gründete das „Musikhistorische Studio der Deutschen Grammophon Gesellschaft“.
Schon 1947 erschien die erste Schellackplatte unter dem Label „Archiv Produktion“: Orgelwerke von Johann Sebastian Bach, gespielt von Helmut Walcha. Ziel dieser Aufnahme war es, den originalen Klang der wie durch ein Wunder unbeschädigt erhaltenen Orgeln der Jakobikirche in Lübeck zu dokumentieren. Bei anderen Aufnahmen der Reihe stand das Aufführen von Werken im Mittelpunkt, die immer weiter in Vergessenheit gerieten. Für alle Aufnahmen wurde vorausgesetzt, dass nach Möglichkeit historische Instrumente verwendet und dass nach Partituren in ihrer originalen Gestalt gespielt wurde.
Kassette Archiv GerwigMusik aus zwölf „Forschungsbereichen“ (von „I: Gregorianik“ bis „XII: Mannheim und Wien“) sollte unter dem Label „Archiv Produktion“ erscheinen … zunächst auf Schellackplatten, danach auf schwereren Vinylplatten. „Eingepackt“ waren sie in Klapphüllen, die an ihren Rändern nicht geklebt, sondern genäht und schließlich mit einer besonders haltbaren Folie laminiert waren. Alles im Einheitsgelb ohne Titelfotos und nur den elementaren Informationen wie Werk, Satzfolge und Interpreten. Auf den Innenseiten der Hüllen standen Einführungstexte in vier Sprachen. Jeder Platte lag dazu noch eine Karteikarte bei, auf der die genauen Aufnahmedaten verzeichnet waren, die verwendeten Instrumente und Ausgaben usw.
Bei den desaströsen Zerstörungen, mit denen die Menschen nach 1945 konfrontiert waren, sollten die Platten der „Archiv Produktion“ nicht nur auf höchstem wissenschaftlichen und künstlerischen Niveau stehen, sie sollten auch Bestand haben und die Zeiten überdauern … diesen Anspruch jedenfalls sollte schon die äußere Erscheinungsform der Platten unterstreichen.

Schon 1949 machte der Lautenist Walter Gerwig (1899—1966) eine erste Aufnahme für die „Archiv-Produktion“ und spielte die g-Moll-Suite BWV 995 von Johann Sebastian Bach – nach der fast epochal zu nennenden Ausgabe von Hans Dagobert Bruger von 1921 übrigens, die für Bachs späte Karriere als Komponist von Gitarrenmusik (mindestens mit-) verantwortlich war. Brugers Ausgabe ist für Laute konzipiert – allerdings „für die heutige [oder auch moderne] Laute“ mit Einzelsaiten in Gitarrenstimmung (mit bis zu vier Kontrasaiten). Notiert war sie im oktavierenden Violinschlüssel und entsprach damit Gerwigs aufführungspraktischen Usancen. Walter Gerwig hat nämlich ausschließlich chörig besaitete „Renaissance-Laute“ (mit hochgestimmtem dritten Chor) gespielt und prinzipiell nach Notenübertragungen. Dem Spiel nach Tabulaturen und der Barocklaute haben sich erst seine Schüler zugewandt.

Hat Walter Gerwig also historisierend auf einer Laute Gitarre gespielt? Nicht lange vor ihm – zu Beginn des 20. Jahrhunderts – hatte es eine „Wiederbelebung“ des Lautenspiels gegeben, bei der eine weitaus „modernere“ Laute eingeführt werden sollte. Die war nicht chörig, sondern mit Einzelsaiten bezogen, also eigentlich eine Gitarre mit Lautencorpus oder eine Laute mit Gitarrenbesaitung. Curt Sachs nannte sie einen Bastard, als „German Lute“ wurde sie im angelsächsischen Sprachraum bezeichnet, weil sie (mindestens aus Sicht der Engländer) hauptsächlich in Deutschland benutzt wurde.
Walter Gerwigs singuläre Leistung bei der Wiederbelebung des Lautenspiels und der Alten Musik im 20. Jahrhundert soll nicht mit kleinlichen Hinweisen auf aufführungspraktische Inkonsequenzen geschmälert werden. Keineswegs! Schon das Schaffen seiner Schüler, allen voran Michael Schäffer und Eugen Dombois, beweist indirekt die Redlichkeit seines musikalischen Tuns und Strebens.
Trotzdem muss der Hinweis erlaubt sein, dass Erkenntnisse der musikhistorischen Forschung erst nach Walter Gerwig in praktisches Musizieren umgesetzt werden konnten und wurden. Organologie und Instrumentenbau mussten erst zusammengebracht werden. Musikalische Quellen lagen nicht in ausreichender Zahl und Qualität vor und schließlich sind Forschungen in Sachen Aufführungspraxis Alter Musik erst später angestellt worden und zum Tragen gekommen.
Natürlich hört man die Fortschritte, die in der Alten Musik später gemacht worden sind. Die ältesten Archiv-Aufnahmen von Gerwig in vorliegender Kassette sind gut sechzig Jahre alt. Im Vergleich mit neuen Aufnahmen von Lautenmusik der Renaissance klingt Gerwigs Spiel vergleichsweise dumpf, ziemlich schwerfällig, obertonarm, muffig. Gründe dafür liegen weniger in der aus heutiger Sicht veralteten (Mono-) Aufnahmetechnik als vielmehr in Gerwigs Spiel selbst und in den Instrumenten, die er benutzt hat. Er spielte durchgehend Lauten des Markneukirchner Instrumentenmachers Hans Jordan und die waren – wie alle Lauteninstrumente, die damals gebaut wurden – schwer, dickwandig und mit ziemlich hoher Spannung besaitet. Man bedenke in diesem Zusammenhang: Spieltechnik, Saitenspannung und Deckenstärke stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Wenn ich eine kraftvolle, bei Gitarristen entlehnte Spieltechnik verwende, brauche ich eine ziemlich hohe Saitenspannung, weil (beispielsweise) sonst die Einzelsaiten eines Chores gegeneinanderschlagen. Höhere Saitenspannungen halten Lautendecken aber nur aus, wenn sie entsprechend belastbar sind. Belastbar sind sie nur bei entsprechender Dicke und je dicker Instrumentendecken sind, desto weniger schwingfähig sind sie … und neigen dazu, dumpf zu klingen.
Wissenschaftler, Instrumentenmacher und Spieler haben erst in den 1960er und 1970er Jahren gemeinsam die „neue historische Laute“ entwickelt und mit ihr neue klangliche Dimensionen des Lautenspiels entdeckt – die Walter Gerwig noch verborgen waren. Er konnte das leichtfüßige, delikate Spiel, das jetzt wieder [sic!] möglich wurde, auf den Instrumenten, die ihm zur Verfügung standen, nicht umsetzen.
Auch Ergebnisse zur Frage, wie Lautenmusik im 16. Jahrhundert „skandiert“ wurde, ist zu Gerwigs Zeit noch nicht praktisch umgesetzt worden. Wissenschaftler wie Oswald Körte (1901) oder Kurt Dorfmüller (1967) haben zu diesem Thema geforscht [1977 auch der Rezensent in „Kölner Beiträge zur Musikforschung“ XCV].
Außerdem haben gerade auf dieses Detail der Aufführungspraxis Lautenisten wie Hans Newsidler mehr als deutlich hingewiesen [von ihm hat Walter Gerwig acht Stücke für die Archiv-Platte eingespielt]. Die Haltung der Anschlagshand und das Anschlagen in die rechte Hand hinein, wie sie sich seit einigen Jahren bei Lautenisten durchgesetzt haben, ermöglichen leichteres, freieres und schließlich strahlender klingendes Lautenspiel – und drängen gleichzeitig das von Newsidler beschriebene Spiel mit Betonungen sowie „starken“ und „schwachen“ Zeiten auf. Hans Newsidler selbst hat es in einem Kapitel mit der Überschrift „Von dem einichen pünctlein uber den buchstaben“ beschrieben [1536/1, fol. c].
Die CDs mit Walter Gerwig dokumentieren einen Prozess, der das letzte Jahrhundert bestimmt hat, was musikalische Interpretationen angeht. Schon im 19. Jahrhundert haben Musiker und Musikfreunde begonnen, sich mit jeweils älterer Musik zu befassen – die erste Neu-Aufführung der Matthäus-Passion durch Mendelssohn-Bartholdy