Giuliani pop

Spanish DancesSpanish Dances: Brazilian Guitar Quartet
Werke von de Falla, Granados, Turina, Rodrigo, Mompou
Aufgenommen im Juli 2013, erschienen 2014
DELOS DE 3466; im Vertrieb von NAXOS
… eine ganze Reihe echter Überraschungen …

Pack mit 5 CDDie Komponisten der Stücke auf der neuesten CD des Brazilian Guitar Quartets sind bekannt für ihre Gitarrenmusik – auch, wenn keiner der fünf je Gitarre gespielt hat. Die spanischen Tänze, die das brasilianische Quartett aufspielt, sind ausnahmslos Transkriptionen, allerdings keine aus der Leyenda-Schublade. Die Musiker haben nicht einfach auf „Alte Kameraden“ gesetzt, sie haben das vorhandene spanische Repertoire nach geeigneten Stücken durchsucht und das Ensemblemitglied Tadeu do Amaral hat neue Bearbeitungen angefertigt.
Manuel de Fallas „Cuatro Piezas Españolas“, mit ihnen beginnt das Programm, sind Isaac Albéniz gewidmet und zwischen 1906 und 1909 geschrieben. Natürlich für Klavier … möchte man fast sagen, denn nicht nur de Falla war Pianist, auch Albéniz, der mit vier Jahren sein erstes Konzert am Flügel gegeben hat und als Wunderkind gefeiert wurde.
De Fallas „Piezas Españolas“ nehmen Bezug auf spanische Landschaften und deren Musik: Aragon, Andalusien, Asturien und Cuba. Seit dem 16. Jahrhundert hatte dieser Inselstaat unter spanischer Besatzung gestanden und kurz vor der Wende zum 19. Jahrhundert seine Unabhängigkeit erkämpft. Danach setzten sich, nebenbei bemerkt, für ein paar Jahre die US-Amerikaner auf Cuba fest, bis 1902 die Unabhängigkeit formal und faktisch erreicht wurde. Für Manuel de Falla gehörte die Insel aber scheinbar noch zu Spanien – mindestens musikalisch. Spanier hatten ihre Musik dorthin gebracht und die war von der einheimischen Bevölkerung beeinflusst worden. Ergebnis war zum Beispiel die Habanera, die nicht nur in Havanna gesungen und getanzt wurde.

Von Enrique Granados spielen die Brasilianer einen „Fandango de candil“, von Turina den „Zapateado“ aus „Tres Danzas Andaluzas“ – alles spanische Tänze, aber so ist die CD ja auch überschrieben: „Spanish Dances“.
Man hat, wenn man die CD hört, gelegentlich den Eindruck, die Musik sei aus einem großen Setzkasten zusammengefügt worden. Immer wieder hört man kleine oder auch größere Bausteine, die einem bekannt vorkommen. Und tatsächlich war ein Teil der kompositorischen Arbeit das Arrangieren bekannter Tänze und Lieder. Je weiterreichend das Material verdichtet wurde, desto weiter entfernt vom volkstümlichen Material empfindet man die Stücke.
Das Quartett ist besetzt mit zwei achtsaitigen Gitarren (Everton Gloeden und Luiz Mantovani) und zwei „normalen“ sechssaitigen (Tadeu do Amaral und Gustavo Costa). Die achtsaitigen Instrumente gehen zurück auf Paul Galbraith, eines der Gründungsmitglieder des Quartetts. Sie verleihen dem Quartett Volumen und Basis und sind eine deutliche Bereicherung … die Probleme, die Peter Päffgen 1999 bemängelte, sind mindestens in der neuen Aufnahme ausgeräumt.
Das Quartett bestand 1998, als seine erste Platte entstand, aus Everton und Edelton Gloeden, Tadeu do Amaral und dem Schotten Paul Galbraith, der zu der Zeit schon in São Paulo lebte. Galbraith hatte sich in der Gitarrenwelt einen Namen gemacht, weil er eine achtsaitige Gitarre entwickelt hatte und spielte, die nicht nur durch ihre zusätzlichen Saiten, sondern auch ihre ungewöhnliche Bebündung auffiel. Die Bünde waren schräg angebracht wie bei einem Orphareon, einem Zupfinstrument, das in der Zeit Dowlands bekannt war (s. Konstruktionsskizze).
Das Quartett spielt diszipliniert – mit einer Vorliebe für virtuose Episoden zwar, aber doch präzise und werkdienlich. Romantizismen, wie man sie von Andrés Segovia und seinen zahllosen Epigonen kennt, scheinen die Brasilianer nicht in ihrem Werkzeugkasten zu haben. Nein, sie halten sich an das, was in den Noten steht!
Die „Sonada de Adíos“ von Joaquín Rodrigo, auch im Original für Klavier, ist eine bewegende Hommage an Paul Dukas. Sie hat Rodrigo 1935 geschrieben – im Todesjahr seines Lehrers. Eine Transkription für vier Gitarren war bisher nicht bekannt.
Die „Cançons i Danses“ des Katalanen Federico Mompou (1893—1987) überraschen, hat der Komponist doch hie und dort bekanntes melodisches Material verwendet und auf sehr eigene Art harmonisiert. Wir kennen Mompou ob seiner „Suite Compostelana“, die er 1964 für Andrés Segovia geschrieben hat.
Mit ihren „Spanish Dances“ führen die Musiker des Brazilian Guitar Quartet Repertoire vor, das eine ganze Reihe echter Überraschungen enthält. Und sie tun das auf ebenso respektvolle wie unterhaltende Art.
Fünf Produktionen hatte das Quartett vor ihren „Spanischen Tänzen“ bei DELOS herausgebracht, die alle noch erhältlich sind – als Einzel-CDs und im Fünferpack.
Brazilian Guitar Quartet: 5 CDs by Latin Grammy Winners -- DELOS DE 6013

Essencia do BrasilBach Four Suitesessênca do brasilEncantamento
Werke von Villa-Lobos, M. Camargo Guarnieri, Francisco Mignone, Antônio Carlos Gomes
Aufgenommen im Dezember 1998, erschienen 1999
DELOS DE 3245

Bach: Four Suites for Orchestra bwv 1066—1069
Aufgenommen im Juni 2000
DELOS DE 3254

Encantamento
Werke von Ronaldo Miranda, Cláudio Santoro, Francesco Mignone, Henrique Oswald, Camargo Guarnieri
Aufgenommen im August 2001
DELOS DE 3302

Albeniz IberiaVilla LobosIsaac Albéniz: Iberia
Aufgenommen im Juli/August 2005, erschienen 2006
DELOS DE 3364

Villa-Lobos
Aufgenommen im Februar 2010, erschienen 2011
DELOS DE 3409

Von der ersten CD des Quartetts, „essênca do brasil“, war schon die Rede. Auch von der Kritik, die 1999 in „Gitarre & Laute-PRINT“ stand. Mit dem klanglichen Gleichgewicht zwischen dem Gitarrenungetüm von Paul Galbraith und den drei sechssaitigen Normalgitarren hat es tatsächlich Probleme gegeben und die sind auch nicht auf dem Wege der Aufnahmetechnik behoben worden … allerdings sind sie nicht für jedes Stück relevant. Für die „Dança Negra“ von Guarnieri zum Beispiel, auch für seine „Dança Brasileira“, liefert die „Brahms-Gitarre“ – so hat Galbraith sein Instrument in aller Bescheidenheit genannt – zusätzliche Farbe und Fundament.
Die zweite CD mit vier Orchester-Suiten oder „Ouvertüren“ wie sie bei Schmieder heißen, zielt auf barocke Prachtentfaltung pur! Natürlich kommen die vier Gitarren nicht an den üppigen Orchesterklang mit Holz und Blech heran – aber sie bieten in der kleinen Besetzung manchmal Perspektiven, die im Orchesterklang übertüncht sind. Das Quartett spielte noch in der gleichen Besetzung – allerdings bediente sich auch Everton Gloeden einer achtsaitigen Gitarre, allerdings ohne die monströsen zusätzlichen Resonanzkästen.
Einzelne Sätze aus Bachs Orchestersuiten bieten dem Publikum Highlights aus der Schublade „Klassik für Jedermann“. Die „Air“ aus BWV 1068 gehört natürlich dazu, auch die „Badinerie“ aus BWV 1067 und andere. Diese mehr als bekannten Werkteile können gut oder weniger gut gespielt werden, das spielt beim „Normalpublikum“ kaum noch eine Rolle. Der Wiedererkennungseffekt macht’s! Aber was ist zum Beispiel mit den großen französischen Ouvertüren, mit denen die Suiten jeweils beginnen? Sie werden meist – im Fall der vorliegenden Orchestersuiten durchgehend – mit einem Satzteil eingeleitet, der fast immer einen punktierten Grundrhythmus hat und oft stark mit Verzierungen durchsetzt wird. Damit ist das Problem, das ich mit vorliegender Aufnahme habe, beim Namen genannt. Die Musiker des Brazilian Guitar Quartet spielen durchweg (durchgehend angeschlagene) Gitarristen-Triller, die mit Verzierungen im eigentlichen Sinn wenig oder überhaupt nichts zu tun haben. Verzierungen sind marginale Zusätze, Randbemerkungen und nicht, wie ich das oft von Gitarristen höre, laute, hart und mechanisch gespielte und herausgehobene Betonungen. Man höre in diesem Zusammenhang die Ouvertüre zu BWV 1067, die besonders aufdringlich verziert ist … aber auch auf die anderen Anfangssätze.
Schon der fugierte Mittelteil der Ouvertüre zu BWV 1068 zeigt aber, dass die Brasilianer sehr gut mit Barockmusik umgehen können. Da spielen sie nämlich konsequent sehr plastisch phrasiert und mit wohldosierten Tempi. Und doch hat die Bach-CD einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen.
Die CDs mit brasilianischer Musik sind dem Quartett am besten gelungen … nicht etwa weil ich annähme, brasilianische Musiker seien prädestiniert, brasilianische Musik zu spielen. Es ist „klassische brasilianische Musik“, die uns hier angeboten wird; nichts, das man als Kind quasi spielerisch lernt. Auf der Villa-Lobos-CD sind, um Beispiele zu nennen, zwei komplette Streichquartette, die zwar gelegentlich volkstümliche Aspekte aufweisen, insgesamt aber höchst komplexe musikalische Werke sind. Oder auf „Encantamento“: Hier spielen die Musiker Stücke von Henrique Oswald (1852—1931), Cláudio Santoro (1919—1989) oder Ronaldo Miranda (*1948) und anderen, deren Stücke die stilistische Vielfalt widerspiegeln, die im 20. Jahrhundert geherrscht hat – stilistische Vielfalt und eine Art Unentschlossenheit irgendwo zwischen Neo-Romantik und Zwölftonmusik, zwischen Neuer Sachlichkeit und Minimalismus. Da unterschied sich Brasilien keineswegs von Europa … zumal nicht nur Villa-Lobos bei Nadia Boulanger in Paris studiert hat, sondern auch Cláudio Santoro.
Von den Musikern der ersten Stunde (1998) waren fünfzehn Jahre später (2013) noch zwei Musiker im Quartett tätig: Everton Gloeden und Tadeu do Amaral. Ob das Ensemble weiterhin Bestand haben wird, ist nicht bekannt.