Giuliani pop

Graupner CD TitelChristoph Graupner
Chalumeaux
Concertos, Ouvertures & Sonatas
Ars Antiqua Austria, Gunar Letzbor
Aufgenommen im November 2011
Challenge Records CC72539, im Vertrieb von New Arts International
… aufregendes, fast explosives Spiel …

Der Chalumeau, der auf vorliegender CD mit Werken von Christoph Graupner (1683—1760) gespielt wird, sieht einer Blockflöte ähnlich. Oder einem chanter, dem Instrument, das meist beim Erlernen der schottischen bagpipe, verwendet wird. Ein chanter ist eine Pfeife, wie sie als Melodiepfeife an Dudelsäcken verwendet wird, nur wird er als Separatinstrument nicht über den Luftsack, sondern durch direktes Einblasen mit Luft versorgt.
Der Chalumeau hat ein Mundstück mit einem einfachen, „aufschlagenden“ Rohrblatt … wie wir es schließlich von der Klarinette kennen. Telemann (1681—1767) hat das Instrument geschätzt, auch Hasse (1699—1783), Reinhard Keiser (1674—1739), Jan Dismas Zelenka (1679—1745) … und Christoph Graupner, der Darmstädter Kapellmeister.
Darmstadt, das ist die Stadt, die man mit dem Chalumeau in Verbindung bringen muss. Und mit Graupner. 1709 hat Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt (1667/1687—1739) ihn – auf Vermittlung durch Johann Mattheson übrigens – als „Vice-Capellmeister“ verpflichtet und zusammen mit ihm weitere talentierte junge Musiker. Zwei Jahre später übernahm Graupner das Amt des Kapellmeisters … Hof- und Kirchenmusik in Darmstadt blühten zu ungeahntem Glanz auf. Ein neues Opernhaus wurde gebaut und 1711 mit Graupners Oper „Telemach oder die durch Weißheit im Unglück triumphierende Tugend“ eingeweiht … bald aber aus finanziellen Gründen wieder geschlossen.


Die pekuniären Probleme des Darmstädter Hofes sollten Christoph Graupner auch in der Folgezeit begleiten. 1758 mündeten sie schließlich in einen heftigen Streit zwischen dem Landgrafen und seinen Musikern.
Trotz aller Probleme war Christoph Graupner ein außerordentlich produktiver Komponist. 113 Sinfonien sind von ihm überliefert, 80 Ouvertürensuiten, 5 Tafelmusiken, 50 Konzerte und viel Kammermusik. Dazu über 1400 [!] Kirchenkantaten und elf Opern, die allerdings teilweise schon vor seiner Darmstädter Zeit in Hamburg entstanden sind.
Ars Antiqua Austria unter der Leitung von Gunar Letzbor präsentieren einen Querschnitt durch das instrumentalmusikalische Œuvre Graupners: Zwei Sonaten (beide in g-Moll) für Cembalo und Violine sowie größer besetzte Werke, in denen jeweils Chalumeaux eingesetzt sind: ein Konzert und eine Ouvertüre für jeweils zwei und eine Ouvertüre für drei dieser neuen Instrumente jeweils mit Streicherensemble.
Ursula Kramer, Graupner-Forscherin und Autorin der Sleeve-Notes für vorliegende CD, argumentiert, dass am Darmstädter Hof erst nach 1735 oder gar 1738 zwei oder drei Chalumeau-Spieler zur Verfügung gestanden haben und dass somit die betreffenden Werke der CD spät, vielleicht erst nach 1740, komponiert – oder mindestens aufgeführt – worden sind. Gerade in der Ouvertüre (GWV 449) für drei Chalumeaux, der vermutlich spätesten der eingespielten Kompositionen, umfängt den Zuhörer barocke Pracht, gleichzeitig findet er sich mit den neuen musikalischen und formalen Gegebenheiten leicht zurecht … obwohl sich eine der größten Revolutionen der Musikgeschichte ankündigte und bereits vollzog: Abkehr vom „strengen Satz“, bewusste Einfachheit, weitgehend homophoner Satz und Entmachtung des Generalbasses.
Das Wiener Ensemble Ars Antiqua Austria spielt avancierte Tempi, scharf akzentuiert und enorme Spannung erzeugend. Schärfen werden unter keinen Klangteppich gekehrt, sondern betont und ausgekostet. Ergebnis ist ein aufregendes, ja explosives Spiel mit Effekten und Affekten und das gilt nicht nur für die das Programm abschließende Ouvertüre F-Dur in ihrer exzeptionellen Besetzung aus zwei Hörnern, Pauken, zwei Chalumeaux, Fagott und Streichern … aber da besonders! Die rascheren bis schnellen Sätze werden nach vorne getrieben aber auch die kontemplativen wie „La Speranza amorosa“ sind eher von Spannung als von bloßer Betrachtung bestimmt. Das ist hohe interpretatorische Kunst!
Aber der Chalumeau und Christoph Graupner sind die Stars dieser Aufnahme. Der eher knorrige Klang des Instruments, das von der Klarinette ersetzt werden sollte, und der Komponist, der den finanziellen Malaisen des Darmstädter Hofs standhielt und so vitale Musik geschrieben hat!